Die Lust am Untergang (Selbstgespräche auf Bundesebene) ist der Titel einer Sammlung kulturkritischer Essays von Friedrich Sieburg. In dem 1954 veröffentlichten Werk beschäftigte er sich mit den Verhältnissen in Nachkriegsdeutschland und ging ausführlich auf die Rolle des Schriftstellers und Intellektuellen ein.
Über die Zeitanalyse hinaus suchte Sieburg nach allgemeinen deutschen Wesensmerkmalen und stieß dabei immer wieder auf die mangelnde Nationalidentität. Das Schwanken zwischen extremen Zuständen – Größenwahn und Selbsthass, Provinzialismus und Weltbürgertum – war für ihn ein Zeichen mangelnder Reife, das sich im Politischen ebenso wie im Geistigen auswirken konnte.
Sieburg stand vor der Frage, wie sich eine an den geistigen Traditionen orientierende Aufbauarbeit in einem Land realisieren ließ, das durch den verlorenen Zweiten Weltkrieg moralisch und politisch disqualifiziert worden war.Cecilia von Buddenbrock, Friedrich Sieburg, Ein deutscher Journalist vor der Herausforderung des Jahrhunderts, Die Lust am Untergang, Societätsverlag, Frankfurt 2007, S. 235
Der Titel des Werkes entwickelte sich zu einem geflügelten Wort.
Inhalt Für Sieburg verlor sich Deutschland nach dem Krieg zwischen Gleichgültigkeit und Egoismus. Statt gegenseitiger Vorwürfe, innenpolitischer Gewissenskonflikte und Versuche, sich im Ausland wieder Ansehen zu verschaffen, musste ein neuer Modus Vivendi gefunden werden. Wegen des geistigen Klimas nach der Katastrophe des Nationalsozialismus war es nicht einfach, nach einer neuen nationalen Identität zu suchen.Cecilia von Buddenbrock, Friedrich Sieburg, Ein deutscher Journalist vor der Herausforderung des Jahrhunderts, Die Lust am Untergang, Societätsverlag, Frankfurt 2007, S. 236
Die Zustände in der Bundesrepublik seien dem geistigen Leben abträglich und nivellierten die qualitativen Unterschiede derart, dass die Masse der staatlich organisierten „Unfähigen“ berechtigt sei, in ein Klagelied einzustimmen, das den Fähigen nur „zögernd von den Lippen kommt.“Friedrich Sieburg, Abmarsch in die Barbarei, Die Lust am Untergang, Deutsche Verlags-Anstalt, Hrsg. Klaus Harpprecht, Stuttgart 1983, S. 212
Für den Kulturpessimisten Sieburg gab es in Deutschland kaum noch Intellektuelle; die meisten von ihnen seien durch das „sonderbare Völkchen“ der Kulturschaffenden ersetzt worden, eine Spezies, die damit beschäftigt sei, sich gegenseitig zu verachten oder zu beneiden.
Seine Hoffnung, die Menschen zu humanisieren, sei wegen des Neides der Deutschen im Grunde ein vermessener Traum. Die Deutschen litten an einer konstitutionellen Unfähigkeit, Maß zu halten, und taumelten zwischen den Extremen, etwa der äußersten Humanität und der nicht weniger ausgeprägten Neigung zur Gewalt.Friedrich Sieburg, Abmarsch in die Barbarei, Die Lust am Untergang, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1983, S. 216
Die Masse richte ihre Lebensform nach der Oberschicht, lausche ihr Haltung und Bewegung ab und schmücke sich mit ihren Zeichen. Nichts sei hier verlogener als das mit gleichmacherischen Redensarten getarnte Nachahmen der Oberschicht, die selbst nicht den Mut habe, sich zu ihrer Höhe zu bekennen.Friedrich Sieburg, Abmarsch in die Barbarei, Die Lust am Untergang, Deutsche Verlags-Anstalt, Hrsg. Klaus Harpprecht, Stuttgart 1983, S. 215
Die gesellschaftliche Stellung werde vor allem deswegen als unnatürlich empfunden, weil der die soziale Stimmung beherrschende „Geist der Denunziation“ die Absonderung einer Oberschicht ablehne; nicht etwa, weil es keinen Unterschied gäbe. Der von Sieburg beklagte Neid habe sich hier einen eigenen Jargon und eine subtile Form der Heuchelei geschaffen. Er richte sich weniger gegen materielle Übergewichte, als gegen den Ausdruck innerer und äußerer Unabhängigkeit, „Schönheit, Eleganz und Lebensfreude“. Der Kulturhass, der Adolf Hitler legitimiert habe, folge einem Ressentiment gegen die individuelle Entfaltung, richte sich gegen den einzelnen wie gegen „glücklichere Völker“ und bringe zudem jeden Deutschen mit sich selbst in Zwietracht. So sei es für einen humanistisch orientierten Menschen „unmöglich, in Deutschland glücklich zu sein.“
