Der römische Dichter Vergil, das ganze Mittelalter hindurch ein hoch angesehener Schulautor, wurde ab dem 12. Jahrhundert auch zum Gegenstand unterschiedlicher Sagen und merkwürdiger Erzählungen, in denen er als teils mächtiger, teils hilfloser Zauberer auftritt. Die Erzählungen waren weit verbreitet, auch als Motiv der darstellenden Künste, und verloren erst ab dem 16. Jahrhundert ihre Wirkung.
Handlungsort der älteren Erzählungen ist meist Neapel, wo Vergil gelebt haben soll. Die späteren spielen dagegen öfter in Rom.
Die Sagen Der Schutz Neapels (und Roms) Alexander von Telese nennt in der Ystoria serenissimi Rogerii primi regis Siciliae (um 1140) Aeneas den Gründer von Neapel (das bei Johannes von Salisbury entsprechend wenig später „Eneapolis“ heißt); Vergil habe dort die Aeneis verfasst und sei von Augustus zum Herrn der Stadt gemacht worden.
Johannes von Salisbury schrieb in seinem Policraticus (vollendet 1159) Vergil als Erster Zauberkräfte zu. Dieser fragt hier Augustus’ Neffen Marcellus, ob er lieber einen Vogel hätte, der alle anderen Vögel fängt, oder eine Fliege, die alle anderen Fliegen tötet. Marcellus entscheidet sich für die Fliege, um Neapel von seiner Fliegenplage zu befreien. In einer anderen Episode berichtet Johannes, ein Philosoph habe vergeblich versucht, Vergils Gebeine nach Frankreich mitzunehmen.
In der beliebten Satire Apocalypsis Goliae Episcopi (ca. 1180) wird Vergil als Erfinder einer Fliege aus Messing genannt.
Im Dolopathos des Johannes von Alta Silva (1184), einer einflussreichen frühen Novellensammlung mit Rahmenhandlung, ist Vergil der weise Lehrer des im Zentrum stehenden Königssohnes und rettet diesen am Ende aus schwerer Prüfung und Lebensgefahr.
Alexander Neckam, der Ziehbruder von Richard Löwenherz, zählt in seinem Prosawerk De naturis rerum (Ende 12. Jahrhundert) verschiedene wunderbare Schutzmaßnahmen Vergils auf: Er habe Neapel von giftigen Blutsaugern befreit, indem er einen goldenen Blutegel in einen Brunnen warf; er habe den Fleischverkäufern von Neapel gegen das zu rasche Verderben ihres Fleisches geholfen; sein Garten sei von Mauern aus Luft umgeben gewesen; in Rom habe er einen Palast gebaut, in dem hölzerne Figuren mit Glocken in der Hand die Provinzen des Reichs verkörperten und läuteten, wenn dort Gefahr drohte. Er habe verkündet, der Zauber sei wirksam, bis eine Jungfrau ein Kind gebäre, wozu es dann prompt gekommen sei … Im etwas später verfassten, lange Walter Burley zugeschriebenen Liber de vita et moribus philosophorum wurden diese Erzählungen weiter verbreitet.
Konrad von Querfurt, der Heinrich VI. nach Italien begleitete (wo Heinrich zunächst, 1191, vor Neapel gescheitert war, 1194 konnte er es erobern), berichtet 1196 in einem Brief, Vergil habe Neapel mit einem Palladium zu schützen versucht, einem in einer Flasche verschlossenen Bild der Stadt, die Flasche sei jedoch zuletzt gesprungen gewesen. Mit einer Fliege aus Messing habe er die Stadt gegen Fliegen geschützt. Auch die Fleischkonservierung kehrt hier wieder. Vergil habe medizinische Bäder gebaut. Seine Gebeine würden in einem Schloss auf dem Meer aufbewahrt (das Castel dell’Ovo auf einem Neapel vorgelagerten Felsen), wenn sie der Luft ausgesetzt würden, gebe es Sturm. Ein von ihm geschaffener bronzener Bogenschütze halte den Vesuv in Schach. Als sein Pfeil einmal durch eine unvorsichtige Berührung abgeschossen worden sei, sei es zu einem Ausbruch gekommen.
