mini|Mara Genschel beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2022
Mara Genschel (* 1982 in Bonn) ist eine deutsche Schriftstellerin und Performerin.
Leben und Werk Nach dem Abitur studierte Mara Genschel Musikwissenschaft in Köln und bis 2004 Schulmusik an der Hochschule für Musik Detmold mit dem Hauptfach Violine. Von 2004 bis 2008 studierte sie am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2008 debütierte sie mit dem Gedichtband Tonbrand Schlaf, der kontrovers aufgenommen wurde. Dem Künstlerbuch Vom Nachtalpenweg in Zusammenarbeit mit Valeri Scherstjanoi 2009 folgten zunehmend konzeptuellere Publikationen. Mit der fortlaufenden Heftreihe Referenzfläche im Selbstvertrieb (handschriftliche Bearbeitung der Drucke; Selbstvertrieb ohne ISBN) erprobt Genschel seit 2012 eine Publikationsform abseits des konventionellen Buchhandels. Für das Hörspiel Krieg der Manifeste – Futurismus erobert Europa von Bernd Kempker, das vom WDR produziert und im Februar 2009 von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste als Hörspiel des Monats ausgezeichnet wurde, improvisierte Mara Genschel die Musik.Krieg der Manifeste – Futurismus erobert Europa. Dradio onlinehördat.de
2015 gab Bertram Reinecke einen Materialband zu ihren Arbeiten heraus. 2017 und 2018 erschienen mit Cute Gedanken (roughbooks) und Gablenberger Tagblatt (brueterich press) zwei weitere Einzelpublikationen, die nicht mehr eindeutig einer bestimmten Gattung zuzuordnen sind.
Genschels Arbeitsfeld erstreckt sich auch auf Radioarbeiten, Installationen und Performances. Neben Sendungen für die Reihe JetztMusik in SWR2 wurde 2017 ihr Hörspiel Villa Genschel von hr2-kultur ausgestrahlt. Installative Arbeiten zeigte sie unter anderem im Kunsttempel Kassel, dem Forum Stadtpark Graz, bei den Darmstädter Ferienkursen und im Tranzit in Bukarest.
Neben dezidierten Bühnenarbeiten entwirft Genschel Performances oft spontan und in Reaktion auf Einladungen zu öffentlichen Auftritten wie Lesungen oder Vorträgen.
mini|Mara Genschel bei ihrer Lesung beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2022 Auf Einladung von Insa Wilke las Mara Genschel beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2022 ihren Text Das Fenster zum Hof, den sie mit amerikanischem Akzent und angeklebtem Schnauzbart vortrug und dabei „den sonst weitgehend ernsten Charakter des Wettbewerbs im österreichischen Klagenfurt“ „konterkarierte“, wie das Monopol-Magazin feststellte.
Seit 2024 ist sie künstlerisch-wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Kunsthochschule für Medien Köln.
Mara Genschel lebt in Berlin.
Rezeption Die Frankfurter Allgemeine Zeitung rezensierte Genschels Debüt-Gedichtband Tonbrand Schlaf 2008 unter dem Titel Bulettenexperiment: „Manches klingt nach Jandl, anderes nach Kling, dem sie eines der Gedichte widmet. Oder sind es Rudimente von Gedichten? […] Eine Tagebuchnotiz, typographisch aufgemotzt – aber ein Gedicht?“
literaturkritik.de resümierte: „Mara Genschel nivelliert ihre Texte nicht auf eine abgeklärte poetical correctness, sondern lässt neben allem Sprach-Zweifel auch die Extreme und damit das Ver-Zweifeln zu. Mehr von dieser radikalen Schreibhaltung täte der Gegenwartslyrik gut.“
SWR2, das Kulturprogramm des Südwestrundfunks, widmete ihr im September 2008 eine Hörfunksendung, beschrieb sie mit „Musik und Wort, Klang und Bedeutung – das sind die Pole, um die ihr Schaffen kreist“ und strahlte ihr Kurzhörspiel Der blinde Dichter aus.Machete. SWR 2 online
2013 untersuchte Tobias Amslinger in der Zeitschrift Kritische Ausgabe Genschels ungewöhnliche Publikationsstrategie. Mit ihrer fortlaufenden Heft-Reihe Referenzfläche (handschriftliche Bearbeitung der Drucke; Selbstvertrieb ohne ISBN) erprobt sie derzeit eine Publikationsform abseits des konventionellen Buchhandels.
