mini|Altstadt von Bern Die Berner Altstadt ist der historische Stadtkern der Schweizer Bundesstadt Bern und gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO.
Der Altstadtcharakter ist im Bereich unterhalb der Zytglogge (Zeitglockenturm) am besten erhalten. Die Altstadt ist geprägt durch ihre Sandsteingebäude mit ihren Lauben, welche sich über eine Länge von gut sechs Kilometern erstrecken und die längste gedeckte Einkaufspromenade Europas bilden.
Geografische Abgrenzung mini|Die Berner Altstadt und die Aareschlaufe (3D-Modell, 2021) Die Altstadt stimmt mit dem 0,85 Quadratkilometer grossen Stadtteil I, der Inneren Stadt, überein. Dazu zählen die statistischen Bezirke (auch Quartiere) Gelbes Quartier, Grünes Quartier, Rotes Quartier, Schwarzes Quartier (Matte) und Weisses Quartier. Die Altstadt erstreckt sich vom Scheitel der Aareschlaufe über den Moränenhügel westwärts bis in den Bereich der einstigen Schanzen und Gräben.
Im Norden, Osten und teilweise im Süden wird die Altstadt durch die Schleife der Aare abgegrenzt. Im Norden befindet sich der Stadtteil V, Breitenrain-Lorraine, im Osten der Stadtteil IV, Kirchenfeld-Schosshalde. Kurz nach der Kirchenfeldbrücke, bei der Aarestrasse 76, verläuft die Grenze Richtung Nordwesten zur Münzterrasse. Danach verläuft die Grenze dem Münzrain entlang bis zum Bundeshaus Ost. Von dort aus verläuft sie weiter der Bundeshausterrasse entlang bis zur Vannazhalde. Danach verläuft sie zwischen der Europapromenade und der Taubenstrasse bis zum unteren Ende der Kleinen Schanze, weiter der Taubenstrasse entlang, bis zur Einmündung in die Bundesgasse. Sie folgt dem Hirschengraben bis zur Einmündung in die Schanzenstrasse, welcher sie weiter folgt, umgeht die Schanzenpost und folgt dann der Parkterrasse bis zur Einsteinterrasse. Nach einem kurzen Stück verläuft die Grenze auf dem Bollwerk bis zur Lorrainebrücke. Dort mündet sie in die Aare.
Der modulare Raster dieser Flussbogenstadt schmiegt sich dem Gelände an und erweitert sich dementsprechend fächerförmig gegen Westen. Räumlich blieb die eigentliche Gründungsstadt mit ihren Erweiterungsstufen gegen Osten abgeschlossen. Tief unterhalb der Stelle, wo die Längsgassen zusammentreffen, wurde um 1255 mit der Untertorbrücke der erste feste Übergang geschlagen. Erst die 1844 vollendete Nydeggbrücke brach mit ihrer klassizistischen Grosszügigkeit das Rückgrat der harmonisch am alten Aareübergang endenden Unterstadt.
Heute wird die Altstadt durch die Nydeggbrücke, die Untertorbrücke, die Kirchenfeldbrücke, die Kornhausbrücke, den Altenbergsteg und die Lorrainebrücke mit den umliegenden Quartieren verbunden.
Geschichte Mittelalter und Stadtgründung mini|Bern im Jahr 1638, nach Merian: Christoffelturm (zerstört), Käfigturm und Zytglogge Eindeutige Hinweise auf eine Besiedlung des Gebietes der heutigen Altstadt fehlen für das frühe Mittelalter. Ende des 12. Jahrhunderts erfolgte die Gründung der heutigen Stadt Bern im Knie der AarehalbinselBeat Rudolf Tscharner: Historie der Stadt Bern, bis auf das Jahr 1630, Erster Teil, Bern 1765, S. 2 durch Herzog Berchthold V. von Zähringen, nachdem sein Vorgänger Berchthold IV. an der Spitze der Halbinsel bereits die Burg Nydegg zum Schutz des dortigen Aareübergangs errichtet hatte. Die Cronica de Berno gibt als Gründungsjahr 1191 an.
Im Jahr 1218 starb das Geschlecht der Zähringer aus und Bern wurde königliches Allod, später Reichsstadt. In der Folge immer mächtiger werdend, entwickelte sich Bern zum grössten Stadtstaat nördlich der Alpen. Daher wurde zwischen 1218 und 1220 eine erste künstliche Befestigungsanlage mit Graben, Ringmauer und Ausfalltor errichtet. Das Stadttor war die erste Form des Zytgloggeturmes.
