mini|Horst Enzensberger in der Biblioteca Comunale di Palermo im Dezember 2018 mini|Horst Enzensberger bei der Arbeit mit Urkunden in der Biblioteca Comunale di Palermo mini|Eine aus dem 12. Jahrhundert stammende Urkunde und ihre Edition durch Horst Enzensberger Horst Enzensberger (* 8. Dezember 1944 in Haar bei München) ist ein deutscher Historiker und Diplomatiker.
Von 1983 bis zu seiner Emeritierung 2009 lehrte er als Professor für Historische Hilfswissenschaften an der Universität Bamberg. Enzensberger ist für die normannische Epoche Siziliens einer der ausgewiesensten Kenner. Er ist einer der wenigen akademischen Lehrer, die im Bereich der Historischen Hilfswissenschaften in Deutschland tätig sind.
Leben Nach dem Abitur 1963 in München studierte Enzensberger von 1963 bis 1968 Historische Hilfswissenschaften, Lateinische Philologie des Mittelalters und Byzantinistik an der Universität München und der Universität La Sapienza in Rom. Peter Herde hatte ihn zur Beschäftigung mit dem normannischen Urkundenwesen in seiner Dissertation angeregt.Vorwort in Horst Enzensberger: Beiträge zum Kanzlei- und Urkundenwesen der normannischen Herrscher Unteritaliens und Siziliens. Kallmünz 1971. Ein mehr als einjähriger Forschungsaufenthalt am Deutschen Historischen Institut in Rom mit Hilfe von Stipendien des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und des Ministero degli Affari Esteri ermöglichte ihm den Zugang zu den betreffenden Archiven und zur italienischen Lokalliteratur für die Arbeit an seiner Dissertation. Im Wintersemester 1968/69 wurde er in München bei Peter Acht und Peter Herde promoviert.
Nach Dozententätigkeiten an der Universität Frankfurt am Main lehrte Enzensberger seit 1982 als Vertretungsprofessor und seit 1983 in der Nachfolge von Waldemar Schlögl als Professor für Historische Hilfswissenschaften an der Universität Bamberg. Im Jahr 1983 übernahm er eine Gastprofessur an der Universität Palermo sowie 1984 eine weitere an der Universität Chieti. Ab 1985 war er zugleich Lehrbeauftragter für Historische Hilfswissenschaften an der Universität Würzburg. Seit dem Ende des Wintersemesters 2009/10 ist Enzensberger emeritiert, Nachfolgerin wurde 2010 Andrea Stieldorf (bis 2015), seit 2017 vertritt Christof Rolker die Historischen Grundwissenschaften in Bamberg. Enzensberger zählt neben Thomas Frenz, Walter Koch, Theo Kölzer oder Irmgard Fees zu den wenigen eng hilfswissenschaftlich ausgerichteten Mediävisten.Hans-Werner Goetz: Moderne Mediävistik. Stand und Perspektiven der Mittelalterforschung. Darmstadt 1999, S. 157.
Enzensberger war Gutachter für die Alexander-von-Humboldt-Stiftung, Beirat der Officina di Studi Medievali in Palermo (1982), Beirat bei der Ausstellung Messina. Il ritorno della memoria (1992–1994) und ist Beirat beim Forschungsprojekt Documenting Multiculturalism an der University of Oxford. Seit 1998 ist Enzensberger korrespondierendes Mitglied des Istituto Siciliano di Studi Bizantini e Neoellenici in Palermo.
