mini|Ein Irish Red and White Setter, eine von nur zwei KC-Rassen mit obligatorischem Gesundheitstest
Pedigree Dogs Exposed (deutsch etwa: „Rassehunde enthüllt“; Titel der deutschsprachigen Fassung: „Rassereine Krüppel – Hunde zu Tode gezüchtet“) ist ein investigativer Dokumentarfilm der britischen Dokumentarfilmerin Jemima Harrison, der erstmals 2008 auf BBC One ausgestrahlt wurde. Der Film untersucht tierschutzrelevante negative Folgen der Rassehundezucht in Großbritannien und kritisiert die Zuchtpraktiken des britischen kynologischen Dachverbands The Kennel Club.
Der Kennel Club (KC) organisiert unter anderem die prestigeträchtige Hundeausstellung Crufts, die größte Hundeausstellung der Welt. Der Film kritisiert die Tatsache, dass der Kennel Club durch eine Überbetonung von Rassestandards, durch Zuchtpraktiken und fragwürdige Prioritäten bei der Formbewertung der Hunde negative Folgen für deren Gesundheit bewusst in Kauf nimmt.
Der Film wurde vom Kennel Club stark kritisiert. Er hatte zur Folge, dass diverse Sponsoren und Verkäufer ihre Beteiligungen an der Hundeausstellung Crufts und anderen vom Kennel Club organisierten Anlässen zurückzogen. Die British Broadcasting Corporation (BBC), welche Crufts vorher 42 Jahre im Fernsehen übertragen hatte, hat diese Ausstellung nach Ausstrahlung des Films seit 2009 aus ihrem Programm gestrichen.
Der Kennel Club bestritt nach der Erstausstrahlung zuerst, dass viele Rassehunde unter Krankheiten leiden, und vertrat den Standpunkt, die meisten Hunderassen seien gesund. Er beschwerte sich bei der britischen Medienaufsichtsbehörde Ofcom über unfaire und tendenziöse Behandlung des Themas. Aufgrund der Reaktionen aus der Bevölkerung initiierte er allerdings später infolge des Films neue Pläne zur Zucht von gesunden Hunden und überprüfte die Standards aller durch ihn betreuten Rassen im Hinblick auf gesundheitliche Fragen. Einige Züchter kritisierten dies als Überreaktion.
Die Entscheidung der Ofcom besagte, dass das Recht auf Gegendarstellung für einige Aussagen des Films nicht beachtet worden war, lehnte jedoch Beschwerden zu diversen weiteren Aspekten ab. Die Aussagen des KC-Genetikers Jeff Sampsons seien falsch dargestellt worden, jedoch sei der Kennel Club insgesamt nicht unfair behandelt worden.
Als Folge des Films wurden von der RSPCA, dem Unterausschuss für Tierschutzfragen des Unterhauses und Sir Patrick Bateson drei separate Untersuchungen zur Gesundheit und zuchtbedingten Defekten bei Rassehunden durchgeführt. In den Untersuchungsberichten kam man zu dem Schluss, dass die heutigen Zuchtpraktiken bei Rassehunden ein Tierschutzproblem darstellen und es wurden diverse Maßnahmen aufgelistet, durch die der Kennel Club die Gesundheit von Rassehunden verbessern könnte.
Am 27. Februar 2012 wurde auf BBC Four eine Fortsetzung unter dem Namen Pedigree Dogs Exposed – Three Years On ausgestrahlt.Seite zur Fortsetzung auf bbc.co.uk, abgerufen am 11. März 2013
Inhalt mini|Beim Cavalier King Charles Spaniel gibt es ein gehäuftes Auftreten der Erbkrankheiten Endokardiose und Syringomyelie.
Der Film beginnt mit Aufnahmen eines aufgrund der Erbkrankheit Syringomyelie offensichtlich unter großen Schmerzen leidenden Cavalier King Charles Spaniels. Die Veterinär-Neurologin Claire Rusbridge beschreibt das Problem als Folge eines zu eng gezüchteten hinteren Hirnschädels, in dem das im Verhältnis zum verbliebenen Schädelvolumen zu große Gehirn zu wenig Raum hat.Clare Rusbridge: Syringomelia Sie schätzt, dass ein Drittel aller Hunde dieser Rasse von der Krankheit betroffen sind. Ein weiteres Problem der Rasse ist die Herzkrankheit Endokardiose; der Veterinär-Kardiologe Simon Swift schätzt dabei, dass etwa die Hälfte aller Hunde der Rasse im Alter von fünf Jahren darunter leiden und im Alter von etwa zehn bis elf Jahren fast alle Cavalier King Charles Spaniels betroffen sind.
