Die Grube Bülten-Adenstedt ist ein ehemaliges Eisenerzbergwerk im Landkreis Peine in Niedersachsen. Die Tagebaue und Schachtanlagen befanden sich in einem Gebiet zwischen den Ortschaften Adenstedt, Groß Bülten, Bülten und Ölsburg.
Die Bültener Erze bildeten über hundert Jahre lang die Rohstoffgrundlage der nahegelegenen Ilseder Hütte. Diese erzeugte daraus das Roheisen für die weltbekannten Peiner Träger.
Geologie Die Entstehung des Bültener Erzlagers Beim Bültener Erzlager handelt es sich um eine marin-sedimentäre Trümmererzlagerstätte.
In der Oberkreide zur Zeit des Santonium (ältere Bezeichnung: Oberemscher) befand sich in der Gegend der Peiner Erzlager die Küstenlinie eines Meeres. An der Küste standen Tonschichten des Gault (obere Unterkreide) an, in denen Toneisenstein-Geoden eingebettet waren. Die Toneisensteine waren durch die Ausfällung im Wasser gelösten Eisens in der unmittelbaren Umgebung von Tierkadavern entstanden, die im noch weitgehend unverfestigten, wassergesättigten Tonsediment eingebettet waren und deren Zersetzung ein für die Ausfällung günstiges chemisches Milieu geschaffen hatte. Die Geoden waren kugel- bis brotlaibförmig bei Durchmessern von bis zu einem Meter. Die Meeresbrandung erodierte im Santon die leicht verwitterbaren Tonsteine und die schweren Toneisensteingeoden blieben an den Stränden liegen. Durch die Brandung wurden die Geoden zertrümmert und die Bruchstücke wieder rundgeschliffen (sogenannte Aufarbeitung) und zugleich verwitterte der Toneisenstein von außen her zu Limonit. Die Limonitrinde platzte teilweise scherbenartig ab. Durch den Aufstieg des benachbarten Salzstockes Ölsburg oder vielmehr durch die Abwanderung des Salzes aus der Umgebung des Salzstockes entstanden im Bereich der damaligen Küstengewässer Randsenken, in denen sich die Limonitgerölle und -trümmer, die von starken Strömungen ins tiefere Wasser getragen wurden, in bauwürdiger Mächtigkeit ansammeln konnten.Bilges et al.: Die Lichter sind erloschen. 1987, S. 18Slotta: Technische Denkmäler in der Bundesrepublik Deutschland, Band 5, Teil 1. 1986, S. 225
Geographische Lage und Ausdehnung Das Erzlager von Bülten beginnt am nördlichen Rand von Adenstedt und streicht von West-Süd-West nach Ost-Süd-Ost über eine Länge von etwa sechs Kilometern. Dabei wird es durch mehrere Störungen durchzogen, z. B. Bültener Hauptstörung, Ölsburger Störung. Bei einer durchschnittlich bauwürdigen Breite von 800 Metern fällt das Lager mit 6 bis 22 gon nach Nordwesten ein. Im Südosten standen die Erze über nahezu die ganze Länge bis Ölsburg bis über Tage an (Ausbiss). Bei Bülten lagen sie dagegen in einer Teufe von 250 Metern. Das Hangende über dem 4 bis 28 Meter mächtigen Erzlager besteht aus Mergelschichten und diluvialen Kiesen und Sanden. Das Liegende wurde aus Tonschichten (Gault) der Unterkreide gebildet. Nach einer ausgedehnten Vertaubungszone vor dem Mittellandkanal standen in 400 bis 700 m nochmals Erze an, die von der Grube Peine I/II in Peine-Telgte aus abgebaut wurden.
Mineralogie Die Bültener Erze bestanden aus unterschiedlichen Erzgeröllen und Trümmern, die in einer kalkigen bis mergeligen Grundmasse eingebettet waren. Die Mineralogen klassifizierten das unregelmäßig verbreitete Erz in Erzschalengerölle mit einer harten Schale und einem, häufig tongefüllten Hohlraum, sie waren am meisten verbreitet, Erznetzgerölle ohne Hohlräume aus einer Limonit-Matrix, Einheitliche Brauneisengerölle von mäßiger Festigkeit, Schalige Brauneisengerölle, die zwiebelartig aufgebaut waren und Phosphorite, die im Wesentlichen aus Apatit bestanden.Bilges et al.: Die Lichter sind erloschen. 1987, S. 19
Die durchschnittliche Zusammensetzung betrug: 26,5 bis 28 % Fe, 2,6 bis 3,3 % Mn, 0,9 bis 1 % P, 20 bis 25 % CaO und 5 bis 7 % SiO2.
Die Erzgerölle und das sie unmittelbar umgebende taube Gestein hatte je nach Zusammensetzung verschiedene Verfärbungen. Danach unterschieden die Bergleute das Erz in Rot-Buntes, Rot-Braunes, Weiß-Braunes und Grün-Buntes Erz.
