Gokarna () ist eine etwa 15.000 Einwohner zählende Kleinstadt im Uttara-Kannada-Distrikt im Bundesstaat Karnataka in Indien. Die an der Lakkadivensee gelegene historische Tempelstadt ist ein heiliger Pilgerort, der in der hinduistischen Mythologie eine immense Bedeutung hat.
In erster Linie pilgern die Gläubigen zum im 4. Jahrhundert erbauten Mahabhaleshwar-Tempel im Zentrum Gokarnas. Hier ist das Ātma-liṅga im Boden verankert – eine besonders bedeutende, einzigartige mythische Reliquie, die von der Hauptgottheit Shiva stammen soll. Gokarna gilt folglich als irdischer Wohnsitz Shivas, der ebenso heilig ist, wie Shivas himmlischer Wohnsitz Kailash. Daher wird Gokarna auch Bhukailasa (ಭೂಕೈಲಾಸ) genannt – das „Kailash auf Erden“.
Gokarna ist zudem ein beliebter Anlaufpunkt für zumeist westliche Rucksacktouristen, die an den in einigen Kilometern vom Stadtzentrum entfernten Stränden urlauben.
Geschichte Die Tempelstadt Gokarna gehört zu den ältesten kontinuierlich bewohnten Pilgerorten Südindiens. Ihre Geschichte verbindet Mythologie, religiöse Tradition und politische Machtgeschichte auf ungewöhnlich enge Weise.
Etymologie Der Name Gokarna bedeutet im Sanskrit „Kuhohr“ (गो = go = Kuh / कर्ण = karṇa= Ohr). Es sei zum einen angemerkt, dass der Terminus „go“ zu den ältesten indogermanischen Wörtern überhaupt gehört. Zum anderen, dass Kosmologie ein bedeutender Teil der hinduistischen Mythologie ist. Die Kuh (go) steht hier symbolisch für die Erde und „karṇa“ wird mit dem Planeten Angaraka (Mars) verbunden. Der Ortsname „Gokarna“ soll im Rahmen der typisch spirituellen Mehrdeutigkeit vieler Begriffe entsprechend, daher auch aus der Verbindung von Erde, Wasser und göttlicher, überirdischer Kraft entstanden sein.George Michell: The Penguin Guide to the Monuments of India, Volume 1. Penguin Books, London 1989.
In der shivaistisch geprägten hinduistischen Mythologie wird in einem Gokarna gewidmeten Abschnitt explizit beschrieben, dass die Gottheit Shiva hier aus dem Ohr, der in der Gestalt einer Kuh erschienenen Erdgöttin Prithivi herausgekommen sei und deshalb der Ort den Namen Gokarna trägt. Prithivi wird häufig als Kuh dargestellt, die von Königen oder Göttern „gemolken“ wird, um Nahrung, Ressourcen und Wohlstand aus der Erde zu gewinnen. Das Ohr gilt als Organ für die Aufnahme göttlicher Wahrheit und Verbindung zwischen Mensch und göttlichem Klang (śruti).
Eine weitere Interpretation über den Ursprung des Ortsnamens liegt in seiner geografischen Form, die durch den Zusammenfluss der Flüsse Gangavalli und Aghanashini entsteht und einem Kuhohr ähnelt.
Allen Versionen eint die Referenz auf die Kuh, die im Hinduismus ein hochverehrtes Tier ist, das Reinheit, Überfluss und Göttlichkeit symbolisiert und dem Ort somit eine tiefe Heiligkeit verleiht.George Michell: The Penguin Guide to the Monuments of India, Volume 1. Penguin Books, London 1989.
Religiöse Bedeutung mini|Der zentrale Badeplatz Koṭitīrtha in Gokarna. Der geweihte Ort dient Pilgern zur spirituellen Reinigung, zum Gebet und zur Meditation mini|Die in Gokarna allgegenwärtigen Kühe ruhen vorm Koṭitīrtha mini|Der als heilig geltende Badeplatz Ramatīrtha ist mit Naga Shilas geschmückt. Diese mit Einfach- oder Doppel-Kobras verzierten Weihesteine sind häufig in Gokarna anzutreffen. Sie symbolisieren u.a Fruchtbarkeit und spirituelle Energie mini|Der ab dem 4. Jahrhundert erbaute Shree Mahabhaleshwara-Tempel beherbergt die sagenumwobene Shiva-Reliquie Ātma-liṅga mini|Als laut Mythos Ravana das Ātma-liṅga aus dem Boden reißen wollte, flogen Bruchstücke ins etwa 80 km entfernte Murudeshwara. Aus diesem Grund wurde am Strand von Murudeshwara diese 37 Meter hohe Shiva-Statue errichtet mini|Der Stadtstrand (Main Beach) von Gokarna. Die Stadt selber „versteckt“ sich unter einem Meer von Kokospalmen. mini|Lage der Strände von Gokarna mini|Der einige Kilometer außerhalb der Stadt Gokarna gelegene Om-Beach dient zumeist indischen Tagesgästen und westlichen Backpackern als Erholungsort In der hinduistischen Tradition gelten bestimmte Tempelstädte und Pilgerorte wie Gokarna als besonders heilsam, weil dort die Nähe zu einer Gottheit oder ein mythologisches Ereignis die Erlösung vom Kreislauf der Wiedergeburt fördern soll. Gokarna zählt zudem zu den zehn „Bhāskara-Kṣhetras“ („Heilige Sonnenstätten“) des indischen Kulturraums, wodurch die außergewöhnliche religiöse Bedeutung des Ortes hervorgehoben wird.
