Die Volksgruppe der Sinti und Roma stellt einigen Schätzungen zufolge die größte ethnische Minderheit in Tschechien (beziehungsweise bis 1993 in der Tschechoslowakei) und die zweitgrößte ethnische Minderheit in der Slowakei (nach der ungarischstämmigen Bevölkerungsgruppe) dar. Die hier ansässigen Roma sprechen meist die tschechische oder die slowakische Sprache oder den sogenannten zentralen Dialekt der Sprache Romani. Den Roma wurde ihr Status einer ethnischen Gemeinschaft verweigert, sie wurden als eine asoziale und kriminelle Gruppe betrachtet.

Geschichte Der erste urkundliche Nachweis von Roma auf dem Gebiet der beiden heutigen Länder Tschechien und Slowakei datiert aus dem Jahr 1423. Es handelt sich um einen Schutzbrief des Königs Sigismund, der auf der Zipser Burg ausgestellt wurde. Ab 1427 sind erste Ausschreitungen und Verfolgungen von Roma nachgewiesen. Diese haben teilweise politische, wirtschaftliche und kirchliche Gründe, da man teilweise in den Roma feindliche osmanische Kundschafter vermutete. 1627 wurden Roma in Böhmen für „vogelfrei“ erklärt, was bedeutet, dass man sie ungestraft ermorden konnte. Oftmals waren Roma andererseits auch als geschickte Handwerker und Musiker willkommen, die neue Handwerkstechniken in entlegene Gebiete brachten. Kaiserin Maria Theresia von Österreich beendete zwar die Verfolgungen, plante jedoch eine rigorose Assimilationspolitik, die neben der Wegnahme der Kinder, um sie umerziehen zu lassen, auch eine Christianisierung umfasste. Die Roma waren weiterhin Diskriminierung ausgesetzt. Vielfach wurden sie im Rahmen der Industrialisierung Arbeiter, da ihre traditionellen Handwerke an Bedeutung verloren.Geschichte und Herkunft der Roma, Bericht der eigenen Roma-Redaktion des Portals des tschechischen Rundfunksenders Český rozhlas/romove.cz, online auf romove.radio.cz/...Was ist Antiziganismus?, Bericht des Portals Rosa-Luxemburg-Stiftung, online auf: rosalux.de/...Die AG „Für den Frieden“ und die Sinti und Roma, Paper der AG „Für den Frieden“ und die Sinti und Roma der Uni Oldenburg, online auf: oops.uni-oldenburg.de/..., S. 171Geschichte der Roma auf dem Gebiet der Tschechischen Republik, Bericht der eigenen Roma-Redaktion des Portals des tschechischen Rundfunksenders Český rozhlas/romove.cz, online auf: romove.radio.cz/...

Auch in der 1918 neu entstandenen Tschechoslowakei bildeten die Roma eine ethnische Gemeinschaft, die an der sozialen Peripherie der Mehrheitsbevölkerung lebte. Die staatliche Politik konzentrierte sich (besonders nach 1948) fast immer auf die Roma-Bevölkerung nicht als auf eine eigenständige ethnische Minderheit, sondern nahm sie vielmehr als eine besonders asoziale und kriminelle Gruppe wahr.Klara Orgovanova, Roma in Slovakia, Portal Slovakia.org, online (archiviert am 2. Oktober 2007) auf slovakia.org/...

Nach dem Ersten Weltkrieg

Auch nach der Gründung der Tschechoslowakei 1918 waren die Roma Ziel von Assimilations- und sogenannten „Zivilisations“-Bemühungen. Am 14. Juli 1927 erließ die Regierung das Gesetz 117/1927 Sb. über „Zigeuner und ähnliche arbeitsscheue Landstreicher“, Zákon č. 117/1927 Sb. vom 14. Juli 1927, online auf: www.psp.cz/... das durch das französische Gesetz über Umherziehende von 1912 und das bayerische Gesetz über die „Zigeuner und Faulenzer“ von 1926 inspiriert wurde. Die Maßnahmen des Gesetzes richteten sich gegen alle Personen, die durch eine Landstreichern ähnelnde Lebensweise auffielen, auch wenn sie zeitweilig einen festen Wohnsitz hatten (§ 1 des Gesetzes). Das betraf aber insbesondere die zu der damaligen Zeit noch herumziehenden Roma. Das Gesetz ermöglichte es, die Roma polizei- und verwaltungsmäßig zu erfassen, es wurden „Zigeunerausweise“ ausgestellt sowie „Lizenzen (Genehmigungen) zum Herumziehen“. Es konnten regionale Aufenthaltsverbote erlassen werden, nach § 12 konnten Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren aus den Familien herausgenommen und an Pflegeeltern beziehungsweise Heime zur „Assimilierung“ übergeben werden.Jana Horváthová, Kapitoly z dějin Romů [Kapitel aus der Geschichte der Roma], Člověk v tísni, společnost při ČT, o.p.s., Lidové noviny 2002, Kap. 11: Genocida, S. 43ff., online auf: www.pf.jcu.cz/.../13.pdfKatrin Bock: Roma-Verfolgung im Protektorat, Bericht der eigenen Roma-Redaktion des Portals des tschechischen Rundfunksenders Český rozhlas/romove.cz, online auf: romove.radio.cz/...

