mini|Engstellen sind charakteristisch für Erdställe. Um in den nächsten Abschnitt zu gelangen, muss man sich durch diese „Schlupfe“ zwängen.
Als Erdstall wird insbesondere im nordöstlichen Alpenvorland ein im Mittelalter von Menschenhand geschaffenes unterirdisches, nicht ausgebautes Gangsystem bezeichnet. Der Begriff „Erdstall“ bedeutet „Stätte unter der Erde“ oder „Erd-Stollen“ und hat nichts mit einem Viehstall zur separaten Unterbringung der Haustiere zu tun. mini|Grundriss eines Erdstalls im oberösterreichischen Bad Zell mini|Erdstall Ratgöbluckn bei Perg, Österreich
Benennung Der Volksmund nennt die Anlagen „unterirdische Gänge“ oder einfach „Geheimgänge“. Vor allem in Bayern ist die Bezeichnung „Schratzlloch“ verbreitet, da sie dem Volksglauben nach von Zwergen (Schrat, Schratzl, Schrazel, Schranzen) gegraben wurden. Daneben kommen oft Bezeichnungen wie „Zwerg-“ oder „Quergloch“, in Oberösterreich „Grufen“, sowie mannigfache lokale Begriffe vor.Lambert Karner: Künstliche Höhlen aus alter Zeit. Lechner, Wien 1903, S. 8, 221. Karl Schwarzfischer: Zur Frage der Schrazellöcher oder Erdställe. Schriftliche Zeugnisse, Mythologie, kulturkundlicher Vergleich, Aussage v. Ortsnamen. Knauf, Weiden 1968, S. 27. Seit dem 19. Jahrhundert wurde der in Niederösterreich gebräuchliche Begriff „Erdstall“ in der Fachliteratur vorherrschend.R. Keller: Versteckt im Slauflueg. Eine mittelalterliche Quelle zur Erdstallfrage. In: Der Erdstall. Band 44, 2018, S. 22–45, hier S. 28 f. Vgl. auch Ngram Viewer. In: Google Books
Beschreibung In einem Erdstall der Hauptrichtung folgend, liegt in der Regel am Ende die Schlusskammer. Die Gänge sind meist winkelig angeordnet, bis zu 60 cm breit und 1,0 bis 1,4 m hoch. In vielen Erdställen gibt es Lampen- und Sitznischen. Engstellen, die nur kriechend passiert werden können, werden als „Schlupf“ bezeichnet.Herbert Wimmer: Die Regional-Typisierung der Erdställe. In: Der Erdstall. Nr. 26. Roding 2000, , S. 54–56.Josef Weichenberger: Signifikante Kennzeichen der Erdställe. In: Der Erdstall. Nr. 30. Roding 2004, , S. 89–90.
Erscheinungsformen Zur neuzeitlichen Systematisierung wurde von Erdstallforschern eine grobe Kategorisierung der am häufigsten vorkommenden Bauformen vorgenommen:
Typ A besitzt einen längeren Hauptgang mit Schlupfen und Seitengängen. Typ B erstreckt sich über mehrere Etagen, die durch vertikale Schlupfe miteinander verbunden sind. Auch ein mit einer Trockenmauer verschlossener Bauhilfsschacht ist anzutreffen. Am Ende des Ganges gibt es Sitznischen oder eine Raumerweiterung mit einer Sitzbank. Typ C besitzt meist horizontale Schlupfe und am Ende oder mittendrin einen Rundgang, in dessen Bereich der Gang eine aufrechte Begehung zulässt. Typ D weist durch Gänge miteinander verbundene Kammern auf. Die Engstellen dazwischen sind überwiegend horizontal angelegt.
Verbreitung im deutschsprachigen Raum mini|Waagerechter Schlupf Erdställe gibt es in Bayern (über 700), Oberösterreich, Niederösterreich und vereinzelt in Mitteldeutschland, der Steiermark und im Burgenland. Ähnliche Anlagen kennt man in Baden-Württemberg, Frankreich (Souterrain-refuge), Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn. Die geographische Verbreitung der Erdställe hängt u. a. mit geologischen Bedingungen zusammen. Der Boden muss ausreichend fest und doch gut bearbeitbar sein. Entsprechende Bedingungen bietet etwa der Lehm, Löss, Sandstein, Schlier, Tuff oder Flins (verwitterter Granit). In massivem Fels oder losem Schotter kommen Erdställe nicht vor.