In einer Chronik von Conrad Justinger heisst es: «Im Verlaufe der ersten Jahrzehnte sind ‹gar vil lüten› in die Stadt gezogen». Deshalb erfolgte unter dem Schutz der Savoyer von 1255 bis 1260 eine Erweiterung des Stadtgebiets bis zum heutigen Käfigturm. Der Vorgängerbau des heutigen Käfigturmes wurde 1256 im Zuge der zweiten Stadtbefestigung auf Befehl von Peter II. als westlicher Wehrturm errichtet. Entlang des Bundes-, Bären- und Waisenhausplatzes entstand eine neue Stadtmauer, ein Wehrturm (heutige Form Zytglogge), sowie vorgelagert ein Stadtgraben. Die Stadt konnte sich so nur in einer Richtung ausdehnen, so verzichteten die Bürger auf grosszügige Plätze und legten breite Marktstrassen an, welche als charakteristische Merkmale für alle Zähringerstädte gelten.
Anlässlich der Verfassungsreform im Jahr 1294 wurde die Altstadt in vier Quartiere eingeteilt. Diese vier Viertel wurden nach den vier Venner-Gesellschaften (Zünften) benannt, welche für ihr Quartier zuständig waren: Pfistern-Viertel, Schmieden-Viertel, Metzgern-Viertel und Gerwern-Viertel. Es gab zwei Zugehörigkeitsänderungen. Einmal zwischen dem dritten und vierten Viertel. Das Gebiet zwischen Nydeggstalden und der heutigen Nydeggbrücke gehörte bis Ende des 15. Jahrhunderts zum vierten Viertel, ab dem 16. Jahrhundert zum dritten Viertel. In der Mitte des 16. Jahrhunderts wurde das Ungleichgewicht der einzelnen Viertel behoben. Dieses war durch das fast ausschliesslich westwärts gerichtete Stadtwachstum erzeugt worden. Deshalb wurde die Grenze zwischen den Quartieren von der Kreuzgasse auf die Achse Schaal- und Münstergasse verlegt.K.d.K.B. Stadt Bern Band 1 Seiten 4–7
Die letzte mittelalterliche Stadtvergrösserung erfolgte von 1344 bis 1346. Das Stadtgebiet reichte 1350 nicht mehr aus und es wurde in Richtung Westen erweitert. Die äussere Neuenstadt wuchs zwischen dem Käfigturm und dem Christoffelturm, welcher 1865 abgerissen wurde und dessen Fundamente heute noch in der Bahnhofunterführung beim Aufgang zur Spitalgasse zu sehen sind. Von 1395 an wurden die Strassen der Stadt Bern gepflästert.
Stadtbrand von 1405 mini|Der Brand von Bern 1405 in der Amtlichen Berner Chronik 1478 Als am 28. April des Jahres 1405 ein Brand 52 Häuser an der Junkerngasse zerstört hatte, sagte ein «bös wip» (Neuhochdeutsch: Böse Frau) vom Belpberg der Stadt weiteres grosses Leiden voraus. Dies berichtet der damalige Stadtschreiber und Chronist Konrad Justinger.
Am Nachmittag des 14. Mai 1405, gegen 16 Uhr war an der Südseite der Brunngasse ein Grossbrand ausgebrochen. Innert einer Viertelstunde stand die ganze westliche Zähringerstadt in Flammen. Es heisst, es sei ein windiger Tag gewesen, eine starke Bise wehte aus Nordosten. Dann griff das Feuer über den alten Stadtgraben hinaus und breitete sich trotz Löschversuchen im Laufe des Abends und der Nacht bis an den Käfigturm aus. Vom brennenden Inselkloster aus sprangen die Flammen den Hang hinunter und legten die Gewerbesiedlung Marzili in Schutt und Asche. Erst die Aare vermochte den Brand zu stoppen. Der Brand zerstörte über 600 Häuser und forderte mehr als hundert Menschenleben. Die Ursache ist nie bekannt geworden.
Die Stadtoberen verordneten den Wiederaufbau aus Stein, seitdem prägt der Berner Sandstein das Stadtbild. Beim Wiederaufbau nach dem Stadtbrand wurde 1406 mit dem Bau des Rathauses und 1421 mit dem Bau des Berner Münsters begonnen. Es wurden Vorteile von Laubengängen entdeckt und somit wurden die Wohn- und Geschäftshäuser vergrössert und die Gassen verschmälert. Im Jahr 1479 erwähnte der Chronist Albrecht von Bonstetten: «Gassen, die zu beiden Seiten Gewölbe haben, unter denen man trockenen Fusses gehen kann».
Neuerrichtungen mini|Die Stadt Bern auf einer Ansicht von 1638; Links oben die Grosse Schanze und das unterste Bastion ist die Kleine Schanze
Während des Dreissigjährigen Krieges wurden von 1622 bis 1634 westlich des Christoffelturmes die Kleine und die Grosse Schanze mit mehreren Bastionen als weitere Befestigungsanlagen errichtet. Der dadurch entstandene Raumgewinn wurde jedoch kaum genutzt, stattdessen verdichtete sich die Besiedelung des bestehenden Stadtgebiets weiter.
