mini|hochkant|Holger Rosenkrantz; Gemälde von 1635, Schloss Frederiksborg mini|hochkant|Wappen der Familie Rosenkrantz

Holger Rosenkrantz, auch Oliger (* 14. Dezember 1574 auf der Burg Kalø; † 28. Oktober 1642 in Kopenhagen) war ein dänischer Adliger, Mitglied des Reichsrates, Theologe und Pädagoge. Er besaß eine allumfassende Bildung, korrespondierte mit bedeutenden Theologen, Philosophen und Naturwissenschaftlern seiner Zeit und bemühte sich um die Verbesserung der Bildung in Dänemark. Er galt deshalb als einer der größten Gelehrten Dänemarks in der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts und war deshalb als den lærde Holger (der gelehrte Holger) bekannt.Auch zur Unterscheidung von seinem gleichnamigen, etwas jüngeren Verwandten Holger "Den Rige" ("der reiche") Axelsen Rosenkrantz (1586–1647, Wikidata Q12317087) In seinen letzten zehn Lebensjahren musste er sich gegen den Vorwurf der Ketzerei verteidigen.

Leben und Werk Abstammung Holger Rosenkrantz stammte aus der Familie Rosenkrantz, einem der mächtigsten dänischen Adelsgeschlechter. Sein Vater war der Statthalter und Reichsrat Jørgen Ottesen Rosenkrantz (1523–1596), seine Mutter Dorte Lange (1541–1613), Tochter von Gunde Lange zu Bregninge und dessen Frau Karen Breide. Sein Vater erhielt 1559 durch einen Gebietstausch mit dem dänischen König Friedrich II. Land auf der Halbinsel Djursland und ließ dort Schloss Rosenholm errichten.

Jugend und Ausbildung Holger Rosenkrantz war der jüngste Sohn seiner Eltern. Sein deutlich älterer Bruder OtteOtte Rosenkrantz hatte sich im August 1578 an der Universität Rostock eingeschrieben (Eintrag im Rostocker Matrikelportal). starb 22-jährig 1584. Mit seinen Eltern und der Schwester Margrethe ist er auf dem von seinem Vater gestifteten Altar in der Familiengrabkapelle in der Kirche von Hornslet abgebildet.Hornslet Kirke Inventar Er fiel schon als Kind durch seine schnelle Auffassungsgabe auf. Zunächst besuchte er die Lateinschule in Aarhus, dann schickte ihn der Vater nach Deutschland. Von 1590 bis 1592 studierte er an der Universität Rostock.Eintrag im Rostocker Matrikelportal, 1590, Nr. 60 als Oligerus Georgii filius Rosencrantz Danus Anstelle sich den Rechtswissenschaften zu widmen, wie es seine künftige Stellung von ihm verlangte, studierte Rosenkrantz Philosophie und Theologie und besuchte auch Vorlesungen in Anatomie und betrieb eigene Studien. Als Privatlehrer hatte sein Vater den ebenfalls in Rostock immatrikulierten Theologen Daniel Cramer verpflichtet, der ihn in aristotelischer Metaphysik nach seinem eigenen Lehrer Matthias Flacius unterrichtete. Cramer hielt seine Studenten zu selbständigem Bibelstudium an, statt des damals üblichen geistlosen Einpaukens von Kompendien. 1592 wurde Cramer an die Universität Wittenberg berufen, wohin Rosenkrantz ihn begleitete, sich dort am 9. Oktober 1592 einschrieb und seine Studien bis April 1595 fortsetzte. In Deutschland schloss er auch wichtige Freundschaften, zum Beispiel mit David Chyträus, von dem er die für seine späteren Staatsämter erforderlichen Kenntnisse erwarb.

Rosenkrantz’ Studienaufenthalt in Wittenberg fiel in eine Zeit, in der dort die Lutherische Orthodoxie mit ihrer scharfen Ablehnung gegen Philippisten, ramistische Philosophie und calvinistischen Theologie immer stärkeren Einfluss gewann. Auch Rosenkrantz sah sich anfangs als Gnesiolutheraner. Disputationen mit den strengen lutherischen Theologen, etwa mit Samuel Huber und Salomon Gesner oder mit Ägidius Hunnius über Sindets og viljens frihed og magt i omvendelsen (Die Freiheit und Macht des Gemüts und des Willens in der Bekehrung) (1593) belegen aber, dass er schon in Studienzeiten mehr Erasmus von Rotterdam zuneigte, der anders als Luther dem Menschen auch Willensfreiheit gegenüber Gott und seinem Wort zusprach, und zugleich die calvinistische Prädestinationslehre ablehnte.

