mini|180px|rechts|Dorothea Schlegel(1764–1839)

Florentin ist der einzige Roman Dorothea Schlegels, der 1800 nach kurzer Arbeitszeit fertiggestellt wurde und bei Friedrich Bohn in Lübeck und Leipzig erschien. Der anonym veröffentlichte Roman wurde von Friedrich Schlegel herausgegeben. Da der zweite geplante Band nie erschien, wird der Florentin als Fragment betrachtet.Weissberg, S. 239 oben

Im Zentrum des Romans steht die Figur des Florentin, ein aristokratischer Vagabund aus Italien, der auf der Suche nach Freundschaft, Liebe und Heimat in der Welt herumreist.

Zur Entstehung Äußerungen der Autorin über ihren Roman und ihre literarische Tätigkeit finden sich in Briefen um 1800, vor allem in der Sammlung von J. M. RaichDorothea von Schlegel, geb. Mendelssohn, und deren Söhne Johannes und Philipp Veit: Briefwechsel. Hrsg. von J. M. Raich. 2 Bde. Mainz 1881. und in den Briefen an Friedrich Schleiermacher. Aus dem Briefwechsel geht hervor, dass „Eduard d'Alton, mit dem zarte Beziehungen sie vor der Bekanntschaft mit Friedrich Schlegel verbunden hatten, das Urbild des Florentin sei.“Dorothea von Schlegel als Schriftstellerin: Franz Deibel, Berlin 1905, S. 57

Der erste Teil des Florentins entstand in zügiger Arbeit und sollte ursprünglich bei Unger erscheinen, wurde aber vom Verlag abgelehnt, da er zu unsittlich für das Romanjournal erschien. So wurde der Roman, nach der Vollendung am 15. Mai 1801, vom Lübecker und Leipziger Verleger Bohn gedruckt. Dorothea Schlegel wollte dem Florentin einen zweiten Teil folgen lassen, der für die Ostermesse 1801 geplant war, mit dessen Fertigstellung, wie aus mehreren Briefen hervorgeht, sie sich sehr plagte. Der weitere Teil folgte nicht und es blieb bei einigen Entwürfen und Aufzeichnungen, sowie der ebenfalls unvollendeten Novelle Camilla, die dem Roman eingefügt werden sollte. Obwohl das Werk anonym erschien, sprach sich schnell herum, wer als Verfasserin gelten konnte.

Einer der Gründe, warum Dorothea Schlegel weitere Teile nie angefertigt hat, könnte mit den Schwierigkeiten und Diskriminierungen, denen schreibende Frauen um 1800 ausgesetzt waren zusammenhängen. Weiters kann angenommen werden, dass sich das im Roman als negativ gezeichnete Verhältnis des Florentin zum Klosterleben und zum Katholizismus nicht mit ihren veränderten moralischen und religiösen Ansichten zu vertragen schien:vgl. Nachwort von Nehring, S. 304–306.

Aus den Briefen geht hervor, dass auch ihr Mann die Fertigstellung verzögerte, da er für die Korrekturen verantwortlich war: Der Roman blieb ein Fragment, wie es in der Frühromantik häufig der Fall war.

Handlung Florentin, auf dem Weg zum nächsten Hafen, weil er als Soldat für die amerikanischen Kolonien kämpfen will, rettet den Grafen Schwarzenberg vor dem Angriff einer Wildsau. Der zutiefst dankbare Herr lädt ihn in sein Haus ein und Florentin folgt ihm in dessen Anwesen, wo er von dessen Frau Eleonore, seiner Tochter Juliane und deren Verlobten Eduard freundlich aufgenommen wird. Er genießt seinen Aufenthalt in dem harmonischen Kreise, freundet sich mit Juliane und Eduard an und verschiebt seine Weiterreise bis zu deren Vermählung. Auf einem Ausflug erzählt er den beiden liebgewonnenen Freunden seine Lebensgeschichte:

