Der Verein Jugendheim e. V. war eine sozialpädagogische Einrichtung in Charlottenburg. Die Institution war „die wohl bedeutendste und langjährig einflussreichste private soziale Initiative in Charlottenburg“Ludwig 2005, S. 283. die sich bis zu ihrer zwangsweisen Schließung durch die Nationalsozialisten „zu einem vielfach kopierten Modellprojekt“Ludwig 2005, S. 284. entwickelte. mini|Anzeige für den Verein, archiviert im Ida-Seele-Archiv
Anfänge Der Verein Jugendheim e. V. wurde auf Initiative von Helene Weber, der Mutter der Soziologen Max Weber und Alfred Weber, sowie der Fabrikantengattin Hedwig Heyl am 9. Februar 1894 in der Stadt Charlottenburg, heute ein Ortsteil des Berliner Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf, ins Leben gerufen. Er ist hervorgegangen aus einem von Hedwig Heyl 1883 für die Kinder ihrer Fabrikarbeiter errichteten Jugendheim. Sie verwirklichte hier zum ersten mal die von ihr und Frau Henriette Schrader erarbeiteten pädagogischen Ideen und Methoden bei der Erziehung von Schulkindern.zit. n. Prospekt Was ist das Jugendheim? (Dokument archiviert im Ida-Seele-Archiv)
Wegen des guten Rufs ihrer Anstalt bat der Charlottenburger Bürgermeister Hans Fritsche Hedwig Heyl, die Einrichtung nicht nur für die Kinder der Arbeiter der Heylschen Farbenfabrik, sondern für alle Charlottenburger Kinder zu öffnen.Ludwig, 2005, S. 284 mit Verweis auf Koschwitz, 1984, S. 69 f. Im Herbst 1892 wurde die Einrichtung unter recht ungünstigen Umständen in Klassenräumen einer Charlottenburger Schule eröffnet. Zu den durchweg ehrenamtlichen und ungelernten Helferinnen gehörte die damals achtzehnjährige Anna von Gierke. Um das Projekt auf eine breitere Basis zu stellen, wurde der Verein Jugendheim gegründet. Zur selben Zeit zog das Jugendheim mit zunächst 54 Kindern in eine Hinterhauswohnung in der Pestalozzistraße und Ende 1895 in Räume einer neu erbauten benachbarten Schule.Anna von Gierke, 1924, S. 6ff.
Weiterentwicklung des Vereins Schnell avancierte die Einrichtung, die vordergründig die Linderung von sozialer Not bei Kindern der Arbeiterklasse zum Ziel hatte, zum Vorbild für die weitere Ausbreitung des Hortwesens bzw. der Schulkinderfürsorge in neue Stadtviertel von Charlottenburg bzw. Berlin. Im Jahr 1898 übernahm Anna von Gierke, die zuvor das Kindergärtnerinnenseminar des Pestalozzi-Fröbel-Hauses besucht hatte, die Leitung des Jugendheims. Sie erhielt das bescheidene Gehalt von 100 Mark. Unter ihrer Federführung erweiterte sich sein Aufgabenfeld enorm. Bald wurden auch Jungen betreut, ein Kinderheim für Jungen und Mädchen, Tagesheime und ein Nachtheim, Kinderkrippen, Kindergärten, Sonderhorte unter anderem soziale Einrichtungen gegründet, die an verschiedenen Orten der Stadt verteilt waren. Anna von Gierke stellte mit Martha Abicht eine ausgebildete Kindergärtnerin ein und beschäftigte bis zu 60 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen:vgl. Berger 1992, S. 30 ff. Das Jahr 1907 brachte als neue große Aufgabe die Einrichtung und den Betrieb der städtischen Schulspeisung. Zunächst war sie auf 50 Kinder beschränkt, im Jahr 1913 wurden 875, bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1875 Kinder gespeist. Anna von Gierke war es sofort klar, daß Schulspeisung und Hort zusammengehören, ja daß wirksame Schulkinderfürsorge überhaupt nur bei Verschmelzung beider durchgeführt werden konnte.Baum 1954, S. 35 f.
Am 19. November 1910 konnte das Zentralhaus in der Goethestraße 22 seiner Bestimmung übergeben werden und wurde von Kaiserin Auguste Viktoria eröffnet. In dem geräumigen Haus war nun Platz unter anderem für die Bereiche, Krippe, Kindergarten, Hort, Versorgungsküche, Lehrküche, Buchbinderei, Schneiderei, ferner Zimmer für Pensionärinnen und Lehrerinnen sowie genügend Räume für das Sozialpädagogische Seminar.vgl. Hohenbild 1990, S. 233. Ferner waren unter anderem folgende Geschäftsstellen untergebracht: 1. Fünfter Wohlfahrtsverband, Reichsfachgruppe für Erziehungsfürsorge 2. Fünfter Wohlfahrtsverband, Landesverband Berlin 3. Fünfter Wohlfahrtsverband, Landesverband Brandenburg 4. Humanitas 5. Berliner Frauenkonferenz 6. Bezirksverband Charlottenburg des Stadtverbandes Berliner Frauenkonferenz 7. Stadtverband Berliner Frauenverein (Provinzialverband des Bundes Deutscher Frauenvereine) 8. Eheberatungsstelle des Stadtverbandes Berliner Frauenvereine 9. Deutscher Verband für Schulkinderpflege 10. Charlottenburger Hausfrauenverein 11. Gewerkverein der Heimarbeiterinnen Charlottenburg 12. Verein Abendheim 13. Büro der 32. Wohlfahrtskommission Charlottenburg 14. Redaktion der Wochenschrift "Soziale Arbeit".zit. n. Prospekt Was ist das Jugendheim? (Dokument archiviert im Ida-Seele-Archiv)
1934 wurde der Verein Jugendheim e. V. aufgelöst und seine Einrichtungen in das Pestalozzi-Fröbel-Haus überführt.
