Die Gedenkstätte für die Sophienkirche Dresden (zuvor Gedenkstätte Busmannkapelle) ist eine seit 1995 geplante und von 2009 bis 2020 erbaute Gedenkstätte für die 1963 zerstörte Sophienkirche in Dresden. Sie entstand auf dem früheren Standort der sogenannten Busmannkapelle, einer um 1400 an die Südseite der Kirche angebauten Seitenkapelle. Diese wurde von Lorenz Busmann und seiner Frau gestiftet. Lorenz Busmann war in der Zeit zwischen 1392 und 1406 Bürgermeister der Stadt und Mitglied der geistlichen Bruderschaft des Franziskanerklosters.
Die damalige Gedenkstätte Busmannkapelle wurde im Oktober 2020 unter dem neuen Namen DenkRaum Sophienkirche eröffnet. Die Gedenkstätte gehört seit Februar 2019 zu den fünf Nagelkreuzgemeinden in Dresden.
mini|Die Gedenkstätte Busmannkapelle, seit 2020 „DenkRaum Sophienkirche“
Vorgeschichte mini|Die Sophienkirche, 1910
Die Sophienkirche war die einzige in ihrer Grundsubstanz erhaltene gotische Kirche der Stadt Dresden. Als von Beginn an zweischiffig erbaute Kirche mit zwei Chören gebührt ihr in der Architekturgeschichte eine Sonderstellung. Die Sophienkirche war bis 1918 die evangelische Hofkirche Dresdens und damit die Hauptkirche des lutherischen Königreichs Sachsen. Nach dem Ende der Monarchie 1918 diente sie als Domkirche St. Sophien ab 1922 dem sächsischen Landesbischof als Sitz. Im Jahr 1945 wurde die Sophienkirche während der Bombardierung Dresdens schwer beschädigt und schließlich von 1962 bis 1963 trotz internationaler Proteste und Widerstand in der Bevölkerung abgetragen. Diese Entscheidung war nicht zuletzt politisch motiviert.
Ein öffentliches Gedenken an die Sophienkirche war erst nach der politischen Wende in den 1990er Jahren möglich. Im Jahr 1994 fasste der Stadtrat einen Beschluss zur „Sichtbarmachung des historischen Ortes der Sophienkirche“, der vor allem vor dem Hintergrund des Wiederaufbaus der Dresdner Frauenkirche zunehmend an Bedeutung verlor.Gerhard Glaser: Die Gedenkstätte Sophienkirche. Ein Ort der Trauer, ein Ort gegen das Vergessen. In: Heinrich Magirius, Gesellschaft zur Förderung der Sophienkirche (Hrsg.): Die Dresdner Frauenkirche. Jahrbuch zu ihrer Geschichte und Gegenwart. Band 13. Schnell + Steiner, Regensburg 2009, S. 195. Erst im folgenden Jahr schrieb die Landeshauptstadt Dresden in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege Sachsen einen beschränkten baukünstlerischen Wettbewerb aus, an dem dreizehn Architekten und Künstler aufgefordert wurden, Vorschläge einzureichen. Beiträge kamen aus Dresden, Freital, München und Prag. Zu den neun Preisrichtern zählten der Künstler Jürgen Schieferdecker, Denkmalpfleger Heinrich Magirius sowie Architekt Heinz Tesar.
Die Abgabe der Arbeiten erfolgte am 30. November 1995. Das Preisgericht vergab im Dezember 1995 den Ersten Preis an den Entwurf des Architekturbüros Gustavs und Lungwitz aus Dresden. Für die Entwurfsumsetzung steht ein Grundstück mit einer Größe von 250 m² zur Verfügung,Eine Gedenkstätte für die Sophienkirche in Dresden. (PDF; 1 MB) In: Dresdner Universitätsjournal, 30. März 2004, S. 7. das die Landeshauptstadt Dresden 2009 erworben hatte. Die Kosten für die Gedenkstätte belaufen sich ursprünglich auf 2,6 Millionen EuroThilo Alexe: Reste der Sophienkirchengruft entdeckt. In: Sächsische Zeitung, 15. Oktober 2009, S. 15. und wurden über Spenden und Fördermittel finanziert. Bereits Anfang 2017 beliefen sich die Kosten der noch im Bau befindlichen Gedenkstätte auf über vier Millionen Euro,Innenausbau der Busmannkapelle beginnt. In: Sächsische Zeitung, 5. April 2017, S. 13. die Gesamtkosten des Baus beliefen sich auf schätzungsweise 4,8 Millionen Euro.Genia Bleier: DenkRaum Sophienkirche. In: Dresdner Neueste Nachrichten, 9. Oktober 2020, S. 15.
