mini|hochkant=1.2|Otto Baum im Atelier, 1952 Otto Baum (* 22. Januar 1900 in Leonberg; † 22. Januar 1977 in Esslingen am Neckar) war ein deutscher Bildhauer und Hochschullehrer.
Leben Herkunft und Familie Otto Baum wird am 22. Januar 1900 in Leonberg im Gasthaus Schwarzer Adler als eines von sieben Kindern geboren. Seine Eltern sind der aus dem Schwäbischen Wald#R. Tsch. 1954. stammende Landwirt Christian Johannes Baum, der sich sein Brot als Fuhrmann verdient,#Gundel 1995, Seite 12. und die Wäscherin Rosa Baum geb. Schönleber. 1907 trennen sich die Eltern, und die Mutter zieht mit den Kindern nach Stuttgart-Vaihingen. Baum besucht von 1907 bis 1914 die Österfeldschule, eine 1902 gegründete Volksschule. Zum Lebensunterhalt der Familie trägt er durch Brötchenaustragen und andere Hilfsarbeiten bei.#Gundel 1995, Fußnote 25 auf Seite 12.
1922 heiratete er Herta Raeke (1897–1985), die 1925 die Tochter Ingrid (verheiratete Baum-Ackermann) zur Welt bringt.Büsten Otto Baums von seiner Frau Herta: WV 6, 14. Büsten seiner Tochter Ingrid: WV 56, 60.
Jugend Von 1914 bis 1917 absolviert er eine Lehre als Motorenschlosser für Auto- und Flugzeugbau in Stuttgart-Vaihingen, Böblingen und Sindelfingen. Danach nimmt er eine Arbeit unter Tage an,#Wiehager 2000, Seite 196. nach einer anderen Quelle eine Stelle in der Sindelfinger Flugzeugfabrik der Daimler-Motoren-Gesellschaft.#Schlichtenmaier 1990, Seite 5. Die Daimler-Motoren-Gesellschaft hatte im Frühjahr 1917 in Sindelfingen mit der Produktion von Kampfflugzeugen begonnen (). Von Juni bis Dezember leistet er Kriegsdienst in der U-Boot-Abteilung der II. Matrosendivision in Wilhelmshaven. Nach dem Krieg tritt er dem Freikorps Stever bei, dem er von Januar bis Juli 1919 angehört. Da er auf Grund einer Kriegsverwundung am rechten Oberarm den Beruf eines Motorenschlossers nicht mehr ausüben kann, arbeitet er von 1919 bis 1922 als Holzbildhauer und Intarsiator und von 1922 bis 1924 als Farbenmischer in einer Stuttgarter Farbenfabrik.Der Name der Fabrik ist nicht bekannt. 1936/1937 schuf Baum eine später zerstörte Bauplastik für eine Stuttgarter Farbenfabrik, vielleicht die gleiche, in der er früher gearbeitet hatte. Siehe #WV2 15. In der Zeit von 1919 bis 1924 eignet sich Baum autodidaktisch die Grundlagen der Bildhauerei an.
Akademieschüler und freier Bildhauer (1924–1934) In den Jahren 1924 bis 1927 studiert Baum an der Kunstakademie Stuttgart Malerei bei den Professoren Robert Poetzelberger, Hans SpiegelDer Maler Hans Spiegel (1894–1966) wurde 1925 zum Professor an der Kunstakademie ernannt und 1932 zu ihrem Direktor. und Arnold Waldschmidt, der „schon früh seine besondere bildhauerische Begabung“#Schlichtenmaier 1990, Seite 5. erkennt. Er belegt Kurse in Anatomie und Aktzeichnen und übt sich weiterhin autodidaktisch in der Bildhauerei.Das Werkverzeichnis WV enthält über 20 Arbeiten aus der Zeit zwischen 1924 und 1927.
In dieser Zeit macht Otto Baum drei wichtige Bekanntschaften: Er lernt den Lyriker Johann Emil Weber (Jo Weber) aus Berwang in Tirol (1892–?) kennen, mit dem er sich befreundet.WV 22. Der Stuttgarter Neurologe Dr. Manfred Breuninger (1889–1959) fördert den jungen Künstler mit einem Stipendium.WV 53. Von dem Pfullinger Fabrikanten Albert Gayler (1896–1980)WV 16. erhält er seine ersten Aufträge. Zwischen Mäzen und Künstler entsteht eine lebenslange Freundschaft. Die Ankäufe Anton Gaylers werden in der Sammlung Gayler in Pfullingen aufbewahrt.Günter Neske (1913–1997), der spätere Inhaber des Neske-Verlags in Pfullingen, verlegte 1950 in dem Tübinger Otto Reichl Verlag die erste Monographie über Baum (#Roh 1950). Er und seine Frau Brigitte Neske (1924–2007), die Tochter von Albert Gayler, begründeten ebenfalls eine Sammlung mit Skulpturen von Baum (Sammlung Neske, Pfullingen).
