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Christian Johann Heinrich Heine (* 13. Dezember 1797 als Harry Heine in Düsseldorf, Herzogtum Berg; † 17. Februar 1856 in Paris) war einer der bedeutendsten deutschen Dichter, Schriftsteller und Journalisten des 19. Jahrhunderts.
Heine gilt als einer der letzten Vertreter und zugleich als Überwinder der Romantik, machte die Alltagssprache lyrikfähig, erhob das Feuilleton und den Reisebericht zur Kunstform und verlieh der deutschen Literatur eine zuvor nicht gekannte, elegante Leichtigkeit. Die Werke kaum eines anderen Dichters deutscher Sprache wurden bis heute so häufig übersetzt und vertont. Als kritischer, politisch engagierter Journalist, Essayist, Satiriker und Polemiker war Heine ebenso bewundert wie gefürchtet. Im Deutschen Bund mit Publikationsverboten belegt, verbrachte er seine zweite Lebenshälfte im Pariser Exil. Antisemiten und Nationalisten feindeten Heine wegen seiner jüdischen Herkunft und seiner politischen Haltung über den Tod hinaus an. Die Außenseiterrolle prägte sein Leben, sein Werk und dessen Rezeptionsgeschichte.
Leben und Werk Herkunft, Jugend und Lehrjahre mini|hochkant=1.2|Geburtshaus von Heinrich Heine, Bolkerstraße 53 in Düsseldorf mini|Erinnerungstafel für den Schulbesuch in der Citadellstraße 2b (heute Max-Schule), Düsseldorf mini|hochkant|Betty Heine (Gemälde von Isidor Popper) mini|Napoleons Einzug in Düsseldorf im Jahr 1811 schilderte Heine in Ideen. Das Buch Le Grand, Kapitel VI (1826). mini|hochkant|Salomon Heine (1767–1844); unterstützte als vermögender Onkel bis zu seinem Tod seinen Neffen Heinrich mini|hochkant|Amalie Heine, Heinrichs Cousine und erste große Liebe
Heines Geburtsort ist also bekannt, über sein genaues Geburtsdatum herrscht dagegen bis heute Unklarheit. Alle zeitgenössischen Akten, die darüber Auskunft geben könnten, sind im Laufe der letzten 200 Jahre verloren gegangen. Heine selbst bezeichnete sich scherzhaft als „ersten Mann des Jahrhunderts“, da er in der Neujahrsnacht 1800 geboren sei. Gelegentlich gab er auch 1799 als Geburtsjahr an. In der Heine-Forschung gilt heute der 13. Dezember 1797 als wahrscheinlichstes Geburtsdatum. Im Februar 1798 trug der bergische Landesrabbiner Löb Scheuer ihn – möglicherweise anlässlich seiner Beschneidung – als „Hery Heine“ in das Register der jüdischen Gemeinde Düsseldorf ein.Heinrich Ferber: Miscelle 10. In: Beiträge zur Geschichte des Niederrheins. Jahrbuch des Düsseldorfer Geschichtsvereins 5 (1890); S. 144 (Google-Books); als Datum der Beschneidung gedeutet von Rolf Hosfeld: Heinrich Heine. Die Erfindung des europäischen Intellektuellen. Biographie. Siedler, München 2014, ISBN 978-3-641-11791-7 (Google Books)
Die Familie Heine ist seit dem 17. Jahrhundert in Bückeburg nachgewiesen. Harry Heine – so sein Geburtsnamerheinische-geschichte.lvr.de – war das älteste von vier Kindern des Tuchhändlers Samson Heine und dessen Frau Betty (eigentlich Peira), geborene van Geldern. Sie war eine Tochter des angesehenen Arztes Gottschalk van Geldern, der bis 1795 der Judenschaft in Jülich-Berg vorgestanden hatte, sowie die Urenkelin des kurfürstlichen Hofkammeragenten Joseph Jacob van Geldern, in dessen Wohnhaus zu Beginn des 18. Jahrhunderts die erste Synagoge Düsseldorfs eingerichtet worden war. Über die Familie seiner Mutter war Heine ein Cousin dritten Grades von Karl Marx, mit dem er sich später anfreundete. Seine Geschwister waren Charlotte (* 18. Oktober 1800 in Düsseldorf; † 14. Oktober 1899 in Hamburg),J. Loewenberg: Heines Lottchen. Erinnerungen an Charlotte Embden-Heine. (PDF; 11,5 MB) In: Jugend. Jg. 4 (1899), H. 50, S. 818/820. Gustav (* ca. 1803Jan-Christoph Hauschild, Michael Werner: Der Zweck des Lebens ist das Leben selbst. S. 35. in Düsseldorf; † 15. November 1886 in Wien), der spätere Baron Heine-Geldern und Herausgeber des Wiener Fremden-Blatts, sowie Maximilian (* ca. 1804Jan-Christoph Hauschild, Michael Werner: Der Zweck des Lebens ist das Leben selbst. S. 35. oder nach älteren Angaben ca. 1806 in Düsseldorf;Andreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. Herausgegeben vom Oberpflegeamt der Stiftung Juliusspital Würzburg anlässlich der 425jährigen Wiederkehr der Grundsteinlegung. Stiftung Juliusspital Würzburg, Würzburg 2001, ISBN 3-933964-04-0, S. 155.Andreas Mettenleiter: Selbstzeugnisse, Erinnerungen, Tagebücher und Briefe deutschsprachiger Ärzte. Nachträge und Ergänzungen II (A–H). In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 21, 2002, S. 490–518, hier: S. 513 (* 1805 oder 1807). † 1879), später Arzt in Sankt Petersburg. Die Geschwister wuchsen in einem Elternhaus auf, das vom Geist der Haskala, der jüdischen Aufklärung, geprägt und weitgehend assimiliert war. Alle drei gingen auf christliche Schulen, sobald ihnen dies gestattet war.
