mini|hochkant=1.3|„Dorfplatz“ im Studentendorf Schlachtensee in Berlin-Schlachtensee

Das Studentendorf Schlachtensee ist ein denkmalgeschütztes Bauensemble von Wohn- und Gemeinschaftsgebäuden, das ab den 1950er Jahren im damaligen West-Berlin entstanden ist und als Wohnstätte für Studenten der Freien Universität geplant war. Getragen wird es seit 2003 von der eigens zu seiner Rettung gegründeten Genossenschaft Studentendorf Schlachtensee eG. Im Oktober 2014 wurde mit dem Studentendorf Adlershof nach dem Vorbild von Schlachtensee eine Wohnanlage auf dem Campus der Humboldt-Universität in Betrieb genommen.

Lage und Umgebung mini|Luftbild Studentendorf Schlachtensee, 1963 mini|Gedenken am Haus 27 mini|Studentendorf Schlachtensee, Haus 5 mini|Studentendorf Schlachtensee, Haus 4

Das Studentendorf Schlachtensee liegt im Südwesten Berlins im Bezirk Steglitz-Zehlendorf im Ortsteil Schlachtensee. Der denkmalgeschützte Teil des Studentendorfs ist zwischen 1959 und 1964 gebaut und durch eine Schenkung der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika finanziert worden. Das Studentendorf ist damit die erste neuerbaute studentische Wohnanlage der Berliner Nachkriegszeit.

Entstehungsgeschichte mini|Studentendorf Schlachtensee, Haus 5

Das Studentendorf Schlachtensee ist einer der wichtigsten baulichen Beiträge der Amerikaner zur Reeducation der Deutschen nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg. Ziel war es, die Erziehung junger Menschen zu Bürgern eines demokratischen Deutschlands mit Mitteln der Architektur zu unterstützen und damit den Totalitarismus zu überwinden. In Schlachtensee sollte die künftige akademische Elite der Bundesrepublik Deutschland ein Zuhause finden und politische und demokratische Bildung erfahren. Die Architektur und viele Institutionen wie das Tutoren­programm, der Dorfrat und Arbeitsgruppen, die im Dorf ansässige Bibliothek und andere kulturelle Einrichtungen entsprangen diesem Gedanken und wurden mit großzügiger Hilfe des US State Department finanziert. Die Ford Foundation bezahlte zehn der Tutorenstellen. Eleanor Lansing Dulles, Diplomatin der Vereinigten Staaten und Berlin-Beauftragte des US-Außenministeriums, hatte sich für die Beschaffung von fast zehn Millionen Mark eingesetzt. Sie legte im Oktober 1957 zusammen mit dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt den Grundstein für den Komplex. Dem Gedanken der Reeducation folgte die Quotierung der Bewohner nach west- und ostdeutschen sowie ausländischen Studenten – bis zum Mauerbau 1961 studierten auch DDR-Bürger an der Freien Universität.Beatrice Härig: Das Demokratie-Experiment. In: Monumente 29. Jg. Nr. 6, Dezember 2019, S. 20–26.

Die Freie Universität war 1948 als freiheitlicher Gegenentwurf zur im sowjetischen Sektor gelegenen Universität Unter den Linden gegründet worden. Mit dem Studentendorf sollten die Studierenden nicht nur einen Studienort, sondern einen Lebensraum erhalten, der von den Werten der Freiheit, der Gemeinschaft und der internationalen Verständigung geprägt war. Maßgeblich gefördert wurde das Vorhaben durch die amerikanische Regierung über den Marshallplan sowie durch die Ford Foundation. Das erklärte Ziel, einen Ort weltoffenen akademischen Lebens zu schaffen, wurde zeitgenössisch mit dem Schlagwort „Harvard am Wannsee“ umschrieben.Harvard am Wannsee. In: Der Tagesspiegel, 15. Mai 2009.

In den 1960er Jahren entwickelte sich das Studentendorf zu einem wichtigen sozialen und politischen Zentrum der West-Berliner Studentenbewegung. Die offene, diskursive Atmosphäre, die studentische Selbstverwaltung und die hohe Konzentration politisch interessierter Studierender aus aller Welt machten es zu einem Nährboden für die Außerparlamentarische Opposition (APO); zahlreiche Bewohner beteiligten sich an den Protesten der 68er-Bewegung.Klaus-Peter Schmid: Das rote Schlachtensee. In: Die Zeit, Nr. 25/1968, 20. Juni 1968.

