mini|300px|Schematische Darstellung der römischen Befunde in Rheingönheim (nicht maßstäblich, nicht winkelgetreu) Das Kastell Rheingönheim war ein frühkaiserzeitliches Auxiliarlager an der älteren Rheinlinie zwischen den gallischen Provinzen und der Germania magna. Das ehemalige Militärlager liegt als Bodendenkmal auf dem Gebiet von Rheingönheim, einem Stadtteil der kreisfreien Stadt Ludwigshafen am Rhein in Rheinland-Pfalz.

Lage Das Kastell Rheingönheim gehörte zu einer Kette von Kastellen, die in der frühkaiserlichen Zeit entlang des Rhenus (Rhein) entstanden, um die damalige nordöstliche Grenze des Imperiums zwischen den Gallischen Provinzen und den nicht besetzten Gebieten der Germania magna abzusichern. Rheingönheim lag in diesem Abschnitt der Kastellkette auf einem hochwasserfreien Geländestreifen der Rheinaue an einer verkehrsgeographisch und strategisch günstigen Position des obergermanischen Heeresbezirks. Östlich des Lagers verlief die Römische Rheintalstraße, die Nieder- und Obergermanien über Vindonissa mit dem italischen Mutterland verband. Es galt wohl, die Straße, den Fluss selbst, sowie die damals auf der gegenüber liegenden Rheinseite befindliche Mündung des Nicer (Neckar) zu sichern. Zudem bestand vermutlich ein Rheinübergang in Richtung Altrip, zu dem eine Wegtrasse existiert haben müsste, die aber bis heute nicht sicher nachgewiesen ist.

Heute liegen die nicht sichtbaren Reste des einstigen Lagers im Gewann „Sommerfeld“, einer kleinen, hochwasserfreien Bodenwelle an der südlichen Stadtgrenze von Ludwigshafen, nur wenige hundert Meter östlich des bebauten Bereichs. Noch vor dem Ersten Weltkrieg fielen der westliche Kastellbereich, Teile eines dazugehörigen Lagerdorfs (canabae) und ein sich hinter dem westlichen Siedlungsteil anschließendes Gräberfeld dem Sandabbau zum Opfer. Auf diesem Gebiet befindet sich heute eine Mülldeponie. Im Süden und Westen ist der Kastellbereich durch die Straße „Hoher Weg“ geschnitten. Sichtbare Baustrukturen sind keine erhalten geblieben. Der restliche Kastellbereich und Teile der Zivilsiedlung liegen unter intensiv landwirtschaftlich genutzten Flächen.Helmut Bernhard: Ludwigshafen-Rheingönheim LU. Frührömische Hilfstruppenlager. In: Heinz Cüppers (Hrsg.): Die Römer in Rheinland-Pfalz. Lizenzausgabe der Auflage von 1990. Nikol, Hamburg 2002, ISBN 3-933203-60-0, S. 455–457.

Forschungsgeschichte

Bereits seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es durch Funde zu Hinweisen auf eine römische Besiedlung bei Rheingönheim. Im Jahr 1872 wurden dann bei Hafenarbeiten in der Nähe von Ludwigshafen eine bronzene Porträtbüste, sowie 1886 bei der Anlage einer Vorratsgrube das Skelett eines offenbar dort gefallenen Soldaten mit Gladius, Cingulum militare und einer augusteischen Münze gefunden. Weiterführende archäologische Untersuchungen unterblieben jedoch. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann man auf dem Areal mit dem Sand- und Kiesabbau. Erst im Jahr 1912, dem Bagger war bereits ein Großteil des westlichen Kastellbereichs zum Opfer gefallen, wurden endlich Funde offiziell gemeldet, was auf Drängen Emil Ritterlings, des damaligen Direktors der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts in Frankfurt am Main, zu einer sofortigen Notgrabung führten. Diese erste Grabungskampagne wurde durch den Historischen Verein der Pfalz durchgeführt und von Walter Barthel und Friedrich Sprater geleitet, wobei zwischen 1912 und 1914 im Bereich des Kastells und zwischen 1913 und 1914 im Bereich des Gräberfeldes gegraben wurde. Wegen mangelhafter Dokumentation ist über die Ergebnisse der damaligen Grabungen nur wenig bekannt. Bei der Gräberfeldgrabung konnten jedoch aus den rund 400 Gräbern zahlreiche Gegenstände geborgen werden, die zur Datierung der Besetzung des Lagers und der zivilen Siedlung herangezogen werden konnten. Zugleich brachten diese Grabungen 1913 den erstmaligen gesicherten Nachweis für ein frühkaiserzeitliches Kastell in der Pfalz.