In Wolfram von Eschenbachs Parzival wird Vergil als Onkel des Zauberers Klingsor genannt.Parzival, XIII. Gesang: „sîn lant heizt Terre de Lâbûr: von des nâchkomn er ist erborn, der ouch vil wunders het erkorn, von Nâpels Virgilîus. Clinschor des neve warp alsus.“ (Nach Karl Lachmann: Wolfram von Eschenbach, Berlin 1833, 5. Aufl. Berlin 1891. )
Gervasius von Tilbury wiederholte in seinen Otia imperialia (um 1211) die Geschichten von der Messingfliege, von der Fleischkonservierung sowie von den medizinischen Bädern, denen Vergil genaue Anweisungen für die Anwendung beigegeben habe, die von eifersüchtigen Ärzten aber wieder entfernt worden seien. Statt des Bogenschützen hat Vergil bei ihm einen zum Vesuv gewandten Trompeter aufgestellt. Er habe einen Tunnel unter einem Berg hindurch geschaffen. Als ein Engländer zur Zeit Rogers II. von Sizilien die bis dahin unbekannten Gebeine Vergils suchte und auch fand, habe bei ihnen ein Zauberbuch gelegen, mit dem Gervasius selbst erfolgreich experimentiert zu haben behauptet. Die Gebeine seien ins Castel del Mare gebracht worden, wohl das Castel dell’Ovo.
Zur selben Zeit schrieb auch Hélinand de Froidmont in einem verlorenen Teil seines Chronicon über Vergil, worauf Vinzenz von Beauvais in seinem Speculum historiale von 1244 zurückgriff. Auch hier kehren einige der genannten Motive wieder.
Schwierigkeiten mit den Frauen (Vergil im Korb) Um 1200 führte der Provenzale Guiraut de Calanso in einer Stoffsammlung für Troubadoure auch Vergil auf, „wie er es schaffte sich gegen Frauen zu schützen, (…) und wie er das Feuer erlöschen ließ“Nach Spargo, S. 15.. In dem um 1245 entstandenen Image du monde gründet Vergil Neapel auf einem Ei; als Rache für die Beleidigung durch eine Frau löscht er alle Feuer in einer Stadt; er schafft selbst ein unlöschbares Licht und einen Kopf, der ihm seinen Tod voraussagt, aber so rätselhaft, dass er ihn nicht versteht.
In einer anderen Version dieses Textes findet der Heilige Paulus, der Vergil bekehren will, dessen Schatten in einer Höhle, aber alles zerfällt sofort zu Asche.
Vinzenz von Beauvais weist in seinem Speculum historiale die von Christen seit Jahrhunderten vertretene Auffassung zurück, Vergil habe in seiner 4. Ekloge die Geburt Jesu vorhergesagt. Durch sein bereits im 15. Jahrhundert häufig gedrucktes Buch wurden die Vergilerzählungen weiten Kreisen zugänglich.
In einem lateinischen Manuskript aus dieser Zeit, das in Paris aufbewahrt wird, verliebt Vergil sich in die Tochter Neros. Sie lässt nachts einen Korb aus ihrem Turm herunter, den er nackt besteigt – lässt ihn dann aber auf halber Höhe hängen, so dass er am nächsten Tag bloßgestellt ist. Nero verurteilt ihn zum Tod, aber Vergil entkommt.
In seiner um 1280 in Wien verfassten Weltchronik machte Jans der Enikel Vergil wiederum zu einem Geisterbeschwörer: Bei der Gartenarbeit habe er eine Flasche mit Teufeln gefunden, die ihm ihre Kunst beibrachten. Er schuf eine weibliche Statue, die unkeusche Gedanken vertrieb, entbrannte aber selbst für die tugendhafte Frau eines Mitbürgers, die sich daraufhin mit ihrem Mann zusammentat, um ihn bloßzustellen. Sie bietet ihm an, ihn nachts in einem Korb zu ihrem Turm hochzuziehen, lässt ihn aber auf halber Höhe hängen, zum Gespött der Stadt, die ihn dort am nächsten Tag sieht. Vergil löscht darauf alle Feuer in der Stadt aus und zwingt die Frau, sich leicht bekleidet breitbeinig öffentlich aufzustellen, worauf jeder einzeln sein Feuer bei ihr anzünden muss. – Er habe Neapel auf drei Eiern erbaut. Eine goldene Statue habe mit einer Hand „zum Berg“ gezeigt und die Aufschrift getragen, sie zeige auf einen Schatz. Nach langer vergeblicher Suche habe sich der Schatz in ihrem Innern gefunden, wohin die andere Hand zeigte.
Während die bisherigen Autoren meist nur auf ihre Geschichten hinwiesen, werden sie von Enikel ausführlich erzählt.
Die Korbepisode wird als Nächstes von dem provenzalischen Dichter Guylem de Cervera wiedergegeben.
Automaten und andere Wunderwerke Adenet le Roi erzählt um 1285 in Cléomadès, Vergil habe in Neapel auf zwei Eiern zwei Schlösser erbaut, von denen eines noch stehe. In Rom habe er einen Zauberspiegel aufgestellt, der Ankömmlinge sowie böse und verräterische Gedanken zeigte. An den vier Ecken einer Stadt habe er große Steinfiguren der vier Jahreszeiten aufgestellt, jede werfe am Ende ihrer Saison der nächsten einen Apfel zu.