Nach dem Abschluss seiner Akademieausbildung betätigt sich Baum als freier Bildhauer in Stuttgart. 1929 unternimmt er eine Reise nach Paris und setzt sich „mit der dortigen Avantgarde auseinander, was für seinen künstlerischen Werdegang wegweisend wurde“.#Schlichtenmaier 1990, Seite 5. Dort lernt er wohl Werke von Constantin Brancusi und Hans Arp kennen und lieben. Vor 1932 unternimmt er weitere kleine Studienreisen nach Italien, Frankreich und Holland. 1929 findet Baums erste Einzelausstellung im Ulmer Schwörhaus statt.
Von 1930 bis 1934 studiert er erneut an der Kunstakademie, diesmal in der Bildhauerklasse von Ludwig Habich. Dieser zweite Studienabschnitt „diente allenfalls der Verfeinerung seiner technischen Grundlagen, bot Baum aber in erster Linie Material und (Atelier-)Raum“.#Gundel 1995, Seite 13. Er trifft auf den kaufmännischen Direktor der Robert Bosch GmbH Hugo Borst (1881–1967), einen bedeutenden Kunstsammler, der ihn zwischen 1930 und 1934 durch Ankauf von mindestens drei Werken unterstützt.#Fischer-Borst 1970. 1932 besucht er die weltweit erste Museumsretrospektive von Pablo Picasso im Kunsthaus Zürich und unternimmt eine Reise nach Wien.
Zeit des Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg (1934–1945) mini | hochkant=0.35 | Stehendes Mädchen, 1930, WV 49 B.
Die Nationalsozialisten trieben Baum, der nicht der Reichskulturkammer angehörte,#Wirth 1987, Seite 175. mehr und mehr in die innere Emigration. 1935–1937 fließen Baum noch einige Aufträge für größere Bauplastiken zu, die ihm meist von dem Architekten Paul Bonatz vermittelt werden.Reliefs für den Werkzeughersteller Hahn+Kolb, die Girokasse und mehrere Neckarstauwehre (WV 76, 87, bzw. 75, 83, 85). Sogar 1940, als er längst zu den von den Nationalsozialisten verfemten Künstlern gehört, schafft er noch ein Relief für den Stuttgarter Automobilzulieferer Mahle.WV 98.
1936 belegen die Nationalsozialisten Baum mit Ausstellungsverbot. Das heute verschollene Stehende Mädchen (WV 49) wird von den Nationalsozialisten aus der Nationalgalerie entfernt und beschlagnahmt, ebenso das Frauenporträt (WV2 1) in der Staatsgalerie in Stuttgart. Auf der Münchener Ausstellung „Entartete Kunst“ wird das Stehende Mädchen 1937 präsentiert.Siehe auch Skulpturenfund in Berlin. Weitere Literatur: siehe „Entartete Kunst“, besonders #Wemhoff 2012. Aus Angst vor den Nationalsozialisten arbeitet Baum von 1937 bis 1943 heimlich in dem Gartenhäuschen des befreundeten Gartenarchitekten Adolf Haag (1903–1966) in Stuttgart-Degerloch. 1939 zerstört Baum zahlreiche Gipsmodelle. 1940 leistet er Kriegsdienst in der 58. Landesschützenkompanie in Polen, wird aber aus Gesundheitsgründen nach drei Monaten wieder entlassen.#Gundel 1997, Seite 6. – Landesschützen waren ältere, nicht fronttaugliche Soldaten, die zur Bewachung Kriegsgefangener eingesetzt wurden. Von 1940 bis 1942 absolviert Gudrun Krüger bei Baum ein Privatstudium.#Gundel 1997. 1942 wird Baum mit Arbeitsverbot belegt und vergräbt daraufhin einige größere Plastiken im Garten in Degerloch. Schließlich wird er von Mai 1943 bis Kriegsende zwangsverpflichtet und fertigt in einem Stuttgarter Malerbetrieb Entwürfe für Tarnzwecke.
Lehrer an der Kunstakademie (1946–1965) 1946 beruft der baden-württembergische KultusministerDamals hieß der Kultusminister noch Kultminister. Theodor Heuss an die neukonstituierte Stuttgarter Kunstakademie u. a. Otto Baum und Willi Baumeister. Baum „vertrat in seinem Willen zur Form das Wesen der neuen Plastik und galt unter den jungen Akademiestudenten als der fortschrittlichste, jedoch auch als äußerst kritischer und unnachsichtiger Lehrer. Mit Willi Baumeister war Otto Baum der Protagonist für moderne Kunst an der Stuttgarter Akademie.“#Leonhard 1994, Seite 13.
Heuss äußerte zur Zusammensetzung des Kollegiums, er habe „polare sachliche Spannungen hier zusammengebracht, das sogenannte Abstrakte neben das Realistische gestellt, dem Expressiven neben dem Naturalistischen einen Lebensraum angewiesen.“#Mück 1987, Seite 96. Baum wurde Leiter einer Bildhauerklasse mit der Dienstbezeichnung Professor, die offizielle Ernennung zum Professor erfolgte 1956. Die folgende Liste der Schüler enthält eine Auswahl der Künstler (jeweils in alphabetischer Anordnung), die am Unterricht Baums teilgenommen haben und teilweise selbst bekannte Bildhauer wurden.
