Karin Auguste Ella Magnussen (* 9. Februar 1908 in Bremen; † 19. Februar 1997 ebenda) war eine deutsche Biologin und Lehrerin, die die nationalsozialistische Rassenlehre propagierte. Am Kaiser-Wilhelm-Institut untersuchte sie Augen ermordeter Häftlinge aus dem KZ Auschwitz, die ihr vom KZ-Arzt Josef Mengele zugesandt wurden.

Leben Karin Magnussen war die Tochter des Landschaftsmalers und Keramikers Walter Magnussen und der Bildhauerin Anna Magnussen-Petersen. Sie wuchs gemeinsam mit ihrer Schwester Hildegard1910-1985, s. https://www.arcinsys.niedersachsen.de/arcinsys/digitalisatViewer.action?detailid=v8579829&selectId=21515907 in einem künstlerischen Elternhaus auf. Nach dem Abitur 1928 in Bremen studierte sie an der Universität Göttingen Biologie, Geologie, Chemie und Physik. Sie schloss das Studium 1932 mit einer Prüfung in den Fächern Botanik, Zoologie sowie Geologie ab. Im Juli 1932 legte sie ihre Dissertation: Untersuchungen zur Entwicklungsphysiologie des Schmetterlingsflügels vor.Sascha Hönighaus: Karin Magnussen, Berlin 2007, S. 193f. Nach der Promotion zum Dr. rer. nat. war sie bei Alfred Kühn am Zoologischen Institut der Universität Göttingen beschäftigt.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2007, S. 387. Sie bestand 1936 das erste und später das zweite Staatsexamen für das höhere Lehramt unter anderem im Fach Biologie. In Hannover war Magnussen anschließend als Lehrerin an einem Gymnasium tätig.Hans Hesse: "Ich konnte nicht auf die Auswertung eines so wertvollen Materials verzichten – Augen aus Auschwitz: Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie und der Fall Karin Magnussen", WeltOnline vom 31. August 2001

Nationalsozialistische Prägung Als fanatische Nationalsozialistin trat Magnussen bereits während ihrer Studienzeit dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) bei. Sie schloss sich zum 1. Juni 1931 der NSDAP an (Mitgliedsnummer 549.763),Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/27010693 wurde später BDM-Führerin und gehörte dem Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) an. Als BDM-Führerin hielt sie im Gau Bremen Vorträge zu Rassen- und Bevölkerungspolitik. Sie war ab 1935 im Gau Hannover im Rassenpolitischen Amt beschäftigt. Ihre Publikation Rassen- und bevölkerungspolitisches Rüstzeug erschien 1936. Die 1939 bei Lehmann in München verlegte Ausgabe dieser Schrift wurde nach Ende des Zweiten Weltkrieges in der Sowjetischen Besatzungszone auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.Deutsche Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone, Liste der auszusondernden Literatur, Berlin: Zentralverlag, 1946

Beschäftigung am Kaiser-Wilhelm-Institut Aufgrund eines Stipendiums wurde Magnussen im Herbst 1941 aus ihrem Lehrerinnenberuf beurlaubt und wechselte an das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWI-A) in Berlin-Dahlem. Ab diesem Zeitpunkt arbeitete sie in der Abteilung für Experimentelle Erbpathologie unter dem Abteilungsleiter Hans Nachtsheim. Ihr Forschungsschwerpunkt lag auf der Vererbung der Augenfarbe bei Kaninchen und Menschen.Wolfgang Schieder, Achim Trunk: Adolf Butenandt und die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft: Wissenschaft, Industrie und Politik im Dritten Reich. Göttingen 2004, S. 297f. Ihr besonderes Interesse galt dabei der Iris-Heterochromie, die sie seit 1938 untersuchte. Magnussen versuchte den wissenschaftlichen Nachweis zu führen, dass die Augenfarbe nicht nur genetisch, sondern auch hormonell bedingt sei. Dabei nahm sie zunächst Untersuchungen an Kaninchenaugen vor.Sascha Hönighaus: Karin Magnussen, Berlin 2007, S. 195. Ab Juli 1943 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin von Otmar Freiherr von Verschuer im KWI-A. Am KWI-A lernte sie auch Mengele kennen, der dort zeitweise forschte.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) förderte ab 1943 neben acht anderen Forschungsprojekten am KWI-A auch eines zur „Erforschung der Erbbedingtheit der Entwicklung der Augenfarbe als Grundlage für Rassen- und Abstammungsuntersuchungen“. Dieses Projekt wurde von Magnussen bearbeitet. Hans-Walter Schmuhl: Grenzüberschreitungen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik 1927–1945. Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus, Band 9. Wallstein, Göttingen 2005, S. 370.

