Die Schattenhand (Originaltitel The Moving Finger) ist der 33. Kriminalroman von Agatha Christie. Er erschien zunächst im Frühjahr 1942 als Fortsetzungsroman und im selben Jahr in den USA als Buch, erst im Juni 1943 als Buch im Vereinigten Königreich. Die britische und die amerikanische Ausgabe unterscheiden sich beträchtlich. Eine deutsche Übersetzung kam zuerst 1944 im Schweizer Scherz Verlag heraus, übersetzt von Anna Katharina Rehmann.deutsche Erstausgabe im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek 1999 wurde der Roman von Sabine Roth neu übersetzt.Neuübersetzung 1999 im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
Es ermittelt Miss Marple in ihrem dritten Roman.
Romantitel Der englische Titel entstammt dem 71. Vierzeiler (Rubāʿī) aus Omar Chayyāms Rubāʿīyāt in der Übersetzung von Edward FitzGerald:
The Moving Finger writes; and, having writ, Moves on: nor all thy Piety nor Wit Shall lure it back to cancel half a Line, Nor all thy Tears wash out a Word of it. (Der Finger bewegt sich und er schreibt; und, hat er geschrieben, fährt er fort: Weder werden all deine Frömmigkeit noch dein Geist ihn zurücklocken, um auch nur die Hälfte einer Zeile zu löschen, noch werden deine Tränen ein Wort davon fortwaschen.)
Dieser Vierzeiler war im englischsprachigen Raum sehr beliebt und bekannt. Er bezieht sich auf das biblische Menetekel im Buch Daniel.
Handlung Jerry Burton und seine Schwester Joanna Burton mieten ein Landhaus in der englischen Kleinstadt Lymstock, damit sich Jerry von den Folgen eines Flugzeugabsturzes erholen kann. Bald erhalten sie einen obszönen anonymen Brief und erfahren, dass solche anonymen Briefe seit einiger Zeit im Ort umgehen.
Mona Symmington, die Frau des örtlichen Anwalts, wird tot aufgefunden. Neben ihrer Leiche entdeckt man einen anonymen Brief an sie mit der Unterstellung, eines ihrer Kinder stamme aus einem unehelichen Verhältnis, ein Glas mit Resten von Zyankali und einen Fetzen Papier mit den Worten: „Ich kann nicht mehr“ („I can’t go on“) in ihrer Handschrift. Der Spruch beim „inquest“, also der in England üblichen gerichtlichen Leichenschau, lautet auf Selbstmord im Zustand der zeitweiligen Unzurechnungsfähigkeit. Ein Experte von Scotland Yard unterstützt die polizeilichen Ermittlungen, die sich auf die anonymen Briefe konzentrieren, und kommt zu dem Schluss, dass die Briefe von einer gebildeten Frau mittleren Alters geschrieben wurden.
Dann erhält die Haushälterin der Burtons, Partridge, einen Anruf des Hausmädchens der Symmingtons, Agnes, die sie um Rat bittet, weil ihr etwas seltsam vorkomme. Beide verabreden sich für den Nachmittag zum Tee, doch Agnes erscheint nicht. Stattdessen findet Megan Hunter, die 20-jährige Tochter von Mona Symmington aus erster Ehe, ihre Leiche in einem Schrank. Die Polizei geht davon aus, dass die Schreiberin der anonymen Briefe auch Agnes getötet habe, weil Agnes etwas über sie gewusst habe. Weil ihr die Ermittlung zu langsam fortschreitet, kündigt Mrs. Dane Calthrop, die Frau des Pfarrers, an, eine eigene Expertin zu beauftragen, die sich später als Miss Marple herausstellt.
Parallel zu diesen Ereignissen entwickeln sich zwei Liebesgeschichten: Jerry Burton verliebt sich in Megan Hunter, Joanna Burton in Owen Griffith, den lokalen Arzt, mit dessen Gefühlen sie zunächst nur spielen wollte. Zwei dramatische Ereignisse führen dazu, dass die Liebesgeschichten in eine akute Phase treten: Jerry Burton zerrt Megan Hunter spontan in den Zug nach London und lässt sie dort neu einkleiden, weil er sich über ihre nachlässige Kleidung ärgert; Joanna Burton trifft bei einem Spaziergang überraschend Owen Griffith und wird von ihm gezwungen, bei einer schwierigen Entbindung zu assistieren.
