Animal Liberation. Die Befreiung der Tiere (Original: Animal Liberation) ist der Titel des erstmals 1975S. 19. erschienenen Buches von Peter Singer. Es umfasst sowohl die ethischen Konzepte einer präferenzutilitaristischen, das heißt nach dem Schaden oder Nutzen einer Handlung beziehungsweise eines Unterlassen fragenden, Tierethik als auch die Schilderung der Situation von Tieren in der intensiven Tierhaltung und bei Tierversuchen.
Das über eine halbe Million Mal verkaufte und vielfach übersetzte Buch trug zum Entstehen einer modernen Tierrechtsbewegung bei. Es wurde einerseits innerhalb und außerhalb der Tierrechtstheorie teilweise scharf angegriffen und gilt andererseits als ein Klassiker der ethischen und politischen Literatur zur Beziehungen zwischen Menschen und nichtmenschlichen Tieren. Singer hat seit dem Erscheinen zwar weitere Texte zur Ethik der Mensch-Tier Beziehung verfasst, verweist aber in aktuellen Interviews (Stand 2011) weiterhin auf Animal Liberation als „adäquate Darstellung“ seiner Position, die keiner grundsätzlichen Klarstellungen bedürfe.
Inhalt Peter Singer erläutert in dem Buch seine Tierethik und damit verbundene praktische Auswirkungen. Seine Position ist das Ergebnis seiner utilitaristischen Ethik und Überlegungen zur Gleichheit; von Tierfreunden, die aus Tierliebe handeln, distanziert er sich.S. 9 und Umschlagstext Ebenso grenzt er sich von radikalen Strömungen in der Tierrechtsbewegung ab, die Gewalt gegen Menschen zur Befreiung von Tieren als legitimes Mittel ansehen.S. 22–24.
Das Buch erklärt zu Anfang einige philosophische Grundlagen. Es ist einfach geschrieben und richtet sich auch an Leser ohne Vorkenntnisse.S. 15, S. 21.Charles R. Magel: Keyguide to information sources in animal rights; McFarland; Jefferson, NC 1988, S. 103. Vier Jahre nach Erscheinen von Animal Liberation veröffentlichte Singer sein Hauptwerk Praktische Ethik, das stärker an ein akademisches Publikum gerichtet ist.
Ethische Grundlegung Singer stellt zu Anfang des Kapitels Alle Tiere sind gleich die Frage, was „Gleichheit“ sei. Die faktische, d. h. biologische Gleichheit der Menschen ist damit nicht gemeint, da die Menschen offensichtlich verschieden sind. Auch bedeutet Gleichheit nicht die gleiche Behandlung der verschiedenen Menschen, da deren Bedürfnisse verschieden sind. Es ergäbe zum Beispiel keinen Sinn, Männern ein Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch zuzusprechen, nur weil Frauen dieses Recht (unter gewissen Voraussetzungen) besitzen.S. 28. Ebenso wäre nach Singer eine Gesellschaft ungerecht, in der jedes Individuum nach einer bestimmten Eigenschaft (wie etwa der Intelligenz oder der Rationalität) bewertet und je nach Ausprägung dieser Eigenschaft zu einem Herrscher oder einem Beherrschten wird.S. 31.
Gleichheit bedeutet für Singer nicht die gleiche Behandlung von Individuen mit ähnlicher Eigenschaft (wobei die Art der Behandlung und die Eigenschaft willkürlich sind), sondern die gleiche Berücksichtigung der Interessen.S. 29, S. 31. Mit dieser Grundlage ist ein Gegner des Rassismus nicht länger auf die Tatsachenbehauptung der Gleichheit der Rassen in Eigenschaften wie Intelligenz und Empathie angewiesen, sondern kann den Rassismus ablehnen, da es keinen ethisch relevanten Grund dafür geben kann, das Prinzip der gleichen Berücksichtigung nicht auf alle Rassen auszudehnen, denn: „Gleichheit ist eine moralische Vorstellung und keine Tatsachenbehauptung.“S. 32.
Doch das Prinzip der gleichen Berücksichtigung der Interessen lässt sich nach Singer nicht nur auf die Rassen der Menschen, sondern auch auf die Spezies anwenden. Singer spricht analog zum Rassismus bei der Nicht-Berücksichtigung der Interessen Angehöriger anderer Spezies von „Speziesismus“. Seiner Ansicht nach gibt es keinen ethisch relevanten Grund, die Gleichheit nicht auch auf nichtmenschliche TiereSinger verwendet den Begriff „nichtmenschliches Tier“ für alle Tiere außer dem Menschen. Der Mensch gehört für ihn aufgrund der evolutionsbiologischen Verwandtschaft zu der Gruppe der Tiere. auszudehnen. Zur Klärung der Frage, welche Tiere denn überhaupt berücksichtigt werden müssen, zitiert er Jeremy Bentham:S. 35f.
