mini|Das sogenannte Schiff Daphne, eigentlich die britische HMS Rosario, hier 1869 im Blackbirding-Einsatz von Insulanern für Queensland Blackbirding oder Blackbird catching bezeichnet seit Mitte des 19. Jahrhunderts die zwangsweise Heranziehung von Insulanern des Südpazifiks zur Arbeit. Im westlichen Südpazifik beheimatete Melanesier und Mikronesier wurden bevorzugt auf Plantagen in Australien sowie den Fidschi- und Samoainseln eingesetzt. Aus dem östlichen Südpazifik stammende Polynesier verbrachte man zumeist nach Peru und dem Königreich Hawaiʻi. Darüber hinaus wurde eine große Zahl von Insulanern zu Fischerei- und Matrosendiensten an Bord europäischer Schiffe geholt. Ein Kernelement der Praktik war die Anwendung von Täuschung, Drohung und Gewalt bei der Rekrutierung. Internationale Proteste bei den Arbeitgeberländern lösten eine weitgehende gesetzliche Regulierung des Handels mit Pazifikinsulanern als Arbeitskräften aus, die letztlich das blackbirding beendete. Bei der Strafverfolgung kam es zu spektakulären Gerichtsfällen.
Bei englischen Missionsgesellschaften und der Royal Navy stand blackbirding unter dem Verdacht des Sklavenhandels. Ob es sich bei dem umfassenden System der indentured labour (Arbeitsverpflichtung), das mit dem blackbirding bedient wurde, insgesamt um eine Spätform der Sklaverei handelte, ist bis heute umstritten.
mini|hochkant=2|Routen der Schiffe, die im Südpazifik Arbeiter rekrutierten, ca. 1860 – 1910
Methoden mini|hochkant|Insulaner werden am Heimatstrand rekrutiert. Darstellung um 1892 Alle Formen des blackbirding zeigen in unterschiedlichem Maß Elemente von physischer Gewalt, Erpressung oder Täuschung. Bei Begegnungen auf See nahm man Kanus mit Insulanern häufig vor den Bug und rammte sie, um dann eine Rettungsaktion vorzutäuschen und die Insassen an Bord zu schaffen.Beispielsweise: Edward Wybergh Docker: The Blackbirders: A brutal story of the Kanaka slave-trade. (Queensland Classics Edition.) Angus & Robertson, Sydney, Melbourne u. a. 1981, S. 47, und Henry Evans Maude: Slavers in Paradise: The Peruvian labour trade in Polynesia, 1862–1864. Australian National University Press, Canberra 1981, S. 90. Hier verführten Kapitäne oder Anwerber sie, eine vertragliche Verpflichtung zur Plantagenarbeit abzuzeichnen, oder machten sie durch Drohungen, physische Gewalt, Verabreichung von Alkohol oder Opium handlungsunfähig und setzten sie mit Fußeisen gefangen.Ein frühes Beispiel für Letzteres findet sich in: Henry Evans Maude: Slavers in Paradise: The Peruvian labour trade in Polynesia, 1862–1864. Australian National University Press, Canberra 1981, S. 44.
Menschenjagden auf Pazifikinseln zur Erlangung von Arbeitskräften gab es genausoSiehe als einen der frühesten Fälle die Ankunft der King Oscar, Kpt. Gibbins, vor Épi (Neue Hebriden), Edward Wybergh Docker: The Blackbirders: A brutal story of the Kanaka slave-trade. (Queensland Classics Edition.) Angus & Robertson, Sydney, Melbourne u. a. 1981, S. 46. wie Fälle von Raub und Erpressung. Häufig wurden einzelne Wohnstätten oder ganze Dörfer niedergebrannt, womit Inselherrscher oder Familienoberhäupter zur Abgabe von Stammesmitgliedern an die rekrutierenden Kapitäne oder Schiffsmannschaften gezwungen werden sollten.Der Stanley-Zwischenfall beschreibt diese Art des Vorgehens ausführlich, vgl. die Darstellung auf Deutsch in: Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, die Südsee und viel Geld. Biografie in zwei Bänden. MV-Wissenschaft, Münster 2012, hier: Band 2, S. 106–119.
An speziellen Täuschungsmanövern gab es den sogenannten Missionarstrick, dessen Erfindung dem Anwerber Henry Ross Lewin auf Tanna (Neue Hebriden) oder dessen Komplizen John Coath zugeschrieben wird:Reid Mortensen: Slaving in Australian Courts: Blackbirding Cases, 1869–1871. In: Journal of South Pacific Law, vol. 4 (2000), keine Paginierung.
