mini|Nang yai am Abend: Der Held Phra Ram (entspricht in der indischen Mythologie Rama), von Affen umgeben Nang yai (Thai ), auch nang luang, früher nang, ist eine zu den Schattenspielen gezählte Schauspielgattung mit großen Bildtafeln aus Pergament, die im Zentrum Thailands um die Hauptstadt Bangkok gepflegt wird. Die unbeweglichen Figurenplatten werden von jeweils einem Akteur getragen und tänzerisch zur Musik bewegt. Bei der häufigeren nächtlichen Form, dem eigentlichen nang yai, tanzen die Spieler vor und hinter einem von hinten beleuchteten Bildschirm. Beim selteneren nang rabam agieren die Spieler nachmittags bis abends ausschließlich vor dem Schirm. Beide Aufführungspraktiken der höfischen Tradition unterscheiden sich vom üblichen Schattenspiel mit kleineren Figuren, von denen nur die Schatten zu sehen sind. Dieses in Thailand häufiger gespielte nang talung ist eine jüngere Entwicklung der Volksunterhaltung und stammt aus dem Süden des Landes. Anders als die übrigen Schattenspiele Südostasiens hat das nang yai keine rituelle Bedeutung, sondern dient rein der Unterhaltung. Inszeniert werden üblicherweise Episoden aus dem Ramakian.

Herkunft und Verbreitung mini|Vermutlich Phra Rams Widersacher, der Dämonenkönig Thotsakan (Ravana) Das thailändische Schauspiel mit Bildplatten hieß früher lediglich nang („Haut“, „Pergament“, „Leder“). Die thailändischen Adjektive yai („groß“) oder luang („königlich“) werden seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Abgrenzung vom südthailändischen Schattenspiel mit kleineren Figuren, nang talung (benannt nach der Ursprungsregion Phatthalung) ergänzt. Die Aufführung bei Tageslicht heißt nang rabam (von rabam, „tanzen“), nang ram („Pantomime“) oder nang klang wan (nang glangwan, „Tageslicht-Haut“). Während der Regierungszeit von König Rama III. (reg. 1824–1851) trug das südthailändische Schattenspiel die Bezeichnung nang kaek und galt als aus Malaysia stammend (kaek heißen asiatische Nicht-Thailänder, überwiegend Muslime). Einem Bericht zufolge wurde nang talung nach Bangkok gebracht, um es König Chulalongkorn (Rama V., reg. 1868–1910) vorzuführen. Bereits zuvor dürfte es nang talung-Aufführungen auch in Zentralthailand gegeben haben. Heute konzentriert sich nang talung auf den Süden und bereichert dort regelmäßig Dorffeste.Michael Smithies, Euayporn Kerdchouay: Nang Talung: The Shadow Theatre of Southern Thailand. In: Journal of the Siam Society, 60, 1972, S. 379–390, hier S. 380 Daneben gibt es eine wenig bekannte Variante des nang talung in der Umgebung von Ubon Ratchathani im Nordosten, die nang pramo thai (nang bra mo thai) genannt wird.Terry E. Miller, Jarernchai Chonpairot: Shadow Puppet Theatre in Northeast Thailand. In: Theatre Journal, Bd. 31, Nr. 3, Oktober 1979, S. 293–311 In Malaysia heißt dasselbe, von Thais aufgeführte Schattenspiel wayang kulit gedek und ist nicht zu verwechseln mit dem wayang kulit Siam, das trotz seines Namens eine malaiische Spielform ist. In Kambodscha wird wie in Thailand zwischen einem Spiel mit großen Figuren, sbek thom (auch nang sbek), und einem, dem nang talung ähnlichen Spiel mit kleinen Figuren, sbek touch (auch nang trolung), unterschieden. Auch in Kambodscha stellen die großen Figuren die ältere Form dar und existieren vermutlich seit der Khmer-Herrschaft von Angkor (Anfang 9. bis Anfang 15. Jahrhundert).