Ungefähr drei Viertel der rund sieben Millionen Hunde in Großbritannien sind reinrassig und verursachen jede Woche Tierarztkosten in der Höhe von zehn Millionen Pfund Sterling. Der Genetiker Steve Jones identifiziert Inzucht als eines der Hauptprobleme. Mark Evan, der ranghöchste Tierarzt der RSPCA, sieht die Verantwortung für die aktuellen Gesundheitsprobleme bei den Hundeausstellungen.
Drastische Veränderungen Anhand alter Fotos von Dackeln, Basset Hounds, Bullterriern, Englischen Bulldoggen, Möpsen und Deutschen Schäferhunden wird dargestellt, wie sehr sich manche Hunderassen während der letzten hundert Jahre verändert haben. Der Ausstellungstyp des Deutschen Schäferhunds mit seinem abfallenden Rücken wird mit einem Schäferhund aus einer Arbeitslinie verglichen, der den früheren Deutschen Schäferhunden noch wesentlich ähnlicher sieht.
links|mini|Der Basset Hound wird im Film als „deformierter angeborener Zwerg“ bezeichnet. Der Crufts-Richter Terry Hannan bezeichnet den Deutschen Schäferhund aus Arbeitslinien als anatomisch nicht korrekt und besteht darauf, dass nur der Ausstellungstyp dem Rassestandard entspreche. Der Präsident des Basset Hound-Clubs weist den Vorwurf, dass seine Rasse unter angeborenem Zwergwuchs leidet, empört von sich und erklärt, dass der heutige Basset dem Basset aus dem 19. Jahrhundert entspreche, hält jedoch gleich darauf ein sechzig Jahre altes Foto eines Bassets für nicht standardkonform.
In einem Interview mit dem Historiker David Hancock erklärt dieser, dass die Züchter der Englischen Bulldogge deren starken Vorbiss und die Faltenbildung im Gesicht mit dem Argument rechtfertigen, dass diese als Brachycephalie bezeichneten Deformationen an die Funktion der Rasse angepasst seien. Anhand von alten Darstellungen der Rasse zeigt er allerdings auf, dass die moderne Bulldogge kaum noch Gemeinsamkeiten mit ihren historischen Vorfahren aufweist. Ihr Kopf ist derart groß, dass die Mehrheit der Würfe nicht mehr auf natürlichem Weg geboren werden kann und Kaiserschnitte in der Bulldoggenzucht quasi normal sind. Im Anschluss daran wird der Boxer als häufig von Krebserkrankungen und Herzkrankheiten betroffen erwähnt, während Bilder eines Boxers bei einem epileptischen Anfall gezeigt werden.
Hunde wurden traditionell nur nach funktionellen Gesichtspunkten (beispielsweise als Jagdhunde oder Wachhunde) gezüchtet. In der Mitte des 19. Jahrhunderts trat allerdings von England ausgehend ein Wechsel ein: Hunde wurden zum Statussymbol und Hundeausstellungen ein Sport. Die Funktion trat hinter das Aussehen zurück. Mark Evans beschreibt die Crufts als „Parade der Mutanten“ und „abartigen, geschmacklosen Schönheitswettbewerb, der nichts mit Gesundheit und Tierschutz zu tun hat“ und hält fest, dass die meisten Rassestandards keine Angaben zur praktischen Leistungsfähigkeit der Hunde machen.
Eugenik mini|Der Ridge des Rhodesian Ridgeback ist ein Rassemerkmal. Die Zuchtordnung des britischen Rasseclubs hielt fest, dass Welpen ohne Ridge getötet werden sollen. Der Film setzt die Geschichte des Kennel Club in Zusammenhang mit der Eugenik, die eine wichtige theoretische Grundlage der modernen Rassehundezucht bilde. In einem Interview mit einer Rhodesian-Ridgeback-Züchterin verteidigt diese die Euthanasie von Welpen ohne Ridge, da dieser im Standard zwingend gefordert werde und die Zuchtordnung (Code of Ethics) des Ridgeback-Clubs die Euthanasie solcher Welpen fordert. Die Präsidentin des Ridgeback-Clubs ergänzt, dass sie die Abwesenheit des Ridge für einen Erbfehler halte, der bei etwa einem von zwanzig Welpen auftrete. Dem widersprechen allerdings wissenschaftliche Studien, die zeigen, dass der Ridge eigentlich eine milde Form der Spina bifida ist und dass schwerere Formen dieser Missbildung bei der Rasse überdurchschnittlich häufig auftreten.
