C/1973 E1 (Kohoutek) ist ein Komet, der um den Jahreswechsel 1973/74 mit dem bloßen Auge beobachtet werden konnte. Der Komet wurde im Vorfeld von den Medien als „Jahrhundertkomet“ angekündigt, blieb dann aber hinter diesen überzogenen Erwartungen weit zurück. Auf wissenschaftlichem Gebiet wurde er der am besten erforschte Komet zur Zeit seiner Erscheinung.
Entdeckung und Beobachtung Der Komet 3D/Biela war bei seiner Wiederkehr 1845/1846 in zwei Teile zerbrochen. Sie konnten zwar 1852 noch ein weiteres Mal beobachtet werden, seither wurde aber nichts mehr von ihnen gesehen. Brian Marsden hatte 1971 neue Bahnelemente des Kometen veröffentlicht, was hoffen ließ, dass eine erneute Suche nach dem Kometen zu einem Auffinden irgendeines Überrestes von ihm führen könnte. Der Astronom Luboš Kohoutek an der Hamburger Sternwarte in Bergedorf entschloss sich, an dieser Suche teilzunehmen, und inspizierte zwischen Oktober und November 1971 mehrere Himmelsareale. Obwohl er keine Kometenreste fand, entdeckte er dabei 52 bisher unbekannte Asteroiden, von denen bei 35 eine Bahnbestimmung durchgeführt werden konnte. Die meisten von ihnen sollten Anfang 1973 wieder in günstiger Beobachtungsposition sein, daher versuchte Kohoutek, sie wieder mit einem 80-cm-Schmidt-Teleskop zu beobachten. Am 18. März 1973 entdeckte er auf zwei Aufnahmen, die er am 7. und 9. März auf der Suche nach dem Asteroiden (8606) 1971 UG gemacht hatte, einen nebligen Fleck mit einer Helligkeit von etwa 16 mag, der sich weiterbewegt hatte. Er meldete seine Beobachtung am 19. März an das Central Bureau for Astronomical Telegrams (CBAT) und konnte den Kometen am 21. März bei einer Helligkeit von 15 mag wieder auffinden.
Zum Zeitpunkt seiner Entdeckung war der Komet noch 5,2 AE von der Sonne und 4,2 AE von der Erde entfernt; dies war zu jener Zeit der größte Sonnenabstand für eine Kometenentdeckung. Nachträglich konnte Kohoutek ihn auch auf einer Fotografie auffinden, die er bereits am 28. Januar (ebenfalls auf der Suche nach dem Asteroiden 1971 UG) gemacht hatte. Eine erste Bahnberechnung durch Marsden ergab, dass der Komet gegen Ende des Jahres in Sonnennähe kommen und dann ein helles Objekt für die Beobachtung mit dem bloßen Auge werden könnte.
Während der folgenden Monate konnte der Komet aber zunächst nur fotografisch beobachtet werden. Bis Ende April war seine Helligkeit auf 14,5 mag gestiegen und er konnte von Elizabeth Roemer in Arizona erstmals visuell durch ein Teleskop beobachtet werden. Ende Mai gelangen die letzten Beobachtungen in Argentinien, bevor der Komet sich für Beobachter auf der Erde zu sehr der Sonne näherte. Ende September konnte der Komet durch Tsutomu Seki in Japan erstmals wieder fotografiert werden; er hatte sich inzwischen der Sonne bis auf 2,2 AE genähert. Im Oktober wurde der Komet vielfach in der Morgendämmerung beobachtet. Seine Helligkeit lag bei etwa 10 mag, aber sie stieg weiter an, sodass der Komet ab der zweiten Hälfte des Oktobers von vielen Beobachtern visuell mit Teleskopen und Ferngläsern beobachtet werden konnte, und erreichte Anfang November 8 mag. Auch ein Schweif hatte begonnen, sich auszubilden, und erreichte bis Ende November eine Länge von 1°.
Anfang Dezember wurde der Komet in Florida bei einer Helligkeit von 5,5 mag erstmals mit bloßem Auge beobachtet. Er näherte sich immer mehr der Sonne, was seine Beobachtung in der Morgendämmerung erschwerte. Mitte des Monats war die Helligkeit auf etwa 4 mag gestiegen und die Schweiflänge betrug 12–15°. Der Komet war immer weiter in den Südhimmel gewandert und wurde vor seiner Konjunktion mit der Sonne zum letzten Mal am 22. Dezember bei einer Helligkeit von etwa 2,5 mag von einem Beobachter in Australien und von John Caister Bennett in Südafrika aufgefunden.