Im Jahr 1640 wurde das erste Tor des Käfigturms wegen Baufälligkeit abgerissen und von Januar 1641 bis Frühjahr 1644 durch einen Neubau nach Plänen von Joseph Plepp ersetzt. Der Rat, welcher sich bereits am 19. Mai 1638 für den Neubau des Stadttors aussprach, bestätigte am 29. Mai 1641 seine Entscheidung und hielt am alten Platz fest. Das neue Tor befindet sich lediglich 4 Meter weiter westlich als das ursprüngliche Tor.Brigitt Sigel: Stadt- und Landmauern, vdf Hochschulverlag AG, 1996, ISBN 978-3-7281-2150-9, Seite 66
Die Neu- und Umbauten des 17. und 18. Jahrhunderts zeugen vom Wohlstand des Staates und der Patrizierfamilien. Die Stadt sollte zum Monument und Abbild der Republik werden. Mit strengen Baubestimmungen wurde das einheitliche Erscheinungsbild der Stadt geschaffen, die Johann Wolfgang von Goethe 1779 folgendermassen beschrieb: «sie ist die schönste die wir gesehen haben in Bürgerlicher Gleichheit eins wie das andere gebaut, all aus einem graulichen weichen Sandstein, die egalitaet und Reinlichkeit drinne thut einem sehr wohl, besonders da man fühlt, dass nichts leere Decoration oder Durchschnitt des Despotismus ist, die Gebäude die der Stand Bern selbst aufführt sind gros und kostbar doch haben sie keinen Anschein von Pracht der eins vor dem andern in die Augen würfe […]»Brief (349) Goethes an Frau von Stein vom 9. Oktober 1779
Quartiereinteilung Die heute noch gültige kirchliche Einteilung geht auf das Jahr 1721 zurück, als das Kirchspiel Bern geteilt wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt war das Berner Münster die einzige Pfarrkirche. Die Nydegg- und die Heiliggeistkirche wurden 1721 zu Pfarrkirchen erhoben. Die Kirchgemeinde Heiliggeist reicht vom Obertor bis zum Käfigturm, umfasst also die äussere Neustadt. Die Münstergemeinde umfasst das Gebiet vom Käfigturm bis zum Beginn der Gerechtigkeitsgasse. Die Kirchgemeinde Nydegg die restliche untere Gemeinde, Nydeggstalden mit Altenberg und Schosshalde, Matte und Mattenenge.Kdm Bern Stadt I, S. 4–5.
Im Jahr 1798 besetzten französische Truppen die Stadt. Die Einteilung der Altstadt in fünf Quartiere wurde 1798 im Auftrag der Franzosen anlässlich ihrer Einquartierung vorgenommen. Die Strassen wurden mit zweisprachigen, deutsch- und französischsprachigen Tafeln in der entsprechenden Farbe beschildert. Das rote Quartier reichte von Obertor bis zum Käfigturm, das gelbe Quartier vom Käfigturm bis zum Zytgloggeturm, das grüne Quartier vom Zytgloggeturm bis zur Kreuzgasse, das weisse Quartier von der Kreuzgasse bis zum Läuferplatz. Die Matte wurde zum schwarzen Quartier.
Wachstum und Erschliessung der Altstadt mini|Plan der Stadt Bern (1882) mini|Sogenanntes Gespensterhaus an der Junkerngasse 54Bericht der Berner Zeitung mini|links|Der erste Bahnhof Berns Während des 19. Jahrhunderts begann die Stadt über die Aarehalbinsel hinauszuwachsen, zuerst nur gegen Westen, besonders als in den 1830er Jahren die Stadtmauern und Schanzen fielen, und das Länggassquartier entstand. Hatte Bern bisher nur eine einzige Brücke, die Untertorbrücke, so wurde nun der Bau von Brücken notwendig. Die erste, die Nydeggbrücke, die die Hauptebene der Altstadt mit dem gegenüberliegenden Aareufer verbindet, wurde 1844 fertiggestellt. Sie diente hauptsächlich dem Verkehr und löste noch keine grössere Bautätigkeit aus.
Mitte des 19. Jahrhunderts kam neues Leben in die Stadt, indem der Zugang in die Stadt erleichtert wurde. Neben die Untertorbrücke aus dem 15. Jahrhundert wurde auf der Ostseite zwischen 1840 und 1844 die Nydeggbrücke gesetzt. Die streng Ost-West-verlaufende Stadtachse wurde nun von einer Nord-Süd-Verbindung geschnitten. Für das neue Verkehrsmittel Eisenbahn besassen die Berner durch das Schleifen der Schanze günstiges Gelände, und 1858 konnte der erste Bahnhof eingeweiht werden.