Gais ist eine politische Gemeinde im Mittelland des Kantons Appenzell Ausserrhoden in der Schweiz.

Geographie Gais liegt 10 km (Luftlinie) südöstlich der Stadt St. Gallen; an der Strecke der Appenzeller Bahnen, die St. Gallen mit Appenzell einerseits und via Stoss AR mit Altstätten andererseits verbindet.

Die Nachbargemeinden sind die ausserrhodischen Gemeinden Trogen und Bühler, die innerrhodischen Bezirke Schlatt-Haslen, Appenzell und Schwende-Rüte sowie die sanktgallischen Gemeinden Eichberg und Altstätten. Ein Dreikantoneeck zu den Kantonen Appenzell Innerrhoden und St. Gallen findet sich auf dem Gipfel des Hörchelchopfs ().

Gais umfasst eine Fläche von 2119 Hektaren. Davon sind 147 Hektaren Siedlungsfläche, 1004 Hektaren Landwirtschaftsfläche, 935 Hektaren bestockte Fläche und 33 Hektaren unproduktive Fläche. Die Gemeinde liegt auf 933 m ü. M., wobei sich der höchste Punkt – der Hausberg Gäbris, ein bekanntes Ausflugsziel – auf 1250 m ü. M. und der tiefste auf 779 m ü. M. befindet.

Geschichte mini|Gais, Ortsgesamtansicht, 1910 mini|Historisches Luftbild von Walter Mittelholzer von 1923 1272 wird Gais erstmals urkundlich als «de Geis» erwähnt. Man vermutet, dass sich der Ortsname vom althochdeutschen Tiernamen geiz (= Ziege) ableitet und daher rührt, dass a.) ursprünglich besonders viel Wild, b.) möglicherweise grössere Mengen Ziegen im heutigen Gemeindegebiet zu beobachten waren. Damals gehörte Gais zur Abtei St. Gallen, bildete aber ein sogenanntes Sonderamt. Das bedeutete für die Ortschaft einen eigenen Ammann und ein eigenes Gericht und somit eine gewisse kommunale Eigenständigkeit. Eine erste Kirche wurde zwischen 1275 und 1333 erbaut, 1370 wurde sie zur Pfarrkirche erhoben.

Während der Appenzellerkriege (1401–1429) war Gais nach der Vögelinsegg 1403 durch die Schlacht am Stoss 1405 einer der Kriegsschauplätze. Nach den Kriegen wurde Gais im neuen Land Appenzell Teil der Rhode Rinkenbach-Wies. Kurz darauf schlossen sich die Rhode Rotenwies und die Rhode Rietli-Schachen dem neuen Gaiser Gebiet an. Aufgrund der Vermehrung der Kirchgemeinschaft wurde 1460 eine neue Kirche an der Stelle der alten errichtet, und es bildete sich eine Siedlung um den Dorfplatz, die 1467 als ville Gais erwähnt wird.

1518 konnte sich Gais vom Kloster St. Gallen loskaufen und wurde somit zu einer Appenzeller Rhode. Gais war eine Halbrhode: Die eine Hälfte gehörte zu den äusseren Rhoden, die andere zu den inneren Rhoden. Im Jahr 1525 bekannte sich Gais zur Reformation, was zu Spannungen innerhalb der Rhode führte: Während die Äusseren sich der neuen Glaubensrichtung zugewandt hatten, blieben die Inneren beim alten Glauben. Bis zur Landteilung 1597 lagen die beiden Halbrhoden praktisch dauernd im Streit. Ab 1597 zählt die äussere Halbrhode Gais als vollwertige Kirchhöri zu Appenzell Ausserrhoden. Die Gemeinde besass aber weiterhin Anrecht auf gewisse Teile der Alpen (bis 1674) und des Gemeinwerks «Mendle» (bis 1815) in Appenzell Innerrhoden.

Am 18. September 1780 brach in Gais bei heftigem Südostwind ein Feuer aus, das nahezu das ganze Dorf samt der Kirche verwüstete. In der ganzen Eidgenossenschaft wurden Spenden gesammelt. Mit dem Wiederaufbau wurde unverzüglich begonnen. Er folgte dem ursprünglichen Dorfplan, die Häuser wurden aber in einem neuen Stil mit klassizistischen Elementen und Rokoko-Einflüssen erbaut. So entstand ein geschlossenes Ortsbild rund um den Dorfplatz, das für den kurtouristischen Erfolg der Gemeinde eine bedeutende Rolle spielte.

