mini|hochkant=2|Zug der jungfräulichen Märtyrinnen mit Kränzen und Palmen im HintergrundMosaik des 6. Jahrhunderts in der Kirche Sant’Apollinare Nuovo in Ravenna.

Die Märtyrerkrone (lateinisch martyrii corona, auch corona fidei „Krone des Glaubens“) ist ein ikonographisches Heiligenattribut.

Antike mini|links|hochkant|Augustus mit Corona civica (Glyptothek, München)

In der Antike war die Corona, der aus Blüten und Blättern geflochtene Kranz bzw. dessen Nachbildung aus Metall im kultischen, öffentlichen und privaten Leben fast allgegenwärtig. Man bekränzte sich bei Opferhandlungen, sportlichen Veranstaltungen, Feiern, Gelagen, Hochzeiten und Begräbnissen. Der Herstellung von Kränzen widmeten sich spezialisierte Berufe und Industrien, und auch im römischen Heer spielte die Corona in unterschiedlichen Formen als Auszeichnung und bei bestimmten Gelegenheiten, beispielsweise beim Empfang eines Geldgeschenks durch den Kaiser, eine bedeutende Rolle.Tertullian De corona militis 1

Christentum Bereits in den ältesten Schriften des Neuen Testaments wird die Metapher des Siegerkranzes bei einem Wettkampf gebraucht. Im 1. Brief an die Korinther des Apostels Paulus heißt es:

Vor allem die stets präsente Verbindung des Kranzes mit den antiken Göttern und ihren Kulten erregte indes Anstoß bei dem Kirchenschriftsteller Tertullian. Dieser verfasste eine Schrift, in der er sich zunächst gegen die Bekränzung im Militärwesen wandte,Tertullian De corona militis „Vom Kranze des Soldaten“ lateinischer Text BKV dann das Tragen von Kränzen allgemein erörterte und zu dem Schluss kam, Christen dürften keine Kränze tragen, und zwar aus den folgenden Gründen: Das Tragen von Blumenkränzen sei gegen die Natur, Blumen seien nämlich dazu da, angeschaut und berochen zu werden, bei auf dem Kopf getragenen Blumen sei beides nicht möglich. Das Bekränzen sei eine spezifisch heidnische Sitte, die Kränze seien den Göttern (z. B. dem Dionysos) heilig, daher sei das Kranztragen Götzendienst. In der Heiligen Schrift sei zwar kein Verbot des Kranztragens zu finden, aber schließlich sei ja alles verboten, was nicht ausdrücklich erlaubt ist.Tertullian De corona 2: „Sed quod non prohibetur ultro permissum est.“ − „Immo prohibetur quod non ultro est permissum.“ Abschließend meint Tertullian noch: „Wenn du dich mit Dornen nicht kannst krönen lassen, so solltest du dich wenigstens nicht mit Blumen bekränzen, weil das nicht angeht.“Tertullian De corona 14: aut nec floribus coroneris si spinis non potes, quia floribus non potes. Damit nimmt er auf die Dornenkrone Christi Bezug. So steht bei (und ähnlich bei und ), dass die Soldaten des Pilatus Jesus einen Kranz aus Dornen ( stephanon ex akanthon) aufs Haupt gesetzt hätten. Das Wort Stephanos ist die genaue griechische Entsprechung von Corona.

In dem vermutlich aus dem 2. Jahrhundert stammenden zweiten Clemensbrief wird die Metapher des Siegeskranzes wiederum aufgegriffen und ausgebaut:

Märtyrerkrone mini|Die Märtyrerkrone des hl. Sebastian wird von einem Engel überbracht.Gemälde von Francesco di Giovanni Botticini; etwa 1505; Metropolitan Museum of Art, New York

Im dritten Jahrhundert, unter dem Eindruck der Christenverfolgungen im Römischen Reich unter Decius und seinen Nachfolgern, gewann die Metapher eine neue Ausrichtung. War zuvor die Krone der Preis, der dem winkte, der in der Nachfolge Christi sein Ziel erreichte, war es nun ein ganz konkreter Sieg, nämlich die Überwindung der Christenverfolger. Wer bis zum Ende im Glauben fest blieb und auch angesichts von Folter und Tod nicht abschwor, der hatte die Welt besiegt und ihm winkte die Märtyrerkrone, die Corona martyrii.

In seinem Brief An die Märtyrer und Bekenner führt der hl. Cyprian von Karthago an:

Die verfolgten Christen wurden teilweise regelrecht beneidet, bzw. bestanden darauf, dass niemand ihnen den schon in Reichweite befindlichen Märtyrerkranz etwa durch eine unerwünschte Fluchthilfe entwinde. Ein frühes Beispiel dieser Haltung ist in dem Brief des Ignatius von Antiochien an die Römer überliefert:

Und weiter unten nochmals:

Bei Prudentius im 4. Jahrhundert schließlich ist die christliche Kranzmetaphorik voll ausgebildet. Sein Liber PeristephanonVon griechisch Über den (Märtyrer)Kranz. Das Werk ist aber in lateinischer Sprache verfasst. ist eine Sammlung von 14 Gedichten, die bis auf das achte stadtrömischen bzw. spanischen Märtyrern gewidmet sind. Das Werk wurde stark rezipiert, beeinflusste die Gestaltung der (meist legendarischen) Märtyrerviten und wurde bis ins Mittelalter vielfach gelesen.

Ikonographie mini|Die hl. Agnes mit Märtyrerkrone (aus der Schedelschen Weltchronik) mini|Die hl. Lucia mit Märtyrerkrone (aus der Schedelschen Weltchronik)

Ursprünglich entsprach die Darstellung der Corona martyrii der antiken Corona, wie man sie etwa aus Darstellung der Kaiserzeit kannte. Ein Beispiel sind die spätantiken Mosaiken aus Sant’Apollinare Nuovo in Ravenna. Die von den Märtyrinnen getragenen Kränze sind kaum zu unterscheiden von einer Corona civica, wie sie beispielsweise von einigen Büsten des Augustus bekannt ist.

Im Mittelalter, nachdem die antike Corona sich zur Krone des Herrschers umgeformt hatte, folgte die Ikonografie diesem Wandel. Die Märtyrer wurden nun mit Kronen dargestellt, so beispielsweise in den Abbildungen der Schedelschen Weltchronik. Auch der Kranz erschien noch gelegentlich, allerdings dann nicht auf dem Haupt des Märtyrers, sondern in der Form, dass er dem Märtyrer im Augenblick, in dem sich das Martyrium vollendete, von einem vom Himmel herabschwebenden Engel überbracht wurde.

Vielleicht, weil in späteren Zeiten, als die Krone nur noch ein Herrschaftssymbol war, die Abbildung eines Heiligen mit Krone zur irrtümlichen Vermutung veranlasste, dass ein heiliger König dargestellt sei, vielleicht auch wegen Kollisionen mit anderen Kopfbedeckungen, etwa bei Märtyrern, die auch Bischof waren und als solche mit einer Mitra dargestellt werden, wurde in der neueren Ikonographie die Märtyrerkrone als Attribut immer mehr von der Märtyrerpalme verdrängt.

Einzelnachweise

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