Unter Eurozentrismus versteht man die Betrachtung und Einschätzung inner- und außereuropäischer Gesellschaften aus herkömmlicher europäischer Perspektive und gemäß den von Europäern entwickelten Werten und Normen. Diese Wertvorstellungen, Kategorienbildungen und Überzeugungen bilden im Eurozentrismus den Mittelpunkt des Denkens und Handelns.

Doch umfasst der Begriff Eurozentrismus nicht nur das geografische Europa, sondern alle „neoeuropäischen“ industrialisierten Staaten der „Westlichen Welt“ mit Nordamerika und Australien.Ella Shohat, Robert Stam, 1994, S. 1 Eurozentrisches Denken ist seit der Kolonialzeit vielfach die treibende Kraft für den wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Wandel in den meisten Gesellschaften der Welt.

Gängige Erscheinungsformen von Eurozentrismus Ungeachtet alternativer Möglichkeiten erscheint Europa in aller Regel etwa im Mittelfeld von Weltkarten. Als übliche Darstellung der Weltkarte dient die Mercator-Projektion, eine konforme, normalachsige Zylinderprojektion, bei der sich die Meridiane und Breitenkreise rechtwinklig schneiden und als Geraden dargestellt werden.vgl. Meyers Großes Taschenlexikon in 25 Bänden 2001, Bd. 14: 256 Dadurch erscheinen Regionen wie Europa, Nordamerika und Nordasien, die weiter vom Äquator entfernt sind, überproportional groß. Als Gegenentwurf entwickelte Arno Peters die Peters-Projektion. Geographische Bezeichnungen wie „Naher“, „Mittlerer“ und „Ferner Osten“ sind von einer mitteleuropäischen Perspektive bestimmt. Der Begriff „Entdeckung Amerikas“ bezieht sich grundsätzlich nur auf Entdecker aus dem europäischen Kulturraum. In der Berechnung der Zeitzonen bildet London, das Zentrum des vormaligen British Empire, den Referenzpunkt und der Nullmeridian verläuft ebenfalls durch London. Lexika, Schulbücher, Medienfokus, geistes-, kultur- und sozialwissenschaftliche Theorien und anderes mehr beruhen oft auf einer hauptsächlich eurozentrischen Sichtweise und darin angelegten Stereotypen und Vorurteilen.vgl. Amin 1989: vii f Für Krankheitsklassifikationen, technische Bezeichnungen und viele andere wissenschaftliche Fachbegriffe werden weltweit Begriffe verwendet, die aus der lateinischen oder altgriechischen Sprache abgeleitet wurden. Etliche jüngere Schriftsysteme von vormals schriftlosen Kulturen basieren auf dem lateinischen Alphabet. Wenn man von Ländern der „Dritten Welt“ spricht oder wenn Begriffe wie „Unterentwicklung“, „Entwicklungsprozesse“ und „Entwicklungshilfe“ fallen, wird meist unterstellt, dass diese Länder sich nach dem Vorbild Europas bzw. nach dem der sogenannten westlichen Welt entwickeln sollten.vgl. Kohl 1993: 152 Laut Edward Goldsmith sind die Begriffe Wohlstand, Lebensstandard, Armut, Fortschritt, Wirtschaft, Wachstum oder Kultur – im Zusammenhang mit der Globalisierung der westlichen Lebensweise – im Wesentlichen „eurozentrisch geprägt“.Edward Goldsmith: Der Weg. Ein ökologisches Manifest. 1. Auflage, Bettendorf, München 1996, S. 201ff Die in Europa verbreitete christliche Jahreszählung wurde durch Kolonialismus und Globalisierung zur weltweit dominanten Zeitrechnung.

Begriffsgeschichte Während für Europa bzw. für den Westen von den Bewohnern herkömmlicherweise Kultiviertheit und Zivilisiertheit in Anspruch genommen wurden, betrachtete man andere Weltgegenden oft als „barbarisch“ oder „primitiv“. Als zentrale Merkmale von Zivilisation galten unter anderem Stadtentwicklung, Staatenbildung und Bildungseinrichtungen. Eurozentrismus war dann Ausdruck eines Bewusstseins oder Gefühls von Überlegenheit gegenüber Weltgegenden und ihren Bewohnern, die darüber nicht oder kaum verfügten.vgl. Hansen 1993: 14 Belege für eine solche Einschätzung finden sich unter anderem in alten Enzyklopädien. Zedler schrieb 1741 beispielsweise zum Lemma Europa:

In der Brockhaus Enzyklopädie von 1854 heißt es zum Stichwort Europa, Europa sei seiner

mini|Samir Amin, seit den 1980er Jahren Gewährsmann der Eurozentrismus-Kritik Ella Shohat und Robert Stam charakterisierten 1994 den eurozentrischen Diskurs als komplex, widersprüchlich und historisch unbeständig.Ella Shohat, Robert Stam, 1994, S. 2 Dementsprechend sind die Quellen – vor allem zur Entstehung des Paradigmas – teilweise uneinig.

