miniatur|Von Carl Krayl entworfenes Eckhaus Die Siedlung Fermersleben ist eine Wohnsiedlung im Bereich des Magdeburger Stadtteils Fermersleben.

Lage Die Wohnsiedlung erstreckt sich auf einer Fläche von etwa 15 Hektar zwischen der Friedrich-List-Straße im Süden, einem Rangierbahnhof im Zuge der Bahnstrecke Magdeburg–Leipzig im Westen, der Straße Am Fort im Norden und der Straße Alt Fermersleben im Osten. Sie umfasst circa 1250 Wohnungen.

Geschichte Erste genossenschaftliche Bauten außerhalb der Siedlung Eine erste baugenossenschaftliche Anlage entstand in Fermersleben ab 1913 mit 80 Wohnungen und wurde von der am 19. Mai 1913 gegründeten, 22 Gründungsmitglieder umfassenden Baugenossenschaft für Kleinwohnungen Fermersleben ausgeführt.Genossenschaft als Bauherr – Chancen für die Zukunft, Landeshauptstadt Magdeburg 1999, Seite 42 Zunächst wurden Häuser in der Faberstraße, außerhalb des Bereichs der heutigen Siedlung errichtet. Dieser vormals ländlich geprägte Bereich war ab 1902 von privaten Bauherren bebaut worden, wobei auch Hinterhäuser entstanden. Als erstes und ältestes Gebäude entstand das 1903 fertiggestellte, noch heute erhaltene Haus Landwüststraße 1. Auf dem Grundstück Landwüststraße 3 errichtete Richard Faber, der in diesem Bereich über umfangreichen Grundbesitz verfügte, seine Villa, die jedoch nicht erhalten ist. Als erster Bau der Baugenossenschaft wurde 1914 das Haus Faberstraße 14 übergeben. Das Gebäude Alt Fermersleben 90/91 entstand 1927. Im Erdgeschoss entstanden Ladenräume. Auf dem Hof wurde 1928 eine Badeanstalt, bestehend aus sechs Badewannen gebaut. Nötig war dies, da viele der umgebenden Häuser nicht über eigene Baderäume verfügten. Auch die nach 1933 errichteten genossenschaftlichen Häuser verfügten nicht über ein Bad. An die spätere Nutzung als medizinisches Bad erinnert noch heute der Schriftzug Kur Bad. Als letztes genossenschaftliches Gebäude in diesem östlich der Hauptstraße gelegenen Bereich wurde 1929 das im Stil des Neuen Bauens errichtete Haus Faberstraße 10 gebaut.

Planung miniatur|Siedlung Fermersleben; Eckgebäude Alt Fermersleben/Felgeleber Straße von 1934 im Jahr 2010 Die eigentliche Siedlung entstand dann jedoch im Wesentlichen in den Jahren von 1920 bis 1938 nördlich der Ortslage des 1910 nach Magdeburg eingemeindeten Dorfes Fermersleben, westlich der Hauptstraße Alt Fermersleben und ist heute in Teilen denkmalgeschützt. Zum denkmalgeschützten Teil der Siedlung gehören die von den Architekten Carl Krayl und F. W. Ferdinand Müller entworfenen Gebäude Alt Fermersleben Nr. 11, 12, 12a-b und Felgeleber Straße Nr. 1–6, 8, 10, 12 und 14. Weitere Gebäude entstanden nach Plänen des Architekten Paul Wahlmann. Die Siedlung blieb baugenossenschaftlich geführt. Die Errichtung der Siedlung war Teil der Magdeburger Stadterweiterung der 1920er Jahre, die auf die städtebaulichen Planungen Bruno Tauts zurückgeht. Das Bauland südlich des ehemaligen Geländes des Fort I erwarb die Stadt Magdeburg von der Zincke’schen Hauptstiftung und vergab es im Rahmen von Erbpacht zu subventionierten Konditionen zur Bebauung. Nach dem Begründer der 1850 errichteten Stiftung Johann Georg Peter Zincke wurde eine Straße im Gebiet der Siedlung benannt. Ein Teil der errichteten Wohnungen wurden als Kontingente an die Post und die Deutsche Reichsbahn abgegeben, die einen Teil der Finanzierung übernommen hatten.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und den folgenden wirtschaftlich schwierigen Jahren gelang es der Genossenschaft zunächst nicht weitere Bauvorhaben umzusetzen. Erst 1920 wurde die Bautätigkeit, diesmal mit Schwerpunkt in der heutigen Siedlung westlich der Hauptstraße, wieder aufgenommen. Es entstanden parallel zur Hauptstraße in Nord/südlicher-Richtung verlaufende mehrgeschossige Wohngebäude, die größere begrünte Innenhöfe umschließen. Abweichend hiervon ist die Anordnung der ungefähr in Ost-West-Ausrichtung gebauten Gebäude der Zincke- und Felgeleber Straße. Hintergrund hierfür war, dass damit eine ursprünglich hier geplante Strecke einer Industriebahn abgeschirmt werden sollte. Die geplante Industriebahn sollte dem Anschluss der an der Elbe gelegenen Buckauer Industriegebiete an die Eisenbahnstrecken dienen und unter der Straße Alt Fermersleben hindurchgeführt werden. Sie war für den Fall gedacht, dass die über den Elbebahnhof an der Elbe entlanggeführte Strecke aufgegeben wird. Tatsächlich wurde viel später diese Strecke eingestellt. Die geplante Bahntrasse wurde jedoch nicht verwirklicht.

