Der Horea-Aufstand (auch: Aufstand von Horea, Cloșca und Crișan) war eine Erhebung leibeigener rumänischer Bauern in Siebenbürgen Ende 1784. Er erregte zu seiner Zeit – wenige Jahre vor Ausbruch der Französischen Revolution – Aufsehen in ganz Europa.Horst G. Klein, Katja Göring: Rumänische Landeskunde. Gunter Narr Verlag, 1995. ISBN 978-3-8233-4149-9. S. 36
Hintergrund mini|Joseph II. Siebenbürgen gehörte zur Zeit des Aufstandes bereits seit knapp 100 Jahren zur Habsburgermonarchie. Diese versuchte, von Wien aus einen möglichst einheitlich verwalteten Staat zu schaffen. In Siebenbürgen jedoch konnten die traditionell privilegierten drei Stände (ungarischer Adel, Szekler und Siebenbürger Sachsen) ihre Vorrechte zunächst noch bewahren, während den Rumänen (damals meist Walachen genannt) – die damals bereits die absolute Bevölkerungsmehrheit in Siebenbürgen stellten – durch das ständische System jedwede politische Mitwirkung und zumeist auch Chancen zur wirtschaftlichen Entwicklung verwehrt waren. Der größte Teil der Rumänen arbeitete als Leibeigene für den ungarischen Adel, andere als „Geduldete“ auf den Gebieten der Siebenbürger Sachsen (Königsboden) und der Szekler.
Der habsburgische Kaiser Joseph II., der 1780 seine Ämter als König von Ungarn und Großfürst von Siebenbürgen angetreten hatte, versuchte, seinen Staat politisch und wirtschaftlich rasch zu modernisieren („Josephinismus“). In den ersten Regierungsjahren erklärte Joseph die siebenbürgischen „Nationen“ – d. h. die drei privilegierten Stände – und deren Selbstverwaltung für aufgelöst. Das Toleranzpatent von 1781 erlaubte den orthodoxen rumänischen Gläubigen die Ausübung ihrer Religion.
1783 machte sich Joseph auf einer Reise durch Siebenbürgen selbst ein Bild von der Lage im Land. Er erhielt insbesondere von Rumänen zahlreiche Bittschriften. Diese baten um das Recht, sich auf Sachsen- und Szeklerboden niederlassen zu dürfen, und vor allem um eine Minderung der Last der Frondienste und Abgaben gegenüber den ungarischen Grundherren auf Komitatsboden. Joseph II. stellte den rumänischen Bauern eine baldige Besserung ihrer Lage in Aussicht.Wilhelm Bruckner: Die Reformen Kaiser Josef II. in Siebenbürgen. Inaugural-Dissertation der Philosophischen Fakultät der Universität Jena. Jena, 1867 Konkrete Zusagen gab es zunächst jedoch nicht.
Zunehmende Unruhe mini|Horea mini|Cloșca In dieser Situation kam es 1783 auf einem staatlichen Gut in Kleinschlatten zu Auseinandersetzungen, in deren Folge ein dort angestellter rumänischer Bauer namens Vasile Ursu Nicola (genannt Horea, Horia, Hora oder auch Horra) ins Apuseni-Gebirge flüchten musste. Horea war ein ehemals leibeigener Bauer, dem es gelungen war, sich freizukaufen. Er war Zimmermann;Gábor Barta et al.: Kurze Geschichte Siebenbürgens. Institut für Geschichte der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Budapest 1989. der Bau mehrerer Holzkirchen in Siebenbürgen, unter anderem der von Cizer, wird ihm zugeschrieben. Horea soll bereits seit 1779 in Wien wiederholt zu Audienzen bei Kaiser Joseph II. gewesen sein und dort die Anliegen der rumänischen Leibeigenen vorgetragen haben.Edgar Hösch et al.: Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Südost-Institut München. UTB-Verlag, 2004. ISBN 978-3-8252-8270-7 Einigen zeitgenössischen Berichten zufolge war Horea nach seiner Flucht erneut in Wien bei Joseph und kehrte anschließend ins Apuseni-Gebirge zurück.
