Die Sächsische Schweiz gilt als eines der ältesten Klettergebiete der Erde und wird auch als „Wiege des Freikletterns“ bezeichnet. Sie entwickelte sich von einem Übungsgelände für die Alpen zum größten deutschen Klettergebiet mit über 20.000 Routen (Wege) an 1135 freistehenden Felsen. Hier wurden ohne die Verwendung technischer Hilfsmittel bis in die 1970er Jahre einige der damals schwersten Kletterrouten der Welt erschlossen.
Anfänge bis zur Jahrhundertwende Schon im Mittelalter wurden verschiedene Felsen, wie der Falkenstein, Frienstein, Mönch und Winterstein, bestiegen, um auf diesen Burgwarten zu errichten. Diese Klettereien erfolgten sicherlich kaum aus sportlichen Motiven, sondern dienten eher der Errichtung schlecht erreichbarer und damit sicherer Stützpunkte. 1848 bestieg Sebastian Abratzky"Der Neue Sächsische Bergsteiger", Mitteilungsblatt des SBB-Sektion des DAV, Nr. 2, Juni 2002, 13. Jahrgang aus sportlichen Motiven über einen Felsspalt in der Südseite die Festung Königstein. Als Geburtsstunde des Kletterns gilt jedoch die Besteigung des Falkensteins durch Schandauer Turner im Jahr 1864. Dabei wurden noch künstliche Hilfsmittel wie Leitern verwendet. Die ersten auf dem Gipfel waren die Turner aber nicht, da auf dem Gipfel des Falkensteins Reste einer mittelalterlichen Burgwarte gefunden wurden.
Zehn Jahre später, im Jahr 1874, bestiegen Otto Ewald Ufer und H. Frick als erste den Mönch bei Rathen aus den gleichen sportlichen Motiven. Erstmals erfolgte dabei in der Sächsischen Schweiz eine Besteigung eines Klettergipfels ohne künstliche Hilfsmittel. Diese Besteigung gilt als Geburtsstunde des freien Kletterns in der Sächsischen Schweiz und prägte die nachfolgende Entwicklung des Kletterns im Gebirge nachhaltig.
A. Matthäi, T Lierke, H. Fischer und H. Kurze bestiegen, nach einem in der Höhle unter dem Gipfel befindlichen Zettel, am 1. Juli 1888 die Nonne ohne künstliche Hilfsmittel. Danach folgten weitere Gipfel. Rudolf Fehrmann schrieb dazu in seinem Kletterführer von 1908: Das Verdienst, sich zuerst von künstlichen Hilfsmitteln freigemacht zu haben, gebührt Hugo Kurze, Adolf Matthäi und Begleitern; so bestiegen sie zuerst „frei“ die Hintere und Vordere Kleine Gans, die Nonne bei Rathen und andere Felsen.Dietrich Hasse und Heinz Lothar Stutte: Felsenheimat Elbsandsteingebirge Sächsisch-Böhmische Schweiz. Erlebnis einer Landschaft und ihre künstlerische Darstellung. Ein Jahrhundert Sächsisches Bergsteigen, Wolfratshausen/Obb., 1979, S. 138, ISBN 3-922066-00-3
Wenig später, ab dem Jahr 1885, machte sich eine Gruppe gut situierter Handwerker aus Pirna und Bad Schandau daran, die Felsen ihrer Heimat mit allen erdenklichen Hilfsmitteln zu ersteigen. mini|Schusterplakette im Schusterweg am Falkenstein Fünf Jahre später begann Oscar Schuster mit seinen Seilgefährten die sächsischen Felsgebiete als Übungsterrain für die Alpen zu nutzen und erschloss in der Sächsischen Schweiz die ersten bedeutenden Klettergipfel. Schuster war es auch, der den in den Alpen benutzten Kletterschuh mit Hanfsohle zum Klettern an den Felsen der Sächsischen Schweiz einführte. Er gehörte, wie auch sein Freundeskreis mit den Gebrüdern Conrad und Friedrich Meurer, Fritz Gerbing, Martin Klimmer und Dümler, der wohlhabenden Mittelschicht an, die es sich leisten konnte, im Gebirge zu klettern. Ihre Taten schlugen sich in den Bezeichnungen von Meurerturm, Gerbingspitze, Klimmerstein und Schusterturm dauerhaft nieder. Als Schwierigkeiten wurde immerhin schon der vierte sächsische Grad erreicht.
Mit der Besteigung des Schusterturms am 12. November 1893 im Bielatal durch Oscar Schuster und Fritz Böhme erfolgte die wohl weltweit erste Auslage eines Gipfelbuches. „Wir deponierten ein Fremdenbuch in Blechhülse“. Vorher wurden meist nur Zettel oder Visitenkarten auf dem Gipfel zurückgelassen.
Die nachfolgende Generation erstieg alle bedeutenden durch Riss- oder Kaminkletterei erreichbaren Gipfel. Die bedeutendsten Erstbesteigungen um die Jahrhundertwende waren die des Bloßstocks über den Wenzelweg (Schwierigkeit V) durch Heinrich Wenzel 1899, der Brosinnadel (Alter Weg IV) durch Fritz Brosin 1899 und des Kreuzturmes über den Alten Weg (V) durch Hermann Sattler im Jahr 1901.
Ab 1904 beschrieb Schuster als erster Autor für die Sächsische Schweiz Gipfel und Anstiege in einer Reihe von Artikeln, die unter der Rubrik Felsklettern in der Sächsischen Schweiz in der Zeitschrift Berg und Thal publiziert wurden.gipfelbuch.de: , Zugriff: 18. Januar 2010 Skizzen und Zusammenstellungen daraus fanden sich später in Rudolf Fehrmanns erstem Kletterführer wieder. Schuster wollte auch selbst einen Führer herausbringen, doch kurz vor der Druckreife entschied er sich dagegen.
Haupterschließung zwischen 1903 und dem Ersten Weltkrieg miniatur|Oliver Perry-Smith ganz rechts, Aufnahme von 1907 miniatur|hochkant|Fiktive Darstellung der Erstbesteigung der Barbarine Im Jahr 1903 gab es in der Sächsischen Schweiz erstmals über 500 Bergsteiger. Im gleichen Jahr kam es mit dem Schritt zur freien Wandkletterei zu einer weiteren Schwierigkeitssteigerung im sächsischen Fels. Erster Weg dieser Ära war der Überfall auf die Lokomotive-Esse (V) in Rathen von Albert Kunze und Oliver Perry-Smith. Letzterer wurde zusammen mit Rudolf Fehrmann Leitfigur der folgenden Ära. In den Folgejahren gelang die Besteigung des Großen Wehlturmes (hier wurde 1905 der erste Sicherungsring geschlagen), der Jungfer, der Barbarine, des Wilden Kopfs und schließlich im Jahr 1906 die Erstersteigung des Teufelsturms im siebten Schwierigkeitsgrad. Weitere bekannte Vertreter dieser Ära waren Walter Hünig und Arthur Hoyer.
Eine weitere Erschließungsphase wurde durch die Begehung der ausgesetzten, teilweise brüchigen und nach dem Erstbegeher Eduard Weinert benannten Weinertwand am Vexierturm in Rathen eingeleitet. Der Weg, mit nur drei Sicherungsringen versehen, galt als gefährliche Kletterei und forderte mehrere Todesopfer, darunter einen bekannten Erstbegeher, Ehrhardt Renger.
Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges wurde die Schwierigkeit noch weiter gesteigert und vor allem die Risskletterei perfektioniert. Neben Rudolf Klemm, Arthur Agsten und Ehrhardt Renger waren Max Matthäus und Arymund Fehrmann wichtige Vertreter dieser Zeit.
Am 29. November 1901 wurde in Dresden die Sektion Dresden des Österreichischen Touristenklubs (ÖTK) gegründet, sie gilt als Vorläufer eines Bergsteigerbundes. Am 1. März 1911 kam es durch den Zusammenschluss von 15 verschiedenen Kletterklubs zur Gründung des Sächsischen Bergsteigerbundes e. V. (SBB). Dieser bestimmte von nun an, mit einer Pause zwischen 1945 und 1990, die Entwicklung des Sächsischen Kletterns maßgeblich mit.
Durch den Beginn des Krieges kam es zu einer Unterbrechung der Erschließungsgeschichte. Am 10. Mai 1917 wurde durch die zuständigen Behörden ein generelles Kletterverbot verhängt: „Anlaß zu dem Verbote geben die Klagen über Beschädigung der Schonungen in der Umgebung der Felsen, besonders aber die zunehmenden Unglücksfälle beim Klettern. Leben und Gesundheit jedes Einzelnen sind gegenwärtig auch für die Allgemeinheit ein zu wertvolles Gut, als daß es ohne Notwendigkeit aufs Spiel gesetzt werden darf.“
Mehrere bekannte Bergsteiger, darunter auch bekannte Erstbegeher, wie Arymund Fehrmann starben an der Front. Auch der Nestor des sächsischen Kletterns Oscar Schuster starb in einem Internierungslager in Astrachan.
Im Jahr 1908 konnte Rudolf Fehrmann unter Verwendung des Entwurfes von Oscar Schuster einen Kletterführer mit etwa 200 Gipfeln und 400 Wegen herausbringen. Dieser erschien 1908 unter dem Titel "Der Bergsteiger in der Sächsischen Schweiz". Darin wurden noch verbale Beschreibungen für Schwierigkeiten verwendet. Schon im Nachtrag 1913 definierte Fehrmann (weltweit erstmals) verbindliche Kletterregeln. Diese Regeln gelten in der Sächsischen Schweiz mit geringen Veränderungen noch heute. Wichtigste Punkte sind: Klettern nur an natürlichen Haltepunkten keine Veränderung der Felsoberfläche kein Schlagen von Sicherungshaken (außer bei der Erstbegehung). (PDF; 835 kB)
In der Ausgabe von 1923 verwendete Fehrmann erstmals die damals siebenstufige sächsische Skala, noch ohne Buchstaben. Gegenüber der Erstausgabe von 1908 beschrieb der Kletterführer 1923 bereits 1.004 Kletterwege und -varianten.
Die Zeit zwischen den Weltkriegen Bis zum Ende des Krieges fielen von 786 Mitgliedern des SBB 425 dem Krieg zum Opfer. Auch die anderen Klettervereine hatten größere Verluste zu beklagen.
Zu Beginn der 1920er Jahre kam es zur Bildung des „Verbandes freier bergsportlicher Vereinigungen“ (VfbV) im Jahr 1919 und der Vereinigten Kletterabteilungen (VKA) im „Touristenverein "Die Naturfreunde"“. Neben weiteren bergsportlichen Organisationen entwickelten sich diese zur Konkurrenz für den Sächsischen Bergsteigerbund. Im Jahr 1919 gelangen, bedingt auch durch das Kriegsende, doppelt so viele Erstbegehungen wie im Vorjahr. Schon im Jahr 1920 wurde mit 129 Erstbegehungen eine Verdreifachung erreicht.
Einer der bedeutendsten Erstbegeher dieser Zeit war Emanuel Strubich. Zwischen dem Ende des Krieges und seinem Tod in den Alpen 1922 setzte er neue Akzente. Ihm gelang mit der Westkante am Wilden Kopf der Schritt in den achten sächsischen Grad. Seine Erstbegehungen und auch seine Projekte in der Teufelsturm-Talseite und Schrammtorwächter-Nordwand wurden erst zehn Jahre später und mit Hilfe einer Unterstützungsstelle (menschlicher Steigbaum) beendet. Otto Dietrich war ein weiterer aktiver Erstbegeher dieser Zeit, ihm gelang die Westkante (VIIc) am Falkenstein. Mit der Kuniskante durch Oswald Kunis 1921 am Rauschentorwächter und Rostkante am Haupwiesenstein im Jahr 1922 durch Hans Rost wurde der glatte achte Grad erreicht. Danach stagnierte die Schwierigkeitsentwicklung über etwa 30 Jahre, unterbrochen nur von wenigen herausragenden Wegen. Weitere bedeutende Kletterer dieser Zeit waren neben Fritz Wiessner, der nach seiner Auswanderung nach Amerika das Freiklettern in den USA populär machte, Alfred Herrmann, Walter Sobe und Arno Sieber. Ihnen gelangen ausgesetzte Riss- und Reibungsklettereien, die heute noch zu den bedeutenden Wegen in der Sächsischen Schweiz zählen, so die Sieberkante (VIIc) am Vorderen Torstein, der Wießnerriss am Frienstein, die Talseite an der Barbarine und die Westkante am Höllenhund.
Im Kletterführer von 1927 wurden etwa 400 Gipfel mit rund 1000 Wegen beschrieben. Dieser Kletterführer wurde bis nach Kriegsende nicht mehr ergänzt.
Zum Ende der 1920er Jahre verstärkten sich die Rivalitäten und Gegensätze zwischen einzelnen Klettervereinigungen und Kletterklubs. Diese wurden durch die Auslegung von eigenen Wandbüchern, Gipfelbuchdiebstähle, Flugblattaktionen oder vor Gericht öffentlich ausgetragen. Es gab aber auch eine sachliche Zusammenarbeit in der „Interessengemeinschaft Dresdener touristischer Vereinigungen“ (IG), aus der später auch die Bergwachtabteilung Sachsen hervorging. Zum ersten Vorsitzenden wurde im Jahr 1919 Rudolf Fehrmann gewählt. Mit Beginn der Weltwirtschaftskrise und der damit verbundenen zunehmenden großen Arbeitslosigkeit und politischen Radikalisierung verstärkte sich auch die offene Gegnerschaft zwischen einzelnen bergsportlichen Organisationen. Insbesondere die verstärkte Vernichtung von Gipfelbüchern und -zeichen durch einen Teil der Mitglieder der „Vereinigten Kletterabteilungen (VKA)“ führte zu scharfen gegenseitigen Angriffen und Auseinandersetzungen. So wurden im September 1928 von Unbekannten die Gipfelzeichen vom Falkenstein (Falke), vom Mönch (die Figur eines Mönches) und vom Hinteren Gansfels (Vogel) entfernt.