Dieter Haller definierte im Jahr 2005 Eurozentrismus wie folgt:

Samir Amin sieht im Eurozentrismus nicht die spezifische Summe der Vorurteile und Fehler der Europäer im Hinblick auf andere Völker; derartige Vorurteile existierten auch umgekehrt den Europäern gegenüber. Dabei handle es sich um ein verbreitetes kulturelles Phänomen. Doch sei Eurozentrismus mit einem uneingelösten und nur scheinbaren universalistischen Anspruch verbunden, da seine Verfechter nicht nach möglichen allgemeinen Gesetzen der menschlichen Evolution suchten. Darum erscheine ihnen als einzige Lösung der heutigen Probleme, dass alle Völker dem westlichen Modell nacheifern.vgl. Amin 1989: vii Eurozentrismus sei keine Gesellschaftstheorie, sondern eine Verzerrung der Sicht auf die Welt, die der Mehrheit der vorherrschenden Gesellschaftstheorien und Ideologien zugrunde liege. Es handle sich somit um ein sehr einflussreiches Paradigma, das aus sich selbst heraus funktioniere und sich oft in Grauzonen scheinbar augenscheinlicher Fakten und gängigen Allgemeinwissens bewege.vgl. Amin 1989: viiff. Laut Karl-Heinz Kohl muss Eurozentrismus jedoch nicht in allen Fällen mit der Bevorzugung der eigenen kulturellen Gewohnheiten einhergehen; stattdessen könne er auch zu ihrem kritischen Infragestellen führen und unter Umständen zur Idealisierung des Fremden.vgl. Kohl 2000: 32

Kolja Lindner differenziert am Beispiel von Karl Marx vier Dimensionen des Eurozentrismus: einen Ethnozentrismus, der die Überlegenheit westlicher Gesellschaften behauptet (s. u.); einen „orientalistischen“ Blick auf nicht-westliche Weltgegenden (anschließend an Edward Said); ein Entwicklungsdenken, das europäische Geschichte als Vorbild für weltweite Entwicklungen universalisiert; und eine Unterschlagung nicht-westlicher Geschichte bzw. ihres Einflusses auf die Entwicklung Europas (anschließend an Ansätze aus der Globalgeschichte).vgl. Lindner 2011: 95f

Entwicklungsaspekte eurozentrischer Perspektiven mini|Die gefühlte Allmacht der Kolonialmächte war ein entscheidender Nährboden für die weltweite Verbreitung eurozentrischen Denkens. mini|Die Demokratie wird vorwiegend auf die europäischen Kulturen zurückgeführt. Das „Great Law of Peace“ des Irokesenbundes – einer sehr alten demokratischen Verfassung – wird höchstens als Randnotiz erwähnt. Nach Shohat und Stam ist der eurozentristische Diskurs durch einen linearen historischen Verlauf gekennzeichnet, der von dem als „westlich“ und „demokratisch“ konstruierten klassischen Griechenland über das Römische Reich zu den Metropolen Europas und der Gründung der USA führt. Immer wird Europa als Motor fortschrittlicher Entwicklungen gesehen (z. B. Klassengesellschaft, Feudalismus, Demokratie, Kapitalismus, industrielle Revolution) und über seine besten Errungenschaften und Leistungen in Wissenschaft, Entwicklung und Humanismus definiert.Ella Shohat, Robert Stam, 1994, S. 3

Kochanek sieht den Eurozentrismus als Resultat eines langen Prozesses. Während der Norden im Alten Testament gleichzeitig als heilig und als dämonisch dargestellt wird – das „Gelobte Land“ steht dem Norden hier als Zentrum gegenüber – und in der griechischen und römischen Antike vor allem die Vorstellung von nördlichen Barbaren vorherrscht, wird dieses Bild in der Zeit der Völkerwanderungen von einem theologisch-anthropologischen Christozentrismus ersetzt, in dem der Norden nicht mehr so stark abgegrenzt und weniger negativ gesehen wird. Im Mittelalter entstand das Bild des christlichen Europas mit nur einzelnen nicht-christlichen Regionen. Mit der Annahme eines christlichen Missionsauftrags sei es zur Ausbildung eines eurozentristischen Selbstverständnisses gekommen; demnach ist der Eurozentrismus laut Kochanek stark vom Christozentrismus beeinflusst.vgl. Kochanek 2004.

