Das Internationale Netzwerk Engagierter Buddhisten ist eine Verbindung von Einzelnen, Gruppen und Institutionen in über 30 Ländern zur Förderung des Buddhismus, der Menschenrechte, sozialer Gerechtigkeit sowie konkreter Projekte aller Art, die aus einer buddhistischen Geisteshaltung entstehen. Das INEB wurde 1989 auf Initiative von Sulak Sivaraksa zusammen mit den Schirmherren, dem 14. Dalai Lama, dem vietnamesischen Mönch und Zenmeister Thích Nhất Hạnh und dem thailändischen Mönch und Dharmalehrer Buddhadasa Bhikkhu gegründet, als Vertreter der drei Hauptrichtungen des Buddhismus. Die Schirmherrschaft des Letzteren ging nach seinem Tode auf den Kambodschaner Maha Ghosananda über und von diesem auf den thailändischen Mönch und Gelehrten Kusalacitto. INEB vernetzt lokale, nationale und globale Initiativen, die sich für eine friedliche, menschenwürdige, umweltfreundliche und gerechtere Lebensweise einsetzen. mini|INEB-Konferenz 2009 in Chiang Mai; Mönche aus Sri Lanka überreichen Sulak Sivaraksa ein Geschenk

Netzwerk Das INEB wurde gegründet auf der Basis von Kalyanamitta, der geistigen Freundschaft Einzelner untereinander, und wird auch heute noch davon inspiriert. Unter den 36 Gründern befanden sich Mönche, Nonnen und Laien aus elf Ländern. Die Buddhist Peace Fellowship (BPF) aus den U.S.A. war Mitbegründer und ist dem INEB weiterhin solidarisch verbunden. Das INEB hat zwar ein Büro in Bangkok, ist aber keine hierarchisch strukturierte Organisation, sondern ein offenes Forum, das engagierten Buddhisten die Möglichkeit bietet, Ideen auszutauschen, Aktivitäten zu verknüpfen und zu koordinieren. Das Netzwerk basiert auf internationalen und interkulturellen Kontakten sowie auf gegenseitigem Respekt und auf geschlechtlicher Gleichberechtigung. Alle buddhistischen Schulen und Traditionen können sich einbringen. Diese Vielfalt verstärkt das Verständnis für das Zusammengehen von Meditationspraxis und Sozialengagement auf der Basis von buddhistischen Werten und von Mitgefühl.

mini|INEB-Konferenz 2009, abschließender Peace Walk Zu den alle zwei Jahre einberufenen Konferenzen, die an wechselnden Orten stattfinden, treffen sich Mönche und Nonnen, Klostervorsteher, Leiter von Zentren, Akademiker, Dharma-Lehrer und junge Aktivisten zum gemeinsamen Meditieren, zur gegenseitigen Inspiration und zur Präsentation eigener Projekte. Wer im Geiste der Lehre Buddhas einen Beitrag leisten möchte, um den Menschen und anderen Lebewesen sowie der Umwelt in irgendeiner Form zu helfen, kann seine Idee, sein Projekt oder sein Engagement einbringen. Derzeit besonders aktive Netzwerke gibt es in den USA, in Indien, Sri Lanka, Thailand, Myanmar, Kambodscha, Malaysia, Indonesien, Taiwan und Südafrika, aber auch in Japan und in Südkorea.

Das Spektrum der Themen, die im Netzwerk besprochen und aktiv angegangen werden, ist vielfältig, und die Akzente sind von Gruppe zu Gruppe sowie von Land zu Land verschieden: ethische Fragen, Friedensarbeit, Menschen- und Tierrechte, soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz, Entwicklungs- und Flüchtlingshilfe, medizinische Versorgung, Gründung und Unterstützung von NGOs, alternative Wirtschaftsformen, Freiheit für Tibet, Freiheit für Myanmar, Erziehung und Jugendbildung, Betreuung von Waisen, Arbeit mit Obdachlosen und Gefängnisinsassen, Drogenentzug, HIV-Prävention und Aids-Hilfe, Hospizarbeit und Sterbebegleitung, Reform der Sangha, Ordination von Frauen, Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, sexueller Orientierung, sozialem Status oder ethnischer Zugehörigkeit, sowie interreligiöser Dialog.