Aktive Beteiligung an Menschenversuchen im Konzentrationslager Auschwitz Über einen Kollegen erhielt Magnussen 1942 die Information, dass sich unter der Sinti-Familie Mechau aus Norddeutschland vermehrt Zwillinge und Familienmitglieder mit Iris-Heterochromie befänden. Mitglieder der Familie wurden im Frühjahr 1943 ins KWI-A gebracht, wo Magnussen sie fotografierte. Noch im März 1943 wurde die Sinti-Familie ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert, wo Mengele seit Ende Mai 1943 als Lagerarzt tätig war. Nun konnte Magnussen ihre Experimente durch Mengele auch am Menschen vornehmen lassen.

Nach Anweisung von Magnussen behandelte Mengele unter anderem die Augen dieser Sintifamilie mit hormonellen Substanzen. Diese schmerzhaften Eingriffe führten bei den Opfern nicht selten zu Eiterung und Erblindung. Ziel dieser Experimente war die Erforschung und Beseitigung der Anomalie bei Menschen mit Iris-Heterochromie. Im Falle des Todes der Häftlinge sicherte Mengele Magnussen zu, ihr die Augen der Opfer zur weiteren Forschung und Auswertung zukommen zu lassen. Rolf Winau: Medizinische Experimente in Konzentrationslagern. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 1: Die Organisation des Terrors. C.H. Beck, München 2005, ISBN 3-406-52961-5, S. 174. Im zweiten Halbjahr 1944 erhielt Magnussen in mehreren Lieferungen insgesamt 40 Augenpaare der Experimentieropfer aus Auschwitz-Birkenau zugesandt.Ilkka Remes: Das Erbe des Bösen, S. 3 .Sascha Hönighaus: Karin Magnussen, Berlin 2007, S. 197.

Der ungarische Häftlingspathologe Miklós Nyiszli bemerkte nach der Obduktion von Sinti-Zwillingen, dass diese nicht krankheitsbedingt, sondern durch eine Chloroforminjektion ins Herz getötet worden waren. Nyiszli musste ihre Augen präparieren und ans KWI-A verschicken.

Mindestens bis zum Frühjahr 1945 hielt sich Magnussen in Berlin auf. Ernst Telschow bescheinigte im April 1946, dass Magnussen bis Ende 1945 Assistentin des KWI gewesen sei.Ernst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-10-039310-4, S. 360. Zusammen mit ihrer Partnerin Dorothea Michaelsen (1898–1973),https://www.arcinsys.niedersachsen.de/arcinsys/digitalisatViewer.action?detailid=v8580173&selectId=21350614 der ehemaligen Mitarbeiterin„… in Erinnerung an die schöne Zeit in Dahlem“. Karin Magnussen, reichsdeutsche Rassenforscherin und bundesdeutsche Biologielehrerin, in: Vojin Saša Vukadinović (Hrsg.): Rassismus. Von der frühen Bundesrepublik bis zur Gegenwart. Berlin 2022, ISBN 978-3-11-070272-9, S. 69–124 des Eugenikers und nationalsozialistischen Rassenhygienikers Eugen Fischer, gelang es ihr, sich mit einem Kaninchen und weiterem Material aus dem KWI-A zu Verwandten nach Göttingen abzusetzen.Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer. Frankfurt am Main 1997, S. 486.

Nach Kriegsende Nach Ende des Zweiten Weltkrieges lebten beide wieder in Bremen in Magnussens Elternhaus in der Hagenauer Straße 7.https://brema.suub.uni-bremen.de/periodical/zoom/900361mini|Haus Magnussen, Hagenauer Straße 7 Magnussen führte ihre Forschungsarbeit weiter. Aus dem niedersächsischen Schuldienst wurde sie am 26. April 1946 auf Anordnung der Militärregierung entlassen.Ernst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-10-039310-4, S. 360–361. Ihre 1944 fertiggestellte Forschungsarbeit wurde 1949 unter dem Titel Über die Beziehungen zwischen Irisfarbe, histologischer Pigmentverteilung und Pigmentierung des Bulbus beim menschlichen Auge publiziert. Hans-Walter Schmuhl: Grenzüberschreitungen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik 1927–1945. Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus, Band 9. Wallstein, Göttingen 2005, S. 490. 1949 wurde sie in Bremen als Mitläuferin entnazifiziert, wobei sie verschwieg, dass sie sehr wohl wusste, woher bzw. von wem die von ihr untersuchten Präparate stammten – sie habe doch nicht „auf die Auswertung eines so wertvollen Materials verzichten“ können.http://www.tenhumbergreinhard.de/1933-1945-taeter-und-mitlaeufer/1933-1945-biografien-m/magnussen-karin-dr-rer-nat.html