Die Hohlräume der Erze enthielten durch eingedrungene Lösungen auch seltene Mineralien. Von dort sind u. a. bekannt geworden: Groutit, ein schwarzes, dem Manganit chemisch identisches Manganoxid, welches in tafeligen Aggregaten in den Drusen der Erzschalengerölle – Rot-Braunes Erz auftrat, auf bgr.bund.de, abgerufen am 18. Februar 2010 Ramsdellit, ein schwarzes, metallisch glänzendes Manganoxid,Mineralienatlas – Ramsdellit, abgerufen am 18. Februar 2010. Rhodochrosit, ein Mangankarbonat, das von weiß über rosa bis braunrote Kristalle bildet und Kutnohorit, weiß bis hellgelb/hellrosa. Ein mit dem Dolomit „verwandtes“ Kalzium-Mangan-Doppelkarbonat.Mineralienatlas – Kutnohorit, abgerufen am 18. Februar 2010.
Geschichte und Technik Vorgängerbergbau Aufgrund von Schlackenfunden lässt sich eine Verhüttung der oberflächennahen Bültener Erze bereits für das 3. Jahrhundert nachweisen. Eine zweite Periode bestand vom 10. bis zum 14. Jahrhundert. Schriftliche Urkunden über einen Bergbau im Raum Bülten-Adenstedt liegen erst für das 19. Jahrhundert vor. In einem Bericht des Geologen Strombeck von 1858 heißt es, dass in der Nähe Groß-Bültens ein alter Tagebau bestünde, der „… freilich nicht zur Verhüttung, sondern weil es in der Gegend an besseren Material fehlt, zur Herstellung von Wegen u. dergl. gewonnen ist“. Untersuchungen im Auftrag des Hildesheimer Senators Roemer im Jahr 1848 bescheinigen dem Vorkommen gar einen zu geringen Eisengehalt für die damaligen Eisenhüttenverfahren.Bilges et al.: Die Lichter sind erloschen. 1987, S. 22
Die Visionen Carl Hostmanns Der Celler Bankier Carl Hostmann und sein Partner Fritz Hurtzig untersuchten seit 1853 ein Steinkohlevorkommen am Oberg bei Ilsede unweit des Bültener Erzlagers. Sie erwarben 1856 Konzessionen zum Aufsuchen der Eisenerzlagerstätte, nachdem sie Justus von Liebig persönlich als Gutachter gewinnen konnten. Hostmann und Hurtzig erkannten die Möglichkeit, Erz kostengünstig im Tagebau zu gewinnen und mit Hilfe der in unmittelbarer Nachbarschaft vorkommenden Kohle in einem nahegelegenen Hüttenwerk direkt zu Eisen zu verarbeiten. So wurde 1856 die Bergbau- und Hütten-Gesellschaft zu Peine gegründet. Hostmann kritisierte zu dieser Zeit die Abhängigkeit Deutschlands von ausländischen Rohstoffimporten und drängte seine potentiellen Kapitalgeber zur Förderung einer eigenen Rohstoffbasis. Im Raum Peine sah er ein Eisenerzlager, welches in Deutschland bisher noch nicht in derartiger Größe aufgefunden wurde und das über Jahrhunderte jährlich eine Million Centner guten Eisens liefern sollte. Er plante ein Montanzentrum im Raum Peine, das seiner Auffassung nach über eine perfekte Anbindung durch die Eisenbahn Hannover-Braunschweig verfügte. Das erzeugte Roheisen sollte in angeschlossenen Stahl- und Walzwerken, Gießereien sowie Maschinenfabriken zu industriellen Produkten verarbeitet werden. Wegen der kurzen Transportwege rechnete Hostmann mit geringen Gestehungskosten. Ein solches Montanzentrum sollte wenig später in Deutschland im Ruhrgebiet entstehen. Das Werk in Peine wurde indessen zunächst nicht gebaut. Die vermeintlichen Steinkohlenflöze erwiesen sich als nicht bauwürdig, Kapitalgeber blieben aus bzw. fühlten sich von seinem Gründungs-Prospect getäuscht. Hostmann musste Konkurs anmelden und nahm sich kurz darauf am 21. Januar 1858 das Leben.Slotta: Technische Denkmäler in der Bundesrepublik Deutschland, Band 5, Teil 1. 1986, S. 226–229
Die Geschichte des Bültener Bergbaus von 1860 bis 1933 Die Gründung der Ilseder Hütte und die Aufnahme des Bergbaus Carl Hostmanns Schwiegersohn Carl Haarmann erwarb die Bergwerksfelder aus der Konkursmasse und gründete am 6. September 1858 zusammen mit Hostmanns ehemaligen Partner Hurtzig die Aktiengesellschaft Ilseder Hütte. Nach erfolgreichen Abkommen mit den Grundstückseigentümern wurde im Februar 1860 der erste Tagebau Bülten I, Westen angelegt. Der Abbau und Transport erfolgte in den ersten Zeit durch einen Lohnunternehmer.Bilges et al.: Die Lichter sind erloschen. 1987, S. 23
Der erste Hochofen in Groß Ilsede wurde 1860, der zweite 1861 angeblasen. Ebenfalls 1861 wurde eine Pferdebahn zum Antransport der Erze gebaut.
