Werner Georg Haverbeck (* 28. Oktober 1909 in Bonn; † 18. Oktober 1999 in Vlotho) war ein deutscher Historiker und Volkskundler. Er war SA-Mitglied und SS-Untersturmführer, später Pfarrer der anthroposophischen Christengemeinschaft und zuletzt freier Publizist. 1963 gründete er zusammen mit seiner späteren Ehefrau Ursula Haverbeck in Vlotho den 2008 aufgrund fortgesetzter Leugnung des Holocaust verbotenen Verein Collegium Humanum, in dem unter anderem 1984 das Komitee zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Adolf Hitlers tagte.

Leben Weimarer Republik Haverbeck war der Sohn des Stadtingenieurs Albert Haverbeck und wuchs in Bonn auf. In den 1920er Jahren war er im bündischen Teil der Evangelischen Jugend aktiv.Ingrid Tomkowiak: Das »Heidelberger Manifest« und die Volkskunde. In: Zeitschrift für Volkskunde 1996 (92), S. 196. Als Schüler engagierte er sich für die nationalsozialistische Bewegung und trat 1923 dem „Jugendbund der NSDAP“ bei, aus dem die Hitlerjugend (HJ) hervorging. 1926 wurde Haverbeck Mitglied der NSDAP, die Mitgliedschaft wurde jedoch bis zu seiner Volljährigkeit suspendiert, weil die Parteiaufnahme für Minderjährige gesperrt wurde.BDC-Akte Haverbeck, Sekundärliteratur: Peter Bierl: Lebensschutz und Rassenhygiene: Zu den ideologischen Grundlagen des Weltbundes zum Schutz des Lebens (WSL), datiert vom 1. August 2011, S. 7 f.

1928 machte er in Bonn AbiturMaria Keipert: Biographisches Handbuch des deutschen Auswärtigen Dienstes, 1871–1945: G–K. F. Schöningh 2005, S. 221 f. und begann dort im selben Jahr ein Studium der Vergleichenden Religionswissenschaften, Philosophie und Geschichte. Es folgten weitere Stationen in München (1929), Berlin (1935) und Heidelberg (1936). Eine andere Quelle nennt als weitere Station Kiel (1931) und die Studienfächer Geschichte, Volkskunde und Staatswissenschaften.

Gleichzeitig mit dem Beginn des Studiums wurde Haverbeck 1928 Mitglied in der SA (Mitglied bis 1931) sowie Mitglied des NSDStB (Nationalsozialistischer Deutscher Studentenbund), für den er den Ortsverband in Bonn gründete. Seit Frühjahr 1929 war er bis 1932 Mitglied der Reichsleitung des NSDStB. In Bonn gründete Haverbeck auch eine Ortsgruppe des von Alfred Rosenberg geführten Kampfbundes für deutsche Kultur (KfdK). Am 1. August 1929 trat Haverbeck der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 142.009).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/13960814Peter D. Stachura: Nazi Youth in the Weimar Republic. Clio Books, Santa Barbara 1975, S. 222.Aus der BDC-Akte; Sekundärliteratur: Wolfgang Jacobeit, Hannjost Lixfeld, Olaf Bockhorn: Völkische Wissenschaft: Gestalten und Tendenzen der deutschen und österreichischen Volkskunde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Böhlau 1994, S. 298. Ab dem 1. August 1931 war er bis 1932 Leiter des Amtes für Kultur und Weltanschauliche Erziehung in der Reichsjugendführung der NSDAP.Andreas Schulz, Günter Wegmann, Dieter Zinke: Die Generale der Waffen-SS und der Polizei: Lammerding-Plesch. Biblio-Verlag, 2003, S. 424.

Im Dezember 1932 wurde Haverbeck von Baldur von Schirach, der ihn 1929 selbst in die HJ-Reichsleitung geholt hatte, von seinen Ämtern in der Reichsjugendführung ohne Angaben von Gründen enthoben. Vorausgegangen war ein interner Streit mit von Schirach über die Linie der HJ. Haverbeck setzte sich für eine „Verinnerlichung der Jugendarbeit“ ein und kritisierte die von Schirach betriebene einseitige paramilitärische Ausrichtung. Haverbeck, der Assistent des Kulturforschers Herman Wirth war, gründete darauf die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Jugend um Herman Wirth.Stefan Breuer und Ina Schmidt: Die Kommenden: eine Zeitschrift der Bündischen Jugend (1926-1933). Schwalbach 2010, S. 123. Ungeachtet dieses Zwischenfalls erhielt Haverbeck für seine Pläne in der Volkstumsarbeit die Unterstützung von Rudolf Heß, der ihn in seinen Stab aufnahm.Reinhard Bollmus, Stephan Lehnstaedt: Das Amt Rosenberg und seine Gegner: Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2006, S. 47 f.

NS-Staat Das Studium brach Haverbeck wegen einer Berufung in die Reichsleitung der NSDAP ab. Im Juni 1933 wurde er von Rudolf Heß mit der Volkstumsarbeit der nationalsozialