mini|Cosplayerin als Wonder Woman, Japan 2010 Wonder Woman (Englisch für „Wunderfrau“) ist die älteste Superheldin des DC-Comics-Verlags. Sie wurde von William Moulton Marston geschaffen und hatte ihren ersten Auftritt 1941 in All Star Comics #8; die Ausgabe erschien am 21. Oktober 1941 (Coverdatum Dezember/Januar 1941/1942). In deutschsprachigen Comicausgaben wurde sie zeitweise Wundergirl genannt.
Geschichte 1940er Jahre Mit der Einführung von Superman (1938) in Action Comics #1 begann die Ära der Superheldencomics. Bald veröffentlichten viele Verlage ihre eigenen Superheldencomics, so dass man diese Zeit später das „Golden Age“ (dt.: goldenes Zeitalter) der Comics nannte. Anfang der 1940er Jahre machte der als Feminist bekannte Psychologe und Comic-Fan William Moulton Marston die Beobachtung, dass in der Welt der US-Comics praktisch keine weiblichen Figuren zu finden waren. Dies empfand Marston, der von einer „moralischen Überlegenheit“ von Frauen überzeugt war, als großen Fehler. Er schloss sich mit Max Gaines kurz, dem Chef von All-American Comics (die später in DC Comics aufgingen), und erdachte sich eine Frau, die so stark wie Superman sein sollte, aber „mit weiblichem Charme“ („all the strength of a Superman plus all the allure of a good and beautiful woman“). Als die erste klassische Superheldin wird Wonder Woman im Rahmen der Gender-Soziologie und des Feminismus aufmerksam betrachtet. Der Autor Tim Hanley schrieb in seinem Buch „Wonder Woman Unbound“ über Wonder Woman.Hanley, Tim: Wonder Woman Unbound: The Curious History of the World's Most Famous Heroine, 2014, Chicago Press (englisch).
Marston erdachte sich eine schwarzhaarige, starke und attraktive Amazonenprinzessin namens Diana, die übermenschlich stark war und gut kämpfen konnte. Als Superheldenuniform trug sie eine Tiara, eine rote Corsage, die als Saum einen goldenen Adler mit ausgebreiteten Schwingen besaß, und dazu einen blauen Minirock mit weißen Sternen: letztere waren Anspielungen auf die US-amerikanische Nationalflagge. Als Ausrüstung hatte sie ein magisches Lasso, das ein eingefangenes Opfer zwang, die Wahrheit zu sagen. Zudem hatte die Amazone zwei silberne Armbänder („Bracelets“), mit denen sie Geschosse abwehren kann. So wie Superman eine Schwäche gegen Kryptonit hatte, so war ihre Schwäche, dass sie all ihre Kräfte verlor, wenn ein Mann ihre Armbänder aneinanderkettete oder sie fesselte. Zunächst lautete der Superheldenname der Amazone Suprema, der Name wurde aber von Gaines in Wonder Woman umgeändert.
Viele von Marstons Ideen sind auf zeitgenössische und persönliche Einflüsse zurückführbar. Als Hauptinspiration diente seine Kollegin Olive Byrne, eine schwarzhaarige, sehr intelligente und emanzipierte Frau, die gerne große Armbänder trug. Byrne wurde später die gemeinsame Geliebte von Marston und seiner Frau Sadie Marston. Das magische Lasso entsprang Marstons anderer großer Erfindung, dem Lügendetektor. Er sah in Wonder Woman sowohl den Ausdruck unbewusster männlicher Wünsche, von einer Frau gebunden und gezähmt zu werden, als auch ein Vorbild für Jugendliche, die seiner Meinung nach durch den Comic die Unterwerfung unter eine liebende Autorität schätzen und somit ein friedliches Miteinander lernen könnten: „Nur wenn in zwischenmenschlichen Beziehungen die Kontrolle des Selbst durch Andere angenehmer als das ungebundene Geltendmachen des Selbsts ist, können wir eine stabile, friedvolle Gesellschaft erhoffen. […] Das Geben an Andere, von ihnen kontrolliert zu werden, sich anderen Menschen zu fügen, kann ohne ein starkes erotisches Element unmöglich erfreulich sein.“Charles Lyons: Suffering Sappho! A Look at the creator & creation of Wonder Woman, Comic Book Resources, 23. August 2006 (englisch). Als Marston gegenüber Byrne die Idee von Wonder Woman nahebrachte, war Byrne davon überzeugt, dass die zumeist männlichen Comicleser niemals eine solch emanzipierte Frau akzeptieren würden. Die Verkaufszahlen von Heften mit Wonder Woman waren aber überdurchschnittlich: Marston leitete korrekt ab, dass die Leser Wonder Woman mochten, nicht obwohl, sondern weil sie eine untypisch starke Frau war. (englisch)