Singer gibt zu, dass man sich nicht sicher sein kann, dass nichtmenschliche Tiere Schmerzen empfinden können. Allerdings kann man sich bezüglich des Schmerzempfindens anderer Lebewesen ohnehin nie sicher sein, da dieses grundsätzlich nur aus der Erste-Person-Perspektive erfahrbar ist. Singer begründet jedoch, dass die Annahme, dass ein Hund oder ähnlich weit entwickeltes Lebewesen Schmerzen empfinden kann, ebenso vernünftig ist, wie die Annahme, dass andere Menschen diese Eigenschaft besitzen. Hierbei weist er neben dem beobachtbaren Verhalten bei Schmerzen wie Lautausstoßungen oder Flucht(versuchen) auch auf das sehr ähnliche Nervensystem hin, das beispielsweise bei Pflanzen nicht vorhanden ist.S. 46.
Singer betrachtet die Fähigkeit, Schmerz zu empfinden, als Voraussetzung dafür, Interessen zu haben. Da seiner Auffassung nach sehr viele nichtmenschliche Tiere (wie z. B. die meisten Säugetiere und Vögel) diese Fähigkeit besitzen, müssen auch deren Interessen berücksichtigt werden. Singer stellt aber fest, dass seine Position eines unterschiedlichen Wertes von Lebewesen nicht speziesistisch ist.S. 54. Auf die Frage, in welchen Fällen das Töten von Lebewesen moralisch verwerflich ist, gibt Singer keine endgültige Antwort.S. 56.Diese Frage wird von ihm ausführlich in Praktische Ethik beantwortet.
Tierversuche In dem Kapitel Werkzeuge für die Forschung beschreibt Singer ein Beispiel für den Speziesismus, nämlich die Verwendung von Tieren für die Forschung. Hier wird besonders deutlich, für wie ähnlich Mensch und Tier in der Regel gehalten werden, sollen in Tierversuchen doch meist aus dem Verhalten oder den Reaktionen der Tiere auf menschliche Reaktionsweisen geschlossen werden. Singer kritisiert Tierversuche wie etwa ein 1982 durchgeführtes Experiment der Brooks City-Base (United States Air Force), bei dem der Einfluss chemischer Kampfmittel und ionisierender Strahlung auf die Fähigkeit von Affen, einen Steuerknüppel zu bedienen, untersucht wurde.S. 63. Viele staatliche und nicht-staatliche Experimente verursachen laut Singer großes Leid bei den verwendeten Tieren, dessen sich die Gesellschaft kaum bewusst ist.S. 69.
Neben Tierversuchen des Militärs kritisiert Singer auch Versuche im Universitätsbetrieb, beispielsweise im Bereich der Psychologie, so etwa einen Versuch, bei dem eine Mutterattrappe eingesetzt wurde, um das Verhalten von Affenbabys zu untersuchen. Sobald sich das Affenbaby an die vermeintliche Mutter klammerte, wurde selbige zu einem „Monster“ mit Stacheln, wobei sich das Affenbaby vor Angst noch stärker an die Mutterattrappe klammerte. Aus dem Experiment folgerte der Psychologe Harry Harlow, dass Kinder bei großer Angst bei der Mutter Zuflucht suchen, auch wenn diese die Angst auslöst.S. 71ff.
Singer stellt fest, dass bei diesen Experimenten die Interessen der Tiere nicht berücksichtigt werden, und dass solche Tierversuche nach seiner Auffassung von Gleichheit nicht hätten durchgeführt werden dürfen, da der erbrachte Nutzen in keinem Verhältnis zu dem in Kauf genommenen Leid steht. Denn häufig steht ein sehr zweifelhafter oder gar kein Nutzen gegen das sehr sicher vorhandene große Leid der Tiere. Allerdings lehnt Singer Tierversuche nicht grundsätzlich ab,S. 83. Tierversuchs-Befürworter argumentieren, dass ein Versuch, der einem Affen das Leben kostet, während er tausend Menschen das Leben rettet, moralisch geboten ist. Dies entspricht auch Singers utilitaristischem Ansatz, allerdings argumentiert er, dass in der Praxis viele Tierversuche keinen direkten Nutzen für den Menschen haben und somit abgeschafft gehören.S. 137. So haben laut Singer die Letale Dosis oder der Draize-Test wenig Aussagekraft für die Schädlichkeit für den Menschen, und sind auch teilweise durch Experimente an Zellkulturen ersetzbar.S. 104ff.
