mini|Abzeichen des ALT-Programms
Unter der Bezeichnung Approach and Landing Tests ( für Anflug- und Landeversuche), kurz ALT, wird eine Reihe von Versuchen zusammengefasst, mit der die US-Weltraumbehörde NASA 1977 die Flugeigenschaften der neu entwickelten Raumfähre Space Shuttle erprobte. Testobjekt war der nicht raumflugfähige Space-Shuttle-Prototyp Enterprise (OV-101). Die Versuche stellten im Vorfeld zur ersten Weltraummission eines Space Shuttles unter Beweis, dass die Raumfähre in der Atmosphäre gesteuert und gelandet werden konnte. Außerdem zeigten sie, dass es möglich war, sie mithilfe des Shuttle Carrier Aircraft, einer modifizierten Boeing 747, zu transportieren. Basis für die Probeflüge war das Dryden Flight Research Center auf der kalifornischen Edwards Air Force Base.
Hintergrund mini|Am 31. Januar 1977 erreicht die Enterprise auf einem Sattelschlepper die Edwards Air Force Base
In den 1960er Jahren erarbeitete die NASA ein Konzept für eine wiederverwendbare Raumfähre. Anders als die bisher gestarteten Raketen sollte sie nach einem Weltraumflug in der Lage sein, unbeschadet zur Erde zurückzukehren. Da sie für weitere Einsätze zur Verfügung stehen würde, sollten die Kosten eines Raumfluges deutlich reduziert werden. Aus dem Programm ging das Space Shuttle hervor. Es besteht aus dem sogenannten Orbiter – der eigentlichen Raumfähre –, einem externen Treibstofftank und zwei seitlich am Tank angebrachten Feststoffraketen. Letztere kehren nach dem Start an Fallschirmen zur Erde zurück, der externe Treibstofftank verglüht in der Atmosphäre. Der Orbiter tritt am Ende einer Weltraummission wieder in die Atmosphäre ein und kann wie ein Flugzeug gelandet werden. Um unter anderem diese letzte Phase vorab zu testen, wurde der Prototyp Enterprise gebaut. Komponenten, die für die ALT-Versuche nicht notwendig waren, wurden aus Kostengründen beim Bau zunächst eingespart und sollten erst später nachgerüstet werden. Dazu zählen vor allem die teuren Haupttriebwerke und der Hitzeschutzschild, sodass der Prototyp für einen Einsatz im Weltraum untauglich war. Am 31. Januar 1977 wurde er von seiner Konstruktionsstätte im kalifornischen Palmdale rund 60 Kilometer über Land zum Dryden Flight Research Center auf der Edwards Air Force Base verbracht. Dort sollte er im Rahmen der Approach and Landing Tests die theoretisch errechneten Fähigkeiten in der Realität nachweisen.
Zielsetzung
Die Versuchsreihe konzentrierte sich auf die letzten Minuten einer Space-Shuttle-Mission, nachdem das Shuttle wieder in die Erdatmosphäre eingetreten und in tiefere Atmosphärenschichten hinabgeglitten ist und sich seine Geschwindigkeit bis in den Unterschallbereich verringert hat. Gegenstand der Untersuchungen waren insbesondere die Fähigkeiten der Raumfähre, dann eine Landebahn anzusteuern und dort sicher zu landen. Die vorgegebenen Hauptziele des ALT-Programms waren, die Flugtauglichkeit des Orbiters mit Unterschallgeschwindigkeit zu zeigen, die Arbeitsweise bestimmter Systeme für den ersten Orbitalflug zu untersuchen, die Fähigkeit des Shuttles zu manuell und zu automatisch gesteuerten Landeanflügen und Landungen zu überprüfen, außerdem zu kontrollieren, dass die Fähre dazu bei maximaler Beladung mit unterschiedlichen Masseschwerpunkten in der Lage war.
Um die geforderten Nachweise möglichst unter Bedingungen zu erbringen, wie sie am Ende einer Weltraummission zu erwarten waren, war geplant, die Enterprise in der Atmosphäre fliegen und landen zu lassen. Dazu sollte sie von einem großen Flugzeug in die Lüfte transportiert werden, sich im Flug lösen und selbständig eine Landebahn ansteuern. Als Transportflugzeug wurde ein Jumbo-Jet zum sogenannten Shuttle Carrier Aircraft (SCA) umgebaut. Dieses sollte später auch dazu verwendet werden, gelandete Shuttles vom Landeplatz zurück zum Kennedy Space Center zu transportieren.
