Dhrupad () ist in der klassischen indischen Musik der älteste (strengste) Gesangsstil der hindustanischen Musik. Der Begriff ist abgekürzt von dhruva pada, wobei Sanskrit dhruva („fest“, „feste Form“) eine genau festgelegte Komposition in einem bestimmten Modus und pada („Fuß“, „Schritt“, „Vers“, „Versmaß“) ein Gedicht zu einer vorgegebenen Musik bedeutet. Dhrupad ist eine Versform des Gedichts und ein Gesangsstil, in dem es gesungen wird.

Der Vokalstil gilt als ernst, männlich und gravitätisch. Er verlangt vom Sänger große Kontrolle des Atmungsapparates und hervorragende stimmliche Variationstechnik. Dhrupad dient vor allem dem Lob von Helden, Göttern und Herrschern. In der karnatischen Musik Südindiens wird der klassische, vom Dhrupad kommende Stil als Kriti (auch Kirtanam) bezeichnet (nicht zu verwechseln mit Kirtan, einer devotionalen Liedform in Nordindien).

Ursprung und Geschichte Dhrupad geht vermutlich auf die ältere musikalische Form des Prabandha im 12. bis 14. Jahrhundert zurück, wie sie in der indischen Musiktheorie Sangīta Ratnākara („Ozean der Musik und des Tanzes“) des Sharngadeva (1210–1247) beschrieben wird. Am Hof des kunstsinnigen Hindu-Fürsten von Gwalior, Raja Man Singh Tomar (1486–1525), erhielt der Dhrupad seine heutige Form durch das Wirken von Haridasa Swami und Tansen (1506–1589).Daniélou, S. 82. Mit der Einnahme der Residenzstadt durch die Mogultruppen im Jahr 1523 zerstreuten sich die Hofmusiker, die teilweise später am Mogulhof Anstellung fanden. Während die Sprache des Prabandha noch vorwiegend das Sanskrit war, bediente sich der Dhrupad bereits eines mittelalterlichen Dialekts des Hindi, des Brijbhasha, der um Agra und Gwalior im 14. bis 16. Jahrhundert gesprochen wurde, in dem auch die Mystikerin Mirabai (1498–1546) und der Philosoph, Poet und Bhaktijünger Tulsidas (1532–1623) dichteten. Heute wird auch modernes Hindi verwendet.

Dhrupad wurde von dem Hindu-Musiker und berühmten Sänger Tansen umgeformt. Gebürtig aus Gwalior interpretierte der Hofmusiker des Mogulkaisers Akbar I. (1542–1605) in der Nachfolge seines historisch nicht konkret belegbaren Lehrers Haridas Swami Dagar den Dhrupad revolutionär neu. Tansens Auftreten gilt als Kulminationspunkt des höfischen Dhrupadstils, seine Dhrupadas als „ideale Prototypen“.Roychaudhuri S. 33. „Einen solchen Sänger wie ihn gab es in Indien seit tausend Jahren nicht“, wusste der Chronist an Akbars Hof, Abu-l-Fazl (1551–1602), in seiner Liste der zeitgenössischen Musiker zu rühmen (Ain i Akbari II, S. 445). Tansens Nachkommenschaft teilte sich in drei Linien auf: der älteste der Söhne, Vilas Khan, spielte wie der Vater die rubab und gründete die Rababi Gharana (die rubab-spielende Familie oder Linie), eine Tochter rief gemeinsam mit dem Schwiegersohn die vina-spielende Binkar Gharana ins Leben, während ein weiterer Sohn, Surat Sen, die Seniya Gharana von Jaipur gründete.dagegen Roychaudhuri, S. 33 f mit abweichenden Angaben

Nach der Prägung durch Tansen erlebte der Dhrupad eine Blütezeit und galt bis ins 18. Jahrhundert als dominante musikalische Form der Vokalmusik. Dhrupad wurde ab dem frühen 19. Jahrhundert an den Fürstenhöfen zur elitären sahŗdaya (Sanskrit „Sache des Herzens“), die hohe Kennerschaft erforderte.Arnold Bake: Indische Musik. In MGG 1, Bd. 6, 1957 Im Gegensatz dazu stand die Khyal-Musik, die im 17. Jahrhundert entstanden war. Der meist von sarangi und tabla unterstützte leichte weibliche Gesang im Khyal-Stil begleitete an den Herrscherhäusern Tanzmädchen. Hinzu kamen im 19. Jahrhundert der romantische und devotionale Thumri- und der Tappa-Stil. Auch die Instrumentalmusik von sitar und sarod bevorzugte die anderen Stile, sodass der Dhrupad nahezu in Vergessenheit geriet.

Themen des Dhrupad-Gesangs Dhrupad entfaltete seinen religiösen Aspekt im Rahmen der Vishnu-Verehrung als Lobpreis der beliebten Hindu-Gottheit Krishna, der in Vrindavan, einem kleinen Ort bei Mathura eine unbeschwerte Jugend unter Hirten und Hirtinnen verbracht haben soll. Sanskrittexte, die bald in Volkssprache übertragen wurden, schilderten die (teilweise amourösen) Abenteuer des beliebten Hirtengottes, vor allem mit seiner Geliebten Radha, und bildeten eine wesentliche Textgrundlage des Dhrupad, der damit das musikalische Medium für den Bhakti-Kult wurde, die bis heute weit verbreitete, hingebungsvolle Verehrung an Lord Krishna (Haveli-Dhrupad). Vrindaban ist bis heute das eigentliche Zentrum des Dhrupad, wo im November 2009 das letzte Festival stattfand (Dhrupad Mela); ähnliche Melas finden inzwischen auch an anderen Orten Indiens statt, zum Beispiel am Tulsi Ghat in Varanasi.

Mit dem Zutritt zu den Höfen kam es zu einer Erweiterung des Themenkreises: nun traten der Lobpreis des Herrschers, die Musik als solche, Heldenlieder sowie der Lobgesang weiblicher Schönheit (Radha-Lyrik) hinzu. Generell zeichnet sich der Dhrupad dadurch aus, dass er sowohl die Qualitäten des Textes (mātu) als auch der Melodie (dhātu) adäquat zum Ausdruck bringt.

Dhrupadgesang durchzog als Tempel- und Hofmusik den gesamten Jahresablauf des frommen Hindu und verbreitete sich u. a. mit den vishnuitischen Wandermönchen der Vallabha-Sekte über den Subkontinent. Mit der Konversion des Musikers Tansen zum Islam setzte jedoch, ganz im Sinn des Mogulherrschers Akbar, eine Verbreiterung und Intensivierung des Bhakti-Gedankens ein, der zahlreiche Berührungspunkte zum Sufi-Glauben des Islam bot.

Tansens Kunstmusik hielt damit Einzug in die Zentren der politischen Macht, das heißt an die muslimischen und die Hindu-Fürstenhöfe, und wurde von Hindu-, aber überwiegend von Muslim-Musikern vorgetragen.

Als Mittel der inneren Einkehr, als spirituelle Disziplin, als die sich der Dhrupad ursprünglich versteht, befindet sich der Dhrupad heute wie damals im Spannungsfeld zwischen der öffentlichen Darbietung und dem inneren Erleben. Die Weigerung renommierter Dhrupad-Sänger wie Fahimuddin und Rahimuddin Khan Dagar (1900–1975) überhaupt öffentlich aufzutreten oder Aufnahmen zu gestatten, erklärt sich aus dieser Furcht vor Profanierung.

Instrumente, Besetzung miniatur|Möglicherweise der Weise Narada, der Erfinder der vina und einer der Gandharvas genannten himmlischen Musiker. Miniatur vom Anfang des 19. Jahrhunderts

Bis heute gilt nur derjenige als Sänger, der alle vier Stile – neben Khayal, Ghazal und Bhajan auch Dhrupad – die als charmukha („vier Gesichter“) der Musik verstanden werden, beherrscht. Nur dank der Patronage einiger Fürstenhöfe in Nordindien und des All India Radio überlebte die Kunstform in Gestalt einer streng, ja eifersüchtig gehüteten Tradition bei einigen Musikerfamilien. Vor allem seit den 1970er Jahren erlebt die exklusive Musik des Dhrupad auf nationaler und internationaler Ebene ein Revival. Sie hat sich gegen die sogenannte „Khayalisierung“ (Saiduddin Dagar) zu wehren, das heißt gegen Ästhetisierung oder Glättung.

Außer durch Vokalinterpretation kann Dhrupad nur noch durch die Rudra Vina interpretiert werden, eine Stabzither mit 22 Bünden und 7 Saiten, die mit einem Plektrum (mizrab) gespielt wird. Sie gilt als edelstes und schwierigstes Instrument, ihr mythischer Erfinder Narada spielte damit den Göttern vor. Dazu erklingt die Langhalslaute tanpura, ein Borduninstrument mit 4 Saiten in Grundton, Oktave, Quinte und Oktave, die hinter dem stimmlich Vortragenden den Grundton erklingen lässt.

Dhrupadkompositionen bestehen aus vier oder fünf Teilen. Im Dhrupad dominiert die – zumeist männliche – Stimme bzw. der Gesang, wenngleich selten, aber schon von jeherDay S. 86. Dhrupad auch von Frauen praktiziert wird, heute unter anderen von Sulochana Brahaspati oder der Italienerin und Malik- bzw. Dagar-Schülerin Amelia Cuni. Zum Dhrupad-Ensemble gehören außer dem dominierenden Vokalisten – es kann sich auch um mehrere, unisono singende Sänger handeln – eine oder zwei einen Klangteppich webende Tanpuras, die sich unmittelbar hinter dem Vokalisten befinden, sowie als Rhythmusinstrument die große Fasstrommel pakhawaj mit zwei unterschiedlich großen Fellen, die rechts vom Sänger gespielt wird. Daneben wird als Instrument nur die Rudra Vina oder ein vergleichbar tief gestimmtes Instrument geduldet, das einen ähnlich lange anhaltenden Ton hervorbringt.