mini|links|Komet Kohoutek fotografiert von einem Astronauten an Bord von Skylab Am 27. Dezember ging der Komet für Beobachter auf der Erde in einem Winkelabstand von 0,6° an der Sonne vorbei. Beobachtet werden konnte dies allerdings nur von Bord der Weltraumstation Skylab mit einem Koronografen. Die Helligkeit wurde mit „sicher heller als 0 mag und möglicherweise heller als −3 mag“ angegeben. Zwei Tage später berichteten die Astronauten der Mission Skylab 4 von einem „spektakulären, auf die Sonne zu gerichteten Strahl“, der auch am folgenden Tag noch zu sehen war. Ein solcher Gegenschweif war bereits von Zdenek Sekanina vorhergesagt worden; er machte Teilchen im Submillimeter- oder Millimeter-Bereich dafür verantwortlich, die sich bereits zwei Monate zuvor vom Kometenkern gelöst hatten. Erst später wurde bekannt, dass auch der japanische Amateurastronom K. Mameta in Kobe den Kometen am Morgen des 27. Dezember kurz nach Sonnenaufgang für mehrere Minuten mit einem Fernglas am Taghimmel beobachtet hatte.D. A. J. Seargent: The Greatest Comets in History: Broom Stars and Celestial Scimitars. Springer, New York 2009, ISBN 978-0-387-09512-7, S. 238.
Im Januar 1974 wurde der Komet am intensivsten beobachtet. Er war jetzt in der Abenddämmerung zu sehen und nach Helligkeitsschätzungen um 0 mag Anfang des Monats sanken die Werte unerwartet schnell wieder ab auf 4 mag um den 10. Januar und unter 6 mag bis Ende des Monats. Die Schweiflänge hatte von 3–5° auf etwa 1° abgenommen. Bei gleichem Sonnenabstand lag die Helligkeit nach dem Periheldurchgang etwa 1,5 mag unter der vor dem Periheldurchgang. Auch im Februar wurde der Komet noch vielfach beobachtet, zunächst mit Ferngläsern, dann mit Teleskopen. Der Gegenschweif konnte noch den ganzen Monat beobachtet werden. Im März waren dann keine visuellen Beobachtungen mehr möglich, Mitte des Monats lag die Helligkeit des Kometen noch bei 9 mag, der Komet erschien als große, sehr schwache und diffuse Wolke. Ende April gelangen noch wenige Aufnahmen bei einer Helligkeit von 18 mag und zum letzten Mal konnte der Komet am 10. November 1974 durch E. Roemer in Arizona fotografiert werden; sie schätzte die Helligkeit auf 22 mag.B. G. Marsden: Comets in 1973. In: Quarterly Journal of the Royal Astronomical Society. Band 15, 1974, S. 433–460, (PDF; 2,74 MB).B. G. Marsden, E. Roemer: Comets in 1974. In: Quarterly Journal of the Royal Astronomical Society. Band 19, 1978, S. 38–58, (PDF; 398 kB).G. W. Kronk, M. Meyer: Cometography – A Catalog of Comets. Volume 5: 1960–1982. Cambridge University Press, Cambridge 2010, ISBN 978-0-521-87226-3, S. 363–374.
Der Komet erreichte eine maximale Helligkeit von 0 mag,P. Moore, R. Rees: Patrick Moore’s Data Book of Astronomy. Cambridge University Press, Cambridge 2011, ISBN 978-0-521-89935-2, S. 271. nach anderen Angaben erreichte er −3 mag.R. Stoyan: Atlas of Great Comets. Cambridge University Press, Cambridge 2015, ISBN 978-1-107-09349-2, S. 166–169.
Auswirkungen auf den Zeitgeist Als der Komet entdeckt wurde, war er noch so weit von der Sonne entfernt wie der Planet Jupiter; ermöglicht wurde dies durch seine relativ große Helligkeit bereits in dieser Entfernung. Bald nach seiner Entdeckung wurden einerseits Bahnelemente berechnet, die auf ein Periheldatum um den 28. Dezember hindeuteten, andererseits wurden mögliche Szenarien für seine Helligkeitsentwicklung durchgespielt. So berechneten Henri Debehogne und Jean Meeus aus den bis Ende April 1973 vorliegenden Daten Ephemeriden und Vorhersagen für die Helligkeit des Kometen. Man rechnete im günstigsten Fall mit einer Sichtbarkeit mit bloßem Auge ab Anfang November, einer Helligkeit wie der Polarstern gegen Ende November und einer Helligkeit wie Jupiter um die Mitte Dezember. Bis zu seinem Periheldurchgang wäre in einem sehr optimistischen Fall mit einer Helligkeit bis zu −10 mag zu rechnen, so dass der Komet ähnlich hell wie der Halbmond leicht am Taghimmel neben der Sonne zu sehen wäre. Es wurde allerdings klar gestellt, dass dies wahrscheinlich ein viel zu optimistisches Szenario sein dürfte, denn in einem weniger optimistischen Fall wäre nur mit Maximalhelligkeiten von etwa 0 mag zu rechnen. Es wurde daher noch einmal herausgestellt, dass man zum damaligen Zeitpunkt nicht mehr sagen könne, als dass der Komet vielleicht am Tage zu sehen sein könnte.H. Debehogne, J. Meeus: La comète Kohoutek (1973 f). In: Ciel et Terre. Band 89, Nr. 4, 1973, S. 316–323, (PDF; 479 kB).