Die Regisseurin konfrontiert den Präsidenten des Kennel Clubs, Ronnie Irving, mit der Zuchtordnung des Ridgeback Clubs. Dieser hält die Vorschrift zur Euthanasie für nicht akzeptabel und verneint, dass der Kennel Club davon Kenntnis hatte. Nach dem Interview verlangte der Kennel Club schriftlich vom Ridgeback-Club, die entsprechende Passage aus der Zuchtordnung zu streichen. Der Ridgeback-Club hält dem entgegen, dass der Kennel Club die Zuchtordnungen aller seiner Mitglieder jährlich ratifiziert, so auch diejenige des Ridgeback-Clubs.
Andere Rassen, bei denen nicht standardkonforme Welpen euthanasiert werden, sind unter anderem Deutsche Doggen mit nicht standardkonformen Fellfarben, weiße Deutsche Schäferhunde und weiße Boxer (Fehlfarben). Allerdings ist diese Praxis inzwischen seltener geworden als früher, und die betroffenen Welpen werden häufiger kastriert statt euthanasiert.
Inzucht Absichtliche Inzucht, inklusive Mutter × Sohn-, Vater × Tochter- und Bruder × Schwester-Verpaarung, wird als ein weiterer Grund für das häufige Auftreten von Erbkrankheiten bei vielen Rassen genannt. 2006 forderte ein Bericht des Companion Animal Welfare Council Änderungen der Zuchtpraktiken, um Inzucht zu verringern; außerdem sollten Hunde mit Erbkrankheiten von Ausstellungen ausgeschlossen werden. Irving kommentierte diese Forderungen als „basierend auf Emotionen, nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen“.
Eine Publikation des Kennel-Club-Genetikers Jeff Sampson von 2004 bemerkte, dass „leider die restriktiven Zuchtpraktiken, welche sich in der Rassehundezucht entwickelt haben bei allen Rassen Kollateralschäden verursacht haben“, so dass Erbkrankheiten zunehmend ein Problem für viele, wenn nicht sogar alle Hunderassen seien. Beim Interview gab Sampson allerdings an, dass „die große Mehrheit der vom Kennel Club registrierten Hunde […] ein langes, glückliches und gesundes Leben leben werden“. Eine Studie des Imperial College London zeigte, dass die 10.000 in Großbritannien registrierten Möpse dermaßen ingezüchtet sind, dass ihre Effektive Populationsgröße nur 50 Hunden entspricht.
Untersuchungen auf Erbkrankheiten mini|Der Irish Red Setter ist eine von nur zwei der mehr als 200 Rassen im Kennel Club, für die ein Gesundheitstest zum Züchten obligatorisch ist. Obschon der Kennel Club mehr als 200 Rassen registriert, schreibt er nur für den Irish Red Setter und den Irish Red and White Setter einen obligatorischen Test auf Erbkrankheiten vor. Der Kennel Club verteidigt diese Praxis damit, dass andernfalls die Züchter aus dem Club austreten würden. Der Präsident der British Veterinary Association, Nick Blayney, stimmt dieser Einschätzung zu und ist der Meinung, dass die Einführung von obligatorischen Tests auf Erbkrankheiten dazu führen würde, dass der Kennel Club seinen Einfluss auf die britische Hundezucht verlöre. Der Kennel Club tue innerhalb einer schwierigen Situation sein Bestes.
Der Kennel Club führt kein offizielles Register für irgendeine Erbkrankheit und behauptet, dass die existierenden Screening-Methoden „oft inadäquat oder ineffektiv“ seien. Beim Cavalier King Charles Spaniel haben manche Züchter allerdings bereits seit 1995 Herzuntersuchungen durchführen lassen, aber weil sehr viele Züchter die tierärztliche Empfehlung ignorieren, erst ab dem Alter von fünf Jahren zu züchten, hat sich die Situation nicht verbessert. Der Kennel Club verteidigt diesen mangelnden Fortschritt damit, dass sich die Situation ohne freiwillige Herztests verschlimmert hätte.
Positive Veränderungen