Die Baugenossenschaft trat 1920 dem Bauverein Verein für Kleinwohnungswesen bei, dem acht weitere ähnliche Genossenschaften Magdeburgs angehörten. Über den Verein wurde die gemeinsame Beschaffung von Materialien und Leistungen koordiniert.

Nördlicher Bauabschnitt mini|Blick auf den nördlichen Bauabschnitt, 1928 Die Siedlung entstand in zwei großen Bauabschnitten. Der Teil nördlich der Felgeleber Straße wurde in den 1920er Jahren gebaut und war 1931/32 dann abgeschlossen, der Abschnitt südlich der Straße entstand erst ab 1933. Im Zeitraum 1920 bis 1924 entstanden 75 Wohnungen, von 1926 bis 1931 515 Wohnungen. Bedingt durch die Wirtschaftskrise nahm ab 1930 der Neubau stark ab. 1932 wurde nicht mehr gebaut. Der Bebauungsplan für das Gebiet wurde erst am 6. Oktober 1930 festgestellt, zu diesem Zeitpunkt waren große Teile der Siedlung, allerdings jeweils in enger Abstimmung mit dem Stadterweiterungsamt, bereits fertiggestellt. Ab 1933 nahm der Wohnungsbau in der Siedlung wieder zu. Zwischen 1933 und 1938 entstanden weitere 653 Wohnungen. Ab 1940 bestand ein Neubauverbot. miniatur|Einmündung der Zinckestraße auf die Straße Alt Fermersleben, nördlich die ältesten Bauten der Siedlung Erste Bauten der Siedlung waren die 1920 errichteten dreigeschossigen Häuser Alt Fermersleben 6–8. Ihre Fassadengestaltung weicht deutlich von den später erbauten Häusern ab und zeigt noch, wenn auch schon vereinfacht, typische Ornamentik aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Die Bauten des nachfolgenden Bauabschnitts, Alt Fermersleben 3–5, entstanden 1921. Zunächst war beabsichtigt die Gestaltung gleich den vorhergehenden Bauten auszuführen. Nach einer Änderung des Entwurfs ergab sich dann jedoch eine klare Fassadengestaltung durch Einfügung horizontaler Putzbänder und zum Hof hin aufgebrachter farbiger Flächen und Kanten. Die Häuser enthalten überwiegend Zweizimmer-Wohnungen. Ein Anschluss an die Brauchwasser-Kanalisation bestand zunächst nicht. Der entsprechende Kanal wurde erst 1927 gebaut. Es folgten 1922 die von Paul Wahlmann entworfenen, die Gestaltung der Nr. 3 bis 5 weiter führenden Häuser 9 und 9a. Ab 1922 erfolgte der Ausbau der Straßenbahnlinie von Buckau nach Fermersleben, womit die Siedlung an das Straßenbahnnetz der Stadt angeschlossen wurde. 1926 wurden die Gebäude Alt Fermersleben 10–10a fertiggestellt. miniatur|links|Kopfbauten in der Straße Am Fort Auch die die Siedlung nach Norden begrenzende Straße Am Fort wurde ab 1921 bebaut. Abgesehen vom zuerst errichteten Gebäude Nr. 1 entstanden alle Häuser dieser Straße nach Entwürfen von Paul Wahlmann im Stil des Funktionalismus. Die Fassade des früh entworfenen Haus-Nr. 3 wurde mit besonders vielen Gestaltungselementen versehen. Die Häuser Nr. 5 und 7–11 stellten 1929/30 den Abschluss der Bauarbeiten in der Straße dar. Entgegen der geltenden Bauordnung wurden sie, versehen mit einer besonderen Genehmigung, vier- statt dreigeschossig gebaut. Hintergrund hierzu war, dass die Häuser als Kopfbauten die Siedlung zur nördlich gelegenen Fläche des ehemaligen Fort I hin abgrenzten.

Die beiden Häuserzeilen der Straße Am Klosterfeld entstanden 1927 und wurden von Carl Krayl entworfen. Die Gebäude der hierzu parallel verlaufenden Mühlinger Straße und Eickendorfer Straße wurden 1930 bzw. 1929 begonnen und von Paul Wahlmann geplant. Die Zinckestraße als südliche Begrenzung des nördlichen Teils der Siedlung wurde in ihrer entsprechend der beabsichtigten Bahntrasse gebogenen Form ab 1926/27 bebaut. Die Planungen gingen auf Paul Wahlmann zurück, der jedoch für die ab 1933 noch gebauten Häuser nicht mehr verantwortlich zeichnete.

miniatur|Zu Garagen umgebaute ehemalige Behelfswohnungen Südlich der geplanten Bahntrasse verläuft die Felgeleber Straße, die ursprünglich eine Zuwegung von der Hauptstraße zu einem weiter westlich gelegenen städtischen Steinlagerplatz darstellte und zunächst als Weg am Steinlagerplatz bezeichnet wurde. Die Bebauung der Felgeleber Straße begann 1928 mit dem heute denkmalgeschützten, von Carl Krayl entworfenen Eckhaus Alt Fermersleben 11. Die übrige Nordseite der Straße wurde, entgegen ursprünglichen Plänen, nicht mehr bebaut. Ursächlich hierfür waren in diesem Bereich nach dem Ersten Weltkrieg für kinderreiche Familien errichteten Behelfswohnungen, die nicht abgerissen, sondern bis zum Ende der 1950er Jahre weiter als Wohnungen genutzt wurden. Diese Bauten waren, neben der Villa Fiering, zunächst die einzige Bebauung des gesamten Areals. Der von der übrigen Bebauung Fermerslebens damals deutlich abgesonderte Bereich, wurde von den Fermerslebern Kolonie genannt. Die Behelfswohnungen und ihre Bewohner waren in der Meinung der übrigen Bevölkerung nicht sonderlich gut gelitten.Schmidt-Kraft, Siedlung Fermersleben, Seite 110 In der Zeit des Nationalsozialismus waren hier Fremd- und Zwangsarbeiter untergebracht, die bei der Deutschen Reichsbahn arbeiteten.Peter-Ernst Schmidt, Fremd-, Zwangs-, KZ-, Kriegsgefangenen- und Arbeitserziehungslager während der NS-Zeit in Magdeburg., März 2007 Es erfolgte später ein Umbau zu Garagen. Obwohl nur für eine Nutzungsdauer von 30 Jahren geplant, sind sie noch heute (Stand 2010) teilweise als Garagen erhalten und stellen damit auch einige der wenigen Gebäude Magdeburgs dar, die als ehemalige Zwangsarbeiterunterkünfte erhalten geblieben sind.

Für Gesprächsstoff sorgte ein vermeintlicher Raubüberfall, der sich am 26. März 1921 gegen 21.00 Uhr auf einem Acker nördlich der Notwohnungen ereignet haben sollte. Es stellte sich jedoch heraus, dass der von einem Eisenbahnbeamten gefesselt und geknebelt vorgefundene Arbeiter den Überfall nur fingiert hatte, um seinem Vater den Verbleib des Wochenlohns von 60 Mark, den er anderweitig ausgegeben hatte, zu erklären.Fingierter Raubüberfall. In: Volksstimme. 3. April 1921.

Südlicher Bauabschnitt miniatur|links|Eckhaus Felgeleber Straße / Ecke Eggersdorfer Straße Die weiter südlich gelegenen Bereiche der Siedlung konnten, bedingt durch die schlechte wirtschaftliche Gesamtlage, zunächst nicht bebaut werden. Die Bebauung wurde dann erst ab 1933 weitergeführt. 1934 entstand die südliche Eckbebauung Felgeleber Straße/Ecke Alt Fermersleben. Als markantes den Bereich betonendes Gebäude entstand hierbei auch das etwas zurückgesetzte hohe Eckgebäude zur Eggersdorfer Straße.

1935 erwarb die Baugenossenschaft an der Friedrich-List-Straße, im Süden der heutigen Siedlung, von der Fermersleber Kirchengemeinde weitere Flächen. Dem Gebiet wurde der Fiering’sche Park angegliedert. Dieser zur Villa Fiering gehörende Park war ursprünglich in den Bebauungsplänen nicht zur Bebauung vorgesehen, wohl weil das Gelände sich im Privatbesitz befand. Villa und Park gehörten dem Speditionskaufmann Fiering. Später erwarb die Genossenschaft jedoch die Villa und baute sie bis 1937 zu Kleinwohnungen um. miniatur|Villa Fiering, 2010 miniatur|Zugänge zum Gedeckten Gang im Jahr 2010