Das Buch erschien in einer Zeit, die einerseits von Untergangsängsten während des Kalten Krieges geprägt war, andererseits vom Optimismus des wirtschaftlichen Aufstiegs, der unter dem „fatalen Namen“ Wirtschaftswunder Ursprung rätselhaften Nachforschens sei.Friedrich Sieburg, Abmarsch in die Barbarei, Die Lust am Untergang, Deutsche Verlags-Anstalt, Hrsg. Klaus Harpprecht, Stuttgart 1983, S. 220 So kommentierte Sieburg die Tendenz der Medien, unentwegt den Weltuntergang durch einen Atomkrieg vorauszusagen als weinerliche, kaum zu ertragende Geschwätzigkeit. Sie sei auch deswegen absurd, weil man auf der anderen Seite an äußerlicher Repräsentanz arbeite. Die Gesellschaft habe kein Mittel gegen den Pessimismus und lasse sich von der Presse manipulieren. Auf der anderen Seite stand die dekadente Konsumfreude, die eine seltsame Mischung mit dem Pessimismus einging. Sieburg beklagte die Traditionslosigkeit der Deutschen, die sich ohne Vorbehalte der Gegenwart verschrieben, den Verlockungen des Konsums erlagen und sich durch Konformismus in neue Abhängigkeiten begaben.Cecilia von Buddenbrock, Friedrich Sieburg, Ein deutscher Journalist vor der Herausforderung des Jahrhunderts, Die Lust am Untergang, Societätsverlag, Frankfurt 2007, S. 237
Auch das Nationalgefühl deutete Sieburg entgegen der geläufigen kritischen Interpretation. Gerade der fehlende Bezug zur Geschichte, verbunden mit politischer Unreife, sei verantwortlich für die Anfälligkeit gegenüber dem Nationalsozialismus. Die vorherrschende Interpretation hingegen führe zum Raub aller Vorbilder. Dies habe bereits zu einem einzigartigen deutschen Selbsthass geführt – mit den falschen seien auch die echten Götter vertrieben worden. Das eifrige Bemühen, gleiche Fehler zu vermeiden, verhinderte gerade, aus der Vergangenheit zu lernen. Im Grunde seien die Deutschen überfordert, die Last der jüngsten deutschen Geschichte zu tragen. Der erstaunlich schnelle Erfolg des Wiederaufbaus wecke die Illusion, man könne der Verantwortung entkommen. Weder geistig noch geographisch besitze Deutschland eine Identität.Cecilia von Buddenbrock, Friedrich Sieburg, Ein deutscher Journalist vor der Herausforderung des Jahrhunderts, Die Lust am Untergang, Societätsverlag, Frankfurt 2007, S. 240
Deutliche Bezüge zu Thomas Manns „Leiden an Deutschland“ (so der Titel der veröffentlichten Tagebuchblätter aus den Jahren 1933 und 1944Thomas Mann, Gesammelte Werke in dreizehn Bänden, Band 12, Reden und Aufsätze, „Leiden an Deutschland“, S. 84, Fischer, Frankfurt, 1974) werden aus der gleichnamigen Überschrift eines Kapitels deutlich, in dem Sieburg das qualvolle Los des schöpferischen Menschen umriss, an Deutschland zu leiden und es „doch nicht entbehren zu können.“ Wie Thomas Mann am Ende seines Vortrages Deutschland und die Deutschen Deutschland nicht in ein gutes und böses scheiden wollte, konstatierte Sieburg, man könne nicht am Guten der deutschen Kulturzugehörigkeit partizipieren, ohne sich zugleich zu dem Dunklen zu bekennen. Das deutsche Wesen sei unteilbar.Friedrich Sieburg, Abmarsch in die Barbarei, Die Lust am Untergang, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1983, S. 215
Das „Flüchtlingsdasein“ der Deutschen könne nur dank der Hoffnung auf eine europäische Gemeinschaft ausgehalten werden, in deren Rahmen Deutschland den Gebietsverlust und die Trennung verwinden könne. Der Traum von Europa sei für Deutschland eine Notwendigkeit geworden.
Angesichts des widersprüchlichen Charakters des Bundesdeutschen, der den Karneval straff organisiere und dem Konsum dienstbar mache, nur noch zu Vertretern versunkener Fürstenhäuser oder Filmstars aufschaue und sich vor der atomaren Bedrohung für den Untergang bestimmt fühle, würden sich die Befürchtungen Europas und der Welt indes nicht verflüchtigen. Der problematische Doppelcharakter des „deutschen Genies“ zeige sich in der Zerstörung wie der Schöpfung, und vor dem deutschen Wirtschaftswunder, dem die Neigung innewohne, nach einigen Jahrzehnten in Flammen aufzugehen, bleibe die Welt weiter beunruhigt.