Sozialpädagogisches Seminar mini|Sozialpädagogisches Seminar, archiviert im Ida-Seele-Archiv
Anna von Gierke erkannte die mangelnde berufliche Vorbereitung des Personals und bot darum 1910 erste Ausbildungskurse, ohne allgemein gültigen Ausbildungsplan und individuell auf jede Schülerin abgestimmt, für Hortleiterinnen und Schulkinderpflegerinnen an. Bereits ein Jahr später wurden unter dem Namen Sozialpädagogisches Seminar zweijährige Ausbildungskurse eingeführt. Im Herbst 1915 fand die erste staatlich anerkannte Hortnerinnenprüfung statt. Das Sozialpädagogische Seminar erfreute sich schnell eines guten Rufes und wurde in späteren Jahren „die entscheidend wichtige Zentrale für die Ausbildung in der Jugendpflege“.Ludwig 2005, S. 285. Bedeutende Personen der Wohlfahrtspflege unterrichten an der Bildungsinstitution: Anna von Gierke: Tagesfragen der sozialen Arbeit Marie Baum: Geschichte und Einzelprobleme der Wohlfahrtspflege Hilde Lion: Psychologie, Pädagogik, Frauenbewegung, Allgemeine Methodik mit besonderer Berücksichtigung der Volksschulfragen und der Erziehungs- und Unterrichtsprobleme von Hauswirtschafts- und Kinderpflegerinnenschulen, Kindergärtnerinnen- und Hortnerinnenseminaren Eleonore Astfalck unterrichtete Jugendliteratur, praktische Erziehungslehre, Berufskunde und Geschichte der Pädagogik Johanna Nacken war Werklehrerin Hilde Schenk: Parteiprogramme und Einzelfragen aus Rechts- und Staatskunde Georg Netzband: Fragen der künstlerischen Gestaltung, Anleitung zur Kunstbetrachtung mit Kindern Hans Stier: Epochengeschichte (Mittelalter – Neuzeit) Hildegard von Gierke: Naturkundeunterricht Emma Carp: Methodik der Beschäftigungslehre Emmy Wolff: Dichtung des 19. und 20. Jahrhunderts Hildegard Tauscher: Gymnastik für Kinder Hilde Hecker: Kulturkundeunterricht Lucy Corvinus (Leiterin des sogenannten Psychopathenkindergartens im Pestalozzi-Fröbel-Haus): Das entwicklungsgehemmte Kind
Landjugendheim Finkenkrug 1921 erwarb der Verein in Finkenkrug, westlich von Berlin gelegen, ein großes verwildertes Areal am Havelländer Weg / Ecke Heideweg und errichtete darauf eine Erholungsstätte.Anna von Gierke Anna von Gierke und ihre damalige Lebenspartnerin Martha Abicht verbrachten viel Zeit im Landjugendheim, trieben den Auf- und Ausbau voran, hielten dort Kurse, halfen bei der Land- und Gartenarbeit, unterrichteten oder spielten mit den Kindern u. dgl. m.vgl. Kaps 2001 Das Landjugendheim Finkenkrughttp://twitpic.com/g7zxs wurde zuerst von Alice Bendix, dann von Isa Gruner geleitet. Über die Einrichtung ist in einem Bericht aus dem Jahre 1931 nachzulesen: Was ist das Landjugendheim? Es ist eine Zweiganstalt des Jugendheims in Finkenkrug, mitten im Walde gelegen mit 63 Morgen Land, mit Erholungsstätten für Kinder, Angestellte und Schülerinnen des Jugendheims, mit Ausbildungsstätten für Haushaltungsschülerinnen und Kinderheimpflegrinnen, mit Lehrbetrieb in Landwirtschaft, in Gärtnerei und Geflügelzucht. Zur Ergänzung ihrer Ausbildung verbringt jede Schülerin des sozialpädagogischen Seminars des Vereins Jugendheim hier zwei Wochen ihrer Seminarzeit, um durch Mitarbeit in Haus, Garten und Stall auch einen ländlichen Betrieb kennenzulernen. Für die studierende und arbeitende Jugend werden in Finkenkrug vom Sozialen Institut des Jugendheims (1928 als Fortbildungseinrichtung für Fürsorgerinnen, Jugendleiterinnen, Juristinnen, Schwestern etc. gegründet)… Freizeiten veranstaltet, um der Großstadtjugend am Wochenende eine Ausspannung zu verschaffen, die sie wieder Abstand gewinnen läßt von dem täglichen Berufsleben und der Unruhe der Großstadt
