mini|Gesunder Sehnervenkopf mini|Fortgeschrittene Glaukomkrankheit, mit großer Aushöhlung des Sehnervenkopfes, zu erkennen an den bereits am Papillenrand „bajonettförmig“ abknickenden Blutgefäßen

Das Glaukom, auch grüner Star genannt, ist eine Augenerkrankung, die durch eine dauerhafte (irreversible) Schädigung von Nervenfasern des Sehnervs gekennzeichnet ist. Bei fortgeschrittenem Krankheitsverlauf können charakteristische Gesichtsfeld­ausfälle (Skotome) entstehen, die im Extremfall zu einer Erblindung des betroffenen Auges führen können. Ein erhöhter Augeninnendruck (okuläre Hypertension) ist ein Risikofaktor für eine mögliche Entwicklung eines Glaukoms, jedoch weder eine notwendige noch eine hinreichende Begleiterscheinung. In Europa sind 30–40 % aller Glaukome Normaldruckglaukome, in Japan ca. 90 %.

Bei erhöhtem Augeninnendruck wird entsprechend der Anatomie der Druckregulierung im Auge zwischen Offenwinkel- und Engwinkel-Glaukom unterschieden. Diese Bezeichnungen beziehen sich auf den Winkel, den Hornhautrückfläche und Irisvorderfläche miteinander bilden, den sogenannten Kammerwinkel. In der Spitze dieses Winkels befindet sich das Trabekelwerk, ein siebartiges Geflecht, durch welches das Kammerwasser aus dem Auge über den Schlemm-Kanal in das Venensystem abfließt. Offenwinkelglaukome sind weit häufiger und verlaufen meist chronisch und über mehrere Jahre unbemerkt, während die selteneren Engwinkelglaukome zum schmerzhaften Glaukomanfall führen können, bei dem unbehandelt innerhalb kurzer Zeit eine akute Erblindung droht. Die Gesichtsfeldausfälle beim Offenwinkelglaukom machen sich oft erst spät bemerkbar, weil sie außerhalb der Mitte (peripher) beginnen und durch das intakte Gesichtsfeld des anderen Auges überdeckt werden können.

Verbreitung Nach einer systematischen Übersichtsarbeit von 2014 waren in Europa 2,9 % der 40- bis 80-Jährigen von einer Glaukomerkrankung betroffen.Leitlinie von Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) und Berufsverband der Augenärzte Deutschlands (BVA): Bewertung von Risikofaktoren für das Auftreten des Offenwinkelglaukoms, AWMF-Register Nr. 045-015, Klasse: S2e, PDF. In Deutschland ergab eine Querschnittsstudie von 2018 bei 5000 Personen im Alter von 35–74 eine Anzahl von 72 Glaukomerkrankten (1,4 %), wobei die Häufigkeit mit dem Alter zunahm, und zwar pro 10-Jahresgruppe von 0,9 auf 2,4 %., PDF.

Namensherkunft Der von Aristoteles geprägte Name Glaukom stammt von „hell, leuchtend, glänzend, [grau-]bläulich“Wilhelm Gemoll: Griechisch-deutsches Schul- und Handwörterbuch. Durchgesehen und erweitert von Karl Vretska. 9. Auflage. Freytag u. a., München u. a. 1965. (Nachdruck: Hölder-Pichler-Tempsky, Wien 1997, ISBN 3-209-00108-1). und leitete sich von der blau-grauen Verfärbung der Regenbogenhaut (Iris) bei chronischen Entzündungen ab.

Die im Corpus Hippocraticum bekannte blassblaue Trübung (glaukosis) der Pupille galt als krankhafter Erguss zwischen Kristallkörper (Linse) und Regenbogenhaut und wurde, wie etwa bei dem Arzt Chrysippos im 3. Jahrhundert v. Chr. belegt, durch eine Staroperation (Starstich) behandelt (und bezog sich wohl auf den grauen Star).Carl Hans Sasse: Geschichte der Augenheilkunde in kurzer Zusammenfassung mit mehreren Abbildungen und einer Geschichtstabelle (= Bücherei des Augenarztes. Heft 18). Ferdinand Enke, Stuttgart 1947, S. 20–22. Galenos hatte das Glaukom als eine „durch eine Verringerung bzw. Eindickung des Kammerwassers verursachte gelblich oder grünlich gefärbte Austrocknung des Kristalls“ (also der Augenlinse) begriffen.Frank Krogmann: Star, grüner (Glaukom). In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1355 f., hier: S. 1355.

Star ist seit dem 8. Jahrhundert im Deutschen eigentlich eine Bezeichnung für Linsentrübungen. Im 20. Jahrhundert verbreitete sich der Begriff grüner Star als Synonym für Glaukom. Der grüne Star ist nicht mit dem grauen Star, einer Linsentrübung, zu verwechseln.

Augeninnendruck

mini|hochkant=1.5|Anatomischer Aufbau des Auges (Kammerwasser hellblau) mini|Schema des Kammerwasserflusses Das Kammerwasser (Humor aquosus) ist eine klare Körperflüssigkeit in der vorderen und hinteren Augenkammer. Es wird im Ziliarkörper des Auges produziert und an die hintere Augenkammer abgegeben. Durch die Pupille gelangt es in die vordere Augenkammer und fließt im Kammerwinkel durch das Trabekelwerk und den Schlemm-Kanal ab. Durch das so gegebene Verhältnis von Kammerwasserproduktion zu Kammerwasserabfluss, der durch den Widerstand des Trabekelwerkes reguliert wird,Franz Grehn: Augenheilkunde. Springer Verlag, 2003, ISBN 978-3-662-05918-0, S. 334. entsteht der Augeninnendruck.

Der normale Augeninnendruck liegt zwischen 10 und 21 mm Hg. Schwankungen im Tagesverlauf um bis zu 5 mm Hg gelten als physiologisch normal, wobei die höchsten Werte in der Regel nachts oder in den frühen Morgenstunden auftreten. Ältere Menschen haben einen durchschnittlich höheren Augeninnendruck als jüngere.

Erkennbarkeit von Schäden Die Schädigung des Sehnervs beim Glaukom ist bei der Inspektion des Augenhintergrunds (Funduskopie) an einer charakteristischen Aushöhlung (Exkavation) des Sehnervenkopfes erkennbar, betrifft zuerst die Nervenfasern der mittleren Netzhautperipherie und schreitet langsam zum Zentrum hin fort. Sind etwa 70 Prozent der Nervenfasern betroffen, bilden sich bogenförmige Gesichtsfeldeinschränkungen im mittleren Gesichtsfeld aus, die selbst im fortgeschrittenen Stadium von den Betroffenen oft nicht wahrgenommen werden.

Typisch für das Glaukom ist der schleichende, aber bisweilen auch unberechenbar sprunghafte Verlauf. Aus diesem Grund werden im Verdachts- und Erkrankungsfall regelmäßige augenärztliche Untersuchungen empfohlen.

Risikofaktoren Risikofaktoren für die Entstehung eines Glaukoms sind: erhöhter Augeninnendruck von der Norm abweichender Blutdruck: Einerseits begünstigen ein sehr niedriger Blutdruck mit intermittierend niedrigen Werten das Auftreten eines Glaukomschadens (dies kann auch die Folge eines medikamentös behandelten Blutdrucks sein). Andererseits kann auch ein zu hoher Blutdruck zu einer Schädigung der den Sehnerv versorgenden Gefäße führen (siehe auch Normaldruckglaukom). Diabetes mellitus sowohl Typ 1 als auch Typ 2 können zu einem Sekundärglaukom führen. genetische Veranlagung: Sind ein oder gar mehrere enge Verwandte erkrankt, liegt eine „familiäre“ Belastung, einer der wichtigsten Risikofaktoren des Glaukoms, vor. Flammer-Syndrom: Durchblutungsprobleme (Vasospasmen) an den Gliedmaßen (kalte Hände oder Füße, siehe auch Raynaud-Syndrom), Migräne oder Tinnitus, arterielle Hypotonie (niedriger Blutdruck), ein niedriger Body-Mass-Index, erhöhte Sensibilität für Schmerzen, Gerüche oder Medikamente, verlängerte Einschlafzeit oder vermindertes Durstgefühl können ein Hinweis auf Durchblutungsstörungen des Sehnervs sein, die zu einer Schädigung führen können, ohne dass der Augeninnendruck erhöht wäre (Normaldruckglaukom).Katarzyna Konieczka, Konstantin Gugleta: Glaukom, ein Handbuch für Betroffene, eine Einführung für Interessierte, ein Nachschlagewerk für Eilige. Begründet von Josef Flammer. 4., überarbeitete Auflage. Huber, Bern 2015, ISBN 978-3-456-85146-4. Hautfarbe: Dunkelhäutige haben ein 3-fach höheres Glaukomrisiko als Hellhäutige.Leitlinie von DOG und BVA: Bewertung von Risikofaktoren für das Auftreten des Offenwinkelglaukoms, AWMF-Register Nr. 045-015, Klasse: S2e, PDF. Myopie (Starke Kurzsichtigkeit) erhöht die Wahrscheinlichkeit, an Grüner Star zu erkranken.