Entwurf von Gustavs und Lungwitz mini|Die Busmannkapelle der Sophienkirche im VordergrundAquarell von Christian Gottlob Hammer, 1852
Der Entwurf von Gustavs und Lungwitz sieht eine räumliche Reproduktion der ehemaligen Busmannkapelle am ursprünglichen Standort vor, wobei der nördliche Raumabschluss zur Kirche offen bleibt: „Der ‚angedeutete Raum‘ ist offen nach Norden, zur Kirche hin, denn sie ist gänzlich verloren.“Gerhard Glaser: Die Gedenkstätte Sophienkirche. Ein Ort der Trauer, ein Ort gegen das Vergessen. In: Heinrich Magirius, Gesellschaft zur Förderung der Sophienkirche (Hrsg.): Die Dresdner Frauenkirche. Jahrbuch zu ihrer Geschichte und Gegenwart. Band 13. Schnell + Steiner, Regensburg 2009, S. 198. Die leicht abstrahierte Kapelle, deren drei Wände in Sichtbeton geschalt werden, wird durch eine gläserne Umfassung geschützt. Sie wird 21,60 Meter lang und 12 Meter breit sein und eine Höhe von 14,40 Metern haben.Gerhard Glaser: Die Gedenkstätte Sophienkirche. Ein Ort der Trauer, ein Ort gegen das Vergessen. In: Heinrich Magirius, Gesellschaft zur Förderung der Sophienkirche (Hrsg.): Die Dresdner Frauenkirche. Jahrbuch zu ihrer Geschichte und Gegenwart. Band 13. Schnell + Steiner, Regensburg 2009, S. 199. In die Gedenkstätte sollen original erhaltene Architekturteile und -fragmente an ihren ursprünglichen Plätzen präsentiert werden. Die Rippenkonstruktion des früheren Dreistrahlgewölbes wird durch Stahlprofile nachgebildet. Der Boden soll mit Sandsteinplatten belegt werden.
Der Ausstellungsraum soll vom Niveau der Sophienkirche abgehoben werden, wobei der Boden aus gestanzten Edelstahlplatten gefertigt sein soll, die von unten angeleuchtet werden. Auf Höhe der ehemaligen Emporen der Kirche sind Ausstellungsebenen geplant, die über eine Wendeltreppe begehbar sein sollen. Das Sockelgeschoss, das den gleichen Grundriss wie der Glaskubus hat, wird ebenfalls über die Wendeltreppe erschlossen und soll neben Toiletten, Angestelltenräumen und Räumen für die Technik auch ein Lapidarium beinhalten. Hier sollen Bildnisse, aber auch Grabsteine aus der Sophienkirche präsentiert werden.
Die Größe der Sophienkirche soll durch von der Kapelle abgehende vier unter freiem Himmel errichtete Strebepfeiler verdeutlicht werden. Sie markieren die Lage der Pfeiler, die bei der Neuerrichtung der Kirche 1351 bzw. deren Erweiterung um zwei Joche 1421 errichtet worden waren, und schaffen eine räumliche Verbindung zum Postplatz. Vom Postplatz her wird die Gedenkstätte auch zugänglich sein. Ein weiterer Zugang ist von der Ostseite über eine Hubplattform geplant.
Der Entwurf überzeugte, weil er „ohne historisierend zu entwerfen […] in einem reizvollen Wechselspiel mit modernen architektonischen Möglichkeiten die gotischen Architekturstrukturen wieder[gibt]. Empfindsam ist dabei der ideelle Umgang mit Geschichte und Gegenwart. Dennoch schleicht sich beim Betrachter das Gefühl eines Schaukastens ein.“Wiebke Fastenrath: Zur ehemaligen Busmannkapelle in Dresden. In: Landesamt für Denkmalpflege (Hrsg.): Denkmalpflege in Sachsen. Mitteilungen des Landesamtes für Denkmalpflege Sachsen. Landesamt für Denkmalpflege, Dresden 1996, S. 13. Bis zur Beantragung der Baugenehmigung im Jahr 2008 wurde der Entwurf von Gustavs und Lungwitz weiter entwickelt.
Bau Vorbereitungen mini|Gedenktafel aus dem Jahr 1999
Im Oktober 1995 hatte der Dresdner Stadtrat den „Bebauungsplan Nr. 54 Dresden-Altstadt Nr. 6, Postplatz/Wallstraße“ beschlossen. Dabei wurde entschieden, den im Volksmund genannten „Freßwürfel“ – die HO-Gaststätte „Am Zwinger“ – abzureißen. Sie bedeckte das südliche Areal des Sophienkirchengrundrisses und wurde 1998 abgetragen.
Es wurde auch entschieden, dass die nördliche Grundstückshälfte der früheren Sophienkirche überbaut wird. Das Haus am Zwinger, im Volksmund „Advanta-Riegel“ genannt, wurde von Heinz Tesar entworfen. „Die geschwungene Spitze des Riegels endet dort, wo einst der nördliche Turm [der Sophienkirche] stand. Absicht des Architekten war, auf den Standort der ehemaligen Kirche hinzuweisen, ihn zu markieren und ihn nicht verschwinden zu lassen.“Bernd Möller: In: Dresdner Blätt’l 10/98, 12. Juni 1998. Das Gebäude wurde 1999 fertiggestellt. Deren Investor Advanta hatte bereits 1993 auf Betreiben des Landesamts für Denkmalpflege zugestimmt, in den entstehenden Freiflächen und das Bürohaus den maßstabsgetreuen Umriss der Kirche abzubilden. Im Juli 1998 wurde der Grundriss in rotem Meißner Granit mit Großpflastersteinen begonnen und 1999 fertiggestellt.