Besatzungen mini|Die beiden Shuttle-Besatzungen für das ALT-Programm (v. l. n. r.): Gordon Fullerton, Fred Haise, Joe Engle und Richard Truly vor der Enterprise
Für die Approach and Landing Tests wurden für das Space Shuttle zwei Crews aus Astronauten zusammengestellt. Die erste bestand aus dem Kommandanten Fred W. Haise, Jr. und dem Piloten Charles Gordon Fullerton. Kommandant der zweiten Crew war Joe Henry Engle; der zweite Pilot war Richard Harrison Truly.
Die Besatzung des SCA setzte sich aus den Piloten Fitzhugh L. Fulton, Jr. und Thomas C. McMurtry und aus den Flugingenieuren Louis Guidry, Jr. und Victor W. Horton zusammen.
Ablauf
Überblick
Dieses komplexe Unterfangen wurde nicht in einem Schritt versucht – vielmehr wurde das ALT-Programm in mehrere Phasen eingeteilt: Zuerst zeigten Rolltests die aerodynamischen Eigenschaften der Verbindung aus Transportflugzeug und Space Shuttle am Boden. Danach unternahm das Gespann mehrere Testflüge. Dabei blieb die Enterprise anfangs ausgeschaltet und unbemannt, später wurde sie aktiviert und hatte eine Besatzung an Bord. Zuletzt wurde im Flug auch die Verbindung zwischen Shuttle und Flugzeug getrennt, die Raumfähre flog und landete separat vom Flugzeug.
Rollversuche (Taxi Tests)
Zur Vorbereitung der späteren Testflüge fanden am 15. Februar 1977 drei Rollversuche, sogenannte Taxi Tests, statt. Der Begriff „Taxiing“ bezeichnet die Bewegung eines Luftfahrzeugs am Boden aus eigener Kraft.
Es war beabsichtigt, das Shuttle während der nachfolgenden Phasen des ALT-Programms in einem Verfahren zu transportieren, das als Huckepackschlepp bezeichnet wird. Dabei wird das transportierte Fluggerät auf die Oberseite des Transportflugzeugs montiert. Wegen des enormen Gesamtgewichts dieser Verbindung – insbesondere da vorgesehen war, die Enterprise für die späteren Testflüge zu beladen – und ihres hohen Schwerpunkts hatten Ingenieure der NASA die Befürchtung geäußert, das Fahrwerk der Boeing 747 werde den Kräften nicht standhalten, die bei Start und Landung auf es einwirkten. Deshalb installierten Techniker verschiedene Instrumente am Bugrad des SCA, um die Lasten auf die Achse zu messen. Daneben wollten die Ingenieure aerodynamische Eigenschaften des Gespanns untersuchen, insbesondere das Strömungsverhalten an den Leitwerken auf periodische Schwingungen kontrollieren, die als Buffet bezeichnet werden.
Die Rollversuche sollten außerdem zeigen, wie die Handhabung des Huckepackgespanns war. Die Zielvorgaben umfassten die Untersuchung der Anfahr- und Bremsdynamik, der Vorgehensweise, mit der Schub gegeben wird, um eine Take-Off-Geschwindigkeit zu erreichen, und des Ansprechverhaltens der verschiedenen Ruder zur Flugsteuerung.
Mithilfe eines speziellen Hebekrans, dem Mate-Demate Device, wurde das Shuttle auf den Rücken des SCA montiert. Am Heck trug es bereits eine Triebwerksverkleidung zur Verbesserung der aerodynamischen Eigenschaften des Gespanns, die es auch bei den meisten nachfolgenden Flügen tragen sollte. Auf der Hauptstartbahn der Edwards Air Force Base beschleunigte das SCA beim ersten Anlauf auf 78 Knoten (ca. 144 km/h), beim zweiten auf 122 Knoten (ca. 226 km/h) und zuletzt auf 137 Knoten (ca. 254 km/h). Die Taxi Test ergaben keine wesentlichen Probleme.
Gekoppelte Flüge (Captive Flights) mini|Erstflug des Gespanns aus SCA und Enterprise
Drei Tage nach den Rollversuchen hob das SCA erstmals mit der Enterprise auf seinem Rücken ab. Dies war der erste von insgesamt acht Flügen, bei denen das Space Shuttle bis zur Landung an das Trägerflugzeug gekoppelt blieb (Captive Flights). Bei allen trug die Raumfähre die aerodynamische Triebwerksverkleidung.
Captive-Inert Flights
Die ersten fünf gekoppelten Flüge dienten hauptsächlich dazu, Flugdaten zu sammeln. Unter anderem galt es, die Grenzen der sogenannten Flugenveloppe abzustecken, innerhalb derer ein sicherer Flug – trotz Belastungen der Leitwerke während Flugmanövern, möglichen Flatterns und ähnlichem – und ob eine erfolgreiche Trennung des Shuttles vom SCA möglich sein würde. Außerdem sollte die Belastung der Kopplung zwischen den beiden Fluggeräten überprüft werden. Schließlich sollten die Untersuchungen zeigen, dass ein Abbruch der Trennung möglich sein würde. Alle notwendigen Messungen konnten vom SCA aus vorgenommen werden. Das Space Shuttle blieb daher deaktiviert und unbemannt, weswegen diese Flüge als Captive-Inert Flights (deutsch etwa: gekoppelt-inaktive Flüge) zusammengefasst werden.
Am 18. Februar 1977 hob das Gespann aus Boeing 747 und Space-Shuttle-Prototyp von Startbahn 04 der Edwards Air Force Base zu seinem Erstflug ab und stieg bis in eine Höhe von etwa 16.000 Fuß (ca. 4.877 m) über dem Meeresspiegel. Dort führte es mit einer Geschwindigkeit von 250 Knoten (ca. 463 km/h) verschiedene Flugmanöver aus, um das Ansprechverhalten beispielsweise auf Flattern zu überprüfen. Danach wurden in unterschiedlichen Flughöhen mithilfe eines Begleitflugzeugs die Fahrtmesser kalibriert und Manöver zur Kontrolle der Stabilität und Lenkbarkeit ausgeführt. Zuletzt wurde in rund 7.300 Fuß (ca. 2.225 m) Höhe die Landekonfiguration mit ausgefahrenem Fahrwerk und Landeklappen getestet. Nach 2 Stunden und 5 Minuten setzte das Gespann wieder auf der Startbahn auf.
Während der nächsten vier Flüge absolvierte das SCA mit dem Shuttle auf seinem Rücken ähnliche Tests bei höheren Geschwindigkeiten und in immer größerer Höhe. Der letzte brachte das Gespann am 2. März 1977 bis auf ungefähr 30.100 Fuß (ca. 9.174 m) über dem Meeresspiegel.
Die Captive-Inert Flights demonstrierten, dass das SCA in der Lage war, das Shuttle bis in die gewünschte Höhe zu tragen und alle für eine Trennung erforderlichen Manöver zu fliegen. Sie zeigten außerdem, dass das Gespann im Falle eines Abbruchs der Trennung wieder sicher landen konnte. Damit war auch unter Beweis gestellt, dass das SCA seiner späteren Hauptaufgabe gewachsen war, Space Shuttles nach deren Weltraummissionen vom Landeplatz zurück zum Kennedy Space Center zu transportieren.
Captive-Active Flights
Während der Flüge der nächsten Testphase war der Orbiter aktiviert und hatte eine Besatzung an Bord, wurde allerdings nicht vom SCA getrennt (Captive-Active Flights). Es wurden jedoch Vorbereitungen getroffen, ihn in einer Notfallsituation vom SCA abzukoppeln. Ursprünglich war geplant gewesen, fünf Captive-Active Flights durchzuführen, aber nach dem Abschluss der Captive-Inert Flights wurde die Testphase neu strukturiert: Flug Nr. 2 wurde gestrichen, die für diesen Flug vorgesehenen Versuche wurden zum Testprogramm von Flug Nr. 1 addiert. Vor Flug Nr. 1 wurde ein zusätzlicher Flug – bezeichnet mit der Nummer 1A – mit niedriger Flughöhe durchgeführt. Durch ihn sollten Bedenken ausgeräumt werden, an einem Leitwerk könne ein sogenanntes Hardover auftreten, ein plötzlicher, ungewollter, voller Einschlag eines Ruders. Die Flüge mit den Nummern 4 und 5 sollten nur durchgeführt werden, wenn bei den anderen Flügen Probleme auftreten würden, die weitere Nachforschungen nötig erscheinen ließen. Die Captive-Active Flights sollten die nachfolgenden Freiflüge vorbereiten. Zu den Zielen zählte, die errechneten Vorgaben für eine Trennung von Raumfähre und SCA zu überprüfen, die Kontrollsysteme der Enterprise zu testen und Probedurchläufe verschiedener Prozeduren an Bord der Raumfähre durchzuführen.