Friedrich Sunder (* 1254; † 14. April 1328 in Engelthal) war ein Klosterkaplan im Dominikanerinnenkloster Engelthal bei Nürnberg, der im Ruf besonderer Gnadenerfahrungen stand. Er verfasste darüber Aufzeichnungen, die in Form einer Gnadenvita überliefert sind; sie sind ein wichtiges Dokument mystischer Literatur.

Leben Über das Leben Friedrich Sunders ist nur wenig bekannt.Im Folgenden nach Ringler 1980 (s. u.: Quellen), S. 364–368. Er dürfte einer Sippe entstammen, die in den Dörfern um Engelthal ansässig war.Siehe Belege bei Ringler 1980 (s. u.: Quellen), S. 156. Nach einer weltlich verbrachten Jugendzeit war er seit 1287 Geistlicher, anscheinend sofort im Dominikanerinnenkloster Engelthal, das damals institutionell, personell, ökonomisch und geistig seine Blütezeit erlebte. Hier wirkte er innerhalb und außerhalb des Klosters über 40 Jahre bis zu seinem Tod.

In zahlreichen Klosterurkunden testiert er bei der Regelung weltlicher Geschäfte. Sein Mitwirken am inneren und äußeren Ausbau des Klosters ist noch heute manifest in einer St. Willibald (ehemals auch St. Andreas) geweihten Kapelle, deren Bau er veranlasst hatte.Siehe Engelthal und Kloster Engelthal: Abbildung der ehemaligen St.-Willibald-Kapelle

Persönlichkeit Friedrich Sunder war, soweit erkennbar, von einer zwar umgänglichen, aber anscheinend doch eher zurückhaltenden Art. Auffallende Handlungen werden von ihm nicht berichtet; er beeindruckte offensichtlich vor allem durch menschenfreundliches Verhalten und seine überzeugende Lebensführung.Siehe Textstellen in Gnaden-Leben (s. u.: Quellen), S. 397, Z. 236 und S. 391f., bes. Z. 29-32; 36-38; 51f. Ausgeprägt waren sein Gerechtigkeitssinn und seine tiefe Frömmigkeit. So war er bald ein beliebter und erfolgreicher Seelsorger und wurde als Beichtvater von weither aufgesucht; er galt als eine begnadete Persönlichkeit.Siehe Belege bei Ringler 1980 (s. u.: Quellen), S. 156f.; 365f. sowie Gnaden-Leben Z. 51, ebd. S. 392 Christine Ebner sah in ihm vor allem den großen Minner Gottes, schätzte aber auch seinen Rat in Fragen der Theologie und der Glaubenspraxis.Siehe Belege bei Ringler 1980 (s. u.: Quellen), S. 448f. sowie Gnaden-Leben Z. 1851-1853, ebd. S. 442. Eine enge Seelenfreundschaft verband Sunder mit einer Begine Gerdrut, die später als Nonne ins Kloster Engelthal eintrat; bei ihr fand er die Möglichkeit zu geistigem Austausch.Siehe Belege bei Ringler 1980 (s. u.: Quellen), S. 332.

Werk Über mehr als zwanzig Jahre wurden Sunder nach seinen eigenen Angaben besondere Gnadenerfahrungen zuteil, vor allem während der Feier der Messe. Auf Drängen seines Beichtvaters, des Dominikaners Konrad von Füssen, schrieb er diese seit 1317 nieder. Dabei kommen eine Vielzahl von Aspekten des persönlichen Frömmigkeitslebens, der kirchlichen Glaubenslehre und der Gotteserfahrung zur Sprache, von Fragen der Askese und der Heiligenverehrung über das Verständnis von Eucharistie und Messfeier sowie die Betrachtung des Passionsgeschehens bis hin zu Aussagen über mystische Geschehnisse wie Unio, Gottesgeburt und Vergottung des Menschen (im Sinne des lat. Terminus „deificatio“). Kurz nach Sunders Tod wurden seine Niederschriften redaktionell überarbeitet und zu einer Gnadenvita ausgestaltet. Dabei wird in einer oftmals hochstilisierten Darstellung versucht, das eigentlich unsagbare Gnadengeschehen zwischen Gott und dem Menschen mit Hilfe legendarischer Erzählformen und mystischer Begrifflichkeit sprachlich zu vermitteln. Insgesamt erweist sich das Werk geradezu als Modell eines „Gnaden-Lebens“, in dem mystische Lehre als ein „Leben“ zur Darstellung gebracht wird.Siehe Ringler 1980 (s. u.: Quellen), S. 353; 355f.

Kennzeichnend für das WerkIm Folgenden nach Ringler 1980 (s. u.: Quellen), S. 341f.; dort auch die jeweiligen Belege. ist die Darstellung unterschiedlicher Bereiche einer „höheren“ Wirklichkeit, die in Form von „nicht mehr körperlichen“, „imaginativen“ und „intellektuellen“ Visionen bis hin zur „visio beatifica“ wahrgenommen wird; dabei werden alle Visionen erklärtermaßen nicht sinnenhaft erfahren: „lipliche (d. h. körperliche, sinnenhafte) gesicht“ und „liplich gehoerd“ sind Friedrich Sunder „by allen sinen tagen nie“ widerfahren.Siehe Gnaden-Leben (s. u.: Quellen), S. 408, Z. 617-619. Entsprechend den unterschiedlichen Erfahrungsbereichen wechselt auch die Form der Darstellung, wobei die Bildlichkeit ebenso erklärtermaßen nie „gesehen“, sondern ausschließlich „gehört“ (d. h. auditiv vermittelt) ist. Diese Bildlichkeit ist zudem durchgängig literarisch vorgeformt, wobei, dem jeweiligen Thema entsprechend, ebenso realgeschichtliche Bereiche wie auch Überlieferungsgut aus Bibel, Brautmystik und Minnewesen den Bildvorwurf abgeben. Für die höchste Stufe der Erfahrung gibt es schließlich weder Bild noch Wort, sondern nur noch die Aussage von der Unsäglichkeit des Geschehens.

Von Sunder stammen auch einige Aufzeichnungen über Gespräche mit seiner Seelenfreundin Gerdrut. Diese wurden dann Teil ihrer Vita, die von den Engelthaler Kaplänen HeinrichSiehe Siegfried Ringler: Heinrich von Engelthal. In: VL², Bd. 3 (1981), Sp. 720–722 und Konrad FriedrichSiehe Siegfried Ringler: Friedrich, Konrad. In: VL², Bd. 2 (1980), Sp. 952 verfasst wurde, aber nur in einem kurzen Fragment erhalten ist. Stilistisch steht die Vita Gertruds in der Tradition der Legendenliteratur und unterscheidet sich somit deutlich vom Gnaden-Leben des Friedrich Sunder.

Bedeutung Wissenschaftlich ist das Gnaden-Leben des Engelthaler Klosterkaplans in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung.

Frömmigkeitsgeschichtlicher Aspekt Frömmigkeitsgeschichtlich ist bereits die Abfassung einer derartigen Vita durchaus bemerkenswert, da Friedrich Sunder weder als Wundertäter noch als Asket oder Visionär hervorgetreten ist; sein seelsorgerisches Wirken war eher unauffälligWunder, Askese, Visionen oder erfolgreiche Seelsorge waren bis zum 13. Jahrhundert Voraussetzung für die Abfassung der Vita eines Nicht-Märtyrers.. Allerdings erreichte diese Vita, ähnlich wie fast die gesamte „mystische“ Literatur, zu ihrer Zeit nur einen sehr begrenzten Kreis von Rezipienten.Vgl. Siegfried Ringler: Die Rezeption Gertruds von Helfta im Bereich süddeutscher Frauenklöster. In: Michael Bangert, Hildegund Keul (Hrsg.): Vor dir steht die leere Schale meiner Sehnsucht. Die Mystik der Frauen von Helfta. Benno-Verlag, Leipzig 1998, S. 134–155, hier bes. S. 134–141; 143f. So wäre der Engelthaler Kaplan auch vergessen, wäre nicht zufällig in einer einzigen Handschrift seine Gnadenvita erhalten geblieben. Friedrich Sunder ist für die heutige Forschung dann auch vor allem als Typus von Interesse. Er steht für eine Vielzahl heute unbekannter Menschen, die fern von Lehrstühlen oder hohen kirchlichen Positionen von der religiösen Bewegung des 13. Jahrhunderts zutiefst erfasst waren und so die Träger einer epochalen Wende der christlichen Glaubenslebens wurden, indem nun die kirchlich tradierte Glaubenslehre auf eine neue, individuell geprägte Art erlebt und verinnerlicht wurde.Siehe dazu die Belege zu dominikanischer „mystischer“ Predigt in Engelthal, bei Ringler 1980 (s. u.: Quellen), S. 153f.; 264f., die unter anderer Perspektive diesen Paradigmenwechsel (im theologischen Sinn) veranschaulichen.

