Die Soldaten ist die einzige vollendete Oper des deutschen Komponisten Bernd Alois Zimmermann.Nach Meyers Handbuch über die Musik, Bibliographisches Institut Mannheim, Wien und Zürich 1971, S. 953 hinterließ Zimmermann eine unvollendete Oper Medea nach Hans Henny Jahnn. Die von Zimmermann in Collagetechnik zusammengestellte Handlung in vier Akten basiert auf dem gleichnamigen Drama von Jakob Michael Reinhold Lenz. Zimmermann verwendete in seiner in Zwölftontechnik komponierten Oper erstmals Multimedia-Elemente wie Simultanszenen, Filmprojektionen, Zuspielbänder und Lautsprecher auf der Bühne und im Zuschauerraum. Die Oper, die zunächst als „unspielbar“ galt,Siehe beispielsweise Götz Friedrich, in: Programmheft der Hamburgischen Staatsoper, 1976, ohne Seitenangabe. setzte sich jedoch nach der Uraufführung am 15. Februar 1965 auch international durch und wurde trotz der überdimensionalen Besetzung und der Aufführungsschwierigkeiten von vielen größeren Bühnen nachgespielt. Heutzutage gilt das Werk nach Meinung vieler Musikkritiker als eine der wichtigsten Opern des 20. Jahrhunderts.Beispielsweise Karl Löbl und Robert Werba: Hermes Handlexikon. Opern auf Schallplatten. Band 2, Econ Taschenbuch, Düsseldorf 1983, ISBN 3-612-10035-1, S. 235: „Zwar kann das Schauspiel, das hier die Basis ist für eine der wichtigsten Opern des 20. Jahrhunderts, als bekannt gelten. […]“

Entstehung miniatur|hochkant|links|Die literarische Vorlage der Oper

Intentionen Zimmermann hatte sich nach eigenen Angaben seit langem mit dem Lenzschen Sturm-und-Drang-Schauspiel Die Soldaten beschäftigt, in dem die klassischen drei Einheiten von Zeit, Raum und Handlung aufgehoben sind und stattdessen eine „Einheit der inneren Handlung“ vorliegt. Darin sah er eine Vorwegnahme des Ulysses von James Joyce, in dem mehrere Handlungsebenen übereinander geschichtet sind. Diese Möglichkeiten glaubte Zimmermann in einer modernen Oper mit Simultanszenen verwirklichen zu können.

Anlässlich einer konzertanten Aufführung durch den WDR am 20. Mai 1963, in der drei Szenen des Werkes als Vokal-Sinfonie vorgestellt wurden,Wulf Konold: Bernd Alois Zimmermann, DuMont, Köln 1986, S. 53. erklärte Zimmermann seine Intentionen: „So wird also in meiner Oper nicht eine Geschichte erzählt, sondern eine Situation dargestellt, noch genauer gesagt: der Bericht über eine Situation vorgelegt, die von der Zukunft her die Vergangenheit bedroht […] insofern wir darin ständig verwickelt sind, in der rotierenden Kugel der Zeit ständig Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft begegnend.“Zitat Bernd Alois Zimmermann aus: Zwischen morgen, gestern und heute, Aufsatz in einem Programmheft des WDR 1963, abgedruckt in: Die Soldaten, Programmheft der Hamburgischen Staatsoper, November 1976.

Seine weiteren Intentionen beschrieb Zimmermann später folgendermaßen: „Nicht das Zeitstück, das Klassendrama, nicht der soziale Aspekt, nicht auch die Kritik an dem Soldatenstand (zeitlos vorgestern wie übermorgen) bildeten für mich den unmittelbaren Beziehungspunkt, sondern der Umstand, wie alle Personen der 1774–1775 von Lenz geschriebenen Soldaten unentrinnbar in eine Zwangssituation geraten, unschuldig mehr als schuldig, die zu Vergewaltigung, Mord und Selbstmord und letzten Endes in die Vernichtung des Bestehenden führt.“Zitat Zimmermann, abgedruckt in: Programmheft der Hamburgischen Staatsoper, November 1976.

Ausarbeitung Nachdem die Stadt Köln 1958 durch den damaligen Generalintendanten Herbert Maisch einen Kompositionsauftrag erteilt hatte, begann Zimmermann mit der Texteinrichtung und der Komposition der Oper. Den Text des Lenzschen Schauspiels ließ er weitestgehend unangetastet, reduzierte aber die Anzahl der handelnden Personen und drängte die Offiziersszenen in Form von Collagen zusammen. Zusätzlich fügte er in der ersten Szene des ersten Aktes, in der ersten Szene des zweiten Aktes und in der fünften Szene des dritten Aktes Gedichte von Lenz ein, sowie einige Ausrufe. Den kommentierenden Schluss des Stückes mit dem Vorschlag einer „Pflanzschule von Soldatenweibern“ ließ er weg.