Diagnose Messung des Augeninnendrucks Der Augeninnendruck (Tensio) wird in der Regel mit einem sogenannten Applanationstonometer nach Hans Goldmann bestimmt. Dabei wird die Kraft gemessen, die für eine definierte mechanische Abplattung der – zuvor medikamentös betäubten – Hornhaut erforderlich ist. Alternativ kann auch von nichtärztlichem Personal eine berührungslose Messung mittels Pneumotonometrie, einer Abplattung der Hornhaut durch einen definierten Luftstoß mittels eines Non-Contact-Tonometers, durchgeführt werden.

Die Hornhautdicke kann einen Einfluss auf die gemessenen Druckwerte haben. Der Nutzen einer zusätzlichen Messung der Hornhautdicke (Pachymetrie), wie sie teilweise in der Fachliteratur empfohlen wird, ist jedoch nicht gänzlich geklärt, weil es keine angemessen überprüfte Korrekturformel gibt, mit der eventuelle Einflüsse der Hornhautdicke auf die Druckmessung berücksichtigt werden könnten.C. C. Sng, M. Ang, K. Barton: Central corneal thickness in glaucoma. In: Current opinion in ophthalmology. Band 28, Nummer 2, März 2017, S. 120–126, , PMID 27764022 (Review).

Über den Tagesverlauf schwankende Druckwerte können durch mehrere, über den Tag verteilte Messungen (Tagesdruckprofil) ermittelt werden. Ein Nutzen solcher Tagesdruckprofile existiert jedoch nicht, da sowohl bei erhöhtem AugeninnendruckF. A. Medeiros, R. N. Weinreb, L. M. Zangwill, L. M. Alencar, P. A. Sample, C. Vasile, C. Bowd: Long-term intraocular pressure fluctuations and risk of conversion from ocular hypertension to glaucoma. In: Ophthalmology. Band 115, Nummer 6, Juni 2008, S. 934–940, , PMID 17936908, .S. Hopf, D. Schwantuschke, N. Pfeiffer, J. Koenig, K. Bell, E. M. Hoffmann: The impact of intraocular pressure fluctuations and other factors on conversion of ocular hypertension to primary open-angle glaucoma. In: International ophthalmology. Band 40, Nummer 6, Juni 2020, S. 1403–1410, , PMID 32065355. als auch bei normalem Augeninnendruck kein Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der Schwankungen des Augeninnendrucks und einer möglichen Glaukomentwicklung festgestellt werden konnte.

Weitere Messungen Beurteilung des Augenhintergrunds im dreidimensionalen Bild: Das Ausmaß der Schädigung des Sehnervs wird anhand der Größe und Form der Papillenexkavation (Aushöhlung des Sehnervenkopfs) bestimmt. Im rot-freien Licht können außerdem Defekte der Nervenfaserschicht gefunden werden. Gesichtsfelduntersuchung (Perimetrie): Gesucht wird nach charakteristischen, bogenförmigen Ausfällen (Skotomen). Neuere bildgebende Verfahren wie HRT (Scanning-Laser-Tomographie), RTA (Netzhautdickenmessung), GDx (Scanning-Laser-Polarimetrie), OCT (Optische Kohärenztomografie), erfassen reproduzierbar und detailliert bereits geringgradige Schädigungen und bieten somit für Frühstadienbeurteilung und Verlaufskontrollen eine bedeutende diagnostische Unterstützung.M. A. Guzman Aparicio, T. C. Chen: New views on three-dimensional imaging technologies for glaucoma: an overview. In: Current opinion in ophthalmology. Band 33, Nummer 2, März 2022, S. 103–111, , PMID 34864763, (Review). Sie stellen in Deutschland IGeL-Leistungen dar, deren Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen bisher nicht übernommen werden. Derartige Untersuchungen nur zur Früherkennung – im Gegensatz zu Verlaufskontrollen – bewertete der Gemeinsame Bundesausschuss des Gesundheitswesens in Deutschland jedoch nicht nur als nutzlos, sondern sogar als „tendenziell negativ“.HRT zur Früherkennung eines Glaukoms mit „tendenziell negativ“ bewertet, Pressemitteilung des MDS, Essen, 12. Dezember 2019.

Zur Klassifikation eines Glaukoms gibt es zudem eine Untersuchung des vorderen Augenabschnitts mit der Spaltlampe auf Ablagerungen von Pigment auf der Hornhautrückfläche oder pathologischen Eiweißes auf der Linse oder dem Irissaum (Pseudoexfoliation), eine Untersuchung auf neugebildete Irisgefäße (Rubeosis iridis), Hornhauttrübungen (Embryotoxon oder Haab-Linien) und Pigmentdefekte in der Iris (Kirchenfensterphänomen). Ferner kann mit Hilfe eines Kontaktglases die Weite (Engwinkelglaukom bzw. Kammerwinkelrezessus) und Morphologie (Anomalien) des Kammerwinkels beurteilt werden (Gonioskopie).

Glaukomformen