Dennoch kann es zum Beispiel bei der Entwicklung von Medikamenten Tierversuche geben, die durchaus einen großen Nutzen für die Menschheit haben. Um die Frage zu beantworten, welche Versuche durchgeführt werden dürfen, muss man sich fragen, ob man den Versuch auch mit einem menschlichen, geistig behindertenEinige Philosophen sind der Ansicht, dass ein Kind zwar auf der gleichen geistigen Stufe wie ein Tier steht, aber sich von dem Tier fundamental unterscheidet, da es die Möglichkeit hat, sich zu entwickeln. Um diese Möglichkeit nicht beachten zu müssen, geht Singer von geistig behinderten Kindern aus, die niemals die geistige Stufe eines nichtmenschlichen Tieres überschreiten können. Säugling (vorzugsweise einem Waisen)Singer geht in seinen Gedankenexperimenten von Waisen aus, um eine mögliche emotionale Bindung zwischen Säugling und den Eltern außen vor lassen zu können. durchführen würde.S. 138. Denn ein solches Kind steht mit einem Tier auf einer geistigen Stufe, und es wäre speziesistisch, das Experiment mit Tieren zu akzeptieren, es aber mit geistig behinderten Waisenkindern abzulehnen.
Verwendung von Tieren zur Nahrungsproduktion Im dritten Kapitel In der Tierfabrik spricht Singer die Situation der Tiere an, die zu Nahrungszwecken in Massentierhaltung aufgezogen werden. Die Zahl der jährlich vornehmlich für die Fleisch-, Eier- und Milchproduktion getöteten Tiere wird auf mehrere Dutzend Milliarden geschätzt.Eine genaue Zahl lässt sich nicht feststellen, die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation geht von etwa 56 Milliarden (PDF; 515 kB) aus, ohne dabei „Meerestiere“ einzubeziehen. Diese werden nur in Gewichtsangaben erfasst. fishcound.org.uk schätzt ausgehend von dieser Datenbasis, dass etwa 1-3 Billionen Meerestiere betroffen sind. Dabei werden die meisten Tiere in industrieller Landwirtschaft aufgezogen und geschlachtet, in der das oberste Ziel die Profitmaximierung und nicht etwa das Vermeiden von Tierleiden, eine natürliche Produktionsweise, gesunde und kräftige Tiere usw. ist. Wie Singer zugibt, haben die Farmer durchaus Interesse an gesunden Tieren, jedoch ist es für sie oftmals billiger, eine gewisse Sterberate in Kauf zu nehmen, als kostspielige Maßnahmen zu ergreifen, die vorzeitige Tode verhindern sollen.S. 176, 196. So ist es zum Beispiel billiger, viele Hühner auf einem kleinen Raum zu halten und einige Todesfälle durch Stress und Krankheiten hinzunehmen, als jedem Huhn mehr Platz zu verschaffen. Aufgrund der unnatürlichen Lebensbedingungen ergeben sich auch Probleme, die – wie Singer kritisiert – durch noch unnatürlichere Gegenmaßnahmen gestoppt werden sollen. So ist zum Beispiel das „Schnabelpicken“ bei Hühnern unter Stress verbreitet, bei dem sich Hühner gegenseitig mit ihrem Schnabel verletzen. Um dies zu verhindern, wird den Hühnern der Schnabel gekürzt, was ihnen heftige Schmerzen verursachen kann.S. 174, 194ff.
Singer geht des Weiteren auf die verschiedenen Tierarten und ihre Lebensbedingungen in der Massentierhaltung ein. Dabei kritisiert er insbesondere die beengte Unterbringung, die es Vögeln (z. B. Masthähnchen oder Legehennen) nicht erlaubt, ihre Flügel auszustrecken und es Schweinen nicht ermöglicht, sich umzudrehen oder sich in irgendeiner Weise zu betätigen.S. 208. In der Kalbaufzucht wird eisenfreie Nahrung verwendet, um die blasse Farbe des Fleisches zu erhalten, außerdem dürfen sich die Kälber nicht bewegen.S. 217. Singer sieht das hauptsächliche Leid der Tiere bei ihrer Aufzucht und Unterbringung und nicht so sehr bei dem Transport und der Schlachtung (die inzwischen oft unter Betäubung durchgeführt wird).S. 236.