A) Ausbildungslehrgänge des Landjugendheims 1. Hauswirtschaftliches Lehrjahr, einjähriger Kursus 2. Kinderheimpflegerinnen, einjähriger Kursus 3. Gärtnerische Fachausbildung für weibliche Lehrlinge, Dauer 3 Jahre, Gartengehilfinnenexamen vor der Landwirtschaftskammer 4. Fachliche Ausbildung für Geflügelzuchtgehilfinnen, Dauer 2 Jahre, staatliche Abschlussprüfung der Landwirtschaftskammer Gesamtzahl der Schülerinnen: 35
B) Kinderanstalten 1. Kindererholungsheim, das ganze Jahr geöffnet (Knaben und Mädchen im Alter von 3–14 Jahren) 2. Kinderheim, für Dauerkinder aus schwierigen Familienverhältnissen (Knaben und Mädchen im Alter von 3–14 Jahren) Gesamtzahl der Plätze 55
C) Landwirtschaft 1. Stall, Kühe, Schweine, Hühner 2. Garten, 4 Morgen Gartenland, 1 Gewächshaus 3. Ackerwirtschaft, 28 Morgen Ackerland, 6 Morgen natürliche Parkanlagen, 4 Pferde mit Fuhrwerk, 11 Völker Bienen.zit. n. Prospekt Was ist das Jugendheim? (Dokument archiviert im Ida-Seele-Archiv) mini|Hühner und andere Tiere lebten auf dem Gelände des Landjugendheims, archiviert im Ida-Seele-Archiv
Ende der 1920er Jahre wurden Kurse für praktische Frauenbildung angeboten, beispielsweise in Handfertigkeiten, Papparbeiten für Anfänger und Fortgeschrittene, Bastel- und Webearbeiten, Improvisation am Klavier, Gymnastik, Sing- und Musizierabende, Spiele und Rhythmik. Letztgenannte Fortbildungsangebote wurden von Hildegard Tauscher und Charlotte Blensdorf, Tochter von Otto Blensdorf (erster deutscher Rhythmiklehrer), durchgeführt. Lehrinhalte waren: Einführung in die musikalischen Grundbegriffe und musikalischen Formen in Verbindung mit Körperbewegung und Körperbildung. Handhabung des Schlagorchesters. Anwendung der Rhythmik in der Arbeit mit Kindern und Schwerziehbaren.zit. n. Schröder 2004, S. 158.
1932 bezogen 20 Arbeitslose eine Baracke zum freiwilligen Arbeitsdienst. Sie arbeiteten überwiegend auf den umliegenden Feldern. Ferner ist noch im gleichen Jahr ein achtmonatiger Kurs zur Einführung in die Arbeit auf dem Lande in Siedlungen, Randsiedlungen und Heimen… eingerichtet worden.Gierke/Abicht/Bendix o. J., S. 10.
Ab 1934 hatte der Musikpädagoge Fritz Jöde von der Berliner Staatlichen Akademie für Kirchen- und Schulmusik teilweise das Landjugendheim als Musikheim benutzt. Aber auch Gruppen des Bundes Deutscher Mädel sowie der Hitlerjugend wurden Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt.vgl. Schröder 2004, S. 161 ff.
Das Landjugendheim Finkenkrug konnte sich dem Zugriff durch die NS-Volkswohlfahrt entziehen. Es war unter anderem Zufluchtsort für bedrohte nichtarische Kinder, die von dort in das rettende Ausland gebracht wurden. Laut einer noch erhaltenen Liste waren mindestens 15 Kinder jüdischer Abstammung… während der Herrschaft der Nationalsozialisten im Landjugendheim Finkenkrug versteckt, die teilweise mit Unterstützung von Elisabet von Harnack dorthin vermittelt wurden. Isa Gruner listete im Rückblick folgende 15 Kinder auf:
1. Inge Mendelsohn von 1935–1937 im Heim, wurde durch Vermittlung nach England geschickt.
2. Hilde Gerber von 1934–1937 im Heim, kam durch unsere Vermittlung nach Schweden.
3. Lotte Hoffmann Jüdische Adoptiveltern nahmen sich 1939 das Leben. Kind war von 1938–1939 im Heim, kam durch Vermittlung nach England.
4. Joachim Hoffmann Von 1938–1940 im Heim, Mutter starb im KZ in Lettland.
5. Peter Lehmgruber War von 1937–1939 im Heim, Mutter war im KZ, Vater nach England ausgewandert. Peter kam durch unsere Vermittlung zum Vater nach England.
6. Claus Wiener Jüdischer Vater tot, Bruder in Palästina. War von 1939–1945 im Heim,