Enzensberger gehörte bereits in den 1980er Jahren zu den Pionieren der Elektronischen Datenverarbeitung in den Historischen Hilfswissenschaften. In den 1990er Jahren war er einer der ersten mit einem persönlichen Internetauftritt.Michele Spadaccini, Maria Stuiber: Vorwort. In: Dies. (Hrsg.): Bausteine zur deutschen und italienischen Geschichte. Festschrift zum 70. Geburtstag von Horst Enzensberger. Bamberg 2014, S. 11–13, hier: S. 12 (Open Access-Version). Unter anderem als Mitarbeiter der Virtual Library Historische Hilfswissenschaften setzt sich Enzensberger, der auch Web-Beauftragter der Fakultät Geschichts- und Geowissenschaften der Universität Bamberg war, für die Nutzung des Internets ein. Enzensberger beteiligte sich als einer von wenigen Professoren frühzeitig an der deutschsprachigen Wikipedia.Friedemann Bieber: Wie viele Leistungspunkte bringt ein Wikipedia-Eintrag? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. April 2014, Nr. 84, S. N4 (online); Horst Enzensberger: Vom Universitäts-Professor zum Wikipedia-Administrator. Wie ich zu Wikipedia kam … In: Thomas Wozniak, Uwe Rohwedder, Jürgen Nemitz (Hrsg.): Wikipedia und Geschichtswissenschaft. Berlin u. a. 2015, S. 175–184 (Open Access). Dort ist Enzensberger unter dem Benutzernamen Enzian44 ehrenamtlicher Mitarbeiter und seit September 2009 Administrator.Thomas Wozniak: Zehn Jahre Berührungsängste: Geschichtswissenschaft und Wikipedia. Eine Bestandsaufnahme. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 60 (2012), S. 247–264, hier: S. 253. Er wurde zum 65. Geburtstag von der Wikipedia-Gemeinde mit einer Festschrift gewürdigt, die zugleich die erste ihrer Art war.Michele Spadaccini, Maria Stuiber: Vorwort. In: Dies. (Hrsg.): Bausteine zur deutschen und italienischen Geschichte. Festschrift zum 70. Geburtstag von Horst Enzensberger. Bamberg 2014, S. 11–13, hier: S. 11 (Open-Access-Version). Marcus Cyron (Hrsg.): Vom Schwanenorden zur Etruskerspitzmaus. Eine Festschrift für Horst Enzensberger. Mainz 2010. Zu seinem 70. Geburtstag gab die Universität Bamberg eine Festschrift für Horst Enzensberger heraus.Michele Spadaccini, Maria Stuiber: Vorwort. In: Dies. (Hrsg.): Bausteine zur deutschen und italienischen Geschichte. Festschrift zum 70. Geburtstag von Horst Enzensberger. Bamberg 2014 (Open-Access-Version).
Horst Enzensberger war 37 Jahre mit einer Italienerin verheiratet und hat mit ihr einen Sohn. Er ist verwitwet.
Forschungsschwerpunkte Seine Forschungsschwerpunkte sind Urkundenlehre, Paläografie, normannisch-staufisches Unteritalien und Sizilien. Fast 70 Jahre nach dem Erscheinen der grundlegenden Arbeit von Karl Andreas Kehr (1902) widmete sich Enzensberger in seiner Dissertation erneut dem Kanzlei- und Urkundenwesen der normannischen Herrscher Unteritaliens und Siziliens. Seit Kehrs Arbeit erschien viel neues Material in einer Vielzahl an verstreuten Publikationen. Eine systematische Auswertung für die Kanzlei- und Verwaltungsgeschichte der normannischen Herrscher in Süditalien und Sizilien blieb jedoch aus.Vgl. zu Enzensbergers Dissertation die Besprechungen von Waldemar Schlögl in: Historische Zeitschrift 220 (1975), S. 186–187; Ulrich Schwarz in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 52 (1972), S. 938–940 (online); Peter Rück in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 22 (1972), S. 147–150 (online); Heinrich Appelt in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 81 (1973), S. 506; Reinhold Schumann in: Speculum 48 (1972), S. 743–746; Alfred Gawlik in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 22 (1972), S. 257; Dione Clementi in: The English Historical Review 88 (1973), S. 619; Renzo Ristori in: Archivio Storico Italiano 1976, S. 197; Alessandro Pratesi in: Cahiers de Civilisation Médiévale 16 (1973), S. 248–251; Rainer Maria Herkenrath in: Archivalische Zeitschrift 71 (1975), S. 121. Enzensberger untersuchte nicht nur die bis dahin nicht richtig bewerteten Stücke in der Originalüberlieferung, sondern arbeitete auch die neu hinzugekommenen Urkunden auf. Er entdeckte im Vatikanischen Archiv und in der Vatikanischen Bibliothek besonders in jüngeren Abschriften noch einige bisher unbekannte Urkunden, die im Anhang der Arbeit abgedruckt worden sind. Zahlreiche Erkenntnisse lieferte die Arbeit zu den Notaren. Die Zahl der Hofnotare konnte Enzensberger gegenüber Kehr ergänzen. Auch für die Überlieferungsgeschichte des italienischen Humanismus besonders im 16. Jahrhundert brachten seine Ausführungen neue Erkenntnisse.