Bereits 1862 setzte eine Absatzkrise für das erzeugte Roheisen ein. Die Auslastung der beiden Hochöfen musste auf ein Drittel ihrer Kapazität gesenkt werden und 1863 drohte bereits das Aus. Der Grund lag im zu hohen Phosphorgehalt des Eisens, der dessen Weiterverarbeitung erschwerte. Die Leitung der Hütte konnte den Unternehmer und Kaufmann Gerhard Lucas Meyer für den Verwaltungsrat anwerben. Seinem Geschick war es zu verdanken, dass bereits ein Jahr später ...das Ilseder Roheisen zu der Zeit in Deutschland dasjenige ist (war), das am billigsten herzustellen ist (war).Bilges et al.: Die Lichter sind erloschen. 1987, S. 24 Vergleichsweise niedrige Kosten und hohe Leistungen sollten das Erfolgsrezept des Bültener Bergbaus über mehr als hundert Jahre bleiben.
Die erste Blütezeit des Bültener Bergbaus mini|links|Tagebau Bülten I, Westen um 1900
Nachdem 1865 der dritte Hochofen der Ilseder Hütte in Betrieb genommen worden war, ging auch der Ausbau des Bergwerkes in Groß-Bülten schnell voran. Die Leitung der Bergbauabteilung übernahm ab 1866 Engelhard Bingmann und behielt dieses Amt bis zu seinem Tod am 3. November 1907.
Während 1867 noch 13.300 Tonnen Erz gefördert wurden, so waren es ein Jahr später bereits 156.300 Tonnen.Slotta: Technische Denkmäler in der Bundesrepublik Deutschland, Band 5, Teil 1. 1986, S. 232
Als erster Schacht wurde 1869 der Carl-Schacht auf 27,5 m abgeteuft. Er diente ausschließlich der Wasserhaltung. Mit Ausnahme der beim Auffahren der Sumpfstrecke und der Verbindungsstrecken zum Tagebau angefallenen Erze wurde planmäßig noch kein Untertage-Abbau betrieben.
Nachdem die unmittelbar zu Tage anstehenden Erze abgebaut waren, musste zum Aufschluss die Abraumschicht mit der Schaufel abgetragen werden. Zunächst waren es nur wenige Meter, jedoch mit fortschreitendem Abbau nahm die Deckschicht durch das Einfallen des Lagers zu. Die Erze wurden wegen der großen Mächtigkeit des Lagers auf mehreren Terrassen übereinander, sogenannten Strossen abgebaut. Die Strossen waren 2 bis 3 m hoch und 4 m breit. Zur Anwendung kam das Sprengen mit Schwarzpulver.Bilges et al.: Die Lichter sind erloschen. 1987, S. 48
Über sogenannte Bremsberge gelangten die beladenen Förderwagen auf das Niveau des gewachsenen Bodens. Anfänglich verrichteten diese Arbeit Pferde, doch bereits 1869 wird von einer ersten Fördermaschine berichtet. Der ausgeerzte Tagebaugraben wurde entsprechend dem Abbaufortschritt von der anderen Seite wieder mit dem Abraum, Schutt und Schlacken verstürzt.
Als zweiter Tagebau wurde 1876 der Tagebau Bülten I, Osten 1 angelegt. Dieser war vom Tagebau Westen durch die Bültener Hauptstörung getrennt.
mini|Prinzip des Bültener Bergbaus zu Beginn des 20. Jahrhunderts Mit der Fertigstellung des 25,5 m tiefen Gerhard-Schachtes (alt) im März 1877 änderte sich das System der Förderung. Das abgebaute Erz wurde nun über einfallende Strecken im Erzlager unter Tage bis zum Füllort des Förderschachtes heruntergebremst. Dabei diente der aufwärtsfahrende Leerzug über eine Umlenkrolle als Gegengewicht. Im Gerhard-Schacht wurden die Wagen über Tage gehoben.
1881 bestanden bereits 6300 m untertägige Strecken, obwohl der Abbau noch immer im Tagebau erfolgte. Als weiterer Förderschacht entstand 1883 der Hermann-Schacht mit 22,8 m Teufe. Weitere Tagebaue bestanden ab 1890 mit dem Tagebau Bülten I, Osten 2, auch Kasernengrube genannt und mit dem Tagebau Adenstedt. Letzterer hieß umgangssprachlich Knippelkuhle, was von einem alten verlassenen Tagebau herrührt, in dem Gnippeln = Eisensteingeoden angetroffen wurden. Am Rand des Tagebaus Adenstedt wurde zur Förderung der Engelhard-Schacht (Teufe 30,2 m) niedergebracht.Bilges et al.: Die Lichter sind erloschen. 1987, S. 27