mini|alt=Frau an überhängender Wand mit kleinen Griffen, an denen sie sich hält|Zweifache Olympiasiegerin Janja Garnbret beim Bouldern
Bouldern ( ‚Felsblock‘) ist das Klettern ohne Kletterseil und Klettergurt an Felsblöcken, Felswänden oder an künstlichen Kletterwänden bis zur Absprunghöhe. Absprunghöhe ist die Höhe, aus der noch ohne wesentliches Verletzungsrisiko von der Wand zum Boden abgesprungen werden kann, meist nicht höher als vier Meter. Beim Bouldern werden nur einige wenige Kletterzüge ausgeführt, die Herausforderung liegt in der Technik, der Kreativität und im nötigen Kraftaufwand.
Seit den 1970er Jahren ist das Bouldern eine eigene Disziplin des Sportkletterns. Es hat vor allem seit den 1990er Jahren eine rasante Entwicklung erlebt. Der Deutsche Alpenverein (DAV) schätzt, dass in Deutschland rund 500.000 Sportler bouldern, mit steigender Tendenz. Rund 70 % üben den Sport in Boulderhallen aus, etwa 30 % gehen dazu auch an natürliche Felsen.
Geschichte In der Frühzeit der Klettergeschichte war das Besteigen eines Gipfels das Ziel. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der sportliche Aspekt beim Klettern immer wichtiger, da nicht mehr nur das Erreichen eines Gipfels wichtig war, sondern immer mehr, welche Route genommen wurde und wie schwierig diese zu bewältigen war. Zielort waren für europäische Kletterer dabei die Alpen, da diese als „richtige Berge“ angesehen wurden. Da die Alpen von Paris aus jedoch weit waren und Reisen noch beschwerlich, konnten die Pariser nicht jedes Wochenende in die Alpen fahren. Deshalb wurde immer mehr an kleinen Felsen trainiert.
mini|alt=Kind an einem Felsblock, ca. 4 m hoch, mit einer Matte darunter|Bouldern in Fontainebleau
1874 wurde der Club Alpin Français gegründet, dessen Mitglieder an den Sandstein-Blöcken im Wald von Fontainebleau im Süden von Paris für die Alpen übten. In diesem Gebiet gab es eine Gruppe, die sich „Bleausards“ nannte und deren Mitglieder regelmäßig an den Blöcken zum Klettern gingen. Jacques Wehrlin gelang es 1908, im Sektor Bas Cuvier einen Riss mit Nagelschuhen zu überwinden, die damals als Bergschuhe üblich waren. Jaques de Lépiney kletterte 1914 die Prestat-Spalte (La Prestat bzw. la fissure de la Prestat) als erste Kletterstelle mit dem Schwierigkeitsgrad 4, eine für diese Zeit beachtliche Leistung. Er verwendete hierfür statt genagelten Schuhen als Schuhwerk Espadrilles mit hohen Schäften. In Großbritannien experimentierte Oscar Eckenstein ab Ende der 1880er Jahre mit unterschiedlichen Methoden des Kletterns und übte auch an kleinen Blöcken im Lake District.Zitiert nach: Allerdings war Eckenstein die Ausnahme; die meisten der britischen Kletterer nahmen Bouldern nicht ernst.
Ein anderes wesentliches Detail wurde in Fontainebleau in den 1920er Jahren entwickelt: „Le Pof“. Le Pof ist Kolophonium in ein Chiffontuch gewickelt und wird benutzt, um die Hände von Handschweiß zu trocknen und damit die Griffigkeit der Finger zu erhöhen. Das Gleiche wird heute durch den Einsatz von Magnesia erzielt.
1924 gründeten Pariser Bergsteiger die „Groupe de Bleau“ (GDB), die regelmäßig an den Blöcken trainierte. Verzichtete bereits Jaques de Lépiney auf die damals üblichen genagelten Bergschuhe unter Verwendung einer geeigneteren Alternative für das reine Felsklettern, so entwickelte Pierre Allain eigene Kletterschuhe mit glatten Gummisohlen für die hohen Schwierigkeiten an den Blöcken, aber auch für Kletterprobleme der Alpen. Er gilt als Erfinder des modernen Kletterschuhs. Die Gummisohle hat einen höheren Reibungswert als die Sohlen gebräuchlicher Bergschuhe, die für den Allroundeinsatz entwickelt wurden. Alain und seine Zeitgenossen waren auch die Ersten, die dynamische Elemente in das Klettern brachten, Kolophonium benutzten und von kleinen Teppichen starteten. Bereits 1934 gab es schwierige Boulderprobleme in Fountainebleau, auch wenn das damals noch nicht Bouldern genannt wurde. In diesen Jahren wurde das Klettern an den Sandsteinblöcken in Fontainebleau Selbstzweck und nicht nur Trainingsgelände. Das moderne Bouldern war damit geboren. Zur „Groupe de Bleau“ gehörten auch Pierre Chevalier, der 1943 das Kletterseil aus Nylon erfand, oder Henri Brenot, der eine erste Seilklemme erfand. Damit wurde der Grundstein für viele technische Details gelegt, die für das moderne Klettern wichtig sind.
mini|hochkant|alt=Felsblock, auf den eine gelbe Eins und ein Pfeil gemalt wurden|Beginn eines Boulderparcours mit Richtungsanzeige, die Farbe drückt die Schwierigkeit aus. In Fontainebleau wurde 1947 durch Fred Bernik der Boulder-Parcours erfunden: eine Aneinanderreihung von bis zu 50 Bouldern in einem ähnlichen Schwierigkeitsgrad. Der Parcours ist durchnummeriert, farblich gekennzeichnet und wird hintereinander durchgeklettert. Manche Parcours sind so gestaltet, dass bei ihrer Begehung der Boden nicht betreten werden muss. Vielmehr ist es möglich, durch Abklettern, Queren und Hinüberspringen durchgängig in Felskontakt zu bleiben.
1953 eröffnete Robert Paragot dort eine Route, die im 7. Schwierigkeitsgrad ist, 1960 erfolgte die erste 7a von Michel Libert am Bas Cuvier – ein bis heute beliebter Sektor in Fontainebleau. 1969/70 wurde eine Wanderstrecke eröffnet, die rund um das Massiv führt. Mit ihren großen Höhenunterschieden ist sie eine ideale Trainingsstrecke für den Anstieg zum Fels.
Angeregt durch Fountainebleau, entwickelten John Gill (USA) und Wolfgang Fietz (Deutschland) das Bouldern weiter und etablierten es in ihren Heimatländern als eigene Sportart. Gill entwickelte bereits in den 1950er und 1960er Jahren neue Klettertechniken und setzte dabei Elemente aus dem Geräteturnen ein. Er verwarf die Drei-Punkt-Regel, nach der beim Klettern von den vier Gliedmaßen stets drei mit dem Fels in Kontakt sein sollen, und praktizierte stattdessen einen dynamischen Bewegungsstil. Hierdurch konnte er den Schwung der letzten Bewegung für den nächsten Zug nutzen, sodass eine fließende Gesamtbewegung (sogenannter „flow“) entsteht. Dadurch wurden die bewältigten Schwierigkeiten gesteigert.
Ab 1995 etablierte sich in Japan eine solide Kletterszene. Bouldern erhält viel Zuspruch, es etablierten sich auch sehr viele leistungsstarke Boulderinnen und Boulderer, die in weltweiten Wettkämpfen erfolgreich sind. Auch in Südkorea und China wird der Sport immer populärer. Sehr beliebt ist der Sport auch im Iran. Elnaz Rekabi wurde 2022 weltweit bekannt, als sie dafür sanktioniert wurde, dass sie in einem Wettkampf ohne Kopftuch angetreten war.
2012 kletterte Tomoko Ogawa in Shiobara als erste Frau einen Schwierigkeitsgrad, der in der Schwierigkeitsskala der französischen Fb-Skala (Routenbewertungssystem Europas für Bouldern) als 8B+ eingestuft wird. Neue Maßstäbe setzten vier Jahre darauf Nalle Hukkataival 2016 mit dem bis dahin schwersten Boulder Burden of Dreams in Lappnor (Finnland) und Ashima Shiraishi, die ebenfalls 2016 den Boulder Horizon am Mount Hiei in Japan bewältigte.
Seit den 1990er Jahren ist Bouldern auch an künstlichen Wänden möglich. Es entstanden in vielen Städten und Gemeinden Kletter- und Boulderhallen. In Deutschland gibt es rund 220 DAV-geführte Hallen und 315 privat geführte Hallen (Stand Ende 2021), die mehr als 100 m² Kletterfläche haben. Der österreichische Alpenverein schätzt, dass es in Österreich rund 200 künstliche Kletteranlagen gibt. In der Schweiz wird von rund 50 größeren Kletterhallen ausgegangen (Stand 2019). Ab 1990 stieg die Anzahl an Bouldersportlern steil an. Dies ist auch durch den Boom der Hallen möglich. Etwa 70 % der Sportler üben den Sport hauptsächlich in Hallen aus.