Engagierter Buddhismus mini|Konferenz 2009, Friedensgebet

Der Buddhismus lehrt nicht nur Entsagung von materiellem Besitz, Loslösung von Anhaftung und Besinnung, weshalb sich in den verschiedenen Traditionen unterschiedliche Meditationsformen entwickelten, sondern appelliert über aktives, unbegrenztes Mitgefühl (karuna) auch an die verantwortungsvolle Zuwendung zu den anderen Wesen und zur Natur, wie beispielsweise das Ideal des Bodhisattva zeigt. Aus der Überwindung des isolierten Ego und dem Wissen um die gegenseitige Abhängigkeit der Dinge entsteht gegenseitiges Verstehen und Engagement für die gemeinsame Welt. Engagierter Buddhismus will zur Verwirklichung einer globalen, gewaltfreien und solidarischen „Kultur des Erwachens“ beitragen. Die Lehre des Buddha über den Zusammenhang von Ursache und Wirkung bekommt angesichts der globalen Krisen, Abhängigkeiten, Herausforderungen und Leiden eine neue Aktualität. Das INEB sucht Antworten und belebt Solidarität, die im buddhistischen Weltbild wurzeln. Dies wird in dem bekannten tibetischen Mantra so ausgedrückt: om mani padme hum – „Mögen alle Wesen frei sein von Leid und den Ursachen des Leids. Mögen alle Wesen glücklich sein“. Buddha selbst entwickelte eine detaillierte Analyse über das „bedingte Entstehen“ der Klassengesellschaft, von Gewalt und Krieg aus dem Besitzdenken und von Kriminalität auf Grund von Armut. Auch in seinem Handeln gab er Orientierung in den Bereichen des Sozialen (Gleichwertigkeit aller Menschen, keine Klassen- und Rassenschranken), der Geschlechterbeziehung (Gleichwertigkeit von Mann und Frau), der Wirtschaft (selbstbeschränkender Wohlstand für alle), der Politik (Gewaltlosigkeit), der Verwaltung (demokratische Selbstverantwortung), des Umgangs mit der Natur (keinem Wesen Schaden zufügen) und in vielen anderen Fragen des Zusammenlebens.

Die geistigen Inhalte und Ziele der buddhistischen Lehre sind ohne Demokratie, Gerechtigkeit, Gewaltfreiheit, Pflege der Natur und Solidarität unter Menschen nicht zu erreichen. Deshalb ist Buddhismus immer auch engagierter Buddhismus. Meditation ist dann nicht Ausstieg, sondern Vorbereitung eines Einstiegs in die Gesellschaft und Stille zwischen engagierten Phasen. Achtsamkeit, (vipassana), eines der Hauptthemen im Buddhismus, heißt bewusst zu leben, wozu – heute besonders – auch das Wissen um globale Zusammenhänge gehört. Beispielsweise geht jegliche Art der Diskriminierung oder hemmungsloser Konsumismus und unbedachter Umgang mit Ressourcen auf Kosten anderer, was weder zur buddhistischen Grundhaltung noch zu den Erfordernissen der heutigen Zeit passt. Engagiert zu sein, meint jedoch nicht noch mehr Aktivität oder gar Aktionismus. Engagierter Buddhismus ist die bewusste Rückkehr von der Meditation in die Aktion, vom Kissen an den Arbeitsplatz, vom Meditationsraum in unseren Lebensraum, von der Sangha in die Gesellschaft, von der Klause in den Bergen hinunter auf den Marktplatz. Es geht darum, die Meditation zu verlassen, ohne die Meditation zu verlassen. Engagierter Buddhismus zeigt, wie innere spirituelle Entwicklung und sozial-ökologische Aktion in einer wirkungsvollen Synthese verbunden werden können. Die Achtsamkeit im Innehalten, Stillwerden und Hinschauen findet dann nicht nur in der Meditation statt, sondern fließt in alle Aktivitäten ein.

Engagierter Buddhismus in Asien Geschichte Mit der kulturellen Ausbreitung des Bodhisattva-Ideals begann die Geschichte des gesellschaftlich, ja politisch engagierten Buddhismus und mit dem indischen Herrscher Ashoka die Geschichte des Buddhismus als Staatsreligion. Öffentliche Wohlfahrt, Spitäler für Arme, Alte und Kranke, gerechte Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums sowie eine Gerichtsbarkeit, die weniger auf Strafe und mehr auf die Vermeidung von Verbrechen und die Besserung des Straftäters zielte, sind nur einige der Merkmale des von Ashoka geschaffenen buddhistischen Sozialstaats. Mit Ashokas Reich begann der Einfluss des Buddhismus in anderen asiatischen Ländern. Mit dem Bodhisattva-Ideal und dem Mythos des ashokanischen Gemeinwesens hatte der gesellschaftlich engagierte Buddhismus prägende und über die Jahrhunderte wirkende Gestalt angenommen.