Wonder Woman hatte ihren ersten Auftritt in All Star Comics #8. Hier wird die Origin und Hintergrundgeschichte von Wonder Womans erstmals erzählt. In diesem Abenteuer stürzt ein US-Pilot namens Steve Trevor während des Zweiten Weltkrieges auf der „Paradiesinsel“ Themyscira der Amazonen von Königin Hippolyta ab. Bei ihrem ersten Auftreten wurde die Königin noch Hippolyte genannt. Ihre Tochter Prinzessin Diana gewinnt das Recht, ihn in die „Welt der Männer“ zurückzuführen, folgt ihm heimlich in ihrer Geheimidentität als Armeesekretärin Diana Prince und verschreibt sich dem Kampf gegen die Nazis. Das Comic begeisterte den Tennisstar Alice Marble, so dass sie die Einladung von Max Gaines annahm, als Mitautorin in die neu geplante Wonder-Woman-Serie einzusteigen., Comic Book Resources (englisch).Hanley, Tim: Wonder Woman Unbound: The Curious History of the World's Most Famous Heroine, 2014, Chicago Press (englisch). Das Debüt der neuen Reihe kam im nächsten Jahr (Wonder Woman #1, Mai 1942). Wichtige Nebenfigur wurde die im selben Jahr eingeführte Soldatin Etta Candy, die Dianas gute Freundin wird. Ein Running Gag der damaligen Storys war, dass Nazijäger Trevor die angeblich schwache Diana immer beschützen will, aber er selbst immer von Wonder Woman gerettet wird. Moulton und Marble arbeiteten die ersten 20 Ausgaben von Wonder Woman zusammen, wobei Marble vierseitige Kurzgeschichten über „historische Wunderfrauen“ (z. B. Florence Nightingale, Clara Barton oder Dorothea Lynde Dix) verfasste.
Hauptautor Marston bekam bald Probleme. Er war ein ausgesprochener Bondage-Fan und schrieb viele Geschichten, in denen sowohl Männer als auch Frauen gefesselt oder ausgepeitscht wurden oder sich in demütigenden Körperstellungen wiederfanden. Regelmäßig war Wonder Woman gefesselt bzw. durch Ankettung ihrer Armbänder ohne Kräfte zu sehen. Obwohl die Szenen in den Comics eher infantil als sexuell ausfielen, waren die Bondage-Anspielungen eindeutig. Dies führte dazu, dass Max Gaines ein Memo an Marston schickte, in dem er ihm riet, „die Szenen, in denen Wonder Woman in Ketten zu sehen ist, um 50 bis 75 Prozent zu reduzieren“., Comic Book Resources (englisch).
1950er Jahre In den 1950er Jahren waren die Vereinigten Staaten von Amerika im Griff von Senator Joseph McCarthy, unter dem eine antikommunistische Hexenjagd nach angeblich unamerikanischen und jugendgefährdenden Elementen stattfand. 1954 veröffentlichte Fredric Wertham sein berüchtigtes Buch Seduction of the Innocent, in dem er unter anderem den überzeugten Junggesellen Batman als homosexuell und die emanzipierte Wonder Woman als lesbisch anklagte und für das Ende dieser Comics plädierte. DC Comics wurde von dieser Kampagne schwer getroffen und reagierte auf den Verkaufseinbruch, indem sie viele kleinere Comicreihen ab- oder aussetzte. Die Reihen Superman, Batman und Wonder Woman aber blieben bestehen, weswegen man diese drei Figuren bis heute „die großen Drei“ von DC Comics nennt.
1960er Jahre Nach dieser Krise begann das „Silver Age“ (deutsch: silbernes Zeitalter) der Comics, in dem Superhelden menschlicher und nicht mehr als unverwundbar dargestellt wurden. Zudem wurde Wonder Womans Vorgeschichte neu geschrieben und fester in der griechischen Mythologie verankert. Ihre Kräfte und Waffen wurden nun als Göttergaben gesehen: Die Armbänder waren von Zeus, ihr Lasso von Gaia, und sie war sprichwörtlich „so schön wie Aphrodite, so weise wie Athene, stärker als Herkules und schneller als Hermes“ („beautiful as Aphrodite, wise as Athena, stronger than Hercules, and swifter than Hermes“). Ihr rot-blau-goldenes Dress wurde nun so erklärt, dass das Design von Steve Trevors US-Flagge inspiriert war. Außerdem wurde ihr Sidekick Wonder Girl erfunden (1965), ein junges Mädchen namens Donna Troy. In dieser Zeit verlor Wonder Woman zeitweilig ihre Kräfte und spürte als sterbliche Frau viel stärker die Auswirkungen von Krieg und Leid. Unter ihrem 1968 eingeführten Mentor, dem blinden asiatischen Kampfsportgenie I Ching, lernte Diana fernöstlichen Nahkampf und wurde mehr als Abenteurerin denn als Superheldin interpretiert.
1970er Jahre In den 1970er Jahren begann das „“ (deutsch: Bronzenes Zeitalter) der Comics, das einerseits stark von sozialkritischen, andererseits von Pop-Elementen bestimmt war. Inspiriert von Agenten-Reihen wie James Bond oder Mit Schirm, Charme und Melone wurde die bis dahin eher vom Stil der 1940er geprägte Wonder Woman zu einer hippen Agentin, die eher Emma Peel von Mit Schirm, Charme und Melone als einer griechischen Kriegerin ähnelte. Optisch bedeutete dies für die Leser eine große Umstellung: Hatte Wonder Woman bis dahin seit Marstons Tagen immer eine goldene Tiara, eine rot-goldene Corsage und einen blauen Minirock mit weißen Sternen getragen, so trug sie nun an der Mode der 1970er-Jahre orientierte Mod-Kleidung. Diese Änderung hielt sich mehrere Jahre, bis die Zeichner sie mit einer modernisierten Version des alten Kostüms zeichneten: In dieser Version wurden Corsage und Minirock durch einen Einteiler ersetzt. Zudem wurde Wonder Woman 1973 wieder mit Superkräften ausgestattet, unter anderem auch deswegen, weil Feministen die jahrelange Schwächung der wohl prominentesten Superheldin von DC Comics als sexistisch interpretierten.
In den 70ern wurde auch die sehr populäre TV-Serie Wonder Woman mit Lynda Carter gedreht, die von 1975 bis 1979 lief und bis heute Kultstatus genießt. In Deutschland wurden Wonder-Woman-Comics von 1976 an bis 1983 durch den Ehapa-Verlag vertrieben. Die „eingedeutschte“ Bezeichnung für die Superheldin war „Wundergirl“. Spätere Wonder-Woman-Ausgaben wurden entweder vom Dino Verlag oder von Panini vertrieben und benutzten den englischen Originaltitel.
1980er Jahre Mitte der 80er Jahre beschloss DC Comics die Storyline Crisis on Infinite Earths, mit der das mit Parallel-Dimensionen überfrachtete DC Comics-Multiversum bereinigt wurde. (Beispielsweise war die „normale“ Erde Erde-1; in Erde-2 waren alle Helden in der Version vor Wertham; in Erde-A waren alle Helden von Erde-1 Schurken und umgekehrt und so weiter.) März 1986 heirateten Wonder Woman und Steve Trevor (Wonder Woman #329) zwar, dies wurde aber nach Crisis on Infinite Earths rückgängig gemacht, da Steve Trevor in der modernisierten Geschichtsschreibung Diana nie kennengelernt hatte. Anstelle von Steve war es nun seine (neu erfundene) Mutter Diana Trevor, die im Zweiten Weltkrieg die Amazoneninsel überflog und sich heldenhaft opferte, um einen Dämon zu bannen. Von ihr bekam Diana ihren Namen und von ihrer US-Flagge ihre rot-blau-goldenen Farben. Trevor wurde außerdem älter gemacht, und die seit den 1930er Jahren existierende Romanze zwischen Diana/Wonder Woman und ihm so abgeändert, dass stattdessen Etta Candy und er ein Paar sind.
Hiermit begann das bis heute anhaltende „Modern Age“ (deutsch: modernes Zeitalter) der Comics. Für Wonder Woman bedeutete dies, dass sie nun als Botschafterin des Amazonenvolkes neu interpretiert wurde, die die Mission hatte, Friede und Weisheit in die Welt der Männer zu bringen. Sie wurde nicht mehr als allwissend und weise, sondern als mühsam lernende Anfängerin geschrieben, die nur Griechisch konnte und erst einmal Englisch und den Umgang mit moderner Technologie lernen musste.
Außerdem wurde die Goldkante des Wonder-Woman-Kostüms geändert. Hatten Zeichner bislang einen Adler mit ausgebreiteten Schwingen gezeichnet, so wurde er nun durch ein stilisiertes Doppel-W (für Wonder Woman) ersetzt. Da im Gegensatz zum Adler dieses WW-Symbol patentiert werden konnte, wurde es zum neuen Markenzeichen der Wonder-Woman-Produkte. Einkünfte aus Comics, Spielfiguren, Lunchboxen und so weiter konnten hiermit erhöht werden, und das „WW“ ist bis heute unverkennbares Zeichen der Wonder-Woman-Artikel.
1990er Jahre