Begehungsstil Während beim Alpinklettern die Durchsteigung großer Wände das Ziel ist und beim Sportklettern große Schwierigkeiten in begrenzter Höhe durchstiegen werden, werden beim Bouldern nur wenige Kletterzüge ausgeführt. Beim Bouldern geht es um Kletterbewegungen, die auf kurzen Strecken Kreativität, Kraft und Technik erfordern. Es kommt insbesondere darauf an, Begehungsmöglichkeiten für Stellen zu entschlüsseln, Kreativität für Lösungsansätze zu entwickeln und die nötige Kraft aufzubringen, sich auch an sehr schlechten Griffen festzuhalten. Geklettert wird in Absprunghöhe, sodass noch ohne wesentliches Verletzungsrisiko abgesprungen werden kann. Um den Absprung abzufedern, wird im Freien an natürlichen Felsblöcken eine Bouldermatte ( ‚Sturzpolster‘) unterlegt, in Boulderhallen ist eine dicke Fallschutzmatte vorhanden.
Vor allem für das Erlernen und Verbessern von Klettertechnik hat Bouldern eine Schlüsselrolle, da der Fokus nur auf der Kletterbewegung und die Bewältigung einzelner Kletterstellen liegt und keine anderen Randbedingungen wie Sicherungstechnik, Sicherungspartner und ähnliches beachtet werden müssen. Diese werden an manchen Felsblöcken auf nur wenige Kletterzüge, manchmal sogar nur auf einen reduziert.
Bouldern am Fels Die Entwicklung beim Bouldern hin zur Trendsportart bringt es mit sich, dass mehr Sportler unterwegs sind und daher die Natur mehr beansprucht wird. Daher gibt es Appelle Erfahrener: Bei der Ausübung des Sports im Freien müssen sich die Sportler an die Gegebenheiten der Natur anpassen und den Respekt vor ihr wahren. Das bedeutet, nur dort zu bouldern, wo dies erlaubt ist, sich rücksichtsvoll gegenüber anderen und der Natur zu verhalten und auch seinen Müll wieder mitzunehmen. Im Freien kann das Absprunggelände nicht immer gut gesichert werden, weil Bäume, große Steine oder Wurzeln vorhanden sind. Bouldermatten sind hier unerlässlich, können aber aufgrund der Topografie nicht immer optimal verlegt werden. Bouldern in der Natur ist schwieriger, anspruchsvoller, aber auch spannender als das Bouldern in Boulderhallen. Jede Felsart ist anders und erfordert eine andere Herangehensweise. Bouldern im Freien ist auch witterungsabhängig.
Bouldern an künstlichen Kletteranlagen mini|Petra Klingler bei der Kletterweltmeisterschaft 2018 in Innsbruck. Auf dem blauen Volumen oben ist noch ein gelber Griff aufgeschraubt. Moderne Boulderhallen bieten ästhetische und großzügige Wände in unterschiedlichen Neigungen mit vordefinierten Routen, die sich durch die Art, Größe und Anordnung der Griffe und Tritte unterscheiden. Eine Route besteht aus Griffen und Tritten einer einzigen Farbe. Die Praxis, Schwierigkeitsgrade durch Farben zu markieren, kommt aus Fontainebleau, wo ein Parcours-Boulder in einer Farbe dargestellt wird.
Jeder Boulder wird durch seine Startgriffe und einen Top-Griff definiert, wobei der Top-Griff das zu erreichende Ziel darstellt ( ‚oben‘). Die Startgriffe werden meistens durch einfache Kärtchen oder Streifen aus Klebeband markiert, teilweise sind die Griffe mit Kärtchen mit R (rechts), L (links) und T (top) beschriftet und geben somit die Belegung der Hände an den Startgriffen vor. Die Startmarkierungen können zu einem einzelnen Startgriff zusammengefasst werden, der entsprechend von beiden Händen gehalten werden muss. Teilweise gibt es auch für die Belegung der Füße Kärtchen, so dass alle in einer eindeutigen Ausgangsposition starten.
In der Regel hat ein Problem vier bis acht Griffe, es gibt aber auch Routen, die lediglich aus einem Start- sowie Topgriff oder aus Volumen bestehen. Volumen sind auf die Wand aufgeschraubte, meist farblich abgesetzte zusätzliche Elemente, die benutzt werden dürfen – im Bild sind die Volumen blau. Auf diese können zusätzliche Griffe bzw. Tritte aufgeschraubt sein. Im Bild ist das bei dem oberen Volumen der Fall, auf das ein gelber Griff aufgeschraubt ist.
Klettertechnik