Auszeichnungen und Förderungen 2007: Finalistin beim Leonce-und-Lena-Preis 2010: Stipendium Stiftung Künstlerdorf Schöppingen 2013: Fellowship Literatur der Stiftung Insel Hombroich 2016: International Writing ProgramInternational Writing Program (IWP) University of Iowa 2017: Förderpreis zum Heimrad-Bäcker-Preis 2019: International Writer’s WorkshopInternational Writer’s Workshop (IWW) Hong Kong Baptist University 2021: Artist in residence der Stiftung Bauhaus Dessau 2023: Werkstipendium des Deutschen Literaturfonds
Werke Einzeltitel Tonbrand Schlaf. Gedichte. Connewitzer Verlagsbuchhandlung Peter Hinke, Leipzig 2008, ISBN 978-3-937799-31-5, 76 Seiten, Klappenbroschur. Vom Nachtalpenweg (mit Valeri Scherstjanoi). [Glossolalien und Lauttexte].. Hybriden-Verlag, Berlin 2009, 28 Seiten, gebunden + Audio-CD [36 Minuten]. Referenzfläche. Fortlaufende Reihe, bislang 5 Hefte. Berlin, Selbstverlag.
Cute Gedanken, roughbooks, Berlin und Schupfart, 2017, 96 Seiten Gablenberger Tagblatt, Brüterich Press, Berlin 2017, ISBN 978-3-945229-17-0 Fur Sessions. Documents about domestication (mit Anca Bucur), edition frACTalia, Bukarest 2018 Pretending to be in Dessau. Heftserie dt/en (Übersetzung von Shane Anderson), Stiftung Bauhaus Dessau, 2021 Midlife-Prosa, Engeler Verlag, Schupfart, 2024 Das narzisstische Skript, edition text+kritik, München 2025
Radiosendungen Sprecherrolle und Musik in: Krieg der Manifeste – Futurismus erobert Europa von Bernd Kempker WDR3, 2009 Dass ich muss, was nicht gemäß ist! (JetztMusik) SWR2, 2014 Über königlich geformte Sanitärkeramik (JetztMusik) SWR2, 2015 Villa Genschel – Hörspiel (Artists Corner) HR2, 2017 Geile Stellen (JetztMusik) SWR2, 2019 Salon Dilletantisme (JetztMusik) SWR2, 2020 How to celebrate a Meister (JetztMusik) SWR2, 2021 Utopische Dialoge (JetztMusik) SWR2, 2024 Versteckte Gefahren der klassischen Musik (Kolumne), SWR Kultur, seit 2024
Bühnenarbeiten (Auswahl) Der Kuss (verkleinerter Guss) – für Stimme, Geige und Zuspielung – UA Klangaktionen München 2009 play* – akusmatische Lesung für 14 Lautsprecher, Neonröhren und Funkgeräte. Musik: Martin Schüttler – UA Hildesheim Prosanova 2011; 60’ LAPSUS – begehbare Lesung – UA in der Reihe Carte Blanche (FGNM) Wiesbaden 2015 Büro Dilletantisme – für A4-Drucker und offenes Mikro – UA Musik 21 Hannover 2017 Übungen aus einem anderen Jahrtausend – Performance mit Hilfsheft – UA kook.mono Berlin 2018
Anthologien und Literaturzeitschriften (Auswahl) Christoph Buchwald, Uljana Wolf (Hrsg.): Jahrbuch der Lyrik (2009). Björn Kuhligk, Jan Wagner (Hrsg.): Lyrik von JETZT zwei (2008). Shafiq Naz (Hrsg.): Der deutsche Lyrikkalender. Jeder Tag ein Gedicht (2009). Literaturzeitschriften: comma, poet[mag], EDIT.
Literatur Lena Hintze: „15 Jahre, zehn Gedichte“. Potenzierter performativer Epitext bei Mara Genschel. In: Thomas Wegmann u. a. (Hrsg.): Formen und Funktionen auktorialer Epitexte im literarischen Feld der Gegenwart. De Gruyter, Berlin, Boston 2024 (= Paratext-Studien, Bd. 1), ISBN 978-3-11-132236-0, S. 223–239.
Weblinks
Mara Genschels Website Projektseite Referenzfläche Mara Genschel im Poetenladen Die Liedertafel Textenet-Galerie Mara Genschel in der Internet-Zeitschrift karawa.net
André Hatting: Faszinierendes Spiel mit dem Kontext. In: Deutschlandfunk Kultur. 19. Januar 2018 Meinolf Reul: Konzeptliteratur. In: satt.org vom 8. Oktober 2018
Einzelnachweise
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