Zwischen 1961 und 1962 fanden weitere Grabungskampagnen unter Otto Roller vom Historischen Museum der Pfalz in Speyer statt. Ziel dieser Kampagnen war es, im Bereich des Kastells durch weitere Sondierungsgrabungen nähere Informationen über die Struktur des Lagers zu erhalten.Otto Roller: Das Auxiliarkastell Rheingönheim. Die Grabung 1961. In: Pfälzer Heimat. Band 13, Speyer 1962, S. 1–6 und Das Auxiliarkastell Rheingönheim. Die Grabung 1962. In: Pfälzer Heimat. Band 15, Speyer 1964, S. 81–86. Später wurde die Region periodisch durch Luftbildarchäologen beflogen. 1985 konnte Rolf Gensheimer bei einem dieser Prospektionsflüge Bewuchsmerkmale bisher unbekannter Strukturen feststellten. Geländebegehungen von Andreas Steiner aus Rheingönheim, Vorsitzender des Fördervereins Archäologiepark Rheingönheim, haben seit Mitte der 1980er Jahre weitere Informationen zum Umfeld des Kastells erbracht. Weiterhin wurden durch ehrenamtliche Luftbildarchäologen für die Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz in Speyer neue unbekannte Strukturen, wie beispielsweise ein forumsartiger Bau, der Spitzgraben einer älteren Anlage in der Flur „Am Mühlbach“ und ein Vicus in der Flur „Gumpenloch“ (Gemarkung Neuhofen), gesichtet und bildlich erfasst.Matthias Kolb: Das römische Gräberfeld von Rheingönheim (PDF; 11,0 MB). Dissertation, Universität Mannheim 2006, S. 5–13.

Neue, überraschende archäologische Befunde konnten bei Grabungskampagnen bedingt durch den Bau des „Giulini-Deichs“ am Rhein in den Jahren 2008/2010 unter der Leitung von Andrea Zeeb-Lanz festgestellt werden. Darunter befanden sich die Spuren eines älteren und deutlich größeren Lagers, das aufgrund seiner Größe als Legionslager angesprochen werden konnte.Andrea Zeeb-Lanz: und der Archäologischen Ausgrabung Rheingönheim, Sommerfeld, (Giulinideich). hrsg. v. Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Speyer auf der Seite des Fördervereins Archäologiepark Rheingönheim e. V.; abgerufen am 29. Mai 2026.

Archäologische Befunde Der archäologische Komplex von Rheingönheim setzt sich aus mehreren Strukturen zusammen: einem älteren Legionslager, einem jüngeren Auxiliarkastell, Spuren eines großen Vicus an verschiedenen Orten und einem großen Gräberfeld.

Auxiliarkastell Das Kastell war von einem sechs Meter breiten und drei Meter tiefen Spitzgraben umgeben, hinter dem sich eine als Holzkastenwerk angelegte Schutzmauer erhob, die 2,60 m breit war und deren Höhe auf 3 bis 3,50 Meter geschätzt wird. Die typische, rechteckige Spielkartenform mit abgerundeten Ecken ließ sich an der Ostseite auf 187 Meter, an der Südfront auf 110 Meter und an der Nordseite auf 160 Meter Länge nachweisen und die Gesamtlänge auf 250 m interpolieren, so dass sich die Abmessungen von 250 m mal 187 m ergeben, was einer Fläche von insgesamt 4,67 Hektar entspricht. Die Mauer konnte durch vier Tore passiert werden, wovon jedoch nur eines archäologisch erforscht wurde. Dieses im Osten gelegene Haupttor (Porta Praetoria) bestand aus einem 12 Meter breiten und 6 Meter tiefen Torbau mit zwei Türmen, davor befand sich eine Erdbrücke. Ferner konnte ein Wehrturm in der nordöstlichen Lagerecke ergraben werden. Im Luftbild ist noch je ein Tor im Norden und Süden zu erkennen. Hinter der Umwehrung ist auf Luftbildern die Via sagularis (Lagerringstraße) zu erkennen, die nach innen hin von einem Drainagegräbchen begrenzt wird. Ebenso kann man auf den Photos die Via praetoria (Ausfallstraße) und die Via principalis (vordere Lagerquerstraße) sehen.

Über die Innenbebauung des Kastells ist wenig bekannt. Seitlich der das Kastell durchquerenden Hauptstraßen wurden Abfallgruben nachgewiesen. Südlich der Kreuzung der zwei Hauptstraßen, in der Praetentura dextra (rechter vorderer Lagerbezirk) sind vier jeweils 40 m lange Befunde zu erkennen, die aufgrund der Funde von Metallresten und Gusstiegeln in diesem Bereich sowie ihrer geringen Länge nicht als Mannschaftsbaracken, sondern als Fabricae (Werkstätten) angesprochen wurden.