Neben seinen theologischen Interessen widmete sich Rosenkrantz auch den neuen Erkenntnissen der Naturwissenschaften und korrespondierte u. a. mit Tycho Brahe und dessen Schwester Sophie Brahe über ihre Forschungen und hielt Brahe auch die Freundschaft, als dieser die königliche Gunst verlor und nach Prag zog. Von ihm übernahm er auch das Interesse für Paracelsus’ Lehre.Jens Glebe-Møller: Holger Rosenkrantz, "the Learned" (1574–1642) mini|Schloss Rosenholm mini|Wappen von Jørgen Rosenkrantz und Dorte Lange am Portal von Schloss Rosenholm

Rückkehr nach Dänemark Da eine akademische Laufbahn für Adlige in seiner Zeit nicht infrage kam, kehrte Rosenkrantz nach dem Tod seines Vaters nach Dänemark zurück und übernahm die väterlichen Güter. Anfang 1597 begann er seine politische Karriere als Kancellijunker, d. h. als jüngster Sekretär. Im August 1598 heiratete er Sophie Brahe (11. Mai 1578 – 21. Dezember 1646), eine Nichte von Tycho Brahe und Tochter des Reichsrats Axel Brahe (1550–1616) aus dessen erster Ehe mit Mette Gøye (1554–1584). Ihre Großtante mütterlicherseits, Brigitte Gøye (1511–1574), war mit dem Humanisten und Admiral Herluf Trolle verheiratet gewesen und hatte nach dessen Tod 1565 die gemeinsam gegründete Lateinschule Herlufsholm geleitet. Seine Ehefrau bestärkte Rosenkrantz nicht nur in seinen theologischen und pädagogischen Bemühungen, sondern nahm ihm auch einen Großteil der Verwaltung der Güter ab, sodass er Zeit genug fand, sich in seinen Studien zu vertiefen. Bis 1618 gebar sie 13 Kinder, sechs Söhne und sieben Töchter, von denen acht das Erwachsenenalter erreichten.

Sein intensives Bibelstudium führte in den Jahren 1599/1600 dazu, dass ihn die Uneinigkeit der Theologen und ihre oft gehässigen Streitigkeiten um eigentlich nebensächliche Spitzfindigkeiten mehr und mehr abstießen. Durch die Lektüre der Bibel in hebräischer und griechischer Sprache gewann er die Erkenntnis, dass nur die gelebte Frömmigkeit eines wiedergeborenen Geistes dem wahren Wesen des Christentums entspreche. Der Briefwechsel mit Theologen, deren Freundschaft er in Deutschland geschlossen hatte, überzeugte ihn davon, dass sich allein die Bibel und nicht die Philosophie als Grundlage der theologischen Erkenntnis eigne. So sprach sich etwa auch Eilhard Lubin gegen die Vermischung menschlicher und göttlicher Weisheit aus.Tholuck: Lebenszeugen, S. 97 Die Dogmatik lehnte Rosenkrantz demzufolge als nutzlose Theorie ab. Auch die Sittenlosigkeit seiner Zeit stieß ihn ab. Die doctrina secundum pietatis, die Lehre entsprechend der Frömmigkeit, war fortan der Inhalt aller seiner Schriften.Jens Glebe-Møller: Holger Rosenkrantz, "the Learned" (1574–1642) In den folgenden Jahrzehnten verfasste er insgesamt 86 lateinische Schriften, die jedoch bis 1900 nicht gedruckt wurden.

Das Leben auf seinem Gut war von dieser Frömmigkeit geprägt. Er gab die in seiner Familie gehaltenen Andachten unter dem Titel Hør danske Mand (Höre dänischer Mann) heraus und errichtete eine Kirchenbibliothek im zu Rosenholm gehörenden Kirchspiel Hornslet (Rosenholm Kommune). Reste dieser Bibliothek befinden sich noch heute in der Kirche von Hornslet.Hornslet Kirkes historie Um die Bauern von der Zehntpflicht zu entlasten, verlieh er Bauernhöfe an Amtsinhaber von Pfarreien und festangestellte Volksschullehrer. Außerdem gründete er in Hornslet ein Hospital.