Das Schattenspiel in Thailand könnte aus China, über Kambodscha aus Indien oder über Java und die Malaiische Halbinsel aus Indien gekommen sein. Über einen letztlich indischen Ursprung herrscht weitgehend Einigkeit. Gegen eine vermutete Herkunft aus China im Zusammenhang mit dem chinesischen Seehandel im 13./14. Jahrhundert mit Thailand, Malaysia und Java spricht, dass es zumindest in Java um diese Zeit bereits Schattenspiele gab und dass keine historischen Quellen für eine solche Ausbreitung überliefert sind. Außerdem wanderten die Thai aus dem Süden Chinas ein, wogegen das alte Zentrum des chinesischen Schattenspiels im mittleren Norden Chinas in den Provinzen Hubei, Shaanxi und um Peking lag. In den Westen Chinas, nach Sichuan, gelangte das Schattenspiel erst um 1740 über Shaanxi aus dem Norden.Sangsri Götzfried, 1991, S. 11 Die Ähnlichkeit zwischen den Figuren des westchinesischen und thailändischen Schattenspiels wird mit den Herstellungsmethoden erklärt. In beiden Traditionen werden die feinen Durchbrüche mit Stanzeisen aus dickem Rindsleder herausgeschlagen. Ansonsten bestehen zwischen den beweglichen chinesischen Figuren in Form und Spielweise keine Gemeinsamkeiten mit denen des nang yai. Für eine Verbindung des chinesischen Schattenspiels nach Java gibt es ebenso wenig einen konkreten Nachweis wie für einen chinesischen Einfluss im 13./14. Jahrhundert über Zentralasien auf das Karagöz in Anatolien, wie Rainald Simon (1997) annimmt,Rainald Simon: Chinesische Schatten. Lampenschattentheater aus Sichuan. Die Sammlung Eger. (Ausstellungskatalog Münchner Stadtmuseum) Deutscher Kunstverlag, München 1997, S. 8 zumal vom türkischen Karagöz vor dem 16. Jahrhundert nichts überliefert ist und dieses vermutlich erst um jene Zeit aus dem arabischen Schattenspiel hervorging. Ob es in früheren Jahrhunderten Aufführungen von chinesischen Schattenspielen in Thailand gab, ist nicht bekannt. Dagegen werden seit der Ayutthaya-Periode (1351–1767) bis heute Chinesische Opern in Thailand gezeigt. Das chinesische Schattenspiel bildet nach überwiegender Ansicht eine eigene Traditionslinie gegenüber der großen Gruppe der in Indien und Südostasien vorkommenden Schattenspiele. Chinesische Figuren besitzen allgemein viele bewegliche Teile und können durch annähernd waagrecht geführte Haltestäbe äußerst schnell bewegt werden. Die indisch-südostasiatischen Figuren werden an Haltestäben fast senkrecht oder schräg von unten geführt. Sie verfügen über weniger bewegliche Teile oder bestehen aus starren Platten, was eine langsamere Spielführung zur Folge hat.Sangsri Götzfried, 1991, S. 12

Altindische Sanskrit-Epen lassen den Schluss zu, dass es um die Zeitenwende in Indien eine Art Schattenspiel gegeben haben könnte. M. L. Varadpande interpretiert aus dem Mahabharata für Indien eine frühe Entwicklung von maskierten menschlichen Darstellern bei magischen Ritualen hin zur Verwendung von Puppen, die anstelle der Maske mit einer Hand vor dem Kopf gehalten werden.M. L. Varadpande: History of Indian Theatre. Abhinav Publications, Neu-Delhi 1987, S. 62, 66 Man kann sich die großen thailändischen Hautfiguren als in den Händen gehaltene Masken oder Puppen vorstellen.

In den ersten nachchristlichen Jahrhunderten kamen indische Händler und Siedler in die südostasiatische Inselwelt, zunächst nach Sumatra und auf die Malaiische Halbinsel. Bis zum 6. Jahrhundert hatte sich die indische Kultur, zu der die Lehren des Buddhismus und Hinduismus gehören, weithin entfaltet.Fiorella Rispoli: To the West and India. In: East and West, Bd. 55, Nr. 1/4, Dezember 2005, S. 243–264, hier S. 258 Da das indonesische Schattenspiel wayang kulit nur in Gebieten vorkommt, in denen im Lauf der Geschichte der Hinduismus verbreitet war oder wie in Bali bis heute verbreitet ist und die Inhalte der älteren Schattenspieltradition wayang kulit purwa Adaptionen der großen indischen Epen sind, gilt dessen Herkunft als gesichert. Schriftliche Belege zum wayang kulit liegen seit dem Anfang des 11. Jahrhunderts vor. Es gibt in Indien zahlreiche Schattenspielformen, deren Figuren sich stark voneinander unterscheiden. Mittelgroße, unbewegliche Figuren aus dicker, undurchsichtiger Tierhaut kommen im Tholpavakuthu von Kerala und im Ravanacharya von Odisha vor, kleine halbdurchscheinende Figuren besitzt das Chamadyache bahulya von Maharashtra und im Tholu bommalata von Andhra Pradesh erreichen die durchscheinenden und beweglichen Figuren Lebensgröße. Zur javanischen Schattenspieltradition gehören ferner animistische, altjavanische Einflüsse.