Wie sämtliche klassische indische Musik verläuft auch der Dhrupad nicht, wie in der westlichen Musik, tonal entlang des Dur-Moll-Systems, sondern modal in Ragas.

Aufbau Wie andere Musikformen Indiens beginnt der Dhrupad mit dem einleitenden ālāp (Hindi „Gespräch, Unterhaltung“), einer bis zu halbstündigen, melodischen und völlig freien Improvisation des Vokalisten im Umfang von etwa zweieinhalb Oktaven, in der der Sänger ohne rhythmische Begleitung, nur in Begleitung der tanpura, mit Hilfe von Tonsilben den Raga in drei verschiedenen Tempi (skt. laya "Takt, Tempo") – langsam, mittel und rasch (vilambit, madhya, druta laya) – durchschreitet und dabei in festgesetzter Reihenfolge den Tonraum des jeweiligen Rāg in bisweilen dramatischer Steigerung von unten nach oben erkundet. Name und Art des Rāg legen dabei fest, zu welcher Tageszeit, in welcher Tonfolge und in welchem Rhythmus vorgetragen wird. Der ālāp beansprucht im Allgemeinen die meiste Zeit bei der Aufführung, i. d. R. etwa 30–45 Minuten.

Im madhya laya setzt ein regelmäßiger Rhythmus ein, und der Sänger geht in ein lebhafteres Tempo über; druta laya schließlich ist durch vokalische Verzierungen und kompliziertere Rhythmen gekennzeichnet, ehe der Vokalist im Endteil des Alap wieder zur strengen, schlichten Eleganz des Beginns und zum Ausgangston zurückfindet. Eine andere Einteilung unterscheidet beim Alap die eigentliche, freien Improvisation (ālāp) zu Beginn, jor (konstanter Rhythmus) und jhala oder nom-tom (beschleunigtes Singen von Silben).

Anschließend setzt die eigentliche Komposition ein, mit generell vier, bisweilen fünf, mindestens aber zwei Teilen: sthāyī (skt. "Unveränderlichkeit", umfasst die mittlere Oktave) und antarā als kontrastierende Alternative (Sanskrit „Inneres, Zwischenraum“, obere Oktave). Meist werden zwei weitere Abschnitte hinzugefügt: sañcārī (Sanskrit „Wanderung“, mittlerer und oberer Tonraum, Abwärtsbewegung) und ābhoga (Sanskrit „Krümmung“, Rückkehr zum Ausgangspunkt (Koda) des sthāyī); bisweilen gilt als separater, fünfter Teil bhoga innerhalb des sañcārī. – Im Süden des Kontinents werden die Abschnitte gleichfalls mit Sanskritbegriffen bezeichnet: pallavī, anupallavī und caraņam; der ābhog kommt ebenfalls vor, führt jedoch keine eigene Bezeichnung.Arnold Bake: Indische Musik. In: MGG 1, Bd. 6, 1957, Sp. 1175

Nach der Improvisation im Alap setzt, oft übergangslos, die eigentliche Komposition mit festem Text in Begleitung der Pakhawaj ein. Bei einer Taktzahl von 7 (tivra), 10 (sul) oder 12 (chau) Schlägen (hindi tāl "Rhythmus, Takt") spricht man von einer Dhrupad-, beim schnelleren, 14-schlägigen von einer Dhamār-Komposition, wie sie meist zum Holi-Fest oder zu Ehren Krishnas aufgeführt wird. Der Trommelspieler erhält während des Vortrags mannigfach Gelegenheit zum solistischen Einsatz. Vor dem eigentlichen Dhrupad zitiert der Sänger den zumeist alten oder traditionellen lyrischen Text in Teilen oder als Ganzes, oft auf Sanskrit und mit religiösem oder musikwissenschaftlichem Hintergrund, den er anschließend durch die Technik des bol-bāņţ (hindi "Wort-Teilung") teilweise bis zur Unkenntlichkeit in seine Silbenbestandteile zerlegt und im Zusammenspiel mit dem Trommler in reicher rhythmischer Gliederung miteinander kombiniert.New Grove 110 und 116

Dhrupad wird nicht nur konzertant, sondern auch weiterhin in Tempeln aufgeführt, wo der Alap wegfällt und statt der Pakhawaj die kleinere Mridangam verwendet wird. Glocken und Zimbeln ergänzen hier das Ensemble.

Stile, Schulen, Künstler und Zentren