In einer subtileren Variante schickten Anwerber einen eingeborenen Matrosen in einer Missionarskutte an Land, um Insulanern die Möglichkeit einer geistlichen Karriere vorzuspiegeln und sie an Bord zu locken.Edward Wybergh Docker: The Blackbirders: A brutal story of the Kanaka slave-trade. (Queensland Classics Edition.) Angus & Robertson, Sydney, Melbourne u. a. 1981, S. 69.
mini|Blackbirding an Land. Sydney Illustrated News, 1880Plumpere Täuschungsmanöver fanden bei der Aufklärung über die Inhalte des zu schließenden Arbeitsvertrags statt, welche mit dem Erlass des Queenslander Pacific Island Labourers Act (1880) vorgeschrieben wurde. Laut einem Bericht des Stellvertretenden Britischen Hochkommissars für den Westpazifik, Hugh Hastings Romilly, konnten:
mini|Rekrutierung am Strand, aus der Ferne beobachtet von Frauen und Kindern. Zeichnung von William T. Wawn, 1892
Ebenso häufig hielt man Insulaner über die Entfernung ihres Arbeitsorts zur Heimatinsel im Dunkeln.Vgl. den Bericht Hugh Hastings Romillys (1883), in deutscher Übersetzung zitiert in: Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, die Südsee und viel Geld. Biografie in zwei Bänden. MV-Wissenschaft, Münster 2012, hier: Band 2, S. 134. Täuschungen über Arbeitsbedingungen und -zeiten am Zielort waren üblich.
Für sich genommen sind die dortigen Verhältnisse aber kein Aspekt des blackbirding, sondern des umfassenden Systems der indentured labour. Auch jene Pazifikinsulaner trafen sie an, die ihren Arbeitsvertrag bewusst und freiwillig eingegangen waren. Fragen nach mangelhaften hygienischen Bedingungen während der Schiffstransporte und hoher Sterblichkeit bei den Plantagenaufenthalten behandelt die Forschung ebenso getrennt von blackbirding in Einzeluntersuchungen.Siehe besonders: Ralph Shlomowitz: Mortality and the Pacific Labor Trade. In: Journal of Pacific History, vol. 22, no. 1 (1987), S. 34–55.
Beginn Im Zuge des Abolitionismus kam es in nahezu allen Küstenregionen des Stillen Ozeans, besonders den britischen Kolonien dieser Gebiete, zu einer Verknappung an Hilfskräften für ungelernte und schwere körperliche Tätigkeit. In den australischen Kolonien verschärfte die Abschaffung der Strafgefangenschaft (1850–1868), einer weiteren Quelle für billige Arbeitskräfte, die Lage zusätzlich.
Während des Amerikanischen Bürgerkriegs (1861–1865) verknappte sich weltweit die Verfügbarkeit von Baumwolle. Britische Kaufleute begrüßten neue und regelmäßige Rohstoffquellen, die von Importen aus Amerika unabhängig machen konnten. Ein Anbau in der Kolonie Queensland (Australien) ohne billige Arbeitskräfte wurde jedoch als nicht profitabel angesehen. Walfängerbesatzungen mit ihren durch den Niedergang der Walfangindustrie freigesetzten Schiffen, australische Bankrotteure und Flüchtlinge des Amerikanischen Bürgerkriegs, die auf Pazifikinseln Zuflucht genommen hatten, fanden in der Anwerbung solcher Kräfte ein lukratives Betätigungsfeld.Gerald Horne: The White Pacific: U.S. Imperialism and Black Slavery in the South Seas after the Civil War. University of Hawai'i Press, Honolulu 2007, ISBN 978-0-8248-3147-9, S. 38 ff., books.google.de
Der Unternehmer und Politiker Benjamin Boyd unternahm von 1847 bis 1849 die ersten Versuche, Hilfskräfte für Australien zu rekrutieren. Mit den Schiffen Portenia und Velocity führte er knapp 200 Einwohner der Loyalitäts- und der Gilbertinseln ein, die bei der Schafschur auf Farmen in New South Wales arbeiten sollten. Die Aktion schlug fehl, da es zwischen den Insulanern als Billigkonkurrenz und dem vorhandenen Personal zu Anfeindungen kam.Thomas Dunbabin: Slavers of the South Seas, Angus & Robertson, Sydney 1935, S. 149–151. Menschenrechtler sehen bereits in dieser Aktion die Anfänge eines Sklavenhandels in der Südsee, weil die Insulaner nicht persönlich angeworben, sondern durch Vereinbarungen mit den Inselherrschern verpflichtet wurden.Jane Samson: Imperial Benevolence: The Royal Navy and the South Pacific Labour Trade 1867–1872. In: The Great Circle, vol. 18, no. 1 (1996), S. 14–29, hier: S. 16.
