Stilübungen nennt man die Übersetzung neusprachlicher Texte ins Lateinische und Altgriechische im Rahmen des Studiums der Klassischen Philologie. Ihr Hauptzweck liegt in der Aneignung der antiken Sprachen, da die aktive Handhabung Grammatik und Wortschatz intensiver trainiert und das Sprachgefühl für die Analyse originaler Texte schärft. Stilübungen werden aber auch als kreative Aufgabe um ihrer selbst willen betrieben. Im untechnischen Sinne wird als „Stilübung“ auch jede andere schriftstellerische Leistung zu Ausbildungszwecken bezeichnet.Z. B. Raymond Queneau, Exercices de style, 1995.
Übersetzungen in Prosa Die Übersetzung einzelner Sätze und Textabschnitte in lateinische und griechische Prosa gehört an den meisten Universitäten zum Lehrplan im Studium der Latinistik und der Gräzistik. Häufig ist eine Stilaufgabe auch Teil der Zwischenprüfung oder des Abschlussexamens. Aus dem Schulunterricht ist die bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts übliche Stilübung dagegen inzwischen weitgehend verschwunden.
In Deutschland werden dabei meist deutsche Übertragungen aus antiken Autoren in die Originalsprache zurückübersetzt, wobei es nicht darum geht, den ursprünglichen Wortlaut zu treffen, sondern grammatikalisch, lexikalisch und stilistisch fehlerfrei zu formulieren. Im englischen Sprachraum werden dabei in der Regel einheimische literarische Texte als Vorgabe verwendet („Prose Composition“).
Übersetzungen in Verse Die Übersetzung moderner dichterischer Texte, beispielsweise von Abschnitten aus Dramen von Shakespeare, in lateinische und griechische Verse ist eine fast ausschließlich in Großbritannien gepflegte Tradition („Verse Composition“). Die gebräuchlichsten Versmaße im Lateinischen sind Hexameter und elegische Distichen, im Griechischen jambische Trimeter. Zum Vorbild dienen vor allem jeweils Vergil, Ovid und die drei klassischen griechischen Tragiker Aischylos, Sophokles und Euripides.
Eine solche Aufgabe gehörte zu Anfang des 20. Jahrhunderts noch zur Aufnahmeprüfung der Universitäten Oxford und Cambridge – unabhängig von der gewählten Fakultät. Heutzutage wird die Übersetzung in griechische und lateinische Verse nur noch vereinzelt als Wahlfach oder in akademischen Wettbewerben (z. B. dem Gaisford Prize for Greek Verse) gepflegt.
Zur Illustration kann ein kurzes Gedicht von Schiller und seine lateinische Nachdichtung (mit einer Aristophanes’ „Wolken“ v. 333 zitierenden altgriechischen Überschrift) von Benjamin Kennedy dienen:Sabrinae Corolla in hortulis Regiae Scholae Salopiensis contexuerunt tres viri floribus legendis. Bell & Daldy, 3. Aufl., London 1867, S. 160 f.
An die Astronomen Schwatzet mir nicht so viel von Nebelsternen und Sonnen; Ist die Natur nur groß, weil sie zu zählen euch gibt? Euer Gegenstand ist der erhabenste freilich im Raume; Aber, Freunde, im Raum wohnt das Erhabene nicht.
῎Ανδρας μετεωροφένακας Quid me tot nebulis, tot solibus usque fatigas? An nisi quod numeres est tibi grande nihil? Maxima quae capiat spatium, Meteore, recenses, Sed spatium magni nil, Meteore, capit.
Kritik und Rechtfertigung Gegen Stilübungen wird eingewandt, dass es keinen sinnvollen Zweck für die Übersetzung in Sprachen gebe, die von niemandem mehr als Muttersprache gebraucht werden. Ziel des Studiums der klassischen Literatur sei das Verständnis antiker Texte, nicht die künstliche Herstellung neuer Texte in „toten Sprachen“.
Zur Verteidigung der Stilübungen werden dagegen folgende Argumente angeführt:
Sofern auch moderne Texte in die alten Sprachen übersetzt werden, lässt sich hinzufügen:
Siehe auch Griechische Sprache Griechischunterricht Lateinische Sprache Lateinunterricht Klassische Philologie Gräzistik Latinistik Übersetzung (Sprache)
Literatur Hermann Menge: Repetitorium der lateinischen Syntax und Stilistik. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 21. Auflage 1995. Gregor Maurach: Lateinische Stilübungen. Ein Lehrbuch zum Selbstunterricht. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2. Aufl. 2006. Lothar Willms: Lateinische Stilübungen. Ein Arbeitsbuch mit Texten aus Cäsar und Cicero. Aufgaben und kommentierte Musterübersetzungen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017. W. R. Hardie: Latin Prose Composition. Edward Arnold, London 1908. David J. Califf: A Guide to Latin Meter and Verse Composition. Anthem Press, London 2002. C. H. St. L. Russell: Elegeia. Passages for Latin Elegiac Verse with Hints and English-Latin Gradus. MacMillian & Co., London 1907. Hermann Menge: Repetitorium der griechischen Syntax. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 10. Auflage 1999. Herwig Görgemanns, Manuel Baumbach, Helga Köhler: Griechische Stilübungen. Übungsbuch zur Formenlehre und Kasussyntax. Winter, 2. Aufl. Heidelberg 2009. Arthur Sidgwick: Introduction to Greek Prose Composition with Exercises. Caratzas Brothers, New Rochelle 1976. Arthur Sidgwick: An Introduction to Greek Verse Composition with Exercises. Rivington's, London 1885.
Einzelnachweise
Kategorie:Kulturwissenschaft Kategorie:Altphilologie Kategorie:Klassische Altertumswissenschaften