Er wird von seiner Pflegemutter, was er erst später erfährt, streng katholisch zu einem Leben im Kloster erzogen. Der freiheitsliebende Florentin, der sich diesem Schicksal nicht fügen will, flüchtet mit Hilfe seines Nachbarn, des Marchese, und dessen Sohnes Manfredi im Alter von fünfzehn Jahren. Seine Stiefschwester, die ebenfalls zum Klosterleben bestimmt ist, kann nicht entkommen und fügt sich ihrem Fatum. Florentin besucht zwei Jahre die Militärakademie und beginnt danach ein aufregendes Wanderleben. Er erlebt zahlreiche Liebesabenteuer in Venedig, muss aber nach Rom fliehen, weil er unverschuldet in einen Mord verwickelt wird. Dort beginnt er künstlerischen Tätigkeiten nachzugehen und heiratet sogar, verlässt das Mädchen aber, als sie sein Kind abtreibt und wird deshalb beinahe selbst zum Mörder an ihr. Ihr neuer Mann erfährt von dem Attentat und schwört Florentin Rache, worauf er weiter nach Frankreich flüchten muss. In Paris schlägt er sich als Maler durch, reist für kurze Zeit nach London, wieder nach Frankreich zurück und landet auch für einen Winter lang in Basel, wo er die deutschen Dichter studiert. Danach kehrt er wieder nach Venedig zurück und lebt dort auch einige Zeit unter Hirten, wie er berichtet.

Beim Vermählungsfest von Eduard und Juliane verlässt Florentin plötzlich das Anwesen, um zur vielgepriesenen Schwester des Grafen, Clementine, zu reisen. Von ihr hat er im gräfliche Anwesen ein Gemälde gesehen, das ihn zutiefst gerührt hat. Eleonore gibt ihm einen Brief für ihre Schwägerin mit auf den Weg, den er vor Ort aber Clementines Dienstmädchen Betty zur Übermittlung geben muss, da die Gräfin sich nicht wohlfühlt und Florentin nicht selbst empfangen kann. Erst bei einer Musikaufführung, nachdem Florentin sich schon mit einigen Menschen rund um den Hof bekannt gemacht hat, sieht er Clementine zum ersten Mal. Als sie sich gegenüberstehen wird sie bei seinem Anblick ohnmächtig und muss auf ihr Zimmer gebracht werden. Inzwischen wird Florentin in einen Streit mit dem Rittmeister, dem zukünftigen Mann Bettys, verwickelt und verschwindet spurlos, bevor die anderen ihm zu Hilfe kommen können und die gräfliche Familie, die Clementine nach der Hochzeit besucht, eintrifft.vgl. Florentin, S. 11–191.

Struktur Die Struktur des Romans baut auf zwei entgegengesetzten Bewegungen auf: einerseits wird in die Zukunft erzählt, andererseits in die Vergangenheit. Die Gegenwartshandlung, die Florentins Leben vom Ausflug mit dem Grafen bis zu seiner Ankunft bei Clementina schildert, schreitet nur sehr langsam voran und wird von Rückblicken in seine geheimnisvolle Vergangenheit unterbrochen.vgl. Nachwort von Nehring, S. 311.

Deutung der Geschichte Was sucht der Italiener Florentin in Deutschland beim Grafen Schwarzenberg? Eine Antwort könnte sein: Florentin sucht die Gräfin Clementina. Denn nach längerem Aufenthalt in Basel verbringt Florentin in Venedig eine Nacht mit einer schönen jungen Frau. Sie gesteht ihm ihre Liebe. Die Schöne ist mit einem Mann verheiratet, der gut ihr Großvater sein könnte. Als Juliane, Eduard und Florentin in einer Mühle Schutz vor einem Unwetter finden, erzählt Juliane eine Geschichte, die einer Freundin ihrer Tante Clementina passiert sein soll. Jene Freundin, die am Ende der Geschichte eine Tochter zur Welt bringt, könnte Clementina und das Neugeborene könnte Betty sein. Also wäre Florentin Bettys Vater. Somit wären folgende merkwürdigen Passagen erklärlich: Clementina erkundigt sich – offenbar brieflich – bei Juliane und der Schwägerin Gräfin Eleonore nach Florentin. Der Leser erfährt davon nur durch Antwortbriefe aus der Feder Julianes und Eleonores. Obwohl mehrfach zur Hochzeit von Juliane mit Eduard eingeladen, bleibt die Tante aus gesundheitlichen Gründen fern. Als Florentin unangekündigt, im denkbar unpassendsten Moment, das Anwesen der Schwarzenbergs verlässt, errät Gräfin Eleonore das Reiseziel: „Mein Gott! freilich, Sie reisen zu Clementinen.“Ausgabe von Weissberg, S. 125, 11. Z.v.o. Clementina wird ohnmächtig, als Florentin sie aufsucht. Zuvor errötet und erblasst die Gräfin. Florentin erinnert sich beim Anblick Clementinas an die Zeit in Venedig.