Im Sommer 1784 veranlasste Joseph II. eine Militär-Konskription. Horea und sein Mitstreiter Cloșca (mit bürgerlichem Namen Ion Oargă) ließen unter den leibeigenen Bauern die Information verbreiten, dass jeder, der sich zum Militärdienst melde, von der Leibeigenschaft frei werde und eigenes Land bekomme. Dies war nicht von vornherein unglaubhaft, weil wenige Jahre zuvor bei einer Reform der Militärgrenze in Siebenbürgen mit den dort wohnenden Rumänen ähnlich verfahren worden war. Zahlreiche rumänische Bauern verließen deshalb ihre Grundherren ohne deren Erlaubnis und suchten die Einberufungsämter in Hötzing und Alba Iulia (deutsch Karlsburg, ungarisch Gyulafehérvár) auf. Die irritierte, desorganisierte siebenbürgische Verwaltung unter dem Gubernator Samuel von Brukenthal vermochte es nicht, das Gerücht rasch aus der Welt zu schaffen. Schließlich wurden die Bauern jedoch enttäuscht und mussten zurück auf die Landgüter ihrer Grundherren. Brukenthal seinerseits nahm an, dass wegen des nahenden Winters kein organisierter Widerstand seitens der Leibeigenen zu erwarten sei.Johann Georg Schaser: Denkwürdigkeiten aus dem Leben des Freiherrn Samuel v. Brukenthal, Gubernators von Siebenbürgen. Verlag v. Closius. Hermannstadt 1848. S. 68.
In dieser Situation verkündete am 28. Oktober 1784 Cloșca in Tannenhof einen angeblichen Befehl des Kaisers, die rumänischen Leibeigenen zu bewaffnen. Die Zuhörer sollten sich am 31. Oktober an der Kirche von Mesteacăn einfinden, um weitere Weisungen entgegenzunehmen. Dort versammelten sich zum angegebenen Termin etwa 400–500 Rumänen. Cloșca führte dabei aus, dass Horea einen Befehl vom Kaiser habe, nach Alba Iulia zu ziehen, sich dort bewaffnen zu lassen und Ungarn zu ermorden, da diese die Bauern nicht aus der Leibeigenschaft entlassen wollen.
Ausbreitung des Aufstandes Zu einem ersten Zusammenstoß kam es bereits am 1. November in Curechiu. Dort traten zwei Komitatsbeamte mit einigen Soldaten den Bauern entgegen und nahmen die Anführer einschließlich Horea fest. Die Gefangenen wurden jedoch von der Menge der Bauern befreit, die beiden Beamten erschlagen, mehrere Soldaten misshandelt. Der Marsch nach Alba Iulia wurde aufgegeben; von diesem Moment an verlegten sich die Bauern aufs Plündern und Brandschatzen der Herrenhäuser ungarischer Adliger. Erstes Ziel war Crișcior; dort töteten die Aufständischen 13 Angehörige der dortigen Adelsfamilie und alle anderen Ungarn, derer sie habhaft werden konnten.Johann Georg Schaser: Denkwürdigkeiten aus dem Leben des Freiherrn Samuel v. Brukenthal, Gubernators von Siebenbürgen. Verlag v. Closius. Hermannstadt 1848. S. 65f. Von nun an dehnte sich der Aufstand innerhalb weniger Tage rasch über die Komitate Zaránd, Hunyad und Unterweißenburg aus. Somit fand die Erhebung ausschließlich in den Regionen statt, in denen Adlige die Grundherrschaft ausübten; die Gebiete der Siebenbürger Sachsen und der Szekler waren nicht betroffen. In ihren Verlautbarungen betonten die Anführer der Bauern, dass sich diese als „kaiserliche Soldaten“ betrachteten und ihre Aktionen sich ausschließlich gegen die ungarischen Adligen richteten; Angriffe auf Einrichtungen der kaiserlichen Armee oder der staatlichen Verwaltung wurden vermieden.Johann Georg Schaser: Denkwürdigkeiten aus dem Leben des Freiherrn Samuel v. Brukenthal, Gubernators von Siebenbürgen. Verlag v. Closius. Hermannstadt 1848. S. 67.
Am 4. November wurden das Schloss Brănișca niedergebrannt und in den kommenden Tagen zahlreiche weitere Herrenhöfe zerstört und ausgeplündert. Die Adligen der betroffenen Regionen flohen nach Hermannstadt sowie in die Burgen von Deva und Hunedoara. Einige von ihnen entgingen dem Tod, indem sie sich bereit erklärten, ihr Land unter den Bauern zu verteilen und zum griechisch-orthodoxen Glauben zu konvertieren.