Die Massenmedien stürzten sich (nicht überraschend) auf die optimistischsten Vorhersagen und die Öffentlichkeit, besonders in den Vereinigten Staaten, wurde schon darauf vorbereitet, dass es einen „Weihnachtskometen“ geben würde, aber den endgültigen Anstoß zur Hysterie gab ein Interview eines Experten der NASA, der beiläufig bemerkte, dass „Kometen dieser Größe nur einmal in hundert Jahren auftreten“. Damit wurde ein wahrer Kometenrausch ausgelöst, man sprach nur noch vom „Kometen des Jahrhunderts“, der noch die Erscheinung des Halleyschen Kometen von 1910 in den Schatten stellen würde, der heller als der Vollmond in der Nacht leuchten würde und am Tag zu sehen wäre mit einem Schweif, der ein Sechstel des Himmels überspannt. Bis Mitte des Jahres 1973 waren diese „Fakten“ den meisten Menschen bekannt und ihr Wahrheitsgehalt wurde scheinbar noch dadurch bestätigt, dass sogar der Start der Skylab-4-Mission hinausgezögert wurde, damit die Astronauten den Kometen während ihrer Weltraumspaziergänge beobachten konnten. Es wurden Souvenirs zuhauf verkauft, Kometenreisen in dunkle Gegenden organisiert und sogar eine dreitägige „Komet Kohoutek-Kreuzfahrt“ mit der Queen Elizabeth 2 wurde für Dezember auf dem Atlantik arrangiert, während der der Entdecker einen Vortrag über „seinen“ Kometen halten sollte (was wegen eines Anfalls von Seekrankheit allerdings ausfiel).
In Deutschland titelte ein großes Boulevardblatt bereits am 20. Juni 1973: „Riesiger Komet rast auf unsere Erde zu…“, teilweise wurde in seriösen Zeitschriften aber auch sachlicher über den Kometen berichtet.Komet Kohoutek: Gala-Schau am Nachthimmel. In: Der Spiegel. Nr. 45, 5. November 1973, S. 181–185 (PDF; 530 kB). Als sich im November abzeichnete, dass der Komet nicht die optimistischen Vorhersagen erfüllen würde, gab es warnende Stimmen von Experten, die aber ungehört blieben. Im Dezember stieg der Verkauf von Teleskopen in den USA um 200 % und noch am 17. Dezember veröffentlichte das Magazin „Time“ einen reißerischen Special Report: Kohoutek: Comet of the Century.
Als der Komet um die Weihnachtszeit nicht die erwartete Helligkeitsentwicklung zeigte und nach seinem Periheldurchgang relativ rasch wieder verblasste, schlug die öffentliche Meinung schnell in Enttäuschung und Spott um und der Komet wurde jetzt als der „Reinfall des Jahrhunderts“, „Komet Kohouflop“, „Pleite“ oder „Fiasko“ bezeichnet. Schlimmer war jedoch, dass die Astronomie als exakte Wissenschaft im öffentlichen Ansehen für lange Zeit beschädigt war, dass man ihre Vorhersagen nicht mehr zur Kenntnis nahm und dass die Massenmedien sich in den folgenden Jahren insbesondere von allen Kometenthemen geflissentlich fernhielten. Als zwei Jahre später im März 1976 der Komet C/1975 V1 (West) als einer der größten Kometen des 20. Jahrhunderts erschien, wurde in Zeitungen nur beiläufig darüber berichtet, während Rundfunk und Fernsehen ihn völlig ignorierten, so dass die meisten Menschen nichts von diesem Kometen mitbekamen.W. D. Compton, Ch. D. Benson: Living and Working in Space: A History of Skylab (NASA SP-4208). Scientific and Technical Information Branch, NASA, 1983, ISBN 978-0-16-004146-4, S. 391–394 (online).
Wissenschaftliche Auswertung