mini|hochkant|Giovanni Bononcini Giovanni Bononcini, gelegentlich auch Giovanni Buononcini oder (wohl fälschlich) Giovanni Battista Bononcini (* 18. Juli 1670 in Modena; † 9. Juli 1747 angeblich in Wien), war ein italienischer Komponist und Cellist. Sein Vater, der angesehene Komponist Giovanni Maria Bononcini, starb früh, und Bononcini studierte bei Giovanni Paolo Colonna in Bologna. Bereits in jungen Jahren veröffentlichte er mehrere Sammlungen von Kompositionen. In Rom begann eine langjährige Zusammenarbeit mit dem Librettisten Silvio Stampiglia, aus der zahlreiche Bühnenwerke hervorgingen. Zentrum seines Wirkens wurde Wien, wo er am kaiserlichen Hof wirkte. Für über zehn Jahre war er in London tätig, wo er als Opernkomponist Konkurrent Georg Friedrich Händels war.

Bononcini schuf Instrumentalmusik, geistliche Musik und kontrapunktisch kunstvolle Duette, war jedoch vor allem als Komponist einer überaus großen Zahl von Kammerkantaten und als Opernkomponist erfolgreich. Seine ausdrucksvollen Rezitative, vor allem jedoch die melancholischen einfachen Arien waren hochgeschätzt und galten als Modell. Bald verlor sein Ansehen jedoch unter dem Vergleich mit Alessandro Scarlatti und Händel. Im Laufe des 20. Jahrhunderts nahm das Interesse an seiner Musik allmählich wieder zu.

Leben Jugend und frühe Karriere mini|hochkant|Giovanni Paolo Colonna, von Giovanni Maria Viani, Sammlung des Museo internazionale e biblioteca della musica. Giovanni Bononcini wurde in Modena geboren, einem Zentrum der Instrumentalmusik im späten 17. Jahrhundert. Sein Vater war der angesehene Komponist und Geiger Giovanni Maria Bononcini, der bereits 1678 starb, ein Jahr nach dem Tod von Giovannis Mutter. Vielleicht gab Giovanni Bononcini deshalb sein Alter in Widmungsschreiben seiner Drucke falsch an. Er übersiedelte nach Bologna, wo er in der Musikschule im Hause des Giovanni Paolo Colonna bei diesem Gründungsmitglied der berühmten Accademia Filarmonica studierte. Violoncello lernte er bei Giorgio Buoni. Der Beginn seiner Lehrzeit bei Colonna lässt sich durch eine Bewerbung für eine Stelle an der Basilika San Petronio auf 1680 oder 1681 datieren, da er darin angab, dort sechs Jahre lang Schüler gewesen zu sein. Die Widmung seines op. 2 an Graf Sanvitali legt dessen Unterstützung für die Ausbildung nahe.

Bereits im Alter von fünfzehn Jahren veröffentlichte er drei Sammlungen Instrumentalmusik. Die Widmung der zweiten Sammlung an Colonna legt eine nähere Beziehung mit dem Lehrer nahe, vielleicht bedingt durch eine Freundschaft zwischen Colonna und Giovannis Vater Giovanni Maria Bononcini. Am 30. Mai 1686 wurde Giovanni mit 34 Stimmen und einer Gegenstimme zum Mitglied der Accademia Filarmonica gewählt, im Jahr darauf als deren jüngster Komponist genannt. Danach hatte er die Ehre, für die jährliche Messe zu Ehren des Schutzpatrons der Akademie Kompositionen beizusteuern. Von Januar 1687 bis Mai 1688 war er als Sänger und Instrumentalist an San Petronio angestellt. 1687 folgte er Giuseppe Felice Tosi als Kapellmeister an San Giovanni in Monte nach. In diesem Jahr wurde sein erstes Oratorium La vittoria di Davide contra Golia im Oratorium des hl. Philipp Neri aufgeführt, im Jahr darauf mit Giosuè ein zweites, das zudem in Modena zu hören war. Die Widmung von Giosuè an den Herzog von Modena legt nahe, dass Bononcinis Anstellung an San Giovanni in Monte auf dessen Empfehlung zurückzuführen ist. 1689 begann er im Orchester von Kardinal Benedetto Pamphili in Bologna zu spielen. Hier spielte er Violoncello, während er in San Petronio als Violinist wirkte.