Im September 1959 hatte Zimmermann die Komposition des ersten Aktes vollendet, den zweiten Akt zwischen Weihnachten und Neujahr 1959/60. Eigentlich sollte der dritte Akt im März 1960 bei der Kölner Oper eintreffen und das Werk im Juni 1960 uraufgeführt werden, aber es bildete sich eine starke Opposition. Nachdem bereits am 8. Januar 1960 der Uraufführungstermin beim IGNM-Fest in Frage gestellt worden war, stellte der Verlag Schott den Druck und die Produktion „bis zur Nennung eines verbindlichen Termins“ ein.Heribert Henrich: Authentisches Klangdokument. Zur Wiederveröffentlichung der Oper Die Soldaten, in: Beiheft der CD, Wergo 2007, S. 5–6. Über den Fortschritt der Komposition liegen unterschiedliche Aussagen vor. Zimmermann selbst äußerte sich später dahingehend, dass die Urfassung der Oper bereits 1960 vollendet war und dass er in einem zweiten Arbeitsschritt nur eine vereinfachte Fassung erstellt habe. Heribert Henrich dagegen kommt, basierend auf einem Brief Zimmermanns aus dem Jahr 1963 zu dem Ergebnis, dass Zimmermann die Komposition der Oper im dritten Akt abbrach und erst im Mai 1963 fortsetzte, wobei er das Preludio des ersten Aktes und das Intermezzo des zweiten Aktes hinzufügte.

miniatur|Das Kölner Opernhaus, in dem 1965 die Uraufführung stattfand Nach Michael Gielen, dem Dirigenten der Uraufführung, war ein Grund für die starke Opposition, dass in der ursprünglichen Version mit sieben Temposchichten die Oper sieben Dirigenten erfordert hätte, woraufhin sich Wolfgang Sawallisch, der damalige Kölner Generalmusikdirektor, nach Vorliegen der Partitur weigerte, das Werk aufzuführen. Nachdem jedoch Zimmermann „eine Fassung mit Taktstrichen quer durch diese Schichten“ erstellt hatte, war das Werk zwar noch immer „exorbitant schwer“, aber unter einem einzigen Dirigenten aufführbar.Zitate und Nachweis bei Michael Gielen: Unbedingt Musik, 2005, S. 142. Zimmermann hatte zunächst Hans Rosbaud, dem das Werk gewidmet ist, als Uraufführungsdirigenten vorgesehen und nach dessen Tod Winfried Zillig, der jedoch im Folgejahr verstarb. Daraufhin entschied sich Zimmermann 1964 für den 37-jährigen Michael Gielen.Heribert Henrich: Authentisches Klangdokument. Zur Wiederveröffentlichung der Oper Die Soldaten, in: Beiheft der CD, Wergo 2007, S. 7–8. Dieser erkannte nach eigenen Angaben bereits nach dem Studium der Partitur des ersten Aktes, „daß es sich um ein kapitales Werk handelt, ein Werk in der Kategorie von Wozzeck, Lulu und Moses und Aron“.Zitat aus Michael Gielen: Unbedingt Musik, 2005, S. 142.

Trotzdem gab es weiterhin Widerstand gegen die Aufführung. Nachdem sich auch Günter Wand, der anfangs mit Zimmermann befreundet gewesen war, gegen das Stück ausgesprochen und behauptet hatte, dass „Zimmermanns Entwicklung von Übel sei“,Zitat aus Michael Gielen: Unbedingt Musik, 2005, S. 143. sprach er sich für eine Torpedierung des Werkes durch das Gürzenich-Orchester aus. Ein weiteres Manko war, dass die Klavierauszüge des dritten und vierten Aktes erst wenige Tage vor der Premiere vorlagen.Bernhard Kontarsky: Gedanken zu Zimmermanns Soldaten, abgedruckt im Beiheft der CD, Teldec 1991, S. 15. Trotz dieser Erschwernisse fand die Uraufführung am 15. Februar 1965 in einer Inszenierung von Hans Neugebauer statt. Eigentlich sollte die Oper mit einer projizierten Atombombenexplosion enden, während ein Schrei vom Band ertönte und das Orchester das „d1 fortissimo diminuendo“ lange hielt, um die Vergewaltigung aller durch alle zu symbolisieren. Stattdessen hatte das Regieteam die Idee, im Moment des Schreis Scheinwerfer mit maximaler Lichtkraft auf das Publikum zu richten. Das Publikum erschrak gewaltig. Der Erfolg des Werkes wurde getrübt durch viele anschließende Buhrufe.Michael Gielen: Unbedingt Musik, 2005, S. 144–145.

Handlung Erster Akt Nach einem etwa fünfminütigen Preludio (Orchestervorspiel), in dem erstmals das Dies irae zitiert und variiert wird,Brief von Bernd Alois Zimmermann an Thomas Kohlhase vom 26. Februar 1967, abgedruckt im Programmheft Die Soldaten, Salzburger Festspiele 2012, S. 114 beginnt der erste Akt.

1. Szene (Strofe). Wesener ist mit seinen beiden Töchtern von Armentières nach Lille umgezogen. In Weseners Haus in Lille schreibt Marie einen Brief an die Mutter ihres Verlobten Stolzius, während ihre Schwester Charlotte mit einer Handarbeit beschäftigt ist.

2. Szene (Ciacona I). Im Haus des Tuchhändlers Stolzius in Armentières. Stolzius leidet unter der Trennung von Marie. Seine Mutter übergibt ihm Maries Brief und ermahnt ihn, endlich das Tuch, das der Obrist für die Regimenter bestellt hat, auszumessen. Nach einem kurzen Orchesterzwischenspiel (Tratto I)Nach Heinz Josef Herbort: Bernd Alois Zimmermann: Die Soldaten 1967, in: Beiheft der CD, Wergo 66982, 2007, S. 31 „eine „Strecke“, die man geht, dem Ziel entgegen.“ folgt die

3. Szene (Ricercari I). Im Haus der Weseners macht Baron Desportes, der im französischen Regiment dient, Marie den Hof. Wesener tritt hinzu und verbietet, dass Marie Desportes in eine Komödie begleitet. Nach Desportes Abgang warnt er Marie, dass sie ihren guten Ruf verlieren könne, wenn sie mit Soldaten Umgang hat.

4. Szene (Toccata I). Am Stadtgraben von Armentières treffen der Obrist, die Hauptleute Haudy und Mary, der junge Graf, der Feldprediger Eisenhardt, der Hauptmann Pirzel und drei junge Offiziere zusammen. Haudy verteidigt die Komödie und behauptet, dass eine Komödie mehr bewirken könne als Predigten. Als dann das Gespräch auf Mädchen und Huren kommt, wendet der Feldprediger Eisenhardt ein: „Eine Hure wird niemals eine Hure, wenn sie nicht dazu gemacht wird“, womit er die vielen verführten „unglückliche(n) Bürgerstöchter“ meint.

5. Szene (Nocturno I). Schauplatz ist wieder Weseners Haus in Lille. Wesener rät Marie, ihren Verlobten Stolzius, der um ihre Hand angehalten hat, zunächst hinzuhalten, da auch der Baron in sie verliebt ist und ihr ein Gedicht gewidmet hat.

Zweiter Akt Nach einer kurzen Introduktion (Introduzione) beginnt die Handlung.

1. Szene (Toccata II). In einem Kaffeehaus in Armentières sitzen an sechs verschiedenen Tischen jeweils drei gelangweilte Offiziere und Fähnriche, von denen einige Karten spielen oder Zeitung lesen. Nach den Regieanweisungen im Libretto sind sie ständig in einer „choreographischen Bewegung“ und bilden neben ihrem Sprechgesang durch rhythmisches Klappern mit Geschirr, Tischen und Stühlen ein zusätzliches Schlagzeug auf der Bühne. Ein junger Fähnrich mit einer Andalusierin im Arm bietet diese einem betrunkenen Offizier zum Beischlaf an. Nachdem auch Eisenhardt und Pirzel hinzugekommen sind, kommt die Rede auf Stolzius.

Drei Fähnriche (Tänzer) beginnen ein Rondeau à la marche, wobei sie nach den Regieanweisungen wie Stepptänzer mit Spitze, Hacke und ganzem Fuß Geräusche erzeugen und mit der Präzision eines Schlagwerks ausführen sollen. Im anschließenden Couplet I, Refrain, Couplet II, Refrain, Couplet III, Refrain, Couplet IV und Couplet V besingen der junge Fähnrich, der junge Graf und Mary die Freiheit der Soldaten, „Götter wir sind!“, und alle Anwesenden schreien ausgelassen durcheinander. Nachdem alle die tanzenden Fähnriche umringt haben, beginnt ein Tanz der Andalusierin (Variations sentimentales), bei dem eine Jazz-Combo die Bühne betritt. Als der Obrist, Eisenhardt und Haudy auftauchen, stiehlt sich die Andalusierin davon. Pirzel beginnt eine moralisierende Ansprache, die niemand hören will. Nachdem auch Stolzius hereingekommen ist, wird er mit zweideutigen Anspielungen auf Marie und Desportes verspottet. Stolzius verlässt erregt das Kaffeehaus. Die Szene endet in einem Tumult.

Ein Intermezzo leitet über zur

2. Szene (Capriccio, Corale e Ciacona II), in der verschiedenen Handlungsstränge simultan verlaufen.