mini|Dorfplatz in einer Ansicht von 1830 mit einem Molkenträger im Vordergrund Zwischen 1749 und 1860 war Gais ein bekannter Molkenkurort. Ihre Anfänge als Kurort nahm die Gemeinde dank eines todkranken – wahrscheinlich tuberkulösen – Zürchers. Er kam 1749 nach Gais und genas überraschend dank einer Molkenkur und der Bergluft. Der erste Kurbetrieb war die Schildwirtschaft «Ochsen» (heute Restaurant «Falken») am Dorfplatz. Der Kurarzt Johann Heinrich Heim (1802–1876) förderte mit seiner medizinischen Theorie von der Heilkraft der Ziegenmolke das Kurwesen massgeblich (vgl.). Die Molke wurde von verschiedenen innerrhodischen Alpen täglich frisch in hölzernen Tansen und Bütten nach Gais geliefert. Der bekannteste Träger war Anton Josef Inauen (1722–1791), der als «Schottensepp» auch zum Motiv zahlreicher Zeichnungen wurde. Ab Mitte der 1780er-Jahre – nach Dorfbrand und Wiederaufbau – kamen immer mehr Gäste zur Kur, unter ihnen auch namhafte Persönlichkeiten. Der Niedergang des Kurorts begann 1860: Noch ohne Bahnverbindungen schaffte Gais den Übergang zum modernen Kurort nicht und wurde vom ausserrhodischen Heiden abgelöst. Die Strassenbahnverbindung nach St. Gallen wurde 1889 eröffnet, nach Appenzell 1904 und nach Altstätten 1911.

1977 wurde Gais für die weitsichtige Planungsarbeit zur Erhaltung und Pflege des schönen Ortsbilds vom Schweizer Heimatschutz mit dem Wakkerpreis ausgezeichnet. Gewürdigt wurde damit das harmonische Zusammenspiel der klassizistischen Bürgerhäuser mit Walmdächern mit den Blockbauten in traditionell-ländlicher Holzgiebelausführung rund um den Dorfplatz. Bereits seit 1908 gibt es eine Ortsbildkommission, die ein Baureglement, einen Fonds zur Erhaltung von Häusern sowie Auflagen für Bauwerke an exponierten Stellen schuf. So wurde das Zentrum geschützt, während Gais gleichzeitig an den Hängen längs der Hauptachse kräftig wuchs. Aufgrund der günstigen Erschliessung durch den öffentlichen Verkehr und der sonnigen Lage hat sich Gais seit 1980 zunehmend zu einer Wohngemeinde entwickelt. Mehrere Neubauquartiere setzten ab 1960 markante Akzente.

Im Unterschied zu den anderen Ausserrhoder Gemeinden hat sich der Begriff «Rhode» als Bezeichnung für die Allmendgenossenschaften der alten Gemeinwerke auf Gaiser Boden erhalten. Sie blieben als selbständige Korporationen (Rhode Hackbühl, Rhode Rietli-Schachen und Rhode Rotenwies) bis heute bestehen und mehrten besonders im 19. Jahrhundert ihren Grundbesitz. Es handelt sich dabei vor allem um Forst- und Landwirtschaftsgebiete.

Bevölkerung

Politik Stefan Kern ist der aktuelle Gemeindepräsident (Stand Juli 2026). Gais verfügt über einen siebenköpfigen Gemeinderat, der unter der Leitung des Gemeindepräsidenten steht. Der Rat wird für eine vierjährige Amtszeit von den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern im Majorzverfahren bestimmt. Der Gemeinderat ist ein politisches Organ der Exekutive und kümmert sich im Rahmen seiner Kompetenzen um die laufenden Geschäfte der Gemeinde. Es gibt auf Gemeindeebene keine begrenzte Anzahl Amtszeiten. Die aktuelle Zusammensetzung des Gemeinderats ist auf der Webseite der Gemeinde ersichtlich.Gemeinderat Gais

Aufgrund der Einwohnerzahl hat Gais im Kantonsrat in Herisau, der Legislative des Kantons, vier Sitze. Die Personen werden im Majorzverfahren von den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern für eine Amtszeit von vier Jahren gewählt. Die Kantonsrätinnen und Kantonsräte vertreten die Interessen der Gemeinde auf kantonaler Ebene. Die aktuellen Vertretungen aller Gemeinden sind auf der Webseite des Kantonsrats verzeichnet.Mitglieder des Kantonsrates

Wirtschaft und Infrastruktur Traditionell spielten Milch- und Viehwirtschaft eine bedeutende Rolle in der Gemeinde. Hinzu kamen ab dem 16. Jahrhundert Solddienst und Textilgewerbe. Ab Beginn des 17. Jahrhunderts war die Leinwandweberei ein wichtiger Erwerbszweig für die Bevölkerung. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts verlagerte sich die Produktion vermehrt zur Baumwolle. Gais profitierte zwar wirtschaftlich weniger vom Textilgewerbe als seine Nachbargemeinden; trotzdem trug die Branche massgebend zum Wohlstand der Gemeinde bei. Am Rotbach im Strahlholz standen seit dem 17. Jahrhundert mehrere Mühlen und Bäckereien, im 19. Jahrhundert siedelten sich dort zunehmend Textilfabriken an (Spinnerei, Druckerei und Appretur; Bleicherei, Färberei und Appretur; verschiedene Stickfabriken und Textilhandelshäuser; sechs Zwirnereien). Mit dem Ersten Weltkrieg begann der Niedergang des Gewerbes, insbesondere der Heimindustrie. 1990 wurde das Gelände von der neugegründeten GZS Gewerbezentrum Strahlholz AG erworben. Seither haben sich dort unterschiedliche Gewerbe angesiedelt, es gibt Ateliers für Kunstschaffende und günstige Wohnräume.