Rom Um den Jahreswechsel von 1689 zu 1690 hielt sich Bononcini in Mailand auf. Briefe weisen darauf hin, dass seine Dienste verlangt wurden, Bononcini jedoch für eine Anstellung höheren Lohn verlangte. 1691 reiste Bononcini von Bologna nach Rom. In diesem Jahr veröffentlichte er zehn Duetti da Camera op. 8, die er dem Kaiser Leopold I. widmete, offenbar, um zu einer Anstellung in Wien zu gelangen, ein für Opernkomponisten attraktives Ziel. In Rom wurde er von Filippo und Lorenza Colonna sowie von Luigi della Cerda, dem Bruder der Lorenza, angestellt. Mit dem Librettisten Silvio Stampiglia begann er eine dreißigjährige Zusammenarbeit, aus der während Bononcinis erstem Romaufenthalt von 1692 bis 1696 zwölf dramatische Werke hervorgingen, darunter die erfolgreiche Oper Il trionfo di Camilla, regina de’Volsci (1696). In Rom etablierte er sich auch als Komponist von Kantaten. Eine gedruckte Sammlung wurde 1601 wiederveröffentlicht.

Wien, Berlin und abermals Rom Nach dem Tod seiner Gönnerin Lorenza Colonna und der Zerstörung des Theaters „Tor di Nona“ auf päpstliche Anordnung im Jahr 1697 suchte Bononcini eine andere Anstellung. Er erhielt vom Kardinal Francesco Maria de’ Medici eine Empfehlung für Palatin Johann Wilhelm, wechselte aber bereits Ende 1697 in den Dienst Leopolds I. Der Weg nach Wien war ihm bereits durch Widmungen von Werken seines Vaters an den Kaiser geebnet worden. Giovanni Bononcini betrachtete später Wien als sein „natural centro“. Wahrscheinlich kam er allerdings erst Mitte 1698 in Wien an. 1700 erhielt er nach Carlo Agostino Badia und Johann Joseph Fux als dritter den Titel „Compositore di Musica in servicio di S.M.C.“ (Hofkomponist). Dem Kaiser und seiner Frau Amalia Wilhelmina widmete Bononcini fast alle weltlichen dramatischen Werke dieser Zeit, und der Kaiser versprach ihm eine besondere Zulage, zu deren Auszahlung es jedoch wegen finanzieller Probleme während des spanischen Erbfolgekrieges nicht kam.

Mit Marc’Antonio Ziani, Carlo Agostino Badia und Johann Joseph Fux führte Bononcini nun den spätbarocken Stil in Wien ein.Harry White: Johann Joseph Fux and the Imperative of Italy. In: Anne-Madeleine Goulet, Gesa zur Nieden (Hrsg.): Europäische Musiker in Venedig, Rom und Neapel (1650 - 1750). Bärenreiter-Verlag, Kassel et al. 2015 (= Analecta musicologica, Band 52), ISBN 978-3-7618-2138-1, S. 571–582, hier 377. Hier schuf Bononcini zwanzig Opern, Seranatas und ähnliche Werke.

1702 führte Bononcini eine Gruppe von Künstlern, darunter die Sänger Regina Schoonjans, Paulina Fridlin und Antonio Tosi, den Maler Anthoni Schoonjans und die Komponisten Attilio Ariosti und seinen Bruder Antonio Maria Bononcini, sowie die Instrumentalisten Francesco Bartolomeo Conti und Giuseppe Maria Malagodi nach Berlin. In diesem Jahr dürfte der junge Georg Friedrich Händel in Berlin Ariosti und Bononcini begegnet sein. Bononcini komponierte Cefalo und Polifemo. Die Königin Sophie Charlotte war von Bononcinis Ruhm beeindruckt, was aus einem Brief an Agostino Steffani hervorgeht. Außerdem berichtete sie von einem durch die Komponisten Ariosti und Bononcini gesungenen Duett. Sie gab Bildnisse in Öl der beiden Komponisten in Auftrag, wahrscheinlich bei Schoonjans. Auch 1704 war er kurz in Berlin.

1706 war Bononcini in ganz Europa berühmt. Die letzte durchgängig gesungene Oper am Theatre Royal Drury Lane in London war 1707 ein Pasticcio mit Musik hauptsächlich von Bononcini und Alessandro Scarlatti.Nicholas Anderson: Baroque Music. From Monteverdi to Handel. Thames & Hudson, London 1994, ISBN 0-500-01606-2, S. 140. Als 1711 Joseph I. starb, endete sein Engagement am kaiserlichen Hof. Anschließend hielt er sich unter anderem in Mailand und Rom auf, wo er im Dienst des Grafen Gallas stand, bis jener 1719 starb. In diese Zeit fällt die Heirat mit Margherita Balletti. Von Rom aus engagierte ihn 1720 (zusammen mit Georg Friedrich Händel) das Opernunternehmen Royal Academy of Music in London.