Gokarna im Volksepos Mahabharata Im indischen Nationalepos Mahabharata – dem literarischen Überbau der philosophischen Texte der Bhagavadgita – wird Gokarna bereits als äußerst heilige Shiva-Pilgerstätte (tirtha) gepriesen, an dem göttliche Wesen und Asketen meditieren. Gokarna mit seiner Lage am „Rande Indiens“ (bharata) wird beschrieben als Ort mit einer fast kosmischen Bedeutung – dem Übergang zwischen „Land, Meer und göttlicher Welt.“
Gokarna im Epos Raghuvamsham des Hofdichters Kalidasa Literarische Hinweise auf Gokarna als bedeutendes Shiva-Heiligtum finden sich bereits in frühen Sanskritquellen aus dem 4. Jahrhundert. Der shivaistisch geprägte indische Hofdichter Kalidasa schreibt:
Gokarna als heiliger Pilgerort Muktikshetra Gokarna wird in den bereits erwähnten hinduistischen Überlieferungen zudem als Muktikshetra erwähnt – als heiliger Pilgerort (Kshetra), an dem die Befreiung (Mukti) aus dem Kreislauf der Wiedergeburt möglich sei. Deshalb bilden insbesondere Ahnenrituale und Totenzeremonien an den heiligen Stätten Gokarnas einen wichtigen Teil jeder Pilgerreise.
Gokarna und das Ātma-liṅga Der hinduistischen Mythologie zufolge ist Gokarna aufs Engste mit dem sogenannten Atma-linga verbunden (Sanskrit: Ātma-liṅga; auch bekannt als Prana-linga oder Shiva-linga), das im Mahabhaleshwara-Tempel im Zentrum Gokarnas verankert ist und Gokarna zu einem der bedeutendsten zentralen Shiva-Pilgerorte Südindiens entwickeln ließ.Gavin Flood: An Introduction to Hinduism. Cambridge University Press, Cambridge 1996. Das Atma-linga trägt den Namen Mahabhaleshwara („Der allmächtige Shiva“). Es ist ein von Shiva stammendes heiliges, steinernes, rund 1,80 m hohes Objekt, von dem lediglich einige Zentimeter aus dem Boden herausragen und von einem schwarzen, steinernen Altar umschlossen sind. Die Reliquie gilt als „die Realität Gottes, die vom Geist erfasst werden kann“ und die Verkörperung der göttlichen Seele Shivas symbolisiert.
Der Legende nach soll das als Gottheit des Tempels apostrophierte Lingam den Gläubigen unermesslichen Segen gewähren – selbst denen, die nur einen flüchtigen Blick auf sie erhaschen. Diese besonders wertvolle Shiva-Reliquie gilt demzufolge als Quelle unermesslicher spiritueller Kraft, da es die Essenz Shivas selbst enthalte. Die zentrale Idee des Atma-linga ist: Wer das Atma-linga besitzt, erlangt unermessliche spirituelle Macht – aber nur, solange es korrekt bewahrt wird.Roshen Dalal: Hinduism: An Alphabetical Guide. Penguin Books India, New Delhi 2010.
Demzufolge soll die Pilgerfahrt nach Gokarna und insbesondere der Besuch des Mahabaleshwar-Tempels mit der göttlichen Shiva-Reliquie Atma-linga zur spirituellen Reinigung und letztlich zur Erlösung (Moksha) aus dem Kreislauf der Wiedergeburt beitragen.George Michell: The Penguin Guide to the Monuments of India, Volume 1. Penguin Books, London 1989.Diana L. Eck: India: A Sacred Geography. Harmony Books, New York 2012.
Mythologische Legende ums Ātma-liṅga von Gokarna Der Überlieferung nach den mythologischen Texten aus dem indischen Nationalepos Ramayana und den heiligen puranischen Schriften der Skandapurana war Dämonenkönig Ravana, einstiger König der ebenso dämonischen Rakshasas von Lanka, ein glühender Verehrer Shivas. Seine Mutter Kaikasi betete täglich ein Shiva-Linga aus Sand an. Eines Tages wurde dieses von den Meereswellen fortgespült. Ravana versprach seiner Mutter, ein echtes Atma-linga von Shiva zu beschaffen. Zudem versprach sich Ravana, dass das Atma-linga ihm selbst die göttliche Kraft der Unbesiegbarkeit verleihen sollte.
Ravana begab sich zum Kailash und versuchte zunächst, den ganzen Berg zu heben. Shiva drückte jedoch den Berg mit seinem Zeh nieder und klemmte Ravanas Hände darunter ein. Um Shiva doch noch zu beeindrucken, vollzog Ravana nun eine extrem harte Askese (Tapas). Shiva zeigte sich nach einiger Zeit zufrieden mit Ravanas Hingabe und vertraute ihm folglich das göttliche Atma-linga mit der Bedingung an, dass es niemals auf den Boden gesetzt werden dürfe. Sobald das Lingam die Erde berühre, würde es dauerhaft an diesem Ort verbleiben.
Der weise Götterbote Narada erkannte sofort, dass ein durch das Atma-linga unsterblich gewordener Dämonenkönig das Universum ins Chaos stürzen würde. Narada eilte zu den Göttern (Devas), um sie vor den Konsequenzen zu warnen, und bat Vishnu um Hilfe. Vishnu wiederum beauftragte Shivas Sohn Ganesha, um mit ihm gemeinsam Ravana zu täuschen. Als sich Ravana auf seiner Rückreise vom Berg Kailash nach Lanka mit dem Atma-Linga in seinen Händen Gokarna näherte, verdunkelte Vishnu die Sonne und schuf so gemäß dem Plan die Illusion einer Abenddämmerung. Durch die Täuschung wurde Ravana unruhig, denn er musste nun zwingend seine Abendrituale abhalten. Diese konnte er jedoch nicht verrichten, solange er das Atma-linga in den Händen hielt. In diesem Moment näherte sich ihm Ganesha, getarnt als brahmanischer Kuhhirtenjunge. Der ahnungslose Ravana bat Ganesha, das Atma-linga zu halten, bis er seine Rituale vollendet habe. Ravana ermahnte ihn eindringlich, das Atmalinga in keinem Falle auf dem Boden abzustellen. Ganesha hingegen sagte, dass er das Atma-linga aufgrund seines Gewichts nicht lange könne. Sobald er aber merken würde, dass die Kraft zum Halten nachließe, würde er dreimal nach Ravana rufen. Wenn Ravana allerdings bis dahin nicht zurückkehre, müsste er das Atma-linga auf den Boden legen. Während Ravana inmitten seiner Abendrituale vertieft war, rief Ganesha plötzlich dreimal kurz hintereinander nach Ravana. Doch Ravana schaffte es nicht, rechtzeitig zu kommen und so legte Ganesha das Atma-linga auf dem Boden ab. Ravana erkannte, dass die Götter unter der strategischen Führung von Narada und Vishnu seine tief verwurzelte Pflichttreue als Brahmane schamlos ausgenutzt hatten. In seiner ersten blinden Wut schlug Ravana dem als Hirtenjungen verkleideten Ganesha heftig auf den Kopf. Dieser Schlag hinterließ laut der Mythologie eine Delle auf dem Kopf des Gottes, die an Ganesha-Statuen in Gokarna heute noch symbolisch zu sehen ist. Während Ganesha mit seinen Kühen verschwand, versuchte Ravana vergeblich, das sofort mit dem Erdboden verschmolzene Atma-linga wieder zu lösen. Er setzte all seine zwanzig Arme und seine immense dämonische Kraft ein, um das göttliche Objekt mit Gewalt aus der Erde zu reißen. Dabei zerbrachen Teile des Lingams und Ravana erkannte, dass Shiva (Īśvara) allmächtig (mahabala) war und benannte das Atma-linga ehrfürchtig als Mahabhaleshwara („Der allmächtige Shiva“).C. J. Fuller: The Camphor Flame: Popular Hinduism and Society in India. Princeton University Press, Princeton 2004.Roshen Dalal: Hinduism: An Alphabetical Guide. Penguin Books India, Neu-Delhi 2010.