Das Vorhaben, Roma in Arbeitslagern unterzubringen, ging auf den Streit und eine Petition zweier Gemeinden vom 5. Februar 1939 zurück und fand seinen Niederschlag in der Regierungsanordnung 72/1939 vom 2. März 1939, die jedoch nicht gleich verwirklicht wurde, da am 15. März 1939 deutsche Truppen einmarschierten. Der daraufhin zuständige Reichsprotektor Konstantin von Neurath übernahm später die Anordnung 72/1939 und verfügte mit seiner Anordnung vom 15. Juli 1940 den unmittelbaren Bau mehrerer „Zigeunerlager“, unter anderem KZ Lety und KZ Hodonín.

Nach der Annexion des Sudetenlandes und der Besetzung der „Resttschechei“ setzte die Regierung des Protektorats Böhmen und Mähren diese Politik fort. Im Herbst 1939 wurde die Zwangsansiedlung „herumreisender Personen“ angeordnet; es wurden etwa 7000 Personen registriert, die meisten davon Roma. Diejenigen, die sich weigerten, einen festen Wohnsitz zu akzeptieren, wurden ab 1940 in Zwangsarbeitslagern „für Arbeitsscheue“, später in „Zigeunerlagern“ interniert. Nach dem Attentat auf Heydrich verstärkte sich die Repression ab Sommer 1942, sodass zwischen Frühjahr 1943 und Juli 1944, auf Anordnung des Reichs-SS-Führers Heinrich Himmler vom Dezember 1942, die Roma in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert wurden, wo mindestens 5000 von ihnen das Leben verloren. Die wenigen im Protektorat und in der Slowakei gebliebenen Roma haben sich auch an Widerstandsaktionen beteiligt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg lebten in Böhmen und Mähren noch rund 600 Roma von vormals etwa 8000, deren Zahl jedoch infolge des Zuzugs aus der Slowakei und anderen Ländern schnell emporkletterte. In der formal unabhängigen Slowakei wurden die dort ansässigen Roma verstärkt diskriminiert, die Verfolgung dieser Volksgruppe erreichte jedoch nicht das Ausmaß, das im direkten nationalsozialistischen Herrschaftsbereich bestand.

Nach dem Krieg wurden vermehrt slowakische, rumänische und ungarische Roma sowie Roma aus der Sowjetunion in den tschechischen Grenzgebieten, in denen bis dahin Deutschböhmen und Deutschmährer lebten, sowie in Industriegebieten, beispielsweise im heutigen Ústecký kraj, im Liberecký kraj oder im Moravskoslezský kraj angesiedelt, um den Bevölkerungsverlust aufzufangen. Anders als die früheren hier angesiedelten Roma, denen eine gewisse Integration im industrialisierten Böhmen und Mähren nachgesagt wurde, handelte es sich um Gruppen und Familien, die durch die stark konservativen Verhältnisse in ländlichen Gebieten der Ursprungsländer geprägt und mit einem anderen kulturellen und sozialen Hintergrund ausgestattet waren. Einerseits wurden sie als Arbeitskräfte gebraucht, andererseits war die Gesellschaft nicht bereit, die Konflikte offen auszutragen. Die Vorkriegspolitik den Roma gegenüber wurde fortgesetzt. Das Gesetz von 1927 über „Zigeuner“ war nach wie vor gültig, und das Ministerium für Soziales bereitete noch 1947 eine Regierungsanordnung vor, wonach Roma ohne eine feste Anstellung in Arbeitslagern interniert werden sollten; dies stieß jedoch auf Proteste und wurde nicht verwirklicht.Jana Horváthová, Kapitoly z dějin Romů [Kapiteln aus der Geschichte der Roma], Člověk v tísni, společnost při ČT, o.p.s., Lidové noviny 2002, Kap. 12: Státem řízená asimilace, S. 50ff., online auf: www.pf.jcu.cz/.../14.pdf

