Als Fraternisierung, auch Fraternisation (Verbrüderung von : „Bruder“), wird im Krieg bzw. in der Besatzungszeit die Zusammenarbeit von Soldaten einander feindlich gesinnter Kriegsparteien oder zwischen Besatzungssoldaten und der einheimischen Bevölkerung bezeichnet. Oft ist die Fraternisierung den Soldaten durch die militärische Führung verboten.

Fraternisierung hat daher oft militärrechtliche Konnotationen, im Gegensatz zum Begriff der Verbrüderung, der auch die Zusammenarbeit mehrerer Individuen, Personenverbünde und Staaten in Phasen des Friedens meint.

Theorie zur Fraternisierung Die Verbrüderung ist nach der Ansicht des Politikwissenschaftlers Robert Axelrod eine Form der Kooperation. In seinem 1984 im englischen Original erschienenen Werk Die Evolution der Kooperation schreibt er, dass aus modellierter spieltheoretischer Sicht die Fraternisation einem iterativen Gefangenendilemma gleicht, da kleinere örtlich begrenzte Einheiten in ruhigeren Frontabschnitten des Stellungskriegs im Ersten Weltkrieg idealisiert als Spieler betrachtet werden können. Durch die längere zeitliche Bindung der gegnerischen Einheiten an einem Frontabschnitt kommt es zur mehrfachen Interaktion der Soldaten (als Spieler betrachtet), was zur Anwendung von bedingten Strategien führt, die im Fall eines einmaligen Ereignisses nicht auftreten würden. Waffenruhe ist für Axelrod der Zustand, der zur Verbrüderung im Krieg führt. Diese Situation ergibt sich durch innere Faktoren wie die gleichzeitige Einnahme von Mahlzeiten, Zeichen zwischen den Gegnern und durch äußere Faktoren wie Zurückhaltung infolge von Schlechtwetterperioden. Eine gleichartige Gegenaktion auf eine Aktion zwischen den Soldaten als Vergeltungsmaßnahme behindert Fraternisierung, weshalb sich als passives Verhalten der Einheiten und Soldaten ein Verzicht darauf ergibt. Es gilt eine „Auge-um-Auge“-Situation, die nach Axelrod im Englischen als „Tit for Tat“ bezeichnet wird. Diese zwingt die handelnden Soldaten, ihrem eigenen Überlebenswillen nach, zur Passivität. Darüber hinaus wird Verzicht dadurch aufrechterhalten, dass die Möglichkeit einer überproportionalen Gegenreaktion durch Demonstration des Potenzials aufgezeigt wird. Das Prinzip „zwei für einen“ oder „drei für einen“ ist die Antwort auf unakzeptable Maßnahmen des Feinds. So wird eine Überreaktion gehemmt.

Fraternisierungsverbote aus verhaltensbiologischer Sicht Nach humanethnologischer Bewertung durch den Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt schwächt sich bei „persönlicher Bekanntheit die Aggressivität deutlich ab. Daher werden im Krieg auch immer Gesetze gegen Verbrüderung erlassen, die verhindern sollen, dass die Gegner einander persönlich kennenlernen und auf freundliches Verhalten umschalten.“

Fraternisierung während des Ersten Weltkrieges

Situation Die Förderung des Angriffsgeists war für die Stäbe wichtig. Die Alliierten verfolgten eine Zermürbungsstrategie (engl. War of Attrition – ‚Stellungskrieg‘), die für sie durch gleiche Verluste auf beiden Seiten zu einem Nettogewinn führen sollte, weil früher oder später die deutschen Kräfte zuerst erschöpft wären. Der Erste Weltkrieg war auf Ebene der Staaten ein Nullsummenspiel, in dem Gewinn für die eine Seite den Verlust der anderen zur Folge hatte. Auf lokaler Ebene führte dies jedoch zu wechselseitiger Zurückhaltung. Bereits 1914, nach dem Erstarren des Bewegungskriegs zu einem Stellungskrieg, kam es zu Fraternisierung.

Bis Weihnachten 1914 entstand eine „ausgedehnte“ Verbrüderung. Die zeitgleiche Einnahme von Mahlzeiten bedingten zu Anfang Waffenpausen (kurzzeitige Waffenruhe), die beispielsweise durch Luftschüsse kommuniziert wurden. Darüber hinaus gab es Zeichen, die Bereiche des Schlachtfelds von Kampfhandlungen ausnahmen. Ein Augenzeuge berichtete: „In einem Abschnitt war die Zeit von acht bis neun Uhr morgens »Privatangelegenheiten« gewidmet und bestimmte durch einen Wimpel gekennzeichnete Stellen galten für die Scharfschützen beider Seiten als verboten.“ Die Verbrüderung nahm kurzzeitig sogar unerwartete Formen an. Es wurde beispielsweise zwischen Briten und Deutschen Fußball gespielt.

Auffällig war die Verbrüderung zur Weihnachtszeit. Bereits zu Weihnachten 1914 fraternisierten Tausende deutsche mit englischen, französischen und belgischen Soldaten. Ebenso wiederholten sich derartige Szenen 1915 sowie insbesondere an den Neujahrstagen von 1915 und 1916. Es wurden Tabak, Getränke oder Essen im „Niemandsland“ ausgetauscht.

Großen Umfang nahmen die Soldatenverbrüderungen zwischen deutschen und russischen Soldaten an der Ostfront nach der Februarrevolution von 1917 und vor allem nach der Oktoberrevolution an. Einen erheblichen Anteil daran dürfte die Friedensagitation der Bolschewiki gehabt haben, was von der Geschichtswissenschaft der DDR und der UdSSR als Beweis für die Massenwirksamkeit bolschewistischer Agitation bewertet wurde.Christoph Jahr: Soldatenverbrüderung. In: Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Paderborn 2003, S. 846 f.

Mittel gegen die Fraternisierung mini|Deutsche und britische Truppen während des Weihnachtsfriedens

Gegen die Verbrüderung wurden Propagandamittel eingesetzt. Z.B. in Deutschland im Zuge des Vaterländischen Unterrichts.Christoph Jahr: Soldatenverbrüderung. In: Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Paderborn 2003, S. 846. Nachrichten über erfolgte Fraternisierung wurden von der Zensur unterdrückt. Daneben gab es das ausdrückliche Verbot der Verbrüderung.

Den schon 1914 entstandenen offenen Waffenruhen wurde von der Führung der Kriegsparteien entgegengewirkt. Militärische Befehle sollten klarstellen, dass Soldaten „in Frankreich waren, um zu kämpfen, und nicht, um mit dem Feind zu fraternisieren (Fifth Battalion the Camaronians 1936, 28)“. Zudem gab es Kriegsgerichte, die Soldaten bis hin zu ganzen Bataillonen aburteilten. Aufgrund der Gegenmaßnahmen der Stäbe sank die Zahl der Fraternisierungen. Während der Kriegszeit interessierte die Soldaten und auch die Bevölkerung das Schicksal der durch den Vollzug der Todesstrafe Gerichteten. Dies führte bis hin zu Debatten im Parlament. Manche Erschießungen wurden als Justizirrtümer eingestuft und „korrigiert“.

Propaganda wurde unsystematisch und „instinktiv“ zur Weihnachtszeit betrieben. Durch „kritisch-kämpferische“ Weihnachtsgedichte wurden die Soldaten jedoch kaum motiviert, da sie die Realität des Krieges kannten. Ein weiteres Mittel war die inszenierte »Weihnachtsfeier im Felde«, an der im Idealfall Wilhelm II. höchstselbst teilnahm.

Durch die 1916 in der Brussilow-Offensive erstmals angewendete Taktik der Stoßtruppen – kurze Feuerüberfälle durch Artilleriebeschuss, gefolgt von einem Infanterieangriff – wurde das bis dahin praktizierte Verhalten geändert.

Wegen gemehrter Schilderungen der Art: „Es gibt Stellungen, in denen man mit den Deutschen schwatzt. Sie zeigen uns Fotos und fassen uns bei der Hand, aber nicht, wenn Offiziere dabei sind, da dies streng verboten ist, – selbst eine Unterhaltung“ erging eine erste Weisung am 4. Dezember 1917 an die Armee zum Verbot solcher Begegnungen, die von Henri Philippe Pétain unterzeichnet wurde. Eine weitere Weisung folgte am 29. Januar 1918.

Besatzungszeit in Deutschland Rund 500 Kinder entstanden aus Beziehungen zwischen weißen deutschen Frauen und schwarzen französischen Kolonialsoldaten, die bei der Rheinlandbesetzung zum Einsatz kamen. Die Kinder werden auch als „Brown Babies“ bezeichnet. Die Ablehnung der deutschen Bevölkerung gegenüber den Kindern in den 1920er Jahren und später charakterisiert der Topos „Rheinlandbastard“ (siehe auch: Mulatte).

Fraternisierung während des Spanischen Bürgerkrieges mini|Komitee des Internationalen Zivildienstes 1936; die Mitglieder setzten sich für die Rettung gefährdeter Kinder ein

Situation

Im Spanischen Bürgerkrieg zwischen Juli 1936 und April 1939 kam es zum Umsturz. „Der Aufstand in Spanien war ausschließlich auf endogene Ursachen zurückzuführen.“ Der rechtsgerichtete General Francisco Franco putschte gegen die Spanische Republik. Demgegenüber kämpften Freiwillige der Kommunistischen Internationale für eine kommunistische spanische Republik. Diese sind bekannt als Internationale Brigaden.

Im Zuge des Mitleids wurden in verschiedenen Ländern Flüchtlinge aus Spanien aufgenommen, wobei die Zahlen unterschiedlich ausfallen. Nach Huge Thomas lebten im Juli 1939 etwa 352.000 spanisch-republikanische Flüchtlinge in der Emigration, davon 200.000 in französischen Lagern, 150.000 in Lateinamerika und es kehrten nach dem Krieg von diesen 50.000 zurück. Das Schicksal der Waisenkinder führte zur Fraternisierung und wurde politisch propagandistisch ausgenutzt.

Fraternisierung mit den Internationalen Brigaden

Die Interbrigaden wurden ab dem 9. Oktober 1936 aufgestellt. Militärischer Befehlshaber der XI. Internationalen Brigade wurde Manfred Stern (General Kleber). Es kam unter dem kommunistisch gesinnten Bevölkerungsteil zur Verbrüderung mit den Internationalen Brigaden, wie etwa den Parteimitgliedern der spanischen kommunistischen Partei PCE. Das Militärwesen der spanischen Republik wurde von den Kommunisten und den politischen Kommissären der Sowjetunion aufgrund der Waffenlieferungen völlig dominiert. Die genaue Zahl der sowjetischen Fachleute wird mit maximal 2150 angegeben, wobei sich zu keiner Zeit mehr als 800 sowjetische Fachleute in Spanien aufhielten. Insgesamt kämpften rund 40.000 Interbrigadisten im Spanischen Bürgerkrieg.vgl. Zahlen in Internationale Brigaden.

Zur Verbrüderung gehörten auch Liebschaften und sexuelle Abenteuer zwischen Spaniern und den Frauen aus dem Ausland. So schlossen, vor der Rückkehr nach Hause, von 70 bis 80 US-amerikanischen Interbrigadistinnen sieben eine Ehe mit einem Spanienkämpfer. Ebenso gab es Schwangerschaften der Frauen in Beziehungen.

Fraternisierung mit dem Deutschen Reich, Italien und Portugal mini|Deutscher Offizier der Legion Condor bei der Ausbildung von Offiziersanwärtern der Putschisten

Franco ging zu Beginn des Konflikts auf die angebotene Unterstützung des seit 1933 nationalsozialistischen Deutschen Reiches ein. Im Rahmen dieser Hilfeleistung wurde Kriegsgerät an die Putschisten geliefert und militärisch-personelle Beratung gewährt. Neben dem Deutschen Reich engagierte sich auch das Königreich Italien unter Benito Mussolini am Konflikt, auf Seiten der Putschisten, zu Anfang stärker als Hitler. Ab dem 28. August 1936 wurde das Verbot der aktiven Kampfbeteiligung aufgehoben und im November 1936 ein geschlossenes Luftwaffenkorps von 4.500 Mann aus Deutschland nach Spanien verlegt. Unter wechselndem Oberbefehl beteiligte sich das eingesetzte Kontingent, benannt in „Legion Condor“, bis zum Sieg der franquistischen Truppen am Bürgerkrieg.

Das Vertrauen und die Wertschätzung führten zu einer Verbrüderung der aufständischen Spanier mit dem ersten Befehlshaber Hugo Sperrle, den man „nur schweren Herzens ziehen ließ“. Die 19.000 sogenannten „Freiwilligen“ – im Rotationsverfahren von neun Monaten eingesetzte Soldaten – teilten eine Verbundenheit mit den spanischen Partnern im Kampf gegen den Kommunismus, was nicht zuletzt in Veteranenvereinen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Widerhall fand. Wie weitreichend diese Verbundenheit ging, ist ersichtlich in den begeisterten Begrüßungen der spanischen Truppenteile auf dem Schlachtfeld, für die deutschen Soldaten durch Ausrufe wie «Viva Alemania» oder «Viva el Führer». Straßen wurden in Alemania benannt und die deutsche Flagge wehte zusammen mit der portugiesischen und der italienischen in manchen Vorgärten. Zahlreiche Bürger beteiligten sich an Unterschriftensammlungen für Danksagungen an den „großen Helfer aus dem Norden“. Unter dem Vorsatz der Hilfe für spätere Fälle, wurden Verträge zur Festigung der „freundschaftlichen Beziehungen“ zwischen dem Deutschen Reich und Spanien geschlossen.