mini|Kopf einer modernen Statue mit Phantasieporträt Catulls in Sirmione. Das wahre Aussehen Catulls ist nicht bekannt.
Gaius (oder Quintus) Valerius Catullus (deutsch Catull) war ein römischer Dichter des 1. Jahrhunderts v. Chr. Er stammte aus Verona. Catull gehörte zum Kreis der Neoteriker und orientierte sich wie diese vor allem an dem berühmten hellenistischen Dichter Kallimachos. Aber auch die griechische Dichterin Sappho hatte einen großen Einfluss auf ihn. Seine carmina (Gedichte) wurden unter anderem von Carl Orff (Catulli Carmina) vertont.
Leben mini|Die Grotte di Catullo in Sirmione hielt man lange für die Villa des Catull, sie entstanden aber wohl erst nach seinem Tod. Über Catulls Leben ist nur wenig bekannt. Einiges lässt sich aus seinen Gedichten erschließen, anderes wird von antiken Autoren berichtet, doch gibt es Widersprüche zwischen beiden Quellenarten. So weiß man nicht genau, wann Catull gelebt hat. Hieronymus gibt in seinem Chronicon als Geburtsjahr 87/86 v. Chr. an und verzeichnet Catulls Tod in dessen 30. Lebensjahr, wohl in Bezugnahme auf das nur teilweise erhaltene Werk De poetis von Sueton.Michael von Albrecht: Geschichte der römischen Literatur von Andronicus bis Boethius und ihr Fortwirken. Band 1. 10., verbesserte und erweiterte Auflage. De Gruyter, Berlin 2012, S. 284. Die Lebensdaten widersprechen aber Angaben in Catulls Gedichten, die sich auf spätere Ereignisse beziehen. So spielt carmen 11 auf Caesars Exkursion nach Britannien im Jahre 55 an, carmen 111 erwähnt das zweite Konsulat des Pompeius, in carmen 53 wird eine Rede des Freundes Gaius Licinius Macer Calvus gegen den Caesarianer Publius Vatinius erwähnt, die entweder 56 oder 54 gehalten wurde. Anspielungen auf spätere Ereignisse finden sich nicht, sodass die Mitte der 50er Jahre v. Chr. vielen als Veröffentlichungsdatum der Gedichtsammlung und als Terminus post quem für Catulls Tod gilt.
Einen weiteren Hinweis auf Catulls Tod liefert Ovid in seinen Amores, wo er den Tod seines Dichterfreundes Tibull im Jahr 19 oder 18 v. Chr. betrauert und sagt, dass Catull, sein jugendliches Haupt mit Efeu umrankt, ihm im Elysium entgegengehen werde.Ovid: Amores 3,9,59-62. Damit wäre das Jahr 18 v. Chr. der Terminus ante quem für Catulls Tod. Er selbst droht im letzten der carmina einem Gellius, gegen den er zuvor mehrere gehässige Schmähverse gerichtet hat, er werde auch in Zukunft „büßen, durchbohrt von meinen [Pfeilen]“ („at fixus nostris tu dabis supplicium“). Das lässt sich als Ankündigung weiterer Verse lesen. Tatsächlich erwähnen Martial, Juvenal und Tertullian einen Catullus, der Mimen schrieb. Marcus Tullius Cicero erwähnt in einem Brief aus dem Jahr 53 neben dem Mimendichter Decimus Laberius einen Valerius: Dies war Catulls Gentilname. Ob dieser Theaterautor identisch mit dem hier besprochenen Dichter ist, steht nicht fest, doch hält es der britische Altphilologe Timothy Peter Wiseman für durchaus denkbar, dass Catull nach Veröffentlichung seiner Gedichtsammlung weiterlebte und Theaterstücke schrieb.Timothy Peter Wiseman: Catullus and His World: A Reappraisal. Cambridge University Press, Cambridge 1985, S. 184–189.
Catulls Vater war ein eques, also ein wohlhabender, dem Ritterstand angehörender Bürger, in dessen Haus in Verona nach Sueton sogar Caesar während seiner Zeit als Prokonsul von Gallia cisalpina verkehrt haben soll.Sueton: De vita Caesarum, Divus Iulius 73 In relativ jungen Jahren gehörte Catull zum persönlichen Stab des Prokonsuls Gaius Memmius und begleitete ihn in seine Provinz Bithynien. Später lebte Catull zumeist in Rom. Sein Auskommen scheint durch das väterliche Vermögen gesichert gewesen zu sein, denn er hatte anscheinend keinen Patron und konnte es sich leisten, auch hochgestellte Personen mit beißendem Spott anzugreifen, so zum Beispiel Gaius Iulius Caesar. Befreundet war Catull neben Calvus mit Caesars General Gaius Asinius Pollio und mit dem Historiker Cornelius Nepos, dem er auch die Sammlung seiner Gedichte widmete.
Werk mini|Catullus mit dem Kommentar des M. Antonius Muretus, 1554 Catulls erhaltenes Werk umfasst 116 carmina (Gedichte), die in drei Gruppen unterteilt sind:Cornelius Hartz: Römische Schriftsteller. Philipp von Zabern, Mainz 2010, S. 57. carmina 1–60: kleinere Gedichte in verschiedenen Versmaßen, sog. polymetra, die auch nugae (Bagatellgedichte) genannt werden; das häufigste Versmaß ist der phaläkische Hendekasyllabus. carmina 61–68: größere Gedichte in verschiedenen Versmaßen. Das mit 408 Versen längste, carmen 64 (Hochzeit des Peleus und der Thetis), ist ein sog. Epyllion, ein Kleinepos. Im Gegensatz zu den großen Epen, wie Homers Ilias und Odyssee, stehen hier eher unbekannte Ereignisse aus der Mythologie sowie privat-erotische Belange mythischer Helden im Vordergrund. Hier ist auch das berühmte carmen 68, die Alliuselegie, zu finden, das älteste überlieferte Beispiel einer römischen Elegie, als deren auctor (Gründer, Erfinder) neben Catull vor allem Gaius Cornelius Gallus gilt. carmina 69–116: Epigramme im elegischen Distichon.
Denkbar ist auch eine Aufteilung, die nach den Polymetra die carmina 61-64 von den anschließenden Gedichten im elegischen Distichon abtrennt. Diese Aufteilung ergibt auch ein recht gutes Gleichgewicht zwischen den Längen der einzelnen Abschnitte.
Inhaltlich können die Gedichte drei thematischen Gruppen zugeordnet werden: Gedichte an und über Freunde, beispielsweise Einladungen Invektiven (Schmähgedichte): In diesen oft derben Gedichten werden Bekannte Catulls und auch einige prominente Persönlichkeiten verhöhnt. Unklar ist, wie ernst diese Beleidigungen gemeint waren und genommen wurden. Erotische Gedichte: Sie sind gerichtet an den Knaben Iuventius, an eine Hetäre namens Ipsitilla, hauptsächlich aber an eine Frau mit dem Decknamen „Lesbia“. Besonders berühmt sind die Kussgedichte 5 und 7, in denen er auf deren Fragen, mit wie vielen Küssen er sich denn zufriedengeben würde, mit Metaphern der Unendlichkeit antwortet. Diese beiden carmina wurden von antiken, mittelalterlichen und neuzeitlichen Dichtern immer wieder nachgeahmt, so etwa von Martial oder von Lessing. Das wohl berühmteste Gedicht Catulls ist das carmen 85:
Probleme der Forschung Lesbia/Clodia Der Name der puella, um die es in mindestens dreizehn Gedichten Catulls und wahrscheinlich noch in sechzehn weiteren geht,George Patrick Goold (Hrsg.): Catullus, Sämtliche Gedichte. Lateinisch und deutsch. Neu übers. von Carl Fischer. Nachwort von Bernhard Kytzler. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1987, S. 224. spielt auf die Insel Lesbos an, wo die von Catull verehrte griechische Dichterin Sappho lebte. Daher nehmen viele Autoren an, dass der Dichter ihn wählte, um seinem Vorbild Reverenz zu erweisen.Timothy Peter Wiseman: Catullus and His World: A Reappraisal. Cambridge University Press, Cambridge 1985, S. 136; Michael von Albrecht: Geschichte der römischen Literatur von Andronicus bis Boethius und ihr Fortwirken. Band 1. 10., verbesserte und erweiterte Auflage. De Gruyter, Berlin 2012, S. 289. Niklas Holzberg dagegen vermutet, dass Catull dadurch ihr von der Norm abweichendes Sexualverhalten andeuten wollte, wie es Sappho wegen ihres Lesbianismus bereits in der Antike nachgesagt wurde. Das Verb (lesbiazein) bedeutete Fellatio.Niklas Holzberg: Catull. Der Dichter und sein erotisches Werk. C.H. Beck, München 2002, S. 35 f.
Die Forschung hat sich große Mühe gegeben, herauszufinden, wen Catull mit Lesbia meinte. Am besten noch passen die spärlichen Angaben, die von Catull selbst und von Apuleius (De magia 10) überliefert wurden, auf die zehn Jahre ältere Clodia, die Gattin des Konsuls des Jahres 60 v. Chr. Quintus Caecilius Metellus Celer. Darauf scheint unter anderem carmen 79 hinzudeuten, das mit den doppeldeutigen Worten beginnt: „Lesbius est pulcher“ – hiermit kann gemeint sein: „Lesbius ist schön“, es kann ihn aber auch mit Publius Clodius Pulcher identifizieren, dem ein inzestuöses Verhältnis zu seinen drei Schwestern nachgesagt wurde. Somit könnte auch eine andere als die Clodia Metelli oder eine ganz andere Frau gemeint gewesen sein, da andere Identifizierungen von Figuren aus Gedichten, die Apuleius vornimmt, nachweislich falsch sind.Hans Peter Syndikus: Catull. Eine Interpretation. Erster Teil: Die kleinen Gedichte (1–60). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1984, S. 25–30.
Hinter der Suche nach der historischen Lesbia steckt ein biographischer Interpretationsansatz: Man hofft, die Gedichte dadurch besser verstehen zu können, dass man ihren biographischen Hintergrund versteht. Dieser Ansatz ist aber aus zwei Gründen problematisch: Wenn man einzig aus den Gedichten und nicht aus anderen historischen Dokumenten Informationen über Catulls Leben entnehmen kann, so bewegt man sich in einem engen Zirkelschluss. Im Falle Catulls ist jedoch nicht klar, ob tatsächlich gelebtes Leben und nicht literarische (aber verlorene) Tradition der Anlass von Catulls Dichten war, ob er sich seine Lesbia also nicht etwa nur ausgedacht hat, wie es wenige Jahrzehnte später etwa Ovid mit seiner Corinna getan hat. Niklas Holzberg hält letzteres für wahrscheinlich.Niklas Holzberg: Catull. Der Dichter und sein erotisches Werk. C.H. Beck, München 2002, S. 33–39 u. ö.
Der zweite Grund dagegen, aus Catulls Gedichten Schlüsse auf sein Leben zu ziehen, stammt von ihm selbst: In carmen 16 verwahrt sich der Dichter persönlich dagegen, von seiner Lyrik auf seinen Lebenswandel zu schließen: In diesem Gedicht droht Catull zwei Freunden orale und anale Vergewaltigung an, weil sie aufgrund seiner Kussgedichte (carmina 5 und 7) behaupten, ihm mangele es an Männlichkeit und Sittlichkeit. Catull betont, dass der Dichter stets keusch und züchtig sein müsse, nicht aber seine Gedichte, die erst „dann Witz und Charme haben, wenn sie anstacheln können, was juckt“ („qui tum denique habent salem ac leporem, si […] quod pruriat incitare possunt“); abschließend wird die derbe Drohung des Anfangs wiederholt. Offensichtlich geht es Catull hier weniger um das vordergründige Vergnügen an Obszönität als um Paradoxien: Gleichzeitig mit der Androhung grober sexueller Handlungen erwähnt er im selben Atemzug seine eigene „Keuschheit“, von der, würde er seine Drohung wahrmachen, keine Rede mehr sein könnte. Auch dass er seine eigenen Gedichte als Masturbationsvorlagen für ältere Herren beschreibt, ist nur ironisch zu verstehen. Welche der in dem Gedicht erwähnten Handlungen nun zum Bereich der poetischen Fiktion, welche zum realen Leben des Dichters zu rechnen sind, wird so undurchschaubar: Ein Rückschluss von der persona, die in den Gedichten „ich“ sagt, dem lyrischen Ich, auf die Person Catulls ist demnach ausgeschlossen.Wilfried Stroh: Sexualität und Obszönität in römischer „Lyrik“. In: Theo Stemmler / Stephan Horlacher (Hrsg.): Sexualität in der Lyrik. 11. Kolloquium der Forschungsstelle für europäische Lyrik. Mannheim 2000, S. 11–49, hier S. 31–38; Michael von Albrecht: Geschichte der römischen Literatur von Andronicus bis Boethius und ihr Fortwirken. Band 1. 10., verbesserte und erweiterte Auflage. De Gruyter, Berlin 2012, S. 59 f. und 278; Kathleen McCarthy: I, the Poet. First-Person Form in Horace, Catullus, and Propertius. Cornell University Press, Ithaca and London 2019, S. 161 ff.
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