Politische Karriere Rosenkrantz stammte aus einer der einflussreichsten Familien des dänischen Adels. Daher gewann er trotz seiner persönlichen Abkehr vom Luthertum, der Staatsreligion in Dänemark, Einfluss auf den König Christian IV., der ihn 1608 zu seinem Berater berief. Während des Kalmarkrieges reiste er in die Niederlande, um Truppen anzuwerben. Auch in religiösen Fragen hatte sein Wort in Dänemark Gewicht, insbesondere, seit er von der Universität Gießen besonders geehrt worden war. So stellte er sich vor den Bischof von Roskilde, Hans Poulsen Resen, als dieser sich in seinem Kampf gegen den heimlichen Arminianismus in Dänemark verrannt hatte, und kämpfte erneut gegen den Ramismus und den Sozinianismus. Wichtig war auch sein persönlicher Einfluss auf Jesper Rasmussen Brochmand und Caspar Bartholin. Als Herzog Johann Adolf von Schleswig-Holstein-Gottorf den Kryptocalvinismus förderte, wurde Rosenkrantz um Rat gefragt. 1614 erhielt er eine Kanoniker-Präbende von Aarhus.

1616 wurde er in den Reichsrat aufgenommen und wurde bald zu dessen führendem Mitglied. Besonders in der dänischen Außenpolitik nahm er bis 1627 eine führende Stellung ein. Viermal war ihm das Reichssiegel bei der Abwesenheit des Kanzlers anvertraut. Er nahm an verschiedenen Gesandtschaften teil. 1620 repräsentierte er den dänischen König auf der Hochzeit Gustav Adolfs. 1621 reiste er mit dem damaligen Reichskanzler Jacob Ulfeldt (1567–1630) in die Niederlande, wo er ein Abkommen mit den Generalstaaten abschloss, das dazu beitrug, die Niederlande von Schweden zu trennen. Das ermöglichte Christian IV., seine norddeutsche Interessensphäre auszudehnen und so die schwedischen Eroberungen im östlichen Baltikum zu kompensieren. 1623 handelte er eine Ausweitung der Militärunion zwischen den Herzogtümern Schleswig und Holstein und Dänemark aus, die im Hinblick auf die steigenden Spannungen zum Kaiserreich und den Katholiken in Deutschland und zum schwedischen Nachbarn von Bedeutung waren. Sein Versuch, Christian IV. zu einem Verteidigungsbündnis mit Schweden gegen Polen zu bewegen, scheiterten jedoch. Offen kritisierte er die militärische Intervention des Königs in Norddeutschland. Während Christian IV. auf die Angriffskraft seines Söldnerheeres setzte, empfahl Rosenkrantz gegen die Ratsmehrheit die Ausweitung der Verteidigung an allen Grenzen und versuchte, den Frieden solange wie möglich aufrechtzuerhalten.

Er erhielt für die Zeit von 1617 bis 1620 das Lehen Dalum auf Fünen und von 1618 bis 1620 dazu noch Skinnerupgaard, ein Hof im Kirchspiel Ulbjerg und von 1618 bis 1628 Odensegaard (St. Hans Kloster).

mini|hochkant|Pavillon neben Schloss Rosenholm Die hohen Kredite und Bürgschaften, zu denen Rosenkrantz als Mitglied des hohen Adels während der Kriege gegenüber dem König verpflichtet war, belasteten ihn finanziell schwer, insbesondere da die Ausbildung seiner Kinder und Ziehkinder und seine Bibliothek hohe Kosten verursachten. Neben Skrupeln, durch seine politische Tätigkeit sein Glaubensleben und seine Familie zu vernachlässigen, quälte ihn eine schwere Krankheit. 1623 bat er deshalb den mit ihm befreundeten königlichen Kanzler Christian Friis, König Christian IV. seine Bitte zu überbringen, ihn aus dem Staatsdienst zu entlassen. Doch der Kanzler weigerte sich wiederholt. Daraufhin legte Rosenkrantz sein Amt während einer Ratssitzung in Odense im Oktober 1627 selbst nieder und siedelte mitsamt seiner Familie und einem Teil seines Besitzes nach Göteborg über. Gut Rosenholm wurde von kaiserlichen Truppen unter Wallenstein geplündert, die im Dreißigjährigen Krieg 1627 durch Jütland zogen. Seine Bibliothek wurde nach Boitzenburg verschleppt. Nach dem Friedensschluss 1629 konnten Rosenkrantz und seine Familie zurückkehren und das verwüstete Gut wieder aufbauen. Auch erhielt er seine Bücher zurück. Das gute Verhältnis zum König hatte jedoch wegen seiner Amtsniederlegung gelitten.

Pädagoge und Theologe