500 Jahre nach Ashoka ist Nagarjunas Juwelenkranz der königlichen Ratschläge ein weiterer Meilenstein in der Sozialethik des Bodhisattva-Handelns. Der große philosophische Begründer des Mahayana-Buddhismus sieht in der Transformation der eigenen Persönlichkeit das Fundament einer buddhistischen Ethik sozialen Handelns. Grundlegend für Nagarjuna ist das Prinzip der Gewaltlosigkeit. Da Gewalt bloß neue Gewalt schafft, lehnt Nagarjuna auch die Todesstrafe ab und fordert – seiner Zeit weit voraus – Rehabilitationsmaßnahmen für Strafgefangene.

In China gelangte der Buddhismus von ca. 200 n. Chr. bis ca. 900 n. Chr., also in Zeiten starker sozialer und politischer Unruhe, zu seiner größten Blüte und Ausbreitung. Die Klöster zeichneten sich durch eine rege sozial engagierte Tätigkeit aus, beispielsweise durch zinslose Kredite an verarmte Bauern sowie durch den Bau von Krankenhospizen und Schutzhäusern für Verfolgte oder Obdachlose. Außerdem waren die Buddhisten sehr kreativ in der Entwicklung neuer Heilmittel und Therapien, um den bis dahin großen Anteil an Arzneimitteln aus tierischen Bestandteilen abzuschaffen. Die gesellschaftliche Bedeutung und Wirkung des Buddhismus war allerdings den staatstragenden Konfuzianern ein großer Dorn im Auge, so dass es in China auch zu schweren Pogromen gegen Buddhisten kam, mit über zwei Millionen getöteten Mönchen und Nonnen sowie über 30.000 zerstörten Tempeln. Von diesen verheerenden „Säuberungsaktionen“ hat sich der Buddhismus in China auf Jahrhunderte nicht mehr erholt.

Während der Jahrhunderte der Beherrschung großer Teile Asiens durch europäische Kolonialmächte erlitt der Buddhismus einen dramatischen Niedergang. In Sri Lanka wurde der Mönchssangha durch die Portugiesen im 16. Jahrhundert fast ausgerottet und Japan ist zur gleichen Zeit fast völlig unter die Herrschaft des Christentums gefallen. In Birma wurde der Buddhismus unter den Engländern auf den Stand eines von Geistern und Dämonen geprägten Volksaberglaubens zurückgedrängt. Dies änderte sich, als zum Ende des 19. Jahrhunderts in Europa die Entdeckung der „Weisheit des Ostens“ modisch wurde und unter sozialistischem Einfluss in ganz Asien eine wachsende antikoloniale Bewegung aufkam. Die Lehre des Buddha wurde in vielen südostasiatischen Ländern zum Thema der Identifikation im Ringen um nationale Unabhängigkeit und sozialen Fortschritt gegen die Infiltration europäischer Religion und den aufgezwungenen westlichen Lebensstil. In Birma und in Sri Lanka schien es fast so, als käme es zur Reinstallierung des Buddhismus als Staatsreligion. Doch beide Versuche der Herausbildung eines „buddhistischen Sozialismus“ fanden einen unrühmlichen Ausgang: das durch Putsch 1962 an die Macht gekommene Militärregime in Myanmar (Birma) praktiziert weder Sozialismus noch Buddhismus und hat den Einfluss der Mönche auf die Gestaltung der Gesellschaft so gut wie ausgeschaltet. Sri Lanka begab sich zeitweilig in die Abhängigkeit großer „sozialistischer Bruderländer“, während man nach innen einen verhängnisvollen Kurs der ethnischen Spaltung steuerte, das Überleben des Buddhismus mit der Vorherrschaft des singhalesischen Volkes gleichsetzte, das Buddha-Dhamma in einen gewalttätigen Nationalismus verkehrte und Minderheiten ausgrenzte.

Mit dem Bodhisattva-Ideal und dem Mythos des ashokanischen Gemeinwesens hatte der gesellschaftlich engagierte Buddhismus prägende und über die Jahrhunderte wirkende Gestalt angenommen. Obwohl der Buddhismus in den Ländern, in denen er sich über Jahrhunderte hinweg stabilisieren konnte, zunehmend zum Bündnis mit den herrschenden Schichten tendierte und in Tibet sogar die Gestalt einer feudalistischen Theokratie annahm, wirkten in ihm doch stets egalitäre, befreiende und humanisierende gesellschaftliche Kräfte.

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