Funde belegen, dass das Kastell und der Kastellvicus in frühclaudischer Zeit, vermutlich um das Jahr 43 u. Z. errichtet wurden. Ein Brandhorizont spricht für eine Zerstörung während des Vierkaiserjahrs oder des Bataveraufstand in den Jahren 69/70. Aus dieser Zeit stammt auch ein Depotfund mit insgesamt 144 Münzen, von denen die Schlussmünze auf 69/71 datiert. Das Lager wurde jedoch wieder aufgebaut und bestand bis um die Jahre 73/74, als mit der römischen Okkupation rechtsrheinischen Gebiets die Truppen vorverlegt wurden und damit der Standort seine strategische Bedeutung verlor. Die Besatzung des Kastells ist namentlich unbekannt. Die Ausgräber vermuteten aufgrund des Fundmaterials eine im Alpenraum beheimatete Auxiliareinheit, möglicherweise auch zwei, in Form einer Cohors quingenaria peditata (knapp 500 Mann starke Infanterietruppe) und einer Cohors quingenaria equitata (knapp 600 Mann starke, teilberittene Infanterietruppe), möglicherweise auch einer Ala (rund 500 Mann starke Kavallerieeinheit).Das römische Kastell in Ludwigshafen-Rheingönheim, auf archaeopro.de, abgerufen am 29. Mai 2026.

Auxiliarvicus Im Umfeld des Kastells entstand ein Vicus, das zivile Lagerdorf, das bei jedem dauerhaften Standlager anzutreffen war, in dem die Angehörigen der Soldaten, Händler, Handwerker, Gastwirte, Prostituierte und andere Dienstleister lebten und wirtschafteten. Spuren dieser zivilen Siedlung wurden vor allen Seiten des Kastells, längs der Ausfallstraßen angetroffen. Der Vicus wird zeitgleich mit dem Kastell entstanden sein und teilte auch dessen Schicksal. In einem verbrannten Keller wurden zwei menschlichen Skeletten mit starken Brandspuren gefunden. Bevor die Toten verbrannten, war einer geköpft worden, dem anderen hatte man die Unterarme abgetrennt. Gewaltsame Vorgänge, die wieder auf die unruhigen Zeiten der Jahre 69/70 weisen.

Münzfunde der Kaiser Vespasian (69–79) und Domitian (81–96) aus dem Vicus zeigten, dass das Lagerdorf auch nach dem Abzug der Truppen und der Auflassung des Lagers noch weiter besiedelt worden war. Bei den Keramikfunden dominierten Kochtöpfe, Schüsseln, Schalen und Vorratsbehälter, aber auch Terra sigillata war zahlreich vertreten.

Die Bebauung des Vicus bestand aus den für die Nordwestprovinzen des Reiches typischen Streifenhäusern, langrechteckigen Gebäuden, die mit ihrer Schmalseiten zur Straße hin orientiert waren, wobei die Häuserfronten mit Arkadengängen versehen waren, so dass man dort auch bei regnerischem Wetter trockenen Fußes laufen konnte. Vorne befanden sich die Geschäfts-, dahinter die Wohnräume. Bei Handwerksbetrieben lagen die Werkplätze mit Feuerstellen, Becken, Gruben oder kleinen Grubenhütten oft im hinteren Teil des obligatorischen Gartens.

Innerhalb des westlichen Vicusbereiches fanden sich auch die Spuren eines bereits stark zerpflügten Steingebäudes, das als mögliche Kastellthermen angesprochen wurde. Die Soldatenbäder befanden sich in der Regel außerhalb der Kastellmauern und konnten von den Soldaten unentgeltlich, von den Vicani (Vicusbewohner) gegen geringe Gebühr benutzt werden.

Legionslager Sehr bedeutsam ist die Entdeckung eines schon länger vermuteten älteren Kastells, das sich zunächst durch eine rund zehn Meter breite, doppelte Spitzgrabenanlage und durch Spuren einer großen Torkonstruktion zeigte. Die entdeckten, jeweils etwa vier Meter breiten Spitzgräben verliefen parallel zur östlichen Seite des Auxiliarkastells. Zwischen den beiden Gräben befand sich noch ein schmales, flaches Gräbchen, das entweder zur Aufnahme einer Palisade oder zur Drainage gedient hatte. Vor der Porta praetoria des Auxiliarlagers war das Grabensystem für rund 15 m unterbrochen. Unmittelbar westlich der Grabenunterbrechung wurden sechs, in drei Paaren angeordnete Pfosten identifiziert. Sie konnten als Bestandteil einer Toranlage bestimmt werden, die eine rund zehn Meter breite Torgasse aufwies, welche auf beiden Seiten von Tortürmen flankiert war.