Harry Heine besuchte zunächst ab 1803 die israelitische Privatschule von Hein Hertz Rintelsohn. Als die kurpfälzisch-bayerische Regierung, der das Herzogtum Berg und dessen Hauptstadt Düsseldorf unterstanden, 1804 auch jüdischen Kindern den Besuch christlicher Schulen erlaubte, wechselte er auf die städtische Grundschule, die heutige Max-Schule in der Citadellstraße, und 1807 in die Vorbereitungsklasse des Düsseldorfer Lyzeums, des heutigen Görres-Gymnasiums, das im Sinne der Spätaufklärung wirkte. Das Lyzeum, das von katholischen Ordensgeistlichen geleitet wurde, besuchte er seit 1810. Er und sein Bruder Maximilian waren dort für lange Zeit die einzigen jüdischen Schüler.Bernd Füllner, Christian Liedtke (Hrsg.): „… und grüßen Sie mir die Welt“. Ein Leben in Briefen. Hoffmann und Campe, Hamburg 2005, S. 28. Im Jahr 1814 verließ Heine das Lyzeum ohne Abgangszeugnis, da er sich, der Familientradition folgend, an einer Handelsschule auf einen kaufmännischen Beruf vorbereiten sollte.
Infolge der Französischen Revolution fielen Heines Kindheit und Jugend in eine Zeit großer Veränderungen. 1811 erlebte der 13-Jährige den Einzug Napoleons I. in Düsseldorf. Maximilian Joseph von Bayern hatte die Souveränität über das Herzogtum Berg 1806 an den Kaiser der Franzosen abgetreten. In manchen biografischen Schriften findet sich die unbegründete Annahme, Heine hätte aus diesem Grund Anspruch auf die französische Staatsbürgerschaft erheben können. Entgegen späteren Behauptungen des antisemitischen Historikers Heinrich von Treitschke hat er dies nie getan.Dietmar Goltschnigg, Hartmut Steinecke: Heine und die Nachwelt. Geschichte seiner Wirkung in den deutschsprachigen Ländern. Band 2, Schmidt, Berlin 2006, ISBN 3-503-07992-0, S. 620. Als Großherzogtum Berg wurde seine Heimat von 1806 bis 1808 von Napoleons Schwager Joachim Murat und von 1808 bis 1813 von Napoleon selbst regiert. Als Gliedstaat des Rheinbunds stand das Land unter starkem französischem Einfluss. Heine verehrte den Kaiser zeitlebens wegen der Einführung des Code civil, der 1804 in Kraft getreten war und Juden und Nicht-Juden gesetzlich gleichgestellt hatte. Nach dem Ende der Franzosenzeit erlebte Heine die politische und territoriale Neuordnung des Kontinents unter dem restaurativen Metternichschen System, das als Inbegriff von Verfolgung und Unterdrückung von Demokratie, Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit galt.
In den Jahren 1815 und 1816 arbeitete Heine als Volontär zunächst bei dem Frankfurter Bankier Rindskopff. Damals lernte er in der Frankfurter Judengasse das bedrückende und ihm bis dahin fremde Ghettodasein vieler ärmerer Juden kennen. Heine und sein Vater besuchten damals auch die Frankfurter Freimaurerloge Zur aufgehenden Morgenröte. Unter den Freimaurern erfuhren sie die gesellschaftliche Anerkennung, die ihnen als Juden ansonsten oft verwehrt blieb. Viele Jahre später, 1844, wurde Heine Mitglied der Loge Les Trinosophes in Paris.