Die Dissertation bildete die Basis für seine weitere wissenschaftliche Arbeit, die ihn als Spezialisten insbesondere für die hochmittelalterlichen Urkunden Süditaliens ausweist. Für das Editionsunternehmen des Codex diplomaticus regni Siciliae gab er 1996 die Urkunden Wilhelms I. von Sizilien heraus. Dass die meisten Urkunden aus den ersten sechseinhalb Jahren der Regierungszeit Wilhelms I. stammen, erklärt Enzensberger mit einer politischen Krise nach der Ermordung des Kanzlers und engsten Mitarbeiter des Königs Maio von Bari im November 1160.Vgl. dazu die Besprechung von Alfred Gawlik in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 55 (1999), S. 634–635 (online). Im Rahmen der Editionstätigkeit entstanden weitere Beiträge über die normannischen Könige Siziliens.Horst Enzensberger: Der „böse“ und der „gute“ Wilhelm. Zur Kirchenpolitik der Könige von Sizilien nach dem Konkordat von Benevent (1156). In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 36 (1980), S. 385–432 (online); Horst Enzensberger: Chanceries, charters and administration in Norman Italy. In: Graham A. Loud, Alex Metcalfe (Hrsg.): The Society of Norman Italy. Leiden 2002, S. 117–150. So stellte er in einer vergleichenden Untersuchung die beiden normannischen Könige von Sizilien Wilhelm I. und Wilhelm II. gegenüber. Späteren Generationen galt Wilhelm II. als „der Gute“ gegenüber seinen „bösen“ Vater Wilhelm I. Bei seiner Analyse der Kirchenpolitik unter den Gesichtspunkten kirchliche Wahlen, Umgang mit Kirchengut, geistliche Gerichtsbarkeit, Kirchenorganisation, Königsschutz und königliche Gesetzgebung zugunsten der Kirche konnte er im Ergebnis keine wesentlichen Unterschiede in der Kirchenpolitik des „guten“ Wilhelm gegenüber der seines Vaters ausmachen.Horst Enzensberger: Der „böse“ und der „gute“ Wilhelm. Zur Kirchenpolitik der Könige von Sizilien nach dem Konkordat von Benevent (1156). In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 36 (1980), S. 385–432 (online). Vgl. dazu die Besprechung von Vera von Falkenhausen in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 62 (1982), S. 485 (online). An zahlreichen Beispielen zeigte Enzensberger in einer 1981 veröffentlichten Studie, dass die königliche Kanzlei angesichts der weit entwickelten Schriftlichkeit und Bürokratie in Süditalien ein wichtiges Herrschaftsinstrument war.Horst Enzensberger: Il documento regio come strumento del potere. In: Potere, società e popolo nell'età dei due Guglielmi. Atti delle quarte Giornate normanno-sveve (Bari – Gioia del Colle, 8–10 ottobre 1979). Bari 1981, S. 103–138 (online). Vgl. dazu die Besprechung von Hubert Houben in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 63 (1983), S. 364–365 (online). Im Oktober 2005 war Enzensberger in Palermo/Monreale einer der Vortragenden des im Jahr 2003 begonnenen „Wanderkongresses“ zum Gedenken des 800. Todestages Joachims von Fiore. Er referierte über die Königsurkunden für Joachim und seine Klöster.Horst Enzensberger: La documentazione regia per Gioacchino da Fiore e per i suoi monasteri. In: Cosimo Damiano Fonseca (Hrsg.): Gioachimismo e profetismo in Sicilia (sec. XIII – XVI). Atti del terzo Convegno Internazionale di Studio, Palermo – Monreale 14 – 16 ottobre 2005. Rom 2007, S. 51–64 (online) Vgl. dazu die Besprechung von Kurt-Victor Selge in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 66 (2010), S. 320–321 (online). Aus dem Archiv der sizilianischen Stadt Messina, das sich im Archivo Ducal Medinaceli im spanischen Sevilla befandCarlrichard Brühl: Das Archiv der Stadt Messina in Sevilla. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 34 (1978), S. 560–566 (online). und seit 1995 im Hospital de Tavera in Toledo liegt, hat Enzensberger in einem 2016 veröffentlichten Beitrag acht unedierte päpstliche Schreiben der breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht und im Anhang abgedruckt. Behandelt werden je zwei Schreiben aus dem Pontifikat Honorius III., Clemens IV. sowie je eines von Gregor X., Innozenz V., Johannes XXI.Horst Enzensberger: Documenti pontifici inediti. In: Jean-Marie Martin, Rosanna Alaggio (Hrsg.): „Quei maledetti Normanni“. Studi offerti a Errico Cuozzo per i suoi settant'anni da Colleghi, Allievi, Amici. Bd. 1, Napoli 2016, S. 385–399 (online). Vgl. dazu die Besprechung von Horst Zimmerhackl in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 74 (2018), S. 750.