Die bauliche Anlage gilt als bedeutendstes Studentendorf nicht nur in Berlin, sondern sucht in Europa wegen ihrer herausragenden Architektur seinesgleichen.

Architektur Das Studentendorf der Freien Universität Berlin, wie dessen ursprünglicher Name lautet, ist als Ensemble von 28 auf etwa fünf Hektar locker angeordneten Häusern wie eine Stadtlandschaft komponiert. Die Berliner Architektengemeinschaft Hermann Fehling, Daniel Gogel und Peter Pfankuch entwarf die Anlagen des ersten und zweiten Bauabschnitts. Ihr Konzept brach radikal mit der Tradition der deutschen Mietskaserne: Statt geschlossener Blockrandbebauung entstand eine campusartige Anlage mit lockerer Bebauung, großen Grünflächen und Gemeinschaftseinrichtungen, die den Austausch und das soziale Miteinander fördern sollten. Im ersten Bauabschnitt entstanden 1957–1959 zwölf sogenannte Herrenhäuser und sechs sogenannte Damenhäuser – damals wohnten Studenten noch nach Geschlechtern getrennt –, das Bürgermeisteramt, ein Ladengeschäft sowie die Bibliothek. Im zweiten Bauabschnitt, 1962–1964, folgten ein Doppelwohnhaus, das Gemeinschaftshaus sowie das heute nicht mehr existierende Wohnhaus des Akademischen Direktors.

Alle Wohngebäude – mit Ausnahme des Doppelhauses 12/13 – sind ein- bis dreigeschossig und waren für Wohngruppen von jeweils bis zu 30 Studenten angelegt. Die denkmalgeschützte Anlage des ersten und zweiten Bauabschnitts ist bis hin zum Mobiliar beinahe vollständig erhalten geblieben. 1976–1978 kamen in einem dritten Bauabschnitt vier fünfgeschossige Wohngemeinschaftshäuser der Architekten Kraemer, Pfennig, Sieverts & Partner hinzu.

Alle Wohnhäuser gruppieren sich um einen Dorfanger und bilden ein einzigartiges Ensemble der Nachkriegsmoderne. Am Dorfanger sind die zentralen Bauten sowie das Gemeinschaftshaus mit Theatersaal und Mensa, dem heutigen Haus 14, angesiedelt. Auch die Bürgermeisterei mit der Technikzentrale – heute das Rathaus –, das aktuell als Kinderladen genutzte Ladengeschäft und die zur Learning Lounge/Projekthaus umfunktionierte Bibliothek liegen am Anger. Das zwischenzeitlich im Projekthaus angesiedelte Fitnessstudio ist ins Haus 14 umgezogen.

Das Studentendorf ist auf gemeinschaftliches Wohnen hin angelegt: So sind die Zimmer eher klein, doch laden lichte Hallen und Treppenhäuser sowie große Küchen in den Wohngebäuden zur Begegnung ein. Mit Erweiterungsbauten von 1977, den Kraemer-Bauten, bietet das Dorf Platz für mehr als 900 Studenten.

Für die studentischen Unterkünfte und um die Anlage baulich aufzulockern, wählten die Architekten unterschiedliche Hausformen: mehrgeschossige Würfel, Z-förmige Häuser, aus Winkeln zusammengesetzten Hausgruppen und streng geschlossene Solitäre wechseln einander ab. Am südlichen Ende platzierten die Architekten das Gemeinschaftshaus, das sich in seiner expressiven Formensprache deutlich von der übrigen Bebauung abhebt.

Zur architekturhistorischen Bedeutung des Studentendorfs Die 18 Wohngebäude des ersten Bauabschnitts des Studentendorfs lassen sich in die von den Architekten so benannten vier Grundtypen A, B, C und N gliedern, die im Inneren stets demselben Ordnungsprinzip folgen. Die Raumabfolge von jeweils einer Halle im Zentrum des Gebäudes – gleichsam das kommunikative Zentrum des Hauses – hin zu den individuellen Wohnbereichen und Gemeinschaftsräumen ist bei allen Gebäudetypen gleich. Die Gewichtung der jeweiligen Bereiche wird auch durch das Verhältnis von individueller Wohnfläche von 40 zu 60 % Gemeinschaftsfläche deutlich. Auch die Größe der Studentenbuden und die Einrichtungsgegenstände sind übergreifend standardisiert.