Insbesondere für die Anfangszeit des Aufstandes gibt es zum Teil widersprüchliche Angaben über die Abläufe, besonders hinsichtlich der handelnden Personen. So wird in zeitgenössischen Berichten des Öfteren eine Person namens „Salis“ als (Mit-)Anführer des Aufstandes erwähnt. Über deren Existenz und Rolle ist sich die historische Forschung bis heute nicht einig. In einem Teil der Schilderungen wird sie als ehemaliger preußischerPolitisches Journal. Hamburg, 1784. Zweiter Band. S. 1267. und/oder österreichischerHorja und Klotska, Oberhaupt und Rathgeber der Aufrührer in Siebenbürgen. Karlsburg und Hermannstadt, 1785. S. 9f. Offizier dargestellt, der als militärischer Hauptberater Horeas diente. Demnach habe sich dieser „Salis“ nach den einträglichen Plünderungen der ersten Tage der Erhebung mit einem erheblichen Teil der Beute von den aufständischen Bauern abgesetzt mit der Behauptung, im Osmanischen Reich Waffen kaufen zu wollen, sei dann aber nie wieder aufgetaucht.Horja und Klotska, Oberhaupt und Rathgeber der Aufrührer in Siebenbürgen. Karlsburg und Hermannstadt, 1785. S. 14f. Andere Quellen behaupten, bei „Salis“ handele es sich um einen russischen Agenten oder Spion, dessen Ziel es gewesen sei, entweder Unruhe zu stiften oder rumänische Bauern als Siedler für die Krim abzuwerben.D. Prodan: Din istoria Transilvaniei. Editura Enciclopedică. Bukarest, 1991. S. 349.adevarul.ro: Misteriosul Conte Salis, proscrisul din fruntea iobagilor lui Horea. A dispărut cu o avere strânsă din jafuri, în timp ce camarazii săi mureau în chinuri. 2. November 2015, abgerufen am 9. Dezember 2022. Wieder andere Autoren halten es für wahrscheinlich, dass „Salis“ zeitgleich zum Bauernaufstand wegen Verfehlungen in der österreichischen Armee oder wegen seiner AbwerbeversucheNicolae Densușianu: Revolutiunea lui Horia în Transilvania și Ungaria, 1784-1785. Verlag Carol Göbl. Bukarest, 1884. S. 186. steckbrieflich gesucht und nur irrtümlich mit der Erhebung in Verbindung gebracht worden ist.Georg Adolf Schuller: Samuel von Bruckenthal. Verlag Oldenbourg, 1969. Band 2, S. 127.
Begünstigt wurde die Verwirrung durch eine ineffiziente Kommunikation in der siebenbürgischen Verwaltung. So korrespondierten der siebenbürgische Gubernator Brukenthal und die Militärkommission unter dem General Johann Franz Freiherr von Preiss trotz der dringlichen Situation tagelang auf gewohnte Weise schriftlich miteinander, obwohl beide Dienststellen in Hermannstadt ansässig und nur wenige Gehminuten voneinander entfernt waren.Horja und Klotska, Oberhaupt und Rathgeber der Aufrührer in Siebenbürgen. Karlsburg und Hermannstadt, 1785. S. 20. Beide (sowohl Brukenthal als auch Preiss) schickten ihre häufig einander widersprechenden Einschätzungen zur Situation getrennt an Joseph II. in Wien. Dieser musste noch am 13. Dezember in einem Brief beide Stellen anweisen, sich direkt miteinander auszutauschen und gemeinsam verfasste Berichte nach Wien zu senden.Johann Georg Schaser: Denkwürdigkeiten aus dem Leben des Freiherrn Samuel v. Brukenthal, Gubernators von Siebenbürgen. Verlag v. Closius. Hermannstadt 1848. S. 88. Noch im November enthob Joseph den 80-jährigenConstantin Reichenauer von Reichenau, Géza von Czergheö, Oscar von Bárczay: Der Adel von Siebenbürgen. Verlag Bauer und Raspe. Nürnberg 1898. Band 4. S. 69. Preiss seines Amtes und ersetzte ihn durch General Domenik Tomiotti de Fabris,Horja und Klotska, Oberhaupt und Rathgeber der Aufrührer in Siebenbürgen. Karlsburg und Hermannstadt, 1785. S. 23. der allerdings erst am 13. Dezember in Hermannstadt eintraf.Horja und Klotska, Oberhaupt und Rathgeber der Aufrührer in Siebenbürgen. Karlsburg und Hermannstadt, 1785. S. 40.
Die Militäroperationen der habsburgischen Armee zur Niederschlagung des Aufstandes begannen offiziell am 3. November; am 5. November wurden Truppen aus dem Banat und Ungarn hinzugezogen. Das Militär verhielt sich jedoch zunächst sehr passiv; auch waren die Truppen zahlenmäßig anfangs wohl nicht in der Lage, die versprengten Gruppen der Aufständischen zu überblicken und unter Kontrolle zu halten,Johann Georg Schaser: Denkwürdigkeiten aus dem Leben des Freiherrn Samuel v. Brukenthal, Gubernators von Siebenbürgen. Verlag v. Closius. Hermannstadt 1848. S. 78. was die Aufständischen im Glauben bestärkt haben mag, im Auftrag oder zumindest mit Duldung Josephs II. zu handeln. Insgesamt sollen sich etwa 15.000 Bauern an den gewaltsamen Auseinandersetzungen beteiligt haben.Johann Mailath: Gedrängte Geschichte des östreichischen Kaiserstaates bis auf die neueste Zeit. Ausgabe 3. Verlag Mayer & Co. Wien 1858. S. 195