Das Kampfgeschwader 55 war ein Verband der Luftwaffe der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Aufgrund seines Wappens wurde es auch Greif-Geschwader genannt. Als Kampfgeschwader, ausgestattet mit Bombern, vom Typ Heinkel He 111 führte es Luftangriffe mit Bomben auf zugewiesene Ziele durch. Das Geschwader beteiligte sich am Überfall auf Polen, dem Westfeldzug, der Luftschlacht um England und dem Deutsch-Sowjetischen Krieg. Ab 1944 kam es in der Reichsverteidigung gegen die Westalliierten zum Einsatz. Mit der Umrüstung ab Juni 1944 auf die Messerschmitt Bf 109G und die Focke-Wulf Fw 190A änderte sich das Einsatzspektrum des Geschwaders zu dem eines Jagdgeschwaders. Nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 wurde es aufgelöst.

Aufstellung Das Kampfgeschwader 55 entstand am 1. Mai 1939 nach dem neuen Benennungsschema der Luftwaffe aus dem am 1. November 1938 in Gießen () erneut aufgestellten Kampfgeschwader 155. Das erste Kampfgeschwader 155 existierte von April 1936 bis Februar 1938. Für die Aufstellung des Kampfgeschwaders 155 wurden Teile des Kampfgeschwaders 254 herangezogen. Aus dem Geschwaderstab und der II./KG 254 entstanden am 1. Mai 1939 in Gießen der Stab und die II./KG 55. Die I. Gruppe des KG 55 bildete sich am 1. Mai 1939 aus der I./KG 254 in Langendiebach (). Die III./KG 55 entstand am 1. November 1939 in Neudorf bei Oppeln () aus Teilen der beiden anderen Gruppen.

Am 1. April 1940 wurde die IV. (Ergänzungs-)Gruppe in Dornstadt () aufgestellt und am 10. Mai 1940 aufgelöst. Am 1. August 1940 wurde in Chartres eine Ergänzungsstaffel KG 55 aufgestellt, die am 1. März 1941 in die 10./KG 55 umbenannt wurde. Diese Staffel, und die neu aufgestellte 11. und 12./KG 55 traten am 7. März unter den neu aufgestellten Gruppenstab der IV. Gruppe in Dijon. () Am 1. Juni 1943 wurde die 14. Staffel als Eisenbahnbekämpfungsstaffel aufgestellt. Unter der Bezeichnung 14.(Eis)/KG 55 war sie direkt dem Geschwaderstab unterstellt. Das Geschwader war ausgestattet mit der Heinkel He 111. Ab September 1944 rüstete es auf die Messerschmitt Bf 109 und Focke-Wulf Fw 190 um. Die Geschwaderkennung war G1.

Gliederung Der Geschwaderstab führte die I. bis IV. Gruppe die wiederum in Staffeln unterteilt waren. Die 1. bis 3. Staffel gehörte der I. Gruppe, die 4. bis 6. Staffel der II. Gruppe, die 7. bis 9. Staffel der III. Gruppe und die 10. bis 12. Staffel der IV. Gruppe an. Die 14. Staffel unterstand dem Geschwaderstab direkt. Jede Staffel, geführt durch einen Staffelkapitän, war in drei Schwärme mit je vier Flugzeugen unterteilt. Daraus ergab sich eine Sollstärke der Bombergruppe von 36 Flugzeugen in den drei Staffeln + ein Flugzeug für den Gruppenkommandeur. Dies ergab bei vier Bombergruppen eine Sollstärke von 148 Flugzeugen, + 4 Flugzeuge für den Geschwaderkommodore und seinen Stab, + 12 Flugzeuge für die 14. Staffel. Daraus ergibt sich eine Sollstärke von 164 Flugzeugen. Die IV. Gruppe war eine Ergänzungsgruppe und nahm in der Regel nicht an Kampfeinsätzen teil. In ihr wurden frisch ausgebildete oder rekonvaleszente Flieger eine Zeitlang an die Frontbedingungen gewöhnt und geschult, bevor sie in eine der drei Einsatzgruppen wechselten. Darum hatte sie meist ihren Standort in der Heimatbasis des jeweiligen Geschwaders.

Nachdem das Geschwader ab dem 13. November 1944 die Bezeichnung Kampfgeschwader (J) 55 erhielt und damit de facto ein Jagdgeschwader war, änderte sich die Gliederung. Der Geschwaderstab führte die I. bis III. Gruppe, die wiederum in je 3 Staffeln und dem Gruppenstab unterteilt waren. Jede Staffel bestand aus vier Schwärmen, die wiederum in zwei Rotten zu je zwei Jagdflugzeugen unterteilt war. Daraus ergab sich eine Sollstärke der Kampfgruppe (J) von 48 Flugzeugen in den drei Staffeln + vier Flugzeuge für den Gruppenkommandeur und seinen Stab. Dies ergab bei drei Kampfgruppen (J) eine Sollstärke von 156 Flugzeugen + 4 Flugzeuge für den Geschwaderkommodore und seinen Stab.

Geschichte Überfall auf Polen Der Stab, die I. und II. Gruppe des Kampfgeschwaders 55 waren bei Beginn des Überfalls auf Polen der 4. Fliegerdivision der Luftflotte 2 unterstellt, die in Nordwestdeutschland aufgestellt war. Die Einsatzhäfen waren Wesendorf () und Dedelstorf ().Bernhard R. Kroener: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 5/1, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1988, ISBN 3-421-06232-3, S. 718–719. Die III. Gruppe war währenddessen der 6. Fliegerdivision unterstellt und lag in Giebelstadt. Das Geschwader ging mit der Heinkel He 111 in der Ausführung P-4 in den Einsatz. Die beiden Daimler-Benz DB 601-Motoren leisteten je 1100 PS, was eine Höchstgeschwindigkeit von 390 km/h und eine Bombenlast von 2000 kg erbrachte. Am 3. September wechselten der Stab, die I. und die II. Gruppe in den Bereich der Heeresgruppe Süd und beteiligte sich an den Kampfhandlungen gegen Polen. Dazu war sie der 2. Fliegerdivision der Luftflotte 4 unterstellt. Ihre Einsatzhäfen waren Märzdorf () und Rosenborn. () Mit 55 einsatzbereiten Heinkel He 111 P bekämpfte das Geschwader anfangs Bahnanlagen und Truppentransportzüge auf den Strecken Krakau-Przemysl und Krakau-Miechow-Kielce. Später unterstützte es Heeresverbände bei der Schlacht an der Bzura und den Verfolgungskämpfen in Richtung San und Weichsel. Ab 20. September verlegte das Geschwader zurück in seine Heimatstandorte.

Westfeldzug Vom 10. Mai 1940 bis zum 25. Juni nahm das Geschwader am Westfeldzug teil. Dazu war es dem V. Fliegerkorps der Luftflotte 3 unterstellt. Zu Beginn startete es von den Fliegerhorsten Leipheim (), Baltringen () und Ehingen (). Das Geschwader begann mit 107 Bombern, davon 66 einsatzbereit. Erste Ziele waren die Flugplätze der französischen Armée de l’air in Nancy und Toul.H. L. de Zeng, D. G. Stankey, E. J. Creek, S. 198 Dabei schossen französische Jäger der Groupe de Chasse I/2 die He 111P (Geschwaderkennung G1+AD) von Major Paul Schemmell ab, seinerzeit Gruppenkommandeur der III. Gruppe. Schemmell konnte seinen Bomber bei Vahl-les-Benestroff notlanden und geriet in französische Kriegsgefangenschaft, aus der er später wieder frei kam. Bis zum 13. Mai griff das Geschwader 38 Militärflugplätze an. Ein weiterer Schwerpunkt waren Verkehrsverbindungen wie Bahnhöfe und Eisenbahndepots. So flog die I. Gruppe am Abend des 11. Mai einen Langstreckeneinsatz um das Eisenbahndepot von Orléans zu bombardieren. Da sich die Eisenbahnanlagen häufig in den Innenstädten befanden, gab es auch zivile Opfer.H. L. de Zeng, D. G. Stankey, E. J. Creek, S. 193 Am 11. Mai verlegte die II. Gruppe nach Schwaighofen () am 15. Mai die I. Gruppe auf den Fliegerhorst Malmsheim () und am 24. Mai die III. Gruppe nach Eutingen. () Von hier aus flog das Geschwader Luftangriffe gegen Reims, Verdun oder Charleroi in Belgien.H. L. de Zeng, D. G. Stankey, E. J. Creek, S. 201 Am 1. Juni trat das Geschwader zum IV. Fliegerkorps und flog am gleichen Tag zusammen mit dem Kampfgeschwader 53 einen Luftangriff auf Marseille. Am Folgetag, nach einem Luftangriff auf Flugplätze im Raum Lyon, drang ein Flugzeug der 9. Staffel in den Schweizer Luftraum ein und wurde durch eine Messerschmitt Bf 109 der Schweizer Luftwaffe abgeschossen. Am 3. Juni beteiligte sich das Geschwader am Unternehmen Paula und bombardierte Flugplätze und Flugzeugfabriken im Raum Paris. Danach unterstützte es den Vormarsch der Heeresgruppe B nach Paris. Letzte Luftangriffe erfolgten auf den Rückzugswegen der französischen Streitkräfte im Raum Nancy.E. R. Hooton: Luftwaffe at War; Blitzkrieg in the West. London: Chevron/Ian Allan. ISBN 978-1-85780-272-6, S. 86 Mit dem Waffenstillstand am 22. Juni 1940 endeten für das Geschwader die Kampfhandlungen in Frankreich.E. R. Hooton: Phoenix Triumphant: The Rise and Rise of the Luftwaffe. Arms & Armour, ISBN 1-85409-181-6, S. 243 Insgesamt flog das Geschwader in diesem Feldzug rund 2260 Einsätze, darunter 725 gegen Eisenbahnziele und 406 gegen Flugplätze, bei einem Totalverlust von 30 Flugzeugen.

Luftschlacht um England Vom 25. Juni 1940 bis zum 11. Juni 1941 war das Geschwader an der Luftschlacht um England beteiligt. Es blieb dem V. Fliegerkorps der Luftflotte 3 zugeordnet. Es lag anfangs auf Plätzen im besetzten Teil Frankreichs, wie Villacoublay (), Dreux () und Chartres (). Inzwischen erreichten die neuen Heinkel He 111 der H-Serie in der Ausführung H-6 das Geschwader, die mit zwei Jumo-211 ausgestattet waren und zusammen 200 PS mehr Leistung erbrachten. Dadurch stieg die Höchstgeschwindigkeit um 10 km/h auf 400 km/h und die Bombenlast um 500 kg auf 2500 kg. Am 13. August, dem sogenannten Adlertag, griff das Geschwader die Häfen von Plymouth und Feltham, sowie das Middle Wallop Airfield an. Am Folgetag flog es Luftangriffe auf das Royal Naval Armament Depot East Dean in Hampshire. Dabei wurde die He 111P-4 (Geschwaderkennung G1+AA) des Geschwaderkommodore Alois Stoeckl abgeschossen und die gesamte Besatzung getötet. Er wurde durch Hans Korte ersetzt. Am 16. August wurde erstmals der Flughafen Flughafen London Heathrow attackiert. Ab dem 26. August nahm es an einer dreiwöchigen Luftoffensive gegen die Flugzeugindustrie in den West- und East Midlands teil.Francis Mason: Battle Over Britain, McWhirter Twins, London. ISBN 978-0-901928-00-9, S. 308 Dabei wurden zur Nachtzeit Ziele in Bristol, Southampton und Portland angegriffen. Am 25. September erfolgte zusammen mit dem Lehrgeschwader 1 ein Luftangriff auf die Bristol Aeroplane Company in Filton. Dabei wurden auf dem Werkflugplatz 80 Bristol Beaufort und Bristol Blenheim zerstört oder beschädigt.Francis Mason: Battle Over Britain, McWhirter Twins, London. ISBN 978-0-901928-00-9, S. 411 Bis zum 31. Oktober folgten noch Luftangriffe auf Liverpool und ein Kraftwerk in Yeovil. mini|Abgeschossene He 111 des Geschwaderstabes