Jede „Bude“ erstreckt sich auf einem Grundriss von rund zehn Quadratmetern und ist immer mit einem Einbauschrank, einem Bett, einem an der Wand befestigten Schreibtisch sowie einem mit dem äußeren Eternitpaneel verbundenen Wandregal ausgestattet. In den meisten Zimmern ist eine Wand als Holzwand ausgebildet. Unterschiedlich hingegen sind die Anordnung der Einrichtungsgegenstände – insgesamt 36 Möblierungsvarianten wurden von den Architekten gezeichnet – sowie die Farbabfolge der Wände und Decken.

Wie bei der asymmetrischen Außenfassade sollte durch unterschiedliche Farb- und Einrichtungskonzepte die individualisierte Gemeinschaft westlicher Prägung deutlich werden. Kein Bewohner besitzt mehr als der andere, und dennoch lässt sich jeder Wohnbereich sichtlich von anderen unterscheiden. Das Prinzip einer individualisierten, selbstbewussten und eben nicht gleichgeschalteten Gemeinschaft hat sich auf die Architektur übertragen bzw. wird umgekehrt durch die Architektur erst ermöglicht. Vor diesem Hintergrund ist das Studentendorf Schlachtensee gleichsam „gebaute Demokratie“.Vgl. Dorothea Külbel (s. Literatur), S. 20: „Das Demokratische an der Architektur von Fehling, Gogel & Pfankuch ist gleichsam unabhängig vom gewählten Partizipationsmodell und muss nicht zwangsläufig dem Kollegien- oder Tutorenprinzip folgen. Auch nach Abschaffung des Tutorenmodells hat sich das Studentendorf als demokratie- und partizipationsfördernder Ort erwiesen. Die Studentenrevolte der 1968er Bewegung wäre wohl ohne Entfaltungsräume wie das Studentendorf Schlachtensee und ohne Orte, an denen sich Menschen von ihrer eigenen Gesellschaft emanzipieren können, kaum möglich gewesen.“

Das Studentendorf Schlachtensee ist seit 2021 Mitglied der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte.Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte

Nach außen zeichnen sich die Wohnbauten durch ein zwar farblich strenges, jedoch völlig asymmetrisches Fassadenbild aus. Neben den schmalen Stahlfensterprofilen und anthrazitfarbenen Eternitpaneelen ist der zweifarbige Putzaufbau auffällig. Die Fassadenflächen bestehen aus einem durchgefärbten Edelkratzputz, wobei die weißen Flächen auf die Wohnbereiche, die schwarzen auf die Gemeinschaftsbereiche verweisen. Zimmer, Hallen, Küchen und Flure sind großflächig verglast. Die raumübergreifenden Materialabfolgen und bodentiefen Flurverglasungen stützen das Prinzip der fließenden Räume. Neben den Wohngebäuden des ersten Bauabschnitts und der Bürgermeisterei wurden noch zwei kleine eingeschossige Pavillons am zentralen Dorfplatz errichtet, die zentralen Studentendorffunktionen vorbehalten waren. Gegenüber der Bürgermeisterei wurde ein nach drei Seiten verglastes Bibliotheksgebäude errichtet, an der südlichen Platzkante ein mit Oberlichtern versehenes Ladengebäude. Beide Gebäude wurden auf studentische Initiative hin anders genutzt: Aus dem Laden wurde ein Kinderladen, die Bibliothek wurde zum Sportstudio, später zum Projektraum umgestaltet.Die Bibliothek war Teil des Kollegien-Konzeptes und bot auf rund 80 m² Bücher und Zeitschriften an. Wegen Finanzierungsschwierigkeiten, aber vor allem auch wegen der konkurrierenden Institutsbibliotheken der Universitäten war der Betrieb einer Bibliothek nicht mehr rentabel und wurde eingestellt. Das Gebäude wurde zwischenzeitlich als Tischtennis- und später als Fitnessraum genutzt. Auch der Kaufmannsladen überlebte nur kurze Zeit im Studentendorf. Auf Initiative der Studentenschaft wurde nach Fertigstellung der Wohngemeinschaftsbauten durch Kraemer, Pfennig & Sieverts ein Kinderladen gegründet, um den im Studentendorf lebenden Eltern eine Betreuungsmöglichkeit anzubieten.