London mini|hochkant|Karikatur des Komponisten von Pier Leone Ghezzi auf dem Weg von Neapel nach Rom im Januar 1720 angefertigt.Lowell Lindgren: The Three Great Noises „Fatal to the Interests of Bononcini“. In: The Musical Quarterly, 61/4 (1975), S. 560–583, hier 563. Eine größere Rolle spielte die Komposition von Bühnenwerken allerdings nur in den ersten Jahren von Bononcinis Londonaufenthalt für ihn. Damals machten die Erfordernisse der Praxis die Opera seria auch zu „eine[r] Kunst des Arrangements“. Arien konnten zwischen Opern ausgetauscht werden, da sie sich ohnehin auf einen Affektausdruck konzentrierten. Offenbar hatten die beteiligten Komponisten wie Bononcini und Händel dabei wenig Bedenken hinsichtlich Plagiat:Michael Heinemann: Kleine Geschichte der Musik. Reclam, Stuttgart 2004, ISBN 978-3-1501-8312-0, S. 142 f. Händel soll Entlehnungen von Bononcini dadurch gerechtfertigt haben, dass jener nicht wisse, was er mit dem guten Material machen solle. Bononcini war für eine Weile Händels ernsthaftester Rivale in London.Donald Jay Grout, Claude V. Palisca: A history of western music. 5th edition, W. W. Norton, New York 1996, ISBN 0-393-96904-5, S. 424. Als eine Art Wettbewerb zwischen den beidenSilke Leopold: Händel in London: Die Oper. In: Carl Dahlhaus (Hrsg.): Die Musik des 18. Jahrhunderts. Athenaion, Wiesbaden 1985 (= Neues Handbuch der Musikwissenschaft, Band 5), ISBN 3-89007-035-3, S. 89–99, hier 90. kann die Oper Muzio Scevola (1721) mit je einem Akt der drei Komponisten der Academy, Filippo Amadei, Bononcini und Händel angesehen werden, wobei Amadei als „unbedeutender Dritter eine Puffer-Rolle“ spielte. Händels Beitrag konnte beim Publikum am meisten Erfolg verbuchen.

Ein Jahr nach seiner Ankunft veröffentlichte Bononcini Cantate e Duetti, die er George I. widmete. Für das Begräbnis des Generals Marlborough schrieb er ein Anthem, für das der ihm nicht wohlgesinnte Kritiker Charles Burney lobende Worte fand. In London hatte Bononcini jedoch Schwierigkeiten, weniger wegen der früher überbetonten Rivalität mit Händel als aus politischen Gründen und solchen der Konfessionszugehörigkeit. Bereits 1723 und 1724 begab sich Bononcini nach Paris. Da die Duchess of Marlborough ihm eine jährliche Pension verschaffte, blieb er jedoch sieben weitere Jahre in London. In ihrem Haus sollen zweimal pro Woche Konzerte ausschließlich mit Bononcinis Musik stattgefunden haben. Als Opernkomponist trat er mit Astianatte (1727) nur noch einmal in London in Erscheinung. Die Aufführungsgeschichte dieser Oper wurde durch einen Skandal überschattet: Ein Theaterkrieg, der zwischen den Anhängern der beiden Sängerinnen Faustina Bordoni und Francesca Cuzzoni ausgebrochen war, verschärfte sich im Frühling 1727 so sehr, dass es während einer Aufführung von Bononcinis Astianatte am 6. Juni 1727 zum endgültigen Eclat kam, in Form einer regelrechten Saalschlacht in Gegenwart der Princess of Wales Caroline von Brandenburg-Ansbach; die Spielzeit wurde deshalb vorzeitig abgebrochen und in der Folge erschienen satirische Pamphlete, die das Ganze zu einem Kampf der „Rival Queens“ verzerrten.Bis in die Gegenwart wird es oft so dargestellt, als wenn die beiden Sängerinnen persönlich „aufeinander losgingen“; das lässt sich jedoch aus seriösen Quellen nicht nachweisen, sondern wurde nur in Pamphleten kolportiert. Suzana Ograjenšek: The Rival Queens. In: Annette Landgraf, David Vickers: The Cambridge Handel Encyclopedia. Cambridge University Press 2009, ISBN 978-0-521-88192-0, S. 544 f.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 152–153 (siehe: (Juni) 1727: „The Devil to pay at St. James's:...“; und (Juli) 1727: „The Contre Temps; or, Rival Queans: A small Farce....“)

1727 oder 1728 gab Bononcini offenbar in einer Versammlung der Academy of Ancient Music in London ein unsigniertes Manuskript des Madrigals In una siepe ombrosa als eigene Schöpfung aus. Darüber kam es 1731 zum Skandal, als bekannt wurde, dass es tatsächlich von Antonio Lotti stammte, der es 1705 als Teil seiner Duetti, terzetti e madrigali veröffentlicht hatte. 1732 dürfte zudem die Beziehung zur Duchess of Marlborough zu Ende gewesen sein, da er seine XII Sonatas ihrer Mutter widmete, mit der sie keine guten Beziehungen führte.