miniatur|150px|Ulrich Schrade Ulrich Schrade (* 21. Juli 1943 in Patricken, Landkreis Allenstein, Ermland; † 15. November 2009 in Warschau, Polen) war ein in Polen lebender Philosoph deutscher Abstammung, Erziehungswissenschaftler und Ethiker.

Leben In den Jahren 1961–1966 studierte er bei Boleslaw Kasprowicz an der Fakultät für Transportwirtschaft in Zoppot (heute Sopot, Polen) und erwarb den akademischen Grad eines Magisters der Wirtschaftswissenschaften; in den Jahren 1966–1969 arbeitete er am Aufbau des Reifenwerks Stomil Olsztyn in Olsztyn; in den Jahren 1969–1974 studierte er Philosophie bei Bogusław Wolniewicz an der Universität Warschau.

Im Jahr 1976 promovierte er an der Fakultät für Philosophie und Soziologie der Universität Warschau mit einer Dissertation über philosophische Auseinandersetzungen innerhalb der deutschen Sozialdemokratie zwischen 1895 und 1905, betreut von Bogusław Wolniewicz. 1989 habilitierte er sich an derselben Fakultät mit der Arbeit Idea humanizmu w świetle aksjologii Henryka Elzenberga (Die Idee des Humanismus im Lichte der Axiologie von Henryk Elzenberg), begutachtet von Barbara Skarga, Ija Lazari-Pawłowska und Jacek Hołówka. 2005 wurde ihm der Professorentitel verliehen.

Seit 1974 war er an der Fakultät für Verwaltung und Sozialwissenschaften der Technischen Universität Warschau tätig. An dieser Hochschule gilt er als Begründer einer eigenen philosophischen Schule und als bedeutender Beitragender zur Theorie der Hochschulbildung.

Bis zuletzt bekleidete er folgende Positionen: Leiter des Fachbereichs Philosophie Leiter des Aufbaustudiengangs Pädagogik an der TU Warschau Leiter des Pädagogischen Seminars für Doktoranden und junge wissenschaftliche Mitarbeiter

Er war Mitglied der Disziplinarkommission des Hochschulbildungsrats und ab 2001 Mitglied des Präsidiums des Hauptvorstands der Polnischen Philosophischen Gesellschaft, dessen Schatzmeister er war. Von 2005 bis 2008 war er Mitglied des Senats der Technischen Universität Warschau und stellvertretender Direktor des Kollegiums für Sozialwissenschaften und Verwaltung.

Den Kern seiner wissenschaftlichen Interessen bildeten die allgemeinen Probleme der Anthropologie, Axiologie und Pädagogik. Er war ebenfalls tätig als Gastprofessor an der Humanistischen Akademie in Pułtusk. Gemeinsam mit Bogusław Wolniewicz gab er Manuskripte des Philosophen Henryk Elzenberg heraus, dessen Axiologie sein eigenes philosophisches Denken stark prägte.

Schrade starb am 15. November 2009 bei einem Verkehrsunfall und wurde auf dem Gemeindefriedhof in Groß Kleeberg beigesetzt.

Philosophische Ansichten Ausgehend von der Axiologie Henryk Elzenbergs entwickelte Schrade eine Klassifikation des Humanismus in zwei Arten: den anthropozentrischen Humanismus, in dem der Mensch als Wert an sich und als Quelle instrumenteller Werte gilt, und den axiozentrischen Humanismus, in dem der Mensch seinen Wert aus der Verwirklichung eigenständiger Werte wie Wahrheit, Güte und Schönheit schöpft, die unabhängig von ihm bestehen.Ulrich Schrade: Idea humanizmu w świetle aksjologii Henryka Elzenberga. Warschau 1988. Diese Unterscheidung wandte er später in seinem Buch über den polnischen Nationalgedanken der Zwischenkriegszeit auf die politische Philosophie an, wobei er eine Einteilung der politischen Szene in Linke und Rechte vorschlug, die auf der jeweils zugrunde liegenden Anthropologie (Naturalismus versus Transzendentalismus) sowie auf der Haltung zum Umfang staatlicher Eingriffe in das Leben der Bürger beruht.Ulrich Schrade: Międzywojenna polska myśl narodowa. Od patriotyzmu do globalizmu. Arcana, Krakau 2004, S. 9–45.

In der Ethik wandte er dieselbe Unterscheidung zwischen instrumentellen und eigenständigen Werten an und entwickelte einen formalen Begriff der persönlichen Würde, die er als Treue zu den eigenen Werten definierte: einen Zustand, den ein Mensch durch Handeln entgegen seinen eigenen Werten verliert und durch beständiges Handeln in deren Sinne zurückgewinnt.Ulrich Schrade: Idea humanizmu w świetle aksjologii Henryka Elzenberga. Warschau 1988, Kap. V.

In seiner Arbeit zur Hochschuldidaktik übertrug Schrade die Unterscheidung zwischen Axiozentrismus und Naturalismus auf die Pädagogik und stellte die traditionelle, auf Johann Friedrich Herbart zurückgehende axiozentrische Pädagogik der modernen, an John Dewey orientierten kindzentrierten Pädagogik gegenüber. Er vertrat die Ansicht, dass die zunehmende Massenhaftigkeit der Hochschulbildung eher die Verbreitung dieser kindzentrierten pädagogischen Ideologie widerspiegele als objektive wirtschaftliche Erfordernisse.Ulrich Schrade: Dydaktyka szkoły wyższej. In: Dydaktyka szkoły wyższej. Wybrane problemy. Warschau 2009, S. 40–44.

Auszeichnungen 50px Goldenes Verdienstkreuz der Republik Polen (Złoty Krzyż Zasługi), 2004 50px Medaille der Kommission für Nationale Bildung (Medal Komisji Edukacji Narodowej), 1991

Ausgewählte Publikationen Idee des Humanismus im Lichte der Axiologie von Henryk Elzenberg. (Idea humanizmu w świetle aksjologii Henryka Elzenberga). 1988. Ethik. Die Hauptsysteme. (Etyka. Główne systemy). 1992. Strömungen der Gegenwartsphilosophie. (Nurty filozofii współczesnej). drei Ausgaben, 1997, 2003, 2009. Polnischer Nationalgedanke der Zwischenkriegszeit. Vom Patriotismus zum Globalismus. (Międzywojenna polska myśl narodowa. Od patriotyzmu do globalizmu). 2004. Hochschuldidaktik. Ausgewählte Probleme (Hrsg.). (Dydaktyka szkoły wyższej. Wybrane problemy). 2009.

Literatur Bogusław Wolniewicz: Ulrich Schrade (1943–2009). In: Edukacja Filozoficzna. Bd. 49, 2010, S. 75–82.

Einzelnachweise

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