1816 wechselte er ins Bankhaus seines wohlhabenden Onkels Salomon Heine in Hamburg. Dieser war, im Gegensatz zu seinem Bruder Samson, geschäftlich höchst erfolgreich und mehrfacher Millionär. Bis zu seinem Tod im Jahr 1844 unterstützte Salomon seinen Neffen finanziell, obwohl er wenig Verständnis für dessen literarische Interessen hatte. Überliefert ist sein Ausspruch: „Hätt’ er gelernt was Rechtes, müsst er nicht schreiben Bücher.“ Schon während seiner Schulzeit auf dem Lyzeum hatte Harry Heine erste lyrische Versuche unternommen. Seit 1815 schrieb er regelmäßig, und 1817 wurden in der Zeitschrift Hamburgs Wächter erstmals Gedichte von ihm veröffentlicht. Dennoch fühlte sich Heine in Hamburg nicht wohl. In Briefen an seinen Düsseldorfer Schulfreund Christian Sethe bezeichnete er die Stadt als „Schacherstadt“Brief vom 27. Oktober 1816, zit. nach HSA, Band 20, S. 21. und „verludertes Kaufmannsnest“, in dem es „Huren genug, aber keine Musen“ gebe.Brief vom 6. Juli 1816, zit. nach HSA, Band 20, S. 17. Nach der Literaturwissenschaftlerin Anna Danneck zeigte sich bereits hier, in der als materialistisch empfundenen Hamburger Umgebung, Heines Selbstverständnis als rebellischer Dichter.Anna Danneck: „Mutterland der Civilisazion und der Freyheit“. Frankreichbilder im Werk Heinrich Heines. Königshausen & Neumann, Würzburg 2020, S. 116. Siehe auch Bernd Füllner, Christian Liedtke (Hrsg.): „… und grüßen Sie mir die Welt“. Ein Leben in Briefen. Hoffmann und Campe, Hamburg 2005, S. 30.
Da Heine weder Neigung noch Talent für Geldgeschäfte mitbrachte, richtete sein Onkel ihm schließlich 1818 ein Tuchgeschäft ein. Aber „Harry Heine & Comp.“ musste bereits 1819 Konkurs anmelden. Der Inhaber hatte sich schon damals lieber der Dichtkunst gewidmet. Dem Familienfrieden abträglich war auch Harrys unglückliche Liebe zu seiner Cousine Amalie (1800–1838). Die unerwiderte Zuneigung verarbeitete er später in romantischen Liebesgedichten im Buch der Lieder. Die bedrückende Atmosphäre im Haus des Onkels, in dem er sich zunehmend unwillkommen fühlte, beschrieb er in dem Gedicht Affrontenburg.
Studium in Bonn, Göttingen und Berlin mini|Gedenktafel am Haus Oberstraße 24 in Harzgerode
Wahrscheinlich bewogen die familiären Zwistigkeiten Salomon Heine schließlich dazu, dem Drängen des Neffen nachzugeben und ihm ein Studium fernab von Hamburg zu ermöglichen. 1819 nahm Heine das Studium der Rechts- und Kameralwissenschaft auf, obwohl ihn beide Fächer wenig interessierten. Zunächst schrieb er sich in die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn ein und wurde Mitglied der Burschenschaft Allemannia, die unter dem Tarnnamen Allgemeinheit auftrat.Helge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band II: Künstler. Winter, Heidelberg 2018, ISBN 978-3-8253-6813-5, S. 301–311.
Heine belegte in Bonn nur eine einzige juristische Veranstaltung, dagegen hörte er im Wintersemester 1819/20 August Wilhelm Schlegels Vorlesung zur Geschichte der deutschen Sprache und Poesie. Der Mitbegründer der Romantik übte einen starken literarischen Einfluss auf den jungen Heine aus, was diesen aber nicht daran hinderte, sich in späteren Werken spöttisch über Schlegel zu äußern. Das Gleiche widerfuhr einem weiteren seiner Bonner Lehrer, Ernst Moritz Arndt, dessen nationalistische Ansichten Heine in späteren Gedichten und Prosatexten mehrfach aufs Korn nahm. In seiner Bonner Zeit übersetzte Heine Werke des romantischen englischen Dichters Lord Byron ins Deutsche.
Im Wintersemester 1820/21 ging er an die Georg-August-Universität Göttingen, die er als äußerst rückständig und geistig wenig anregend empfand. Positiv bewertete er lediglich die Vorlesung des Historikers Georg Friedrich Sartorius über deutsche Geschichte.Jan-Christoph Hauschild, Michael Werner: „Der Zweck des Lebens ist das Leben selbst“. Heinrich Heine. Eine Biographie, Köln 1997, S. 64 Noch Jahre später beschrieb er die Universitätsstadt in Die Harzreise voller Sarkasmus und Ironie: