Ilse Arndt, geborene Löwenberg, in erster Ehe Ilse Nußbaum (geb. 5. Februar 1913 in Lünen; gest. 5. Januar 2003 in Köln) war eine jüdische Zeitzeugin der Judenverfolgung in der Zeit des Nationalsozialismus. Sie überlebte unter anderem die Deportation in das Konzentrationslager Auschwitz, wo sie im Rahmen der nationalsozialistischen „Menschenversuche“ von dem KZ-Arzt Carl Clauberg zwangssterilisiert wurde, einen Todesmarsch sowie die Inhaftierung in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Neustadt-Glewe. Ihr späterer Zeitzeugenbericht wurde in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als Geschichtsquelle archiviert.
Leben
Kindheit und Jugend Ilse Arndt, geborene Löwenberg kam als Tochter der Eheleute Willy Löwenberg und Henriette Löwenberg, geborene Lichtenfels, im westfälischen Lünen auf die Welt. Ihr Vater war Metzgermeister. Die Familie hatte eine eigene Metzgerei und besaß eigenes Vieh. Ilse hatte einen um ein Jahr jüngeren Bruder namens Helmut. Im Dezember 1916, als Ilse knapp vier Jahre alt war, verstarb ihre Mutter. Ihr Vater verheiratete sich wieder, seine zweite Frau Martha, geborene Scholem, stammte aus Hohensalza. „Wir gehörten der jüdischen Glaubensgemeinschaft an, hielten die religiösen Feiertage ein, waren aber nicht streng gläubig“, berichtete Ilse Arndt später.Schriftlicher Bericht von Ilse Arndt vom 24. April 1995; Dokument Nr. 8780160 in der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel; S. 1–5.
1921 übersiedelte die Familie Löwenberg nach Berlin, wo Verwandte von Ilse Löwenbergs Stiefmutter lebten. Ilses Vater eröffnete auf dem Berliner Zentralviehhof ein „Rinder-Engros-Geschäft“. Die Familie Löwenberg wohnte im Bezirk Prenzlauer Berg. Ilse Löwenberg besuchte dort die Grundschule und später die höhere Töchterschule bis zu ihrem 14. Lebensjahr. Da ihre Stiefmutter erblindete, musste Ilse die höhere Töchterschule verlassen, um die anfallenden Arbeiten im elterlichen Haushalt zu übernehmen. Mit 17 Jahren begann Ilse Löwenberg eine Metzgerlehre, die sie erfolgreich abschloss. Ilse Löwenberg arbeitete anschließend in der Lebensmittelbranche.
Im Jahr 1937 waren die totalitären Gesetze des Nationalsozialismus schon so fest verwurzelt, dass Ilse Löwenberg nur eine Anstellung als Putzhilfe im Café Engländer in Berlin-Schöneberg fand, das von jüdischen Besitzern betrieben wurde. Dort konnte sie jedoch bald in allen Arbeitsbereichen von Küche und Konditorei mitwirken. Das Café wurde in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 von den Nationalsozialisten zerstört.
Erste Verhaftung wegen „Rassenschande“ Ilse Löwenberg war mit einem Mann verlobt, der als so genannter „Staatsangehöriger deutschen oder artverwandten Blutes“ nach den Nürnberger Rassegesetzen keine Jüdin ehelichen durfte. Anfang 1938 – einen Tag vor ihrem 25. Geburtstag – wurden ihr Verlobter und sie wegen Rassenschande inhaftiert. Ihr Verlobter wurde zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt. Ilse erhielt eine – im Gesetz eigentlich nicht vorgesehene – Strafe von sieben Monaten Gefängnis.Margret Hamm (Hrsg.): Lebensunwert, zerstörte Leben. Zwangssterilisation und „Euthanasie“. Frankfurt am Main 2006, S. 16–17. Sie musste während ihrer Haftzeit schwere körperliche Arbeiten verrichten. Ihr Vater wurde aufgrund ihrer Verurteilung und Inhaftierung depressiv. Er wurde in die Nervenheilanstalt Berlin-Buch eingeliefert, wo er noch am selben Tag verstarb. Ilse Arndt vermutete später, dass er dort getötet wurde.
Sie selbst wurde kurz nach der Beerdigung ihres Vaters aus der Haft entlassen und kam zunächst bei Bekannten unter, an die sie sich gewandt hatte, weil sie Vorwürfe ihrer Stiefmutter wegen ihrer Verlobung fürchtete. Ihr Bruder wurde ebenfalls wegen der Verlobung mit einer sogenannten „Arierin“ verhaftet, konnte aber später nach England entkommen und kehrte nicht mehr nach Deutschland zurück.
1941 wurde ihre Stiefmutter verhaftet und nach Riga deportiert, wo die ersten Massenerschießungen stattfanden; ihre Spur verliert sich dort.
Zwangsarbeit und Deportation nach Auschwitz mini|Zwangsarbeiterinnen in einem Siemens-Werk in Berlin (1943) Ilse Löwenberg wurde 1941 zur Zwangsarbeit bei der Firma Siemens in Berlin verpflichtet, wo sie bei der Wicklung von Motoren Schichtarbeit leisten musste. 1941 heiratete sie Leopold Nußbaum, der in Berlin-Schöneberg ein Feinkostgeschäft besessen hatte und als Jude ebenfalls Zwangsarbeit verrichten musste.
Beide wurden am 7. Januar 1943 verhaftet und waren in verschiedenen Gefängnissen unter sehr schlechten Bedingungen inhaftiert. Leopold Nußbaum wurde bald darauf nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Ilse Nußbaum wurde zuletzt in Berlin ungefähr vier Wochen im Sammellager der Großen Hamburger Straße inhaftiert und dann mit der Bahn ebenfalls nach Auschwitz deportiert. Später berichtete sie über diese Fahrt: „Es gab nichts zu essen oder zu trinken, die Notdurft wurde in Eimern verrichtet und es gab Auseinandersetzungen um einen Sitzplatz auf dem Boden des überfüllten Viehwaggons. Durch Schlitze in den Türen konnten wir hinaussehen, auf den Bahnhöfen, die wir passierten, gab es Menschen, die mit ihren Händen Würgegriffe andeuteten, was wohl ein Hinweis auf das uns bevorstehende Schicksal sein sollte.“ Die Menschen in den Waggons wussten, dass der Zug nach Auschwitz fährt; Gerüchte gingen um, was dort passieren würde.
Ilse Nußbaum selbst hatte bereits ein halbes Jahr vor ihrer Verhaftung davon erfahren, dass Juden in Auschwitz vergast würden, aber nicht daran geglaubt.
Ankunft und Überleben in Auschwitz mini|Foto vom Torhaus des KZ Auschwitz-Birkenau (1945). Aufnahme Stanisław Mucha. In Auschwitz angekommen, wurden alle Häftlinge aus den Waggons herausgeholt und mussten sich, nach Geschlechtern getrennt, in verschiedenen Gruppen aufstellen: Männer, Frauen, Frauen mit Kindern unter 16 Jahren. Sie wurden dann von KZ-Ärzten selektiert, und die nicht als arbeitsfähig angesehenen Männer und Frauen sowie zum Teil die Frauen und die Kinder sogleich in den Gaskammern des KZs ermordet.Reinhold Aschenberg: Ent-Subjektivierung des Menschen. Lager und Shoah in philosophischer Reflexion. Königshausen & Neumann, Würzburg 2003, ISBN 3-8260-2556-3, S. 52ff.
Die als arbeitsfähig eingestuften Frauen wurden teils einer besonderen Selektion unterzogen. Dabei wurde Ilse Nußbaum durch den SS-Standortarzt des KZ Auschwitz, Eduard Wirths, für „Menschenversuche“ ausgewählt.Konrad Beischl: Dr. med. Eduard Wirths und seine Tätigkeit als SS-Standortarzt im KL Auschwitz. Würzburg 2005, S. 100.Helgard Kramer (Hrsg.): NS-Täter aus interdisziplinärer Perspektive. München 2006, S. 182. Zusammen mit ca. 100 weiteren für solche Versuche selektierten Frauen kam sie in den Block 10 des Stammlagers.
Alsbald mussten diese Frauen KZ-Häftlingskleidung anziehen, und ihnen wurde eine „Häftlingsnummer“ in den linken Unterarm eintätowiert. Arndt erhielt die Häftlingsnummer 47.579. Außerdem wurde den Frauen der Kopf kahl geschoren. Nach Einlieferung der Frauen in den Block 10 blieb deren monatliche Regelblutung schlagartig aus. Ilse Arndt vermutete deshalb später, man habe ihnen Brom ins Essen gegeben: „Das konnten wir riechen und schmecken“.Schriftlicher Bericht von Ilse Arndt vom 24. April 1995; Dokument Nr. 8780160 in der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel; S. 5–7. Solche Experimente mit Bromiden im Essen bei weiblichen Häftlingen sind auch aus dem KZ Ravensbrück bekannt.Dunja Martin: Menschenversuche im Krankenrevier des KZ Ravensbrück. In: Claus Füllberg-Stolberg u. a. (Hrsg.): Frauen in Konzentrationslagern: Bergen-Belsen, Ravensbrück. Edition Temmen, Bremen 1994, ISBN 3-86108-237-3, S. 128.
Wegen des besonderen „Verwendungszwecks“ durften die weiblichen Häftlinge des Blocks 10 weder geschlagen noch schikaniert werden, wurden aber dennoch von den Aufseherinnen grob behandelt. Von Block 10 aus konnte Ilse Nußbaum die Exekutionen beim Nachbarblock 11, dem Bunkerblock mit der Schwarzen Wand, vor der die Erschießungen stattfanden, heimlich beobachten. Auch wurde sie mit den anderen gezwungen, Erhängungen junger Frauen beizuwohnen, die versucht hatten, „Munition zu schmuggeln, um damit die Krematorien zu sprengen“.Resch und Schneider berichten in ihrer Seminararbeit an der Universität Linz, Konzentrationslager und Massenvernichtung, sowohl über die Erschießungen beim Block 11 (ebd. S. 25) als auch über die Erhängungen (ebd. S. 25, 29).
Im Rahmen der „Menschenversuche“ wurde Ilse Nußbaum von dem Gynäkologen und SS-Arzt Professor Carl Clauberg zwangssterilisiert. Auch bei ihren Mithäftlingen wurden entsprechende Versuche vorgenommen. Clauberg führte in größerem Umfang Sterilisationsversuche an Frauen durch und kam durch Vermittlung von Reichsführer SS Heinrich Himmler deshalb im August 1942 nach Auschwitz-Birkenau. Die Versuche sollten der Vorbereitung von Maßnahmen der „negativen Demographie“ bei den „Ostvölkern“ dienen, wobei Himmler die Clauberg-Methode zur Liquidierung des polnischen und tschechischen Volkes anwenden wollte.Carola Sachse (Hrsg.): Die Verbindung nach Auschwitz. Biowissenschaften und Menschenversuche an Kaiser-Wilhelm-Instituten. Dokumentation eines Symposiums. Wallstein-Verlag, Göttingen 2003, ISBN 3-89244-699-7, S. 137–138 (= Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus, Band 6). mini|Der Block 10 im KZ Auschwitz I (Stammlager) (2008) Im April 1943 wurde Clauberg für seine „Experimente“ der Block 10 im Stammlager zugewiesen, aus dem sich auch der „Euthanasie“-Tötungsarzt Horst Schumann, der die Möglichkeiten einer Massensterilisation durch Röntgenstrahlen erprobte, ebenfalls mit Versuchspersonen bediente. In den zwei Sälen im Obergeschoss dieses Blocks waren einige hundert Jüdinnen aus verschiedenen Ländern untergebracht. Die „Menschenversuche“ von Carl Clauberg und weiteren KZ-Ärzten fanden im Erdgeschoss statt, Horst Schumann bestrahlte seine Opfer in Block 30 im nahen Auschwitz-Birkenau. Clauberg erarbeitete eine Methode zur operationslosen Massensterilisierung, bei der ein für diese Zwecke speziell präpariertes chemisches Mittel (eine Formalinlösung) in die Eileiter injiziert wurde, das deren starke Entzündung zur Folge hatte. Die Eierstöcke der Frauen wuchsen durch die Entzündung zusammen und waren nach einigen Wochen verstopft, womit in nahezu allen Fällen Unfruchtbarkeit eintrat.Röntgenaufnahmen mit vorheriger Injizierung eines Kontrastmittels, die Clauberg zur Überprüfung seiner „Experimente“ in einem Röntgenraum im Block 10 durchführte, ergaben „in den meisten Fällen“ einen Verschluss der Eileiter. Es sind einzelne Fälle bekannt, in denen solcherart traktierte Frauen dennoch später vollkommen gesunde Kinder gebaren. Jan Sehn: Carl Claubergs verbrecherische Unfruchtbarmachungsversuche an Häftlings-Frauen in den Nazi-Konzentrationslagern. In: Hefte von Auschwitz, 2 (1959), S. 24. Einige Frauen verstarben infolge der „Experimente“, andere wurden getötet, um Sektionen der Leichen vorzunehmen.Jan Sehn: Carl Claubergs verbrecherische Unfruchtbarmachungsversuche an Häftlings-Frauen in den Nazi-Konzentrationslagern. In: Hefte von Auschwitz, 2 (1959), S. 3–32.Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer. Überarbeitete Neuausgabe, Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-596-14906-1, S. 436. Claubergs Vorgehen galt im Lager als brutal, da die Injektionen ohne Betäubung stattfanden und das verwendete Mittel eine ätzende Wirkung hatte.Till Bastian: Furchtbare Ärzte. Medizinische Verbrechen im Dritten Reich. Originalausgabe, 3. Auflage. Verlag C. H. Beck, München 2001, ISBN 3-406-44800-3, S. 84–87 (= Beck’sche Reihe; Band 1113). Zwangssterilisationen führte Clauberg in Auschwitz und später im KZ Ravensbrück durch. Die genaue Zahl ist nicht bekannt. Frühere Schätzungen liegen bei etwa 700.