mini|Titelblatt einer Ausgabe von 1752: Le Micromégas de Mr de Voltaire Micromégas (französisch: ) ist eine 1752 erschienene philosophische Erzählung Voltaires, die rückblickend zu den frühen literarischen Vorläufern der Science-Fiction gezählt wird. Der relativ kurze conte philosophique ist in sieben Kapitel gegliedert.

Die Erzählung schildert, wie der riesenhafte Siriusbewohner Micromégas zusammen mit seinem, an ihm gemessen, kleineren Begleiter, dem Sekretär der Akademie des Planeten Saturn, die Erde besucht. Nach den grotesk vergrößerten Maßstäben seiner Heimatwelt steht Micromégas zu Beginn der Erzählung mit etwa 450 Jahren erst am Ende seiner Kindheit.

Der Name der Titelfigur ist aus altgriechisch μῑκρός mῑkrós „klein“ und μέγας mégas „groß“ gebildet und bezeichnet sinngemäß den „Klein-Großen“. Der französische Originaltitel der Ausgabe von 1752 lautet Le Micromégas de Mr de Voltaire. In der Forschung und in modernen Ausgaben wird die Erzählung meist kurz als Micromégas bezeichnet.

Als philosophische Erzählung (frz. conte philosophique) verbindet Micromégas eine phantastische Reiseerzählung mit der satirischen Relativierung menschlicher Maßstäbe. Die Erzählung kritisiert anthropozentrische Selbstgewissheit, dogmatische Wissensansprüche und metaphysische Spekulation

Entstehung und Überlieferung Ein möglicher Vorläufer oder ein verwandtes Nebenstück zu Micromégas wird in Voltaires Korrespondenz von 1739 erwähnt. In einem Brief an Friedrich, den damaligen Kronprinzen von Preußen, spricht Voltaire von einer „petite relation […] de M. le baron de Gangan“ („kleinen Erzählung […] des Herrn Barons von Gangan“), die er selbst als „fadaise philosophique“ („philosophische Albernheit“) bezeichnete.BnF Essentiels

Friedrich antwortete am 7. Juli 1739 aus Berlin und nannte den Text den „ingénieux Voyage du baron de Gangan“ (die „einfallsreiche Reise des Barons von Gangan“) sowie seinen Helden einen „voyageur céleste“ („himmlischen Reisenden“).Voltaire: Brief an Friedrich, Kronprinz von Preußen, Bruxelles, 1739, Nr. 1167. In: Œuvres complètes de Voltaire. Garnier, Paris 1880, Band 35, S. 284–285; online bei WikisourceFriedrich, Kronprinz von Preußen: Brief an Voltaire, Berlin, 7. Juli 1739, Nr. 1178, ebd, S. 300–301; online bei Wikisource. Die Anmerkung der Garnier-Ausgabe zu Brief 1167 vermerkt: „Cet ouvrage n’a jamais été connu, du moins sous ce titre“ („Dieses Werk ist nie bekannt geworden, jedenfalls nicht unter diesem Titel“).

Ein Zusammenhang mit Micromégas ist in der Forschung wiederholt erwogen worden, bleibt aber unsicher.Voltaire: Micromégas. Kritische Ausgabe von Nicholas Cronk und J. B. Shank. In: Œuvres complètes de Voltaire (OCV), Band 20C: Micromégas and other texts (1738–1742). S. 104–106. Voltaire Foundation, Oxford 2017, ISBN 978-0-7294-1151-6.

Gattung und literarische Tradition

Micromégas knüpft an die Tradition imaginärer und satirischer Reiseerzählungen (voyages extraordinaires) an. Neben antiken Vorbildern wie Lukians Wahren Geschichten sind hierfür die frühneuzeitlichen Mond- und Sonnenreisen Cyrano de Bergeracs sowie Jonathan Swifts Gullivers Reisen wichtig.Bibliothèque nationale de France (Hrsg.): Micromégas. In: BnF Essentiels. online unter: online

Einen weiteren literarischen Hintergrund bildet die Groteske riesenhafter Körper und verzerrter Maßstäbe, wie sie François Rabelais in Gargantua und Pantagruel entfaltet. Voltaire überführt diese Tradition in Micromégas jedoch in einen kosmologischen und naturphilosophischen Zusammenhang des 18. Jahrhunderts.

Inhalt

1. Kapitel Micromégas, ein Bewohner eines Planeten, der um den Stern Sirius kreist, misst eine Körpergröße von 24 Meilen und ist sehr intelligent. Als er ein Buch über Insekten schreibt, wird er vom Mufti seines Landes verbannt, da der sein Werk als ketzerisch und anstößig betrachtet. Daraufhin beginnt er eine Reise durch das Weltall. Auf dem Saturn macht er sich neue Freunde, darunter der Sekretär der Akademie des Saturns.

2. Kapitel Der Sekretär führt mit Micromégas eine Diskussion, wie denn die Natur sei. Micromégas ist überzeugt, dass die Natur so sei, wie sie eben ist. Ihr Gespräch widmet sich danach noch dem Sinn und den Eigenschaften von Materie. Sie entschließen sich schließlich, zusammen eine philosophische Reise zu unternehmen.

3. Kapitel Der Saturianer verlässt seine Geliebte. Die beiden Reisenden besuchen zuerst den Jupiter, den sie zusammen studieren. Danach kommen sie am Mars vorbei, nächtigen dort aber nicht, aus der Sorge heraus, dort keinen Platz dafür finden zu können. Letztlich landen sie auf der Erde.

4. Kapitel Micromégas und der Saturianer untersuchen die Erde, können aber aufgrund ihrer enormen Größe keine Lebewesen finden. Nachdem die Diamantenkette des Saturianers zerriss, nutzen die beiden Forscher die Diamanten als Mikroskop und erkennen einen Wal im Meer. Daher realisieren sie, dass auch Lebewesen von so kleinen Ausmaßen existieren können. Am Ende entdecken sie ein Schiff.