Unterirdische Objekte in vergleichbarer Bauweise, aber teilweise anderer Funktion und Zeitstellung finden sich in Großbritannien (besonders Cornwall und Schottland), wo sie als Souterrain, Weem, Fogou oder Earthhouse bezeichnet werden, sowie in Irland, Spanien und Frankreich.http://chateaudebazert.free.fr/patrimoine/souterrain.htm
Es gibt auch Sagen von unterirdischen Gängen, die einen Ort A mit einem mehrere Kilometer entfernten Ort B verbinden sollen. Erdställe dieser Länge gibt es jedoch nicht. Existierende Gangsysteme sind selten länger als 50 Meter. Wahrer Kern hinter derartigen Sagen ist aber oft, dass an beiden Orten ein Erdstall existiert.
Mähren Božice: Erdstall am Tančící kopec (Tanzberg). Erdstall von Přeskače Zlabings: Erdställe unter mehreren Hausstellen der Wüstung Pfaffenschlag, in den 1970er Jahren archäologisch untersuchtVladimir Nekuda: Erdställe in den mittelalterlichen Wüstungen Mährens. In: Der Erdstall. Roding 18.1992, , S. 25–42.
Niederösterreich Althöflein (Katastralgemeinde von Großkrut): Erdstallanlagen im Kapellenberg samt Erdstallmuseum. Dürnkrut: Bei Kellersanierungsarbeiten entdeckter Erdstall. Gaweinstal: Bei einer Kellergrabung zufällig gefundener Erdstall. Herrnbaumgarten: Mehrere Häuser besitzen einen Erdstall. Nonndorf (Stadt Raabs an der Thaya): Gut erhaltener Erdstall mit zwei Rundgängen (einer verstürzt) unter einem Bauernhof. Kleinzwettl: Erdstall mit Rundgang unter einer Wehrkirche. Röschitz: Ort mit den meisten Erdställen. Ruppersthal: Erdställe auf mehreren Grundstücken des Ortes. Schwedenhöhlen: Mehrere Erdställe im Rohrwald. Stillfried: Einer von ursprünglich mindestens drei Erdställen ist noch begehbar. Thaya: In einem Herrenhaus der Wüstung HardFritz Felgenhauer: Ausgrabungen im Bereich der mittelalterlichen Dorfwüstung „Hard“ bei Thaya/Niederösterreich (Stand 1984). In: Beiträge zur Mittelalterarchäologie in Österreich. Wien 1.1985, , S. 15–28.
Oberösterreich Erdstall Unterstetten in TolletErdstallzentrum Tollet Unterstetten Erdstall Ratgöbluckn in Perg Erdstall unter dem Denkmalhof „Mittermayr“ im Freilichtmuseum Pelmberg, Gemeinde HellmonsödtVerbund Oberösterreichischer Museen – Freilichtmuseum Pelmberg Denkmalhof „Mittermayr“ Erdstall Flehlucka in der Gemeinde Wartberg ob der Aist Erdstall unter dem Gasthaus zum Feuchten Eck in der Gemeinde Bad Zell Erdstall unter dem Gasthof Wösner in der Gemeinde Münzkirchen Erdstall unter dem Bauernhaus Kleinmollsberg Nr. 2 in der Gemeinde Neustift im MühlkreisJosef Weichenberger: Zwei neu aufgedeckte Erdställe in Oberösterreich. In: Oberösterreichische Heimatblätter. Linz 1990, Heft 4, S. 289–297 (). Erdstall am Schlosserhügel in Rohrbach
Steiermark Mehrere Erdställe in der Osthälfte der Steiermark, z. B. Region Vorau, z. B. in Puchegg
Bayern Erdstall Doblberg bei Glonn (Oberbayern, Landkreis Ebersberg) Mitterschneidhart: Erdstall mit sich überkreuzenden Gängen unter einem Hof neben der Kirche, verfüllt im 15. JahrhundertMichael M. Rind, Brigitte Kaulich: Mitterschneidhart. In: Michael M. Rind (Hrsg.): Scherben, Schädel, Schratzellöcher. (1991–1993). Regensburg 1994, ISBN 3-927529-04-4, S. 113–121. Schloss Egg: Unter dem Palas, mit Zugang vom Hauptkeller, befindet sich ein Erdstall, der in sich geschlossen ist. Seine Erbauer, sein Alter und Verwendungszweck geben bis heute Rätsel auf. Teunz: Erdstall Höcherlmühle, 2002 auf freiem Feld entdecktThomas Beilner, Harald Schaller, Peter Forster: Der Erdstall Höcherlmühle, Gemeinde Teunz, Landkreis Schwandorf. In: Beiträge zur Archäologie der Oberpfalz. Büchenbach 6.2004, , S. 303–318. Viechtach: Im Stadtgebiet sind neun Erdställe, in der näheren Umgebung noch sechs andere bekannt.Franz Lindenmayr: Mensch und Höhle. Erdställe in Viechtach, Bayern. Abgerufen am 22. November 2020. Grasfilzing, Gemeinde Arnschwang (Oberpfalz, Landkreis Cham): zweiteiliger Erdstall.Birgit Symader: Erdstall Grasfilzing, Gde. Arnschwang, Lkr. Cham archäologische Freilegung und Dokumentation. In: Der Erdstall. Nr. 43, Neukirchen-Balbini 2018, , S. 16–33. Der erste Teil mit 15 Metern Länge wurde 2008 verschlossen. Der zweite Teil mit 5 Metern Länge wurde erst 2013 entdeckt. Hundsruck, Gemeinde Saldenburg (Niederbayern, Landkreis Freyung-Grafenau): Gasthaus Klessinger: 26 Meter langer Erdstall, mit Zugang über den Kartoffelkeller des Gasthauses Garage Klessinger: 11 Meter langer Erdstall, wurde 2011 bei Umbauarbeiten entdeckt Grafenwiesen, Gemeinde (Oberpfalz, Landkreis Cham): nach einem Brandereignis an einem Waldlerhaus wurde beim Graben eines neuen Hausanschlusses vor diesem Haus ein Erdstall entdeckt
Baden-Württemberg Erdstall von Rot am See Ringingen: Erdstall unter dem Brauhaus der AdlerbrauereiPeter Paulsen: Der sogenannte „Erdstall“ in Ringingen, Kr. Ehingen. In: Fundberichte aus Schwaben. N.F. Stuttgart 17.1965, , S. 144–152.