1940er Jahre (Nachkriegszeit): Hans Dieter Bohnet, Bruno Knittel, Fritz Melis, Eva Zippel, Otto Herbert Hajek. 1950er Jahre: Herbert Baumann (übernahm nach Baums Emeritierung 1965 dessen Bildhauerklasse), Emil Cimiotti, Elmar Daucher, Hanspeter Fitz, Wolfgang Klein, Christa Roesner-Drenhaus, Ursula Sax, K. H. Türk. 1960er Jahre: Hans Berweiler, Eckhart Dietz, Christoph Freimann, Peter Knapp, Eberhard Linke, Reinhold Georg Müller, Fritz Schwegler, Brigitte Wilhelm.
1947 bezieht Otto Baum sein neuerbautes Atelier- und Wohnhaus in der Rüderner Straße 1 an der Neckarhalde in Esslingen, das er bis zu seinem Tod zusammen mit seiner Frau bewohnt. Nach Vorentwürfen des Architekten Bodo Rasch (1903–1995) hatte er das Haus „nach eigenen raumplastischen Vorstellungen und Kriterien weitgehend selbst“ gestaltet. Heute befindet sich das als Kulturdenkmal eingestufte Haus in Privatbesitz.#Wiehager 2000, Fußnote 7 auf Seite 21.
Privatmann (1965–1977) miniatur|hochkant|Grab von Otto und Herta Baum, Esslingen am Neckar, Friedhof Sulzgries, Feld 17, Reihe 1, Grabstätte 1.
Nach seiner Emeritierung 1965 entzog sich Otto Baum mehr und mehr dem Kunstbetrieb und der Öffentlichkeit.#Kermer 1978, Seite 91. Schon 1962 hatte er sich vom Ausstellungsbetrieb zurückgezogenSiehe: #Ausstellungen. und verfügte später, dass in den ersten zehn Jahren nach seinem Tod keine Ausstellung seiner Werke stattfinden sollte.In einigen Gruppenausstellungen wurden in dem ersten Jahrzehnt nach Baums Tod trotzdem Werke von Baum gezeigt. 1972 hörte Baum auf, bildhauerisch zu arbeiten, möglicherweise wegen seiner schweren Erkrankung.Siehe Werkverzeichnis (#WV).
1977, an seinem 77. Geburtstag, nahm sich Baum, der seit seiner Jugend Suizid-Gedanken hegte,#Gundel 1997. nach einer schweren Krankheit das Leben.#Reuße 1998. Sein Tod wurde erst zwei Wochen später bekanntgegeben, möglicherweise um das Begräbnis in aller Stille begehen zu können.#M. K. 1977, #kd 1977, #Rothermel 1977. Über die inneren Beweggründe, die Baum dazu trieben, sich nach und nach aus seinem Leben als Künstler zurückzuziehen und schließlich sein Leben zu beenden, ist nichts bekannt. In einem Gespräch mit dem Kunstschriftsteller Hans Kinkel äußerte Baum 1960:
„Ich habe aus mir herausgeholt, was zu holen war; ich habe mich nicht geschont. Mir genügen einige Arbeiten, von denen ich sagen kann «Sie stehen». Es kommt eine Grenze, wo man die Kraft haben müßte, nein zu sagen und aufzuhören, wenn man es sich leisten kann, zu schweigen und zu gehen.“#Kinkel 1960.1.
Otto Baums Frau Herta starb 1985. Sie überlebte ihn fast um neun Jahre. Das Ehepaar ist auf dem Friedhof Sulzgries in Esslingen am Neckar begraben. Der Grabstein, ein schmuckloser Naturstein, trägt keine Inschrift.
Der Familiennachlass Otto Baums wird von der Galerie Schlichtenmaier auf Schloss Dätzingen in Grafenau betreut.#Wiehager 2000, Fußnote 1 auf Seite 19. Zur Galerie Schlichtenmaier siehe: . Die Galerie der Stadt Esslingen am Neckar (Villa Merkel) verwahrt ein Konvolut von Unterlagen, zum Teil aus dem Besitz von Otto Baum, das u. a. ein Album mit Zeitungsartikeln, zum Teil mit Baums handschriftlichen Notizen, sowie Ausstellungslisten und Werklisten mit Besitzerangaben enthält („Villa-Nachlass Otto Baum“).#Wiehager 2000, Fußnote 1 auf Seite 19.
Werk Hinweis: Siehe auch Bildergalerie mit Werken von Otto Baum.
Bis 1930 Auf Grund einer Kriegsverletzung kann Baum nach dem Krieg nicht mehr in seinem erlernten Beruf als Motorenschlosser arbeiten. Er verdingt sich u. a. als Bildhauer und eignet sich autodidaktisch die Grundlagen der Bildhauerei an, in der er sich auch während seines ersten Akademiestudiums (bis 1927) weiterhin selbständig vervollkommnet. Danach arbeitet er drei Jahre als freier Bildhauer.