Die Polizei stellt eine Falle, indem sie das Haus des Frauenvereins (Women’s Institute)In den Women’s Institutes fanden regelmäßige Gemeinschaftsaktionen von Frauen statt, insbesondere Kurse für Haushaltsaktivitäten (Kochen) und andere Weiterbildungen (Maschineschreiben, Kurzschrift). In Großbritannien war ihre Entstehung verknüpft mit dem Ersten Weltkrieg, hier sollten und wollten Frauen in Kriegszeiten zur Nahrungsproduktion beitragen. Siehe die Website der heute noch existierenden Women’s Institutes, https://www.thewi.org.uk/. überwacht, da dort die Schreibmaschine steht, mit der die Umschläge der anonymen Briefe beschriftet wurden. Sie beobachtet Aimée Griffith, die Schwester des Arztes, beim Schreiben eines anonymen Briefs an das Kindermädchen der Symmingtons, Elsie Holland. Griffith wird verhaftet. Miss Marple aber ist nicht zufrieden. Sie stellt eine eigene Falle und informiert die Polizei darüber. Auf ihr Betreiben erpresst Megan ihren Stiefvater Richard Symmington damit, dass sie wisse, dass er die Morde begangen habe. Er zahlt ihr den geforderten Betrag. In der Nacht, als sie schläft, versucht er sie zu ermorden, indem er sie betäubt und sie anschließend mit dem Kopf in den Gasherd legt, um einen Selbstmord vorzutäuschen. Dabei wird er festgenommen.
Bei einem Treffen im Pfarrhaus wird Miss Marple als die von Mrs. Dane Calthrop beauftragte Expertin vorgestellt und gibt ihr abschließendes Urteil über Motive und Verlauf des Verbrechens bekannt. Symmington hatte seine Frau getötet, um das hübsche Kindermädchen Elsie Holland heiraten zu können, das bei den Symmingtons arbeitet. Die anonymen Briefe stammten von Symmington, der den „poison pen“ nur etabliert hatte, um den Mord als Suizid erscheinen zu lassen. Er beging auch den Mord an Agnes, weil er ihr Gespräch mit Partridge mitgehört hatte. Aimée Griffith hatte nur den letzten Brief geschrieben, um Elsie Holland aus dem Haus zu ekeln und Symmington selbst heiraten zu können.
Beide Liebesgeschichten der Burtons enden glücklich. Sie lassen sich mit ihren jeweiligen Partnern in Lymstock nieder.
Erzählweise, formaler Aufbau, Ort und Zeit Es handelt sich um eine Ich-Erzählung eines männlichen Erzählers, nämlich von Jerry Burton. Sie umfasst in der britischen Ausgabe 15 Kapitel, arabisch beziffert, meist jeweils unterteilt in zwei bis vier Unterkapitel, die mit römischen Ziffern bezeichnet sind. Der erzählte Zeitraum beträgt etwa sechs Wochen.
Die Geschichte beginnt in London und kehrt gelegentlich dorthin zurück, spielt aber hauptsächlich in der fiktiven Kleinstadt Lymstock. Auf die Lokalisierung dieses Orts gibt es nur vage Hinweise: Er ist relativ schnell mit der Eisenbahn oder dem Auto von London zu erreichen, die Romanfiguren sind in der Lage, morgens nach London zu fahren und abends wieder zurückzukehren. Die Erwähnung eines Moors am Ortsrand und eines Tor in der Nähe lässt an Christies Heimat Devon denken, deren Entfernung zu London allerdings relativ groß ist.James Zemboy: The Moving Finger (1942). In: ders.: The Detective Novels of Agatha Christie. A Reader’s Guide. McFarland, Jefferson 2008, S. 200–204, hier: S. 200. Dagegen wird Lymstock selbst ausführlich beschrieben. Der Erzähler geht auf seine große Geschichte ein, die freilich im 18. Jahrhundert praktisch abgerissen sei, weil der Fortschritt den Ort links liegen gelassen habe. Lymstock erscheint so einerseits als eine zutiefst provinzielle, typisch englische Kleinstadt, die im Roman in immer neuen Metaphern gefasst wird: als stilles Altwasser („quiet backwater“) oder, in den Worten der Romanfigur Mr. Pye, 50 Jahre hinter der Gegenwart zurück bzw. wie unter einem Glassturz.Siehe etwa Rebecca Mills: England’s Pockets. Objects of Anxiety in Christie’s Post-War Novels. In: J. C. Bernthal: The Ageless Agatha Christie. Essays on the Mysteries and the Legacy. McFarland, Jefferson 2016, S. 29–44, hier: S. 31. Andererseits weist es einige Errungenschaften der Gegenwart auf, nicht nur die schnelle Bahnverbindung nach London, sondern auch etwa einen Laden der Kette „International Stores“ in der High Street. Hans Reimann erschien der Ort wie ein englisches Krähwinkel.Hans Reimann: Literazzia, Band 1 (1951), S. 178.