Dabei kann die Vita Sunders auch zu einem differenzierten Verständnis des – erst später hierfür verwendeten – Begriffes „Mystik“ beitragen. Im Gnaden-Leben geht es grundlegend nicht um die Herausstellung besonderer Erlebnisse, sondern um die Erfahrung einer alles umfassenden Heilsgemeinschaft, die vom göttlichen Gnadenfluss durchströmt ist.Siehe Ringler 1980 (s. u.: Quellen), S. 178–182; 270–272; 345, jeweils mit Belegen, sowie die Textstellen Z. 1017-1028, ebd. S. 419f., und 1565-1568, ebd. S. 434. Sunder und andere, die ähnliche Glaubenserfahrungen hatten, sahen sich nicht als „Mystiker“; ebenso wenig sahen sie sich im Gegensatz zu den kirchlichen Lehren und Gebräuchen. Das, was heute als „christliche Mystik“ verstanden wird – die unmittelbare Erfahrung der personalen Gegenwart Gottes im eigenen Inneren – ereignet sich hier gerade in den von der Kirche vorgegebenen Riten und Sakramenten, insofern diese nunmehr existentiell vertieft vollzogen oder angenommen werden. Außerordentliche Zustände, wie Visionen und Ekstasen, sind dafür keine Voraussetzung. Dadurch konnte diese Art mystischer Literatur auch in den kirchlichen Reformbewegungen des 15. Jahrhunderts rezipiert werden, als man allen außerordentlichen religiösen Erlebnissen skeptisch bis ablehnend gegenüberstand.Siehe bes. Thali 1997 (s. u.: Literatur), S. 313–315.

Literaturwissenschaftlicher Aspekt Literaturwissenschaftlich bedeutsam ist die Vita Sunders u. a. dadurch, dass mehrmals die Erfahrungsweise Sunders thematisiert wird, ebenso wie auch die Form der Niederschrift seiner Erfahrungen. Ausdrücklich reflektiert wird die Art der bildlichen Ausdrucksweise: Im Anschluss an die Szene, in der das Jesuskind an den Brüsten der Seele saugt, heißt es: man müsse „vnsern sinnen mit liplichen (d. h. hier: sinnlich vorstellbaren, also bildhaften) dingen“ zeigen, „wie daz zwschen got vnd der sel ist ergangen“ im „vnvsspraechen“ (d. h. mit Worten nicht darstellbaren) Gnadenfluss zwischen Gott und der Seele, der hier als „vßwal vnd jnwal“ (Ausfließen und Einfließen), mit den Begriffen der Emanationslehre angedeutet wird.Siehe Gnaden-Leben (s. u.: Quellen), S. 415, Z. 866-870, mit Kommentar ebd. S. 257–259. Diese sprachtheoretische Reflexion kann als Beweis gelten, dass die Bildlichkeit der Sunder-Vita literarischer Art ist, mit der Intention, abstrakte theologische Aussagen verständlich zu vermitteln.Dies lässt sich auch in der gesamten sonstigen Vita nachweisen; vgl. Ringler 1980 (s. u.: Quellen), S. 360f.; 362f.; im weiteren s. ebd. Register S. 478: "Gnaden-Leben des Friedrich Sunder". Diese Möglichkeit ist dann auch bei Viten vergleichbarer Art jeweils in Betracht zu ziehen. Zugleich werden herkömmliche Vorurteile gegenüber der so genannten „Frauenmystik“ hinfällig: Wenn es die Vita einer männlichen Person ist, die Jesus im Bild eines Kindes sowie die Seele im Bild der Maria lactans zeigtGnaden-Leben (s. u.: Quellen), S. 413, Z. 775 u. ö., mit Kommentar S. 187–189; S. 415, Z. 854-870, mit Kommentar S. 255–259., dann können solche Bilder nicht mehr auf verdrängte Muttergefühle unbefriedigter Frauen zurückgeführt werden.

Religionsgeschichtlicher Aspekt Religionsgeschichtlich bemerkenswert ist das Gottesbild des Gnaden-Lebens, indem Gott nie als ein ferner strenger Richter erscheint, sondern stets dem Menschen zugewandt ist; Barmherzigkeit ist seine bestimmende Wesenseigenschaft.Siehe Gnaden-Leben (s. u.: Quellen), S. 418, Z. 959-989, mit Kommentar S. 267f. Dieses Gottesbild, das auch in den sonstigen Werken der Engelthaler Literatur und anderen mystischen Schriften dieser Zeit kundgetan wirdSiehe bes. Gertrud von Helfta, wo Gott zentral als "Gott-Liebe" gesehen wird., ist in Sunders Gnadenvita so ausschließlich herausgestellt, dass Teufel und Hölle schlichtweg nicht vorkommen. Damit setzt das Werk einen deutlichen Gegenakzent zu zeitgenössischen kirchlichen Lehren, in denen oftmals Angstvorstellungen vorherrschten.

Geistesgeschichtlicher Aspekt Geistesgeschichtlich dokumentiert die Sunder-Vita in Übereinstimmung mit anderen Texten dieser Zeit, wie der religiöse Umbruch des 13. Jahrhunderts, der den Blick auf das innere, seelische Leben des Menschen richtete, einen entscheidenden Schritt in der Entwicklung des europäischen Individualbewusstseins darstellt, ebenso wie in der Humanisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse im Sinne einer vertieften Ethisierung der eigenen Lebensführung und einer intensiven (Seel-)Sorge für das Heil der Mitmenschen.

Psychohistorischer Aspekt