mini|hochkant|Der Plantagenbesitzer Robert Towns gab 1863 den ersten Auftrag zur Anwerbung von Pazifikinsulanern für die britische Kolonie Queensland. Einen offiziellen Beginn der Einfuhr von Pazifikinsulanern in die Kolonie Queensland markiert die Vereinbarung des Abgeordneten und Händlers Captain Robert Towns. Er beauftragte 1863 den vormaligen Sandelholzhändler Henry Ross Lewin auf Tanna, Bewohner der Neuen Hebriden und Loyalitätsinseln als Arbeiter für seine Baumwollplantagen in Townsvale anzuwerben (heute: Veresdale und Gleneagle, beide Queensland). Hierfür wurde der Schoner Don Juan umgerüstet und am 29. Juli 1863 von Brisbane ausgesandt. Towns Instruktionen an den Kapitän zeigen allerdings, dass er sich gegen blackbirding verwehrte:
Auf der Rückreise verstarb einer der rekrutierten Insulaner; er wurde auf Mud Island (Moreton Bay) beerdigt. Die übrigen 67, mit denen Brisbane am 17. August 1863 erreicht wurde, gelten historisch als erste pazifische Kontraktarbeiter (indentured labourers) in Queensland.E. V. Stevens: Blackbirding: A brief history of the South Sea Island Labour Traffic and the vessels engaged in it. In: Journal [of the] Historical Society of Queensland, vol. 4, iss. 3 (1950), S. 361–403, hier: S. 365, siehe auch Brisbane Courier, 18. August 1863.
Indizien, dass es trotz Towns Anweisungen zu Gewaltanwendungen kam, finden sich zufolge Edward W. Docker allein in einem Bericht Captain William Blakes, HMS Falcon. Ihm habe 1867 ein Insulaner von Épi (Neue Hebriden) ausgesagt:
1864 fand mit der Uncle Tom ein erster Rücktransport von Pazifikinsulanern statt, die ihren Arbeitsvertrag mit Towns erfüllt hatten.Edward Wybergh Docker: The Blackbirders: A brutal story of the Kanaka slave-trade. (Queensland Classics Edition.) Angus & Robertson, Sydney, Melbourne u. a. 1981, S. 42. Parallel zur Uncle Tom wurde für weitere Rekrutierungen die Black Dog eingesetzt, ein ex-opium runner.E. V. Stevens: Blackbirding: A brief history of the South Sea Island Labour Traffic and the vessels engaged in it. In: Journal [of the] Historical Society of Queensland, vol. 4, iss. 3 (1950), S. 361–403, hier: S. 366.
Im selben Jahr begann Fidschi mit Rekrutierungen auf den Gilbertinseln.Henry Evans Maude: Slavers in Paradise: The Peruvian labour trade in Polynesia, 1862–1864. Australian National University Press, Canberra 1981, S. 91. Von Südamerika kommend, hatte die Ellen Elizabeth die Inselgruppe schon im Vorjahr erreicht. Unter Kommando eines Kapitän Muller, der Arbeiter für Peru beschaffen sollte, hatte es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erste Ausschreitungen, Täuschungsmanöver und Entführungen gegeben.Henry Evans Maude: Slavers in Paradise: The Peruvian labour trade in Polynesia, 1862–1864. Australian National University Press, Canberra 1981, S. 90; siehe ferner: J. A. Bennett: Immigration, ‚Blackbirding‘, Labour Recruiting? The Hawaiian Experience 1877–1887. In: Journal of Pacific History, vol. 11, no. 1 (1976), S. 3–27, hier: S. 16. Deutscherseits wurden 1864 erstmals dreißig Insulaner für eine zwölfmonatige Kontraktarbeit auf den Plantagen des Handelshauses Joh. Ces. Godeffroy & Sohn (Samoainseln) rekrutiert. Sie stammten von Rarotonga (Cookinseln). Über die Methoden ihrer Anwerbung ist nichts bekannt.Stewart G. Firth: German Recruitment and Employment of Labourers in the Western Pacific before the First World War. (Thesis submitted for the degree of D. Phil., Oxford, 1973.) British Library Document Supply Centre, Wetherby, S. 12.
Ausdehnung mini|Hauptsächliche Kulturregionen Ozeaniens (Mikronesien, Melanesien und Polynesien) und die außerhalb davon liegenden Zielländer des Arbeiterhandels (Queensland, Peru)