Während der kommunistischen Herrschaft

Nach der kommunistischen Machtübernahme 1948 wurden Roma „de jure“ gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft, was die Verfassung garantierte. Die reale Situation hat sich jedoch nicht geändert. Das Gesetz über Zigeuner von 1927 blieb auch nach 1948 weiterhin gültig und wurde erst 1950 außer Kraft gesetzt. Im Jahr 1952 wurde eine Verordnung erlassen, deren Ziel die „Umerziehung und die schrittweise Beseitigung rückständiger Folgen bei den Zigeunern als Erbe der kapitalistischen Gesellschaft“ war. Am 17. Oktober 1958 wurde das Gesetz 74/1958Zákon 74/1958 Sb. - Zákon o trvalém usídlení kočujících osob, online auf: www.zakonyprolidi.cz/ erlassen über die zwangsweise dauerhafte Ansiedlung der Roma unter Androhung einer Gefängnisstrafe bis zu drei Jahren bei Nichtbefolgung der Maßnahme (§ 3). 1959 wurde es durch polizeiliche Aktionen verwirklicht: Die Roma-Lager wurden razziaähnlich besetzt, von den Wagen wurden die Räder abmontiert und vernichtet, die Roma mussten dann in der nächsten Ortschaft die ihnen angebotenen Unterkünfte zwangsweise beziehen.Kristýna Frydrýšková, Romové pod vlivem komunismu, online auf: www.romanovodori.cz/... Im selben Jahr verabschiedete das höchste Organ der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei eine Resolution, deren Ziel die „endgültige Assimilation der Zigeunerbevölkerung“ war. Die sogenannte „Zigeunerfrage“ wurde auf ein „Problem einer sozial rückständigen Bevölkerungsschicht“ reduziert. Die Lösung für die hohe Zahl von Kindern in Roma-Familien bestand in Form finanzieller Anreize für Roma-Frauen, sich einer Sterilisation zu unterziehen.

1962 erschien in der Zeitschrift Demografie ein Artikel mit der Folgerung „Es ist nicht die Frage, ob die Zigeuner eine Nation sind, sondern wie sie assimiliert werden sollten“.Demografie, Jahrgang. 1962, Nr. 4, S. 80f. Dieses Assimilationskonzept ließ die Traditionen der Roma völlig außer Acht; sie wurden als retardierende Überbleibsel abgetan und fortan systematisch unterdrückt – was bis hin zu Empfehlungen von Schulmitarbeitern an die Eltern ging, mit ihren Kindern nicht in Romani zu sprechen.

Während bislang die Bemühungen der staatsgesteuerten Assimilation auf kulturelle und bildungsbedingte Fragen abzielte, folgte nach 1965 eine Phase, in der man die Roma aus Gemeinden beziehungsweise Gebieten, wo sie konzentriert vorkamen, durch Umsiedlungen zerstreuen wollte. Die Roma-Bevölkerung wurde nicht als eine ethnische, sondern als eine sozial-pathologische Gruppe betrachtet, die somit kein Recht auf eigene kulturelle, ethnische und andere Spezifika hat. Durch die Regierungsanordnung 502 vom 13. Oktober 1965 wurde ein „Regierungskomitee für die Fragen der Zigeuner“ (Vládní výbor pro otázky cikánského obyvatelstva) errichtet mit dem Ziel der Angleichung des sozial-ökonomischen Niveaus und der völligen Integration und Assimilation der Roma-Bevölkerung. Insbesondere sollte dies durch feste Arbeit und durch die Auflösung von Straßen beziehungsweise Gemeinden, die vorwiegend durch die Roma-Bevölkerung bewohnt wurden, erzielt werden. Die Ethnologin Jana Horváthová meint, dass in dieser Zeit die Vernichtung der Roma-Identität am größten war.Kristina Axmanová, Řešení romské problematiky v ČSR v 70. letech 20. století ve světle činnosti tzv. Komise vlády ČSR pro otázky cikánského obyvatelstva, Historisches Institut der Philosophischen Fakultät der Masaryk-Universität Brünn, 2012, online auf: is.muni.cz/…

Zu einer kurzen, vorübergehenden Verbesserung der Lage der Roma kam es im Verlaufe des Prager Frühlings 1968. Am 30. August 1969 wurde in Brno der Svaz Cikánů-Romů (Verband der Zigeuner-Roma) gegründet, woran bereits ab Mai 1968 ein Vorbereitungskomitee arbeitete. Zu den engagierten Initiatoren gehörte unter anderem die Indologin und Begründerin der tschechischen Romistik Milena Hübschmannová, die sich bereits seit den späten 1950er Jahren um die Sprache und Kultur der tschechischen und slowakischen Roma einsetzte.