5. Kapitel Micromégas setzt das von der Lappland-Expedition unter Leitung Maupertuis’ zurückkehrende Schiff auf seinen Fingernagel und erkennt, dass es sich nicht um ein gewöhnliches Lebewesen handelt. Der Siriusbewohner sieht daraufhin zum ersten Mal Menschen und glaubt zunächst, nun die Natur „an ihrem Ursprung“ erfasst zu haben.

6. Kapitel Der Siriusianer beginnt mit den Menschen zu kommunizieren, die, entgegen den Erwartungen des Sekretärs vom Saturn, in der Lage sind, seine Körpergröße zu bestimmen. Micromégas kommt zu dem Schluss, dass man nicht aufgrund der Körpergröße auf die Intelligenz schließen kann.

7. Kapitel Micromégas hält einen Monolog, in dem er sein Unverständnis gegenüber den Kriegen der Menschen zum Ausdruck bringt. Danach stellt er ihnen diverse mathematische Fragen, die die Leute ohne Probleme beantworten können. Dann stellt er allerdings die Frage, was eigentlich die Seele sei. An dieser Stelle zitieren die Leute dann die berühmten Philosophen Aristoteles, Descartes, Malebranche, Leibniz und schließlich noch Locke. Der Siriusianer lächelt bei der Antwort des Anhängers Lockes. Sie besteht darin, dass man die ewige Macht verehre, nichts behauptet, sondern sich mit dem Glauben zufriedengibt, dass mehr Dinge existieren, als wir denken. Am Schluss verspricht Micromégas den Menschen, ein Philosophiebuch für sie zu schreiben. Dieses wird in der französischen Akademie der Wissenschaften geöffnet und der dortige Sekretär findet nur leere Seiten vor.

Interpretation

Micromégas verbindet die komische Wirkung grotesker Größenunterschiede mit einer erkenntniskritischen Pointe. Die übermenschlichen Maße des Siriusbewohners und seines saturnischen Begleiters relativieren die Bedeutung der Erde und des Menschen: Was aus menschlicher Sicht groß erscheint, wird in kosmischer Perspektive verschwindend klein. Dadurch richtet sich die Satire gegen anthropozentrische Selbstüberschätzung.

Zugleich kritisiert die Erzählung metaphysische und dogmatische Wissensansprüche. Die Menschen erweisen sich zwar als mathematisch und naturwissenschaftlich kenntnisreich, geraten aber in Widersprüche, sobald sie nach Wesen, Seele und letzten Ursachen gefragt werden. Die verschiedenen philosophischen Systeme erscheinen in der Erzählung weniger als gesichertes Wissen, sondern als konkurrierende Behauptungen.

Das leere Buch bildet die erkenntniskritische Pointe der Erzählung. Micromégas verspricht den Menschen ein Werk, das ihnen den „Grund der Dinge“ (« le bout des choses ») erklären soll. Als es in der Akademie geöffnet wird, enthält es jedoch nur leere Seiten. Die Leerstelle kann als satirische Absage an ein geschlossenes metaphysisches System gelesen werden.Micromégas. In: Encyclopédie Larousse. online. Die Encyclopédie Larousse versteht die Schlusspointe des leeren Buches als „Leçon de relativité et de modestie“ (Lehre der Relativität und Bescheidenheit).

Der Aufklärer Voltaire verweigert eine metaphysische Letztantwort und satirisiert ihre Erwartung, die „letzten Dinge“ in einem philosophischen System fixieren zu können:

Anspielungen und zeitgeschichtlicher Kontext Die literarische Figur des Sekretärs der Saturn-Akademie spielt auf den französischen Schriftsteller und Frühaufklärer Fontenelle an, insbesondere auf dessen populärastronomisches Werk Entretiens sur la pluralité des mondes (Unterhaltungen über die Vielheit der Welten).Rudolf Noack, Rolf Müller: Erläuterungen. In: Voltaire: Sämtliche Romane und Erzählungen (= insel taschenbuch. Band 209). Insel Verlag, Frankfurt am Main 1976, ISBN 3-458-31909-3, S. 908.

In Kapitel V begegnen Micromégas und sein saturnischer Begleiter auf der Erde einem Schiff mit Maupertuis. Die Anspielung bezieht sich auf die historische Expedition von 1736/37 unter Leitung Maupertuis’, die durch Meridianmessungen die Abplattung der Erde an den Polen bestätigen sollte.

Ausgaben

Voltaire: Micromégas. Kritische Ausgabe von Nicholas Cronk und J. B. Shank. In: Œuvres complètes de Voltaire (OCV), Band 20C: Micromégas and other texts (1738–1742). Voltaire Foundation, Oxford 2017, ISBN 978-0-7294-1151-6; Verlagsseite.

Deutsche Übersetzung

Voltaire: Mikromegas. In: ders.: Sämtliche Romane und Erzählungen. Übersetzt von Ilse Lehmann. Mit einer Einleitung von Victor Klemperer und Stichen von Moreau le Jeune. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1976, ISBN 3-458-31909-3.

Literatur Jeanne Charpentier, Carmen Tercero: Micromégas. Zadig. Reihe Balises Œuvres, Fernand Nathan, Paris 1995 u. ö. ISBN 2-09-180777-X. Raymond Trousson, Jeroom Vercruysse (Hrsg.): Dictionnaire général de Voltaire. Paris: Honoré Champion, 2003, ISBN 2-7453-0765-7, S. 818–822.

Weblinks

Voltaires Romane und Erzählungen bei Correspondance Voltaire BnF Essentiels

Einzelnachweise

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