Am 31. Januar 1998 hatte sich die „Gesellschaft zur Förderung einer Gedenkstätte für die Sophienkirche Dresden e.V.“ gegründet. Auf ihr Betreiben hin wurde am 30. April 1999 auf Original-Säulensteinen der Sophienkirche eine Gedenkplatte für die Sophienkirche enthüllt, die der Künstler Einhart Grotegut geschaffen hatte.Kurzbiografie von Einhart Grotegut, veryimportantlot.com Die Gedenkplatte befindet sich vor dem Haus am Zwinger in Höhe des ehemaligen Hauptportals der Sophienkirche. Es ist geplant, die Gedenkplatte später in die Gedenkstätte zu überführen.Gedenkstätte für die abgerissene Sophienkirche. In: Markus Hunecke: Die Sophienkirche im Wandel der Geschichte. Franziskanische Spuren in Dresden. benno, Leipzig 1999, ISBN 3-7462-1309-6, S. 138. Der „Gesellschaft zur Förderung einer Gedenkstätte für die Sophienkirche Dresden e.V.“, initiiert und geleitet von Hilde Herrmann (1920–2013),Hilde Herrmann, trauer-anzeigen.de, 6. Februar 2013. gelang es nicht zuletzt durch öffentliche Veranstaltungen und Pressearbeit, das Schicksal der Sophienkirche wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken.
Erste Baustufe mini|Die Gedenkstätte im Mai 2010 nach Ende der ersten Baustufe von Osten gesehen
Am 12. November 2008 wurde die Baugenehmigung für die Gedenkstätte Busmannkapelle erteilt, die 2009 rechtskräftig wurde. Am 13. Februar 2009, dem Jahrestag der Bombardierung Dresdens, wurden die ersten vier Stelen errichtet. Die der Sophienstraße nächste Stele ist als früherer Eckstrebepfeiler zum Giebel der Kirche dabei von anderer Form als die drei östlicheren Stelen.Gerhard Glaser: Die Gedenkstätte Sophienkirche. Ein Ort der Trauer, ein Ort gegen das Vergessen. In: Heinrich Magirius, Gesellschaft zur Förderung der Sophienkirche (Hrsg.): Die Dresdner Frauenkirche. Jahrbuch zu ihrer Geschichte und Gegenwart. Band 13. Schnell + Steiner, Regensburg 2009, S. 197. Alle vier Stelen befinden sich exakt an der Stelle der früheren westlichen Strebepfeiler der Südwand der Sophienkirche. Zwei der vier Stelen wurden dabei gestiftet, so übernahm die Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank im April 2011 die Kosten von 10.000 Euro für die zweite Stele, während die erste Stele bereits 2010 von dem Dresdner Unternehmen FSD Fahrzeugsystemdaten finanziert wurde.Stifter für die Busmannkapelle. In: Dresdner Neueste Nachrichten, 15. April 2011, S. 16. Die fünfte und letzte Stele wurde am Gründonnerstag, dem 1. April 2010, errichtet.Busmannkapelle bekommt fünfte Stele. In: Sächsische Zeitung, 30. März 2010. Die Stelen sind rund 14 Meter hoch und aus Beton gefertigt.
Der erste Spatenstich für das Sockelgeschoss erfolgte im September 2009. Beim Aushub der rund sechs Meter tiefen Baugrube entdeckten Bauarbeiter Reste der von Hans Erlwein 1910 erbauten Gruft, darunter Tonfliesen mit dem sächsischen Wappen. Betonklötze, die möglicherweise aus der Zeit des Baus des Fresswürfels stammten, und zusätzlicher Bauschutt verzögerten die Bauarbeiten.
Am 19. Januar 2010 wurde in Anwesenheit von Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz und Sachsens Landesbischof Jochen Bohl offiziell der Grundstein für die Busmannkapelle gelegt. Der Sandstein stammte aus den Grundmauern der Sophienkirche und wurde während der Bauarbeiten am Sockelgeschoss gefunden. Er wurde mit den Jahren 1272 (erste Erwähnung der Franziskanerkirche), 1602 (Namensgebung als Sophienkirche), 1737 (neuer Status als Hofkirche), 1945 (Bombardierung Dresdens), 1963 (Abriss der Ruine) und 2009 (Baubeginn Gedenkstätte) versehen und mit einer Kupferschatulle gefüllt. Sie beinhaltet Zeitungen, eine Urkunde und Münzen.Bettina Klemm: Grundstein für Busmannkapelle gelegt. In: Sächsische Zeitung, 20. Januar 2010, S. 14.