Blaut bezeichnet Eurozentrismus als das Weltbild der Kolonisatoren („the colonizer’s model of the world“).Blaut 1993: 10 Auch nach Shohat und Stam entstand Eurozentrismus zunächst als diskursive Grundlage des Kolonialismus, durch den die europäischen Mächte die Hegemonie in weiten Teilen der Welt erlangten. Mit eurozentristischen Perspektiven gehen oft Wahrnehmungsdefizite und Verharmlosungen von Kolonialismus, Sklaverei oder Imperialismus einher.

In eurozentristischer Forschung wird davon ausgegangen, dass das Aufkommen der Moderne allein der Wegbereitung durch die Europäer – ohne Beteiligung von Nicht-Europäern – zuzuschreiben ist.vgl. Hobson 2007: 109 Für Amin ist der Eurozentrismus ein spezifisches Phänomen der Moderne, dessen Wurzeln zwar bis in die Renaissance reichen, dessen Blütezeit aber ins 19. Jahrhundert fällt. Damit wäre er als eine Dimension der Kultur und Ideologie der modernen kapitalistischen Welt zu betrachten.

Eurozentrismus in den Sozialwissenschaften Die europäische intellektuelle Tradition der Sozialwissenschaften ist heute die an den Universitäten dominierende. Sie wird somit als Standard gesetzt, und andere Traditionen werden dabei vernachlässigt.Vgl. Chakrabarty 2000: 5

Obwohl in der Soziologie, wie auch in der Sozialpsychologie, davon ausgegangen wird, dass man sein eigenes Selbst und somit auch die eigene Gesellschaft nur durch die Einbeziehung der Betrachtung von außen gänzlich verstehen kann, wird dies laut Hauck in der Wissenschaftspraxis kaum reflektiert.Hauck 2003: 7

Auch wenn die Sozialwissenschaft eine gesamtgesellschaftliche Analyse in ihre Forschung einbezieht, sieht Hauck die Gefahr einer eurozentristischen Sichtweise. Denn oft wird dann bei der Beschreibung des „Westens“ oder der „Moderne“ eine Abgrenzung zu etwas oder jemand „anderem“ vorgenommen.

Häufig werde über diesen „anderen“ aber nicht tiefgründig geforscht, stattdessen die eigene Gesellschaft dargestellt, und das Gegenteil wiederum auf ‚die Anderen‘ projiziert. In einigen Theorien und Veröffentlichungen wird laut Hauck zwischen den verschiedenen „anderen“ gar nicht weiter differenziert, wie beispielsweise in der Modernisierungstheorie, wo die „Moderne“ den „traditionellen Gesellschaften“ ohne nähere Unterscheidungen gegenübergestellt wird. Und auch wenn weiter differenziert wird, bedeute das nicht unbedingt eine tiefgehende historische Prüfung der Darstellungen der „anderen“.Hauck 2003: 7 f. Bemerkenswerterweise weist auch die Psychologie diese Mängel auf, obwohl die Entstehung, Auswirkung und Eindämmung von kognitiven Schemata, Stereotypen und Vorurteilen wie sie auch den Eurozentrismus prägen, zu ihren zentralen Forschungsthemen gehört.

Eurozentrismus findet sich auch in einigen Evolutionstheorien. Dabei handelt es sich um Theorien, die davon ausgehen, dass der gegenwärtige Zustand der eigenen Gesellschaft Maß und Ziel der anderen Gesellschaften ist (z. B. Comte, Spencer, Stalin, Rostow). Es wird von einer kumulativen Entwicklung ausgegangen, wobei die eigene Gesellschaft stets als die von allen Gesellschaften am höchsten entwickelte angesehen wird.vgl. Hauck 2003: 9

Die größten Nährboden für Eurozentrismus sieht Hauck im Naturalismus bzw. in dem Hang, die eigenen gesellschaftlichen Verhältnisse zu naturalisieren, was vor allem ökonomischen Theorien oft zu Grunde liege.vgl. Hauck 2003: 8

Dadurch würden Intersubjektivität, Interaktion, Interkommunikation und Sprache als gegeben angesehen und nicht hinterfragt. Handlungsinterpretationen würden demnach nur vor dem eigenen kulturellen Hintergrund vorgenommen, mit dem Risiko, dass die Bedeutungen, die andere Kulturen Handlungen zuschreiben, nicht ausreichend verstanden und fehlinterpretiert werden.Hauck 2003: 11f