Im 1287 entstandenen Wartburgkrieg fährt Vergil auf der Suche nach dem Zauberbuch eines Zabulon durchs Meer zu einem Magnetberg. Er besitzt einen Teufel in Gestalt einer Fliege, die Aristoteles in einen Rubin eingeschlossen hat. In dem um 1300 entstandenen Reinfrit von Braunschweig wird Zabulon, den Vergil mit Hilfe seines Teufels auf dem Magnetberg gefunden hat, von einem Automaten getötet und im selben Moment Christus geboren. Kurz spielt dieser Text auch auf die Korbepisode an. Heinrich von Mügeln (14. Jahrhundert) nahm auf den Wartburgkrieg Bezug, bei ihm findet Vergil Magnetberg, Flaschenteufel und Zauberbuch und lässt weitere Teufel eine Straße durchs Gebirge bauen.
In einem französischen Manuskript von 1311 verkündet Vergil Nero die Zerstörung seines Palasts, wenn eine Jungfrau ein Kind gebäre, und misst seine Gelehrsamkeit mit ihm, bis er ihn mit seinen Bibelkenntnissen bezwingt und köpft.
Die mittelenglischen Seven Sages von etwa 1320 haben das immerwährende Feuer, das aber von einem automatischen Bogenschützen gelöscht wird, und den römischen Spiegel, in dem man sieben Tagereisen weit sieht. Der König von Apulien beauftragt zwei Kleriker, die an verschiedenen Orten Gold verstecken und auf der von ihnen angefachten Suche danach sogar mit der Erlaubnis des Kaisers den Spiegel zerstören. Das Buch wurde bis ins 19. Jahrhundert gedruckt.
Der Freidenker Cecco d’Ascoli erklärte das Funktionieren von Vergils magischer Fliege mit der Anwendung astrologischer Kenntnisse bei der Herstellung. Um 1330 kam auch sein Freund Cino da Pistoia in einem Gedicht auf sie zurück.
Im Roman de Renart le Contrefait von 1319 finden sich Bronzefliege, Spiegel, Korb und Rache, prophetischer Kopf – und ein Rohr, mit dem Vergil Wein direkt von Neapel nach Rom geleitet habe. Fast alle bisherigen Geschichten, mit Ausnahme der Korb- und der Racheepisode, begegnen wenige Jahre später auch in der neapolitanischen Cronica di Partenope.
Um 1342 lässt der englische Autor der Gesta Romanorum Vergil dem Kaiser ein Pferd zur Verfügung stellen, das diejenigen tötet, die abends noch unterwegs sind. Er benützt seinen Spiegel, um einen anderen Magier zu überwinden, und bietet mehr als sein Vermögen auf, um mit der Tochter des Kaisers schlafen zu können. Als er Erfolg hat, vergisst er den Fälligkeitstermin des geliehenen Geldes und wird in einem ganz ähnlichen Verfahren wie später der Kaufmann von Venedig zur Rechenschaft gezogen.
1343 erzählt Juan Ruiz in El libro de buen amor die Geschichte mit dem Korb und von Vergils Rache. Er lässt die gedemütigte Frau nun wiederum einen Anschlag auf ihn planen, den Vergil als Zauberer aber entdeckt, worauf er sein Interesse an ihr verliert.
Der Mund der Wahrheit In einem anonymen deutschen Gedicht aus der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts schafft Vergil in Rom ein Steinbildnis, das ehebrecherischen Frauen die Hand abbeißt (Bocca della Verità). Die Kaiserin, selbst unter Verdacht, unterzieht sich dem Test, weist aber vorher ihren Liebhaber an, sie auf dem Weg dorthin als Narr verkleidet anzurempeln und zu küssen. Mit der Hand im Steinbildnis erklärt sie, außer ihrem Mann sei nur noch dieser Narr ihr so nahegekommen, und besteht.
Petrarca lehnte es meist ab, auf die Vergillegenden Bezug zu nehmen, nennt im Itinerarium Syriacum (um 1360) aber den Bergtunnel und das Castel dell’Ovo. Beide kehren im gleichzeitigen Dantekommentar des Benvenuto da Imola wieder. Boccaccio führt in seinen Vorlesungen zur Göttlichen Komödie 1373-4 die Messingfliege und weitere Wunderwerke an, die auch schon vorher kolportiert worden waren.
In Evrart de Trémaugons Somnium viridarii („Der Traum des Gärtners“, um 1374) rät Vergil dem König der Römer, sein Volk ohne geheimes Wissen und mechanische Künste, nur mit Klugheit zu regieren.
Der Obelisk Caesars