Ab 1950 bis zu ihrer Pensionierung 1970 unterrichtete Magnussen in Bremen zunächst am Mädchengymnasium an der Karlstraße, danach als Oberstudienrätin am Gymnasium an der Kurt-Schumacher-Allee30 Jahre Gymnasium an der Kurt-Schumacher-Allee: 1968–1998; aktualisierte Jubiläumsschrift, Bremen, [ca. 1998]; enthält die Festschrift 25 Jahre Gymnasium an der Kurt-Schumacher-Allee sowie eine Ergänzung für die Jahre 1993 bis 1998 unter anderem das Fach Biologie, wobei sie als beliebte Lehrerin galt. Sie führte einen interessanten Biologieunterricht, wobei ihre Schülerinnen beispielsweise lebende und tote Kaninchen aus ihrer Zucht untersuchen konnten.https://www.spurensuche-bremen.de/spur/karin-magnussen-rassenlehrerin-unterrichtet-am-gymnasium-in-schwachhausen/

Sie publizierte bis 1964 Aufsätze in naturwissenschaftlichen Fachzeitschriften. Noch im hohen Alter rechtfertigte sie die nationalsozialistische Rassenideologie. So merkte sie 1980 in einem Gespräch mit dem Genetiker Benno Müller-Hill an, dass die Nürnberger Rassengesetze nicht weit genug gegangen seien. Zudem verneinte sie bis zuletzt, dass Mengele für ihre Untersuchungen Kinder getötet hätte.Sascha Hönighaus: Karin Magnussen, Berlin 2007, S. 199f. Magnussen war durch ihre Zusammenarbeit mit Mengele und die Versorgung mit „Menschenmaterial“ tief in Konzentrationslagerverbrechen verstrickt, von denen sie nichts gewusst haben will.

Sie lebte weiter in ihrem Elternhaus zusammen mit ihrer Lebenspartnerin, die sie nach deren Tod 1973 auch im Familiengrab Magnussen auf dem Riensberger Friedhof bestatten ließ.Foto vom Grabstein mit Inschrift s. https://www.spurensuche-bremen.de/spur/karin-magnussen-rassenlehrerin-unterrichtet-am-gymnasium-in-schwachhausen/

Als Magnussen 1990 in ein Pflegeheim zog, wurden bei der Haushaltsauflösung noch mehrere Gläser mit Augen aus dem KZ Auschwitz gefunden. Diese Gläser wurden laut einem Familienangehörigen anschließend „entsorgt“. Sie schrieb noch zwei Biografien über ihre Mutter und ihren Vater, die Anfang der 1990er Jahre in Bremen erschienen. Magnussen starb im Februar 1997 in Bremen.

Literatur von Karin Magnussen Untersuchungen zur Entwicklungsphysiologie des Schmetterlingsflügels, Göttingen 1933 (Göttingen, Univ., Diss.) Rassen- und bevölkerungspolitisches Rüstzeug: Zahlen, Gesetze u. Verordnungen, 2. erw. Aufl., München, Berlin: Lehmann, 1939 Rassen- und bevölkerungspolitisches Rüstzeug: Statistik, Gesetzgebung u. Kriegsaufgaben, 3. erw. Aufl. München [usw.]: Lehmann, 1943 Walter Magnussen: 1869–1946; Landschaftsmaler und Keramiker, Bremen, Hauschild 1991 Anna Magnussen-Petersen: 1871–1940; Bildhauerin, Bremen, Hauschild 1992

Literatur über Karin Magnussen Vojin Saša Vukadinović: „… in Erinnerung an die schöne Zeit in Dahlem“. Karin Magnussen, reichsdeutsche Rassenforscherin und bundesdeutsche Biologielehrerin. In: Vojin Saša Vukadinović (Hrsg.): Rassismus. Von der frühen Bundesrepublik bis zur Gegenwart. Berlin 2022, S. 69–124. David G. Marwell: Mengele. Biographie eines Massenmörders, wbg Theiss, 2021. Hans Hesse: Erst Kaninchen, dann Menschen: Die Bremer Biologin Karin Magnussen beteiligte sich in Auschwitz an Menschenversuchen. In: Weser-Kurier vom 18. April 2020, S. 13. Gerald Weßel: Da gibt es in Bremen noch einiges zu tun: Interview mit Hans Hesse. In: Weser-Kurier vom 14. Dezember 2017