Nachdem Gais zwischen 1749 und 1860 als Molkenkurort berühmt war, gestaltete sich die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts im Bereich des Tourismus als schwierig. Ab etwa 1880 erlebte der Tourismus dank Ferienkolonien und neu eröffneter Pensionen einen Aufschwung. Gais wurde zu einer beliebten Wandergegend. Nach 1905 verloren die Unterkünfte ihre Attraktivität, und der Tourismus ging stark zurück.

In den Nachkriegsjahrzehnten war die Ansiedlung von Mittel- und Grossbetrieben in Gais eine Herausforderung, da die Gemeinde im Ruf einer Schlafgemeinde und einer vorsichtigen Wirtschaftspolitik stand. Dies wiederum führte zu einer höheren Lebensqualität im Dorf. Heute sind über 130 verschiedene Gewerbe in Gais eingetragen. Darunter sind Unternehmen wie die Klinik Gais AG und holzverarbeitende Unternehmen.

2018 eröffnete das Rechenzentrum Ostschweiz im Industriegebiet von Gais. Es handelt sich dabei um Datenspeicher mit hohem Sicherheitsniveau. Das Rechenzentrum ist gleichzeitig ein Kraftwerk: Der kubische Baukörper ist an den Fassaden und auf dem Dach mit Fotovoltaikelementen ausgestattet, und die Abwärme von der Kühlung der Datenspeicher wird in ein Wärmenetz eingespeist.

Medien «s Gääser Blättli» ist das «Anzeige-Blatt für die Gemeinden Gais, Bühler und deren Umgebung», erscheint seit 1901 und ist das amtliche Publikationsorgan. Es löste den sogenannten Kirchenruf, also das Verlesen von Mitteilungen nach der Predigt, ab. Es begann als Wochenblatt mit 600 Abonnenten, ab 1910 erschien es zweimal wöchentlich. Hergestellt wurde das Anzeige-Blatt ursprünglich von der Druckerei Kern in Gais, seit 2004 wird es von der Druckerei Appenzeller Volksfreund publiziert. 2023 betrug die Auflage gut 1000 Exemplare.

Bildung mini|Das Töchterinstitut des Herrn Krüsi Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde nicht in öffentlichen Schulhäusern, sondern in Schulstuben unterrichtet. Diese waren oft in den Wohnungen der Lehrer eingerichtet. Die Lehrer brauchten bis 1801 keine pädagogische Ausbildung. Der wöchentliche Schullohn wurde von den Eltern der Schüler bezahlt und durfte nicht über drei Batzen betragen. Ab 1650 wurde angeordnet, dass die Schule auch während des Sommers stattfinden solle. 1777 wurde in Gais eine Freischule eingerichtet. Durch diese Schule war es auch ärmeren Kindern möglich, Bildung zu erhalten. Die obligatorische Schulzeit betrug zu Beginn sieben Jahre. 1910 wurde ein achtes Schuljahr Pflicht.

Eine wichtige Episode der Bildungsgeschichte von Gais war der Betrieb der Vor- und Fortbildungsanstalt für Lehrer auf der Riesern. Gegründet wurde sie 1833 vom Pädagogen Hermann Krüsi, einem Bürger von Gais und ehemaligen engen Mitarbeiter von Johann Heinrich Pestalozzi. Dieses erste und einzige Lehrerseminar in Appenzell Ausserrhoden, zusammen mit einer privaten Knabenanstalt und einem Institut für Mädchen am selben Ort, leitete Krüsi bis zu seinem Tod 1844.

Heute gibt es in Gais Kindergärten, eine Primarschule und eine Sekundarschule. Seit 2013 sind die Oberstufen von Gais und Bühler zusammengelegt. Dabei gehen die Jugendlichen während der ersten beiden Jahre der Oberstufe in Gais zur Schule, im letzten obligatorischen Schuljahr (neunte Klasse) besuchen sie die Oberstufe in Bühler. Die einzige weiterführende Schule des Kantons Appenzell Ausserrhoden (Sekundarstufe II) ist die Kantonsschule Trogen.

Öffentliche Einrichtungen