Hintergrund mini|hochkant|In Hugo von Hofmannsthal, dem Praeceptor Germaniae, spiegelte sich die „Helligkeit des deutschen Bildungszeitalters.“ Sieburgs konservativ-aristokratisches Menschenbild und seine daraus folgende Kritik ist ebenso von Friedrich Nietzsches Pathos der Distanz wie von Hugo von Hofmannsthal und Thomas Mann geprägt, dessen Werk er als größte kulturkritische Leistung einstufte, die der „deutsche Geist hervorgebracht“ habe.Friedrich Sieburg, Frieden mit Thomas Mann, Zur Literatur 1924–1956, DVA, Stuttgart 1981, S. 217
Obwohl sich Sieburg frühzeitig von der George-Schule gelöst hatte, blieben prägend deren Ästhetizismus, ein intellektueller Aristokratismus und ein feierlicher Literaturbegriff, der sich stets auf das Außerordentliche der Einzelleistung richtete.Joachim Fest, Friedrich Sieburg, Ein Porträt ohne Anlass, Flüchtige Größe, Gesammelte Essays über Literatur und Kunst, Rowohlt, Hamburg 2008, S. 156 Dem kulturkonservativen Kritiker erschien die Bundesrepublik wie eine traditionslose Zone, deren Bürger sich dem Konformismus verschrieben hatten und in der die Masse den verrohten Geschmack diktierte. Ausdruck des Konformismus war für ihn der Mangel an Sittlichkeit und Manieren, gutem Geschmack und Höflichkeit.Cecilia von Buddenbrock, Friedrich Sieburg, Ein deutscher Journalist vor der Herausforderung des Jahrhunderts, Societätsverlag, Frankfurt 2007, S. 227 Sieburg beschrieb das Dilemma, ohne Traditionsbewusstsein dem Zeitgeist zu verfallen und so die Vergangenheit nicht hinreichend verarbeiten zu können, der man sich andererseits nach 1945 nur noch schwer stellen konnte.
Sieburg griff mit seinen Betrachtungen ein Problem auf, mit dem er sich bereits 1930 in seinem Buch Es werde Deutschland befasst hatte: Das mangelnde Identitätsbewusstsein der Deutschen, dem „Volk ohne Mitte“. Die fehlende „deutsche Ganzheit“ im Vergleich zur englischen oder französischen Situation und der unauffindbare eigene KernFriedrich Sieburg, Abmarsch in die Barbarei, Die Lust am Untergang, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1983, S. 217 – ein Zustand, der sich mit den Worten Dolf Sternbergers „Wir wissen nicht, wer wir sind“ ausdrücken ließ.
Die Verwunderung über das erstaunlich vielschichtige, dabei schwer greifbare „deutsche Wesen“, das sich, wenn man es zu erforschen sucht, als nebelhaft erweist, hatte Sieburg zwanzig Jahre zuvor mit teilweise identischen Worten beschrieben. Die Widersprüche traten für ihn im moralischen wie kulturellen Bereich zutage. Eben sei man noch „barbarisch, nun raffiniert und lasterhaft“, „gestern chaotisch, heute pedantisch … Bald Dämon, bald Spießbürger … Bald Gefahr, bald Hoffnung.“Friedrich Sieburg, Abmarsch in die Barbarei, Die Lust am Untergang, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1983, S. 221 Sieburg hatte angesichts der „gewaltigen [kulturellen] Leistungen“ Deutschlands ebenfalls nach dessen Wesenskern gefragt – und ins Leere gegriffen. Von einem Mythos mit widerspruchsvollen, fast unheimlichen Zügen war die Rede und ebenso von moralischen Gefährdungen, die sich daraus ergaben.Friedrich Sieburg, Abmarsch in die Barbarei, Es werde Deutschland, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1983, S. 80–81
Vier Jahre nach Erscheinen des Werkes publizierte Sieburg in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Artikel, in dem er das Ende des nationalen Gedankens vorhersagte. Die Selbstbestimmung der Völker sei dabei, ihre Bedeutung zu verlieren. So falle der historische Rückstand Deutschlands weniger ins Gewicht und der europäische Gedanke werde befördert.Cecilia von Buddenbrock, Friedrich Sieburg, Ein deutscher Journalist vor der Herausforderung des Jahrhunderts, Die Lust am Untergang, Societätsverlag, Frankfurt 2007, S. 241