In diese Deutung würde auch passen, dass Florentin beim Betrachten des Bildes der jugendlichen Clementina im Haus des Grafen tief angesprochen wird und, dass Clementina ohnmächtig wird, als sie Florentin das erste Mal erblickt. Auch die Erklärung, Clementina würde mit ihrer humanitären Tätigkeit vergangene Liebesschmerzen und -irrtümer zu vergessen suchen, stützt diese Interpretation. Da das Werk aber keine Fortsetzung erhalten und die Autorin, wie aus ihren Nachlassnotizen hervorgeht, verschiedene, voneinander abweichende und einander widersprechende Konzepte verfolgt hat, führen konkrete Spekulationen ins Leere.vgl. Nachwort von Nehring, S. 312.

Form und Stil Die Autorin gestaltete die Form des 18 Kapitel umfassenden Romans ganz nach den Kriterien der romantischen Poetik. Es finden sich Briefe, Gespräche, eingeschobene Geschichten und Gedichte. Die Sprache ist weniger von romantischen Elementen, wie Witz oder Ironie geprägt, wie sie in z. B. der Lucinde zu finden sind, und stellt sich als sehr einfach und klar dar.vgl. Frank (1988), S. 132.

Die Erzählung der Gegenwartsebene weist nur wenig äußerliches Geschehen auf und besteht vor allem aus Beobachtungen und Betrachtungen. In diesem Zusammenhang sind die ästhetischen, sozialen und moralischen Diskussionen zu erwähnen, die in die Geschichte eingeflochten werden. Auf der Handlungsebene gibt es die Dreiecksbeziehung zwischen Florentin, Juliane und Eduard, die aber im Laufe der Geschichte an Bedeutung verliert und nicht weiter verfolgt wird. Die Erzählung von Florentins Jugend hat zwar eine ereignisreichere Handlungskette, doch wird diese nur kursorisch erzählt und geht kaum in die Tiefe. Auch die Figuren bleiben oberflächlich und skizzenhaft, können nicht durch ihre Persönlichkeit oder Motivierung hervortreten.vgl. Nachwort von Nehring, S. 313.

Einflüsse Hervorzuheben ist der Einfluss des aufklärerischen Denkens, der im Florentin deutlich spürbar ist. In den ausgedehnten Erörterungen von religiösen und sozialreformerischen Fragen, von Sozialfürsorge und Pädagogik kann man die Prägung durch Dorothea Schlegels Vater, den Aufklärungs-Philosophen Moses Mendelssohn, erkennen.vlg. Nachwort von Nehring, S. 310.

Literarische Bezüge Beziehungen und Parallelen sind zu Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre ersichtlich, mit der er sowohl die Form des Entwicklungsromans als auch manche Einzelheiten die Figuren betreffend, teilt. Mit Tiecks Franz Sternbalds Wanderungen verbindet der Roman unter anderem die Vereinigung von Abenteuer- und Künstlertum, die Suche nach der eigenen Herkunft, die Spiegelungen der beiden Hauptschauplätze Deutschland und Italien, die Kombination von romantischem Freiheits- und Liebesmotiv und die versuchte Entführung der für das Kloster bestimmten Schwester. Mit Friedrich Schlegels Lucinde hat der Roman die nachgeholte Jugendgeschichte und das Umkreisen des Themas von wahrer Liebe und Ehe gemeinsam. In den Beschreibungen von Florentins Seelenzustand scheinen Tiecks William Lovell und die Empfindsamkeit anzuklingen. In dem Dreiecksverhältnis Florentin–Juliane–Eduard kann man Verweise auf Jacobis Woldemar erkennen.vgl. Nachwort von Nehring, S. 309–310

Genre Der Roman steht ganz in der Tradition der Romantik, in dessen Kreisen er einen besonderen Stellenwert einnahm. Zentrale Themen des Florentin sind Liebe und Ehe, aber vor allem die Suche des Helden nach seiner Herkunft und Identität. Die Wahl einer männlichen Hauptfigur wurde von Autorinnen zu dieser Zeit nur sehr selten getroffen. Damit distanziert sich Dorothea Schlegel von der Abbildung einer weiblichen Lebenswelt, wie es in klassischen Frauenromanen der Romantik üblich war. Gleichzeitig bietet sich ihr damit die Möglichkeit, ihren eigenen weiblichen Handlungsspielraum zu erweitern und die festen Geschlechterrollen zu durchbrechen.vgl. Inge Stephan (2004), S. 237.

Liebeskonzept Indem Dorothea Schlegel verschiedene Paarstrukturen vorführt, wird Liebe aus unterschiedlichen Perspektiven und in verschiedenen Konstellationen beleuchtet.