Die Erzählung spielt etwa in der Zeit, in der sie geschrieben ist, also in den späten 1930er oder frühen 1940er Jahren, worauf zahlreiche Anspielungen hinweisen. Freilich gibt es in der Handlung keine Hinweise auf den Zweiten Weltkrieg, Luftangriffe, Rationierung und dergleichen kommen nicht vor.Siehe etwa Patricia Maida, Nicolas B. Spornick: Murder she wrote. Bowling Green 1982, S. 112; ähnlich Rebecca Mills: England’s Pockets. Objects of Anxiety in Christie’s Post-War Novels. In: J. C. Bernthal: The Ageless Agatha Christie. Essays on the Mysteries and the Legacy. McFarland, Jefferson 2016, S. 29–44, hier: S. 33. Der Flugzeugabsturz des Erzählers, der den Erholungsaufenthalt in Lymstock überhaupt erst nötig macht, wird nicht näher beschrieben und nicht mit einem Kriegsereignis verbunden. Lediglich in einem Tagtraum des Erzählers spielt der Krieg eine Rolle, allerdings der Erste Weltkrieg. Die Wochen der erzählten Zeit sind in einem nur vage angedeuteten, aber sonnigen Frühling angesiedelt.
Das Buch enthält eine Widmung an den Assyriologen Sidney Smith, der damals am British Museum tätig war, und seine Frau Mary. Sidney Smith gehörte zum Freundeskreis von Christie und ihrem Mann Max Mallowan.
Genre Die Schattenhand verbindet zwei verschiedene Genres: die Detektivgeschichte und den Liebesroman. Die klassischen Muster der Detektivgeschichte erscheinen in variierter Form: Die Detektivin, Miss Marple, tritt erst sehr spät im Roman auf und hat nur sehr wenige Szenen für sich. Alle wesentlichen Hinweise für die Lösung erhält sie von ihrem wichtigsten Helfer Jerry Burton, der, wie Dr. Watson bei Sherlock Holmes, die Geschichte selbst erzählt – anders als Dr. Watson ist sich der Erzähler jedoch der Identität der Detektivin nicht bewusst. Sie wird ihm erst in der klassischen Auflösungsszene bekannt, in der Miss Marple am Kaminfeuer im Pfarrhaus die Lösung präsentiert.
Der Leser erhält von Burton dieselben Hinweise (Clues) wie Miss Marple, es wird also Fair Play suggeriert: Er könnte ebenso wie Marple auf die Lösung kommen, muss dazu jedoch die Irreführungen und falschen Kontextualisierungen ausschalten, die dem Erzähler suggeriert werden. Einer der wichtigsten Hinweise ist ein Tagtraum von Jerry Burton, den er Miss Marple berichtet. Dort assoziiert er mit dem Sprichwort Kein Rauch ohne Feuer („No smoke without fire“), das er im Zusammenhang mit den anonymen Briefen immer wieder in Lymstock hört, den Rauchvorhang („smoke screen“) aus dem Krieg. Vor allem aber erinnert ihn die Rede vom „Fetzen Papier“ („scrap of paper“), auf den Mrs Symmingtons Abschiedsworte geschrieben waren, an die Erklärung von Theobald von Bethmann Hollweg, England wolle um einen „Fetzen Papier“ (nämlich die auch vom Deutschen Reich garantierte Neutralität Belgiens) Krieg führen. Miss Marple deutet später die Assoziationen aus: Selbstmörder schrieben ihre Abschiedsbriefe gewöhnlich nicht auf Papierfetzen; dies sei Burton aufgefallen, aber er habe es nicht bewusst registriert. Ebenso habe er in seinem Tagtraum die anonymen Briefe mit einem Rauchvorhang verbunden, der das eigentliche Geschehen tarne.Siehe etwa Rebecca Mills: England’s Pockets. Objects of Anxiety in Christie’s Post-War Novels. In: J. C. Bernthal(Hg.): The Ageless Agatha Christie. Essays on the Mysteries and the Legacy. McFarland, Jefferson (NC) 2016, S. 29–44, hier: S. 33. Tatsächlich stammte der Papierfetzen aus einer alltäglichen Nachricht und war von Symmington nur ausgerissen und aufbewahrt worden, um ihn als Abschiedsnotiz verwenden zu können.