Datierung Die eindeutige Datierung der einzelnen Erdställe ist vielfach problematisch, da bisher nur wenige systematische facharchäologische Untersuchungen durchgeführt wurden. Häufig werden sie als fundleer klassifiziert. Zudem wurde bei in der Vergangenheit geborgenen Funden der archäologische Kontext oft nicht beachtet. Sie sind daher lediglich ein Beleg für die Anwesenheit von Menschen im Laufe der verschiedenen Jahrhunderte, haben aber ihren Informationsgehalt für eine Datierung oder gar Zweckbestimmung der Erdställe größtenteils eingebüßt.
Karl Schwarzfischer legte 1980 eine umfangreiche Auswertung der Kleinfunde in den Erdställen vor.Karl Schwarzfischer: Hinweise aus Kleinfunden in Erdställen. In: Der Erdstall 6, 1980, 57–94. Auch für Oberösterreich existiert von 1991 ein Verzeichnis der Funde in den Erdställen.Josef Weichenberger: Keramikfunde in Erdställen. Katalog des OÖ Landesmuseums N.F. 38, Linz 1991, S. 5–10. Für Bayern wurden Keramikfunde aus mehreren Erdställen von Werner Endres (1937–2015) vorgelegt und 2004 eine detailliertere Bearbeitung der Funde aus dem Erdstall Höcherlmühle (Gde. Teunz, Lkr. Schwandorf) von Verena Kaufmann publiziert. Die von Josef Weichenberger erstellte chronologische Entwicklung für die Erdställe gibt insgesamt ein schlüssiges Bild wieder: Danach kamen die Erdställe um 1100 auf und hatten im 12. und 13. Jahrhundert ihre „Hochblüte“. Ab dem 13. Jahrhundert wurden in Bayern Erdställe wieder verfüllt, eine deutliche Häufung der Erdstall-Verfüllungen zeigt sich im 15. und 16. Jahrhundert. Ab ca. 1500 wurden keine Anlagen mehr gebaut. Funde belegen, dass sich von ungefähr 1100 bis ca. 1945/50 immer wieder Menschen in den Erdställen aufhielten.Josef Weichenberger: Das Alter der Erdställe. In: Der Erdstall 39, 2013, 56–58.
14C-Analysen von Probenmaterial aus Erdställen, insbesondere aus gesicherten archäologischen Kontexten, liegen bisher nur vereinzelt vor:mini|An den Gangenden von Erdställen finden sich oft Nischen und Bänke. ErdstallMaterialDatierungdatierende FundeHöcherlmühle (Gde. Teunz, Lkr. Schwandorf)Holzkohle, unterste Schicht Bauhilfsschachtzwischen 991 und 1163 bzw. 954 und 1071 -Trebersdorf (Gde. Traitsching, Lkr. Cham) -zwischen 950 und 1050 -Doblberg (Gde. Glonn, Lkr. Ebersberg)Holzabdeckung aus einer Nische in einem Vertikalschlupfzwischen 1020 und 1160 -Aying (Lkr. München)Holzkohle aus Laufhorizont und Ruß aus LichtnischeMitte des 11. bis in das 13. Jahrhundert -Niederpretz (Markt Hutthurm, Lkr. Passau) -zwischen 1051 und 1088 bzw. 1045 und 1213 -Grasfilzing (Gde. Arnschwang, Lkr. Cham)zersetztes nicht identifizierbares organisches Materialzwischen 1297 und 1388 bzw. 1289 und 1394Keramik 12. bis 14. Jahrhundert
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