Außer den bereits genannten zwei Schattenspieltraditionen wayang gedek und wayang Siam existiert auf der Malaiischen Halbinsel noch das seltene wayang Jawa, das dem höfischen wayang kulit purwa in Java entspricht. Jean Boisselier (1976) hält eine Ausbreitung des Schattenspiels von der südindischen Küste nach Sumatra im 8. Jahrhundert und zur selben Zeit, also zu Beginn des Srivijaya-Reiches, auf die Malaiische Halbinsel für wahrscheinlich. Von dort sei es im 13. Jahrhundert im Sukhothai-Reich eingeführt worden, als sich die für Thailand spezifische buddhistische Lehre (Theravada) herauszubilden begann.Jean Boisselier, 1976, S. 222f Die Ausbreitung einer indischen Schattenspieltradition erklärt nicht die besondere Aufführungspraxis des nang yai mit vor dem Bildschirm getragenen Figuren. Vermutlich geht diese Spielweise auf eine Art der Geschichtenerzählung zurück, bei der ein Erzähler die Handlung illustrierende Bilder zeigt, wie dies beim wayang beber auf Java der Fall ist. Ähnliche Bildrollenerzählungen sind bis heute aus Indien bekannt, etwa zusammen mit dem Schattenspiel Chamadyache bahulya, bei den Bhopas in Rajasthan (Stoffbildrolle phad) und bei den Patuas in Bengalen (Papierbildrolle pat).

Die Präsentation von Schattenspielfiguren vor dem Bildschirm ist zwar selten, kommt aber gelegentlich bei religiösen Ritualen vor. Im religiösen indischen Schattenspiel Tholpavakuthu wird eine Ganesha-Figur bei den Opferhandlungen vor der Leinwand platziert. Auf Bali und Java werden Schattenspielfiguren bei Tag und ohne Bildschirm vom dalang (Vorführer), der hierbei die Funktion eines Priesters einnimmt, bei Beschwörungsritualen (auf Java: ngruwat-Beschwörung) gezeigt. Bei diesem wayang lemah („wayang bei Tag, Tageslicht“) werden die Figuren neben die zentrale Eröffnungsfigur gunungan an eine waagrecht gespannte Schnur gelehnt. Unabhängig davon können auf Java männliche Zuschauer die Aufführung von der Seite des dalang, also mit Blick auf die Figuren sehen.Friedrich Seltmann, 1974, S. 36

Ein indischer Einfluss auf das nang yai über das Gebiet des heutigen Kambodscha ist wegen der starken Ähnlichkeit mit den großen Figuren und der Spielweise des kambodschanischen sbek thom wahrscheinlich. Das erste indisierte Land in Südostasien war das im 1. Jahrhundert n. Chr. entstandene Funan, aus dem im 6. Jahrhundert das Reich Chenla und daraus das Reich der Khmer hervorging. Nach einer legendär ausgeschmückten Geschichte heiratete im 1. Jahrhundert ein indischer Brahmane eine Königin von Funan und so entstand das erste hinduistische Reich Südostasiens. Außer dem Schattenspiel gelangten auch andere Bereiche der indischen und javanischen Kultur über das südöstlich angrenzende Khmer-Reich nach Siam.Fan Pen Chen: Shadow Theaters of the World. In: Asian Folklore Studies, Bd. 62, Nr. 1, 2003, S. 25–64, hier S. 36 Das höfische thailändische Orchester pi phat geht auf das bis in die Prä-Angkor-Periode zurückreichende kambodschanische pin peat zurück und das thailändische mahori entspricht dem kambodschanischen Ensembletyp mohori, der sich während der Ayutthaya-Zeit verbreitete. Beim kambodschanischen sbek thom, genauer robam nang sbek thom („Tanz der großen Hautfiguren“) halten die Darsteller schwere Figurenplatten in den Händen und bewegen sich hinter der Leinwand. Die Aufführungen des sbek thom werden von mehreren magischen Ritualen begleitet, die genau eingehalten werden müssen. Früher gehörten sie sehr wahrscheinlich zum Zeremoniell und zur Unterhaltung am Königshof. Obwohl an mittelalterlichen kambodschanischen Tempeln mehrfach Tanzszenen und Musikinstrumente abgebildet sind, fehlen Abbildungen des Schattenspiels. Dies schließt nicht ein hohes Alter des sbek thom aus, denn es ist gut möglich, dass Abbildungen aus Angst vor der magischen Wirkung des Schattens unterblieben.Jacques Brunet: Nang Sbek, danced shadow theatre of Cambodia / Nang Sbek, théâtre d'ombres dansé du Cambodge / Nang Sbek, getanztes Schattentheater aus Kambodscha. In: The World of Music, Bd. 11, Nr. 4, 1969, S. 18–37, hier S. 20f