Strukturale Medienbildung ist der Entwurf eines Bildungskonzeptes, das auf der strukturalen Bildungstheorie Winfried Marotzkis aufbaut. Zusammen mit Benjamin Jörissen verfasste Marotzki das Buch Medienbildung – Eine Einführung (2009), das klassische bildungstheoretische Überlegungen der Moderne mit Diskursen der Bild- und Filmtheorie sowie Internationaler Internetforschung verbindet.

Das Forschungsprogramm und das Studienangebot der Strukturalen Medienbildung wurde von Winfried Marotzki und Kollegen in Form des konsekutiven BA- und MA-Studiengangs Medienbildung: Audiovisuelle Kultur und Kommunikation an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg (OVGU) etabliert.

Bei der Konzeption gingen die Autoren davon aus, dass Sozialisation in der Moderne grundlegend und unhintergehbar medial erfolgt.

Bildungstheoretische Grundlagen Die Autoren haben für die strukturale Bildungstheorie/Medienbildung einen Bildungsbegriff entwickelt, der in der Unterscheidung von dem Begriff der „Ausbildung“ (als ein auf Wissen bezogenes oder auf ein praktisches, auf Können abzielendes Lernen) bestimmt wird. Bildung in der als Postmoderne bezeichneten Gegenwart erschöpft sich nicht in der Aneignung eines allgemeingültigen, festgelegten Kanons. Diese bildungsbürgerliche Vorstellung von Bildung ist durch historische Krisenerfahrungen gestört, etwa aus Industrialisierung und Massenverarmung, Kolonialismus, Weltkriege. Diese gesellschaftlichen Krisenerfahrungen machten es unumgänglich, auch über eine „Erziehung zur Mündigkeit“Benjamin Jörissen, Winfried Marotzki: Medienbildung. Eine Einführung: Theorie – Methoden – Analysen. (= UTB; Bd. 3189) Verl. Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2009, ISBN 978-3-8252-3189-7, Kap. 2 „Strukturale Bildungstheorie und Strukturale Medienbildung“: S. 9–40, darin auf S. 11. hinaus einen Bildungsbegriff zu entwickeln, der nicht auf einen verinnerlichten Kanon, sondern auf Mündigkeit und moralische Autonomie abzielt, auf ein Welt- und Selbstverhältnis, das nur vom Subjekt ausgehen könne. Die Strukturale Bildungstheorie und strukturale Medienbildung stützen sich in diesem Sinne auf eine formale Bildungstheorie, in Unterscheidung zur materialen Bildungstheorie. Das Ziel einer formalen Bildungstheorie liegt nicht in Inhalten, sondern in der Form der Selbst- und Weltbeziehung. Ein modernes Bildungsverständnis geht nach Jörissen und Marotzki nicht von bestimmten Bildungsinhalten aus, sondern beschreibe vielmehr die „strukturalen Aspekte von Bildung“ (Flexibilisierung, Dezentrierung etc.)Benjamin Jörissen, Winfried Marotzki: Medienbildung. Eine Einführung: Theorie – Methoden – Analysen. (= UTB; Bd. 3189) Verl. Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2009, ISBN 978-3-8252-3189-7, Kap. 2 „Strukturale Bildungstheorie und Strukturale Medienbildung“: S. 9–40, darin auf S. 13.

Am Bildungsverständnis Wilhelm von Humboldts und anhand des Bildungskonzepts Wolfgang Klafkis stellen die Autoren den Bezug zur Gegenwart her.

Zudem stellen die Autoren den Anschluss an das Konzept der Kontingenz des Soziologen Anthony GiddensGiddens 1996 her. Zufälle, die in einem individualisierten Leben auftreten, können nicht durch umgreifende Orientierungsmuster mit Sinn versehen werden.

Im Anschluss an Wilhelm Heitmeyer unterscheiden die Autoren drei Krisentypen der Moderne:

Strukturkrisen: Strukturwandel auf gesamtgesellschaftlicher Ebene wie Transformationsprozesse und Globalisierungsphänomene Regulationskrisen: Pluralisierung von Werten und Normen Kohäsionskrisen: Phänomene, die soziale Anerkennung, Zugehörigkeit und Bildung umfassen

Orientierungssysteme des Welt- und Selbstverhältnisses erscheinen zeitlich begrenzt, die Moderne zeichnet sich durch Diskontinuität aus. Durch fortschreitende Individualisierung muss der Sinn des Welt- und Selbstverhältnisses immer mehr vom Einzelnen erzeugt werden. Diese Verhältnisse können nur mittels einer reflexiven Beziehung zu sich selbst hergestellt werden. Der Unbestimmtheit der Welt kann mit der Relativierung, der Vorläufigkeit des eigenen Standpunktes, der eigenen Weltsicht begegnet werden. Die Autoren sehen die Möglichkeit der Relativierung in einem „als-ob“ agierenden Selbst und Weltverhältnis, durch den Begriff der Tentativität beschreibbar. Demnach kann Bildung nicht länger ein Überführen von Unbestimmtheit in Bestimmtheit bedeuten. Die Herstellung von Bestimmtheit, der Aufbau eines notwendigen Fakten- und Orientierungswissens, muss Unbestimmtheitsbereiche ermöglichen und eröffnen.

Das formale Bildungsverständnis der Autoren wird durch eine begriffliche Trennung von Lernen und Bildung verdeutlicht: Hierfür greifen sie auf das klassische Lernmodell von Gregory Bateson zurück. In Anlehnung an dieses Modell eröffnet sich die Unterscheidung von vier Ebenen, jeweils zwei Ebenen des Lernens (Lernen I und II) und zwei Ebenen der Bildung (Bildung I und II):

Lernen I: Reiz-Reaktions-Muster Lernen II: Reiz-Reaktions-Muster unter Beachtung des jeweiligen Kontextes Bildung I: Konstruktionsprinzipien des Selbst- und Weltverhältnisses und der damit einhergehenden Dezentrierung des eigenen Weltbildes Bildung II: Steigerung des Selbstbezugs als Beobachter des eigenen Selbst

Bildung in der Wissensgesellschaft

Der Entwicklung unserer Gesellschaft im Bezug zum Wissen, zur „Wissensgesellschaft“, muss in Bildungsprozessen Rechnung getragen werden. Der Einfluss von wissenschaftlichem Wissen spielt in fast allen Gebieten des Lebens eine einflussreiche Rolle.Nico Stehr: Arbeit, Eigentum und Wissen: zur Theorie von Wissensgesellschaften. Suhrkamp Verl., Frankfurt a. M. 1994, ISBN 3-518-58187-2, S. 16. Die Formen des Wissens, die Formen des Wissenserwerbs, die Wissensvermittlung sind beeinflusst. Wissen gilt als bedeutendster Produktionsfaktor neben Arbeit, Kapital und Natur. Die Autoren zitieren Helmut Willke, der von einem neuen Typ von Arbeiter spricht, dem Wissensarbeiter.Benjamin Jörissen, Winfried Marotzki: Medienbildung. Eine Einführung: Theorie – Methoden – Analysen. (= UTB; Bd. 3189) Verl. Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2009, ISBN 978-3-8252-3189-7, Kap. 2 „Strukturale Bildungstheorie und Strukturale Medienbildung“: S. 9–40, darin auf S. 27. Erwerbsarbeit ist überwiegend auf hohem Qualifikationsniveau zu haben. Insofern bildet der Begriff des „lebenslangen Lernens“ eine nie stillstehende, stets zu erweiternde Lebensgrundlage.

Dimensionen strukturaler Medienbildung

Die Autoren gehen davon aus, dass in der Begegnung mit den „Neuen Medien“ bereits Fähigkeiten und Einstellungen „wie Bereitschaft zu tentativer Erkundung des (noch) Unbekannten, Begegnungen mit (z. B. kulturellem) Anderem und Fremdem, Interesse am Erwerb neuer Interaktionsweisen und -muster“Benjamin Jörissen, Winfried Marotzki: Medienbildung. Eine Einführung: Theorie – Methoden – Analysen. (= UTB; Bd. 3189) Verl. Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2009, ISBN 978-3-8252-3189-7, Kap. 2 „Strukturale Bildungstheorie und Strukturale Medienbildung“: S. 9–40, darin auf S. 30. erforderlich sind. Die „Wissenskluft“ hat sich zu einer „Partizipationshürde“ an der Teilnahme von medialen Räumen gewandelt. Medien bieten nicht mehr wegzudenkende eigene Lebenswelten an. Das Internet z. B. bietet vielfältige Möglichkeit zur Artikulation und Partizipation. Der Film bietet ein hohes Maß an reflexivem Potential. Hier werden „Fremdheitserfahrungen inszeniert, nachvollziehbar und reflektierbar gemacht“.

In Anlehnung an Immanuel KantKant 1800, 448 formulieren die Autoren vier grundlegende reflexive Orientierungsoptionen, deren Unterscheidung für die Analyse von Bildungspotenzialen in verschiedenen medialen Bereichen dienen. Sie bilden die Grundlage der strukturalen Medienbildung:

Wissensbezug (Reflexion von Wahrnehmung, Kategorien des Wissens, Wissensproduktion und Wissenslagerung) Handlungsbezug (Reflexion von Handlungsoptionen, Bildung zur Verantwortung, Verhältnis des Einzelnen zu anderen, wissendes Handeln) Transzendenz- und Grenzbezug (Reflexion von Grenzen als Grundstruktur von Bildung, Körper und Technik, Kommunikationstechnologie und Biologie) Biographiebezug (grundlegendes Verständnis des Menschen, vom Menschen: Biographisierung über Bewertung, Ordnung, Strukturierung und Orientierung mittels Wertehierarchie; Such und Erprobungsprozess, nach Wilhelm Diltheyvgl. Dilthey 1907, 74: „Lebenserfahrung“)

Die Fähigkeit zu Artikulationen des eigenen Selbst und die Fähigkeit, Artikulationen anderer verstehend anzuerkennen, bieten Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilnahme und Auseinandersetzung. Artikulation in Sprache, Bild oder MusikMatthias Jung: „Making us explicit“: Artikulation als Organisationsprinzip von Erfahrung. In: Magnus Schlette, Matthias Jung (Hrsg.): Anthropologie der Artikulation: Begriffliche Grundlagen und transdisziplinäre Perspektiven. Verl. Königshausen & Neumann, Würzburg 2005, ISBN 3-8260-3030-3, S. 103–142, darin auf S. 126. können Bildungsprozesse sichtbar machen, sie beinhalten ein hohes Bildungspotential.

Filmtheoretische Grundlagen

Die strukturale Medienbildung erfasst die Formstrukturen der Medien. Denn die Form des Mediums bestimmt die Reflexionsmöglichkeiten, die ein Medium potentiell bieten kann bzw. die diesem bereits eingeschrieben sind. In dieser neoformalistischen oder strukturalen Konzeption steht die strukturale Medienbildung sowohl der Medientheorie McLuhans:

„Gesellschaften sind immer stärker von der Beschaffenheit der Medien, über die die Menschen miteinander kommunizieren, geformt worden, als vom Inhalt der Kommunikation“McLuhan 1976, 176

als auch dem Russischen Formalismus nahe. In dieser literaturwissenschaftlichen Position wird der Form des Mediums das Primat eingeräumt: „Die Form bestimmt den Inhalt.“Benjamin Jörissen, Winfried Marotzki: Medienbildung. Eine Einführung: Theorie – Methoden – Analysen. (= UTB; Bd. 3189) Verl. Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2009, ISBN 978-3-8252-3189-7, Kap. 3 „Audiovisuelle Artikulationsformen“: S. 41–94, darin auf S. 42. Analysen nach dieser Theorie stellen formale Baustrukturen in den Vordergrund.vgl. Bordwell/Thompson 2008

Strukturale Filmanalyse

In ihrem Buch Medienbildung – Eine Einführung geben Jörrissen und Marotzki für verschiedene Medien ein Beispiel strukturaler Medienanalyse. Die Autoren erarbeiten ihre Analyse anhand filmsprachlicher Elemente aus den Kategorien

Mise-en-scène Kinematographie Montage (Schnitt) Ton und Musik

Für das Medium Film haben die Autoren Ararat von Atom Egoyan analysiert. Im Zentrum der Analyse steht die Narrationsstruktur des Films, die auf vier Ebenen inszeniert wird. Durch diese Struktur bietet der Film Raum für Reflexion. Erzähltechnisch wird dies durch das Verschachteln der vier Ebenen, durch Modalisierung und Diskursivität erreicht. Der Film ist nach der Analyse der Autoren ein „geschickte(s) Arrangement von Erinnerungsarbeit.“Benjamin Jörissen, Winfried Marotzki: Medienbildung. Eine Einführung: Theorie – Methoden – Analysen. (= UTB; Bd. 3189) Verl. Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2009, ISBN 978-3-8252-3189-7, Kap. 3 „Audiovisuelle Artikulationsformen“: S. 41–94, darin auf S. 57.

In der Anwendung filmisch motivierter Analysen in Bezug auf die Dimensionen Wissen, Handlung, Grenze, Biographie werden folgende Filme unter anderen näher betrachtet:

Super Size Me (2003), Morgan Spurlock Die Vergessenen (1950), Luis Buñuel Scarface (1932), Howard Hawks Mein Leben ohne mich (2003), Isabel Coixet Die Zeit, die bleibt (2005), François Ozon Dekalog 1 (1989) und Dekalog 2 (1989), Krzysztof Kieślowski Sprich mit ihr (2002), Pedro Almodóvar Das weiße Rauschen (2001), Hans Weingartner Wilde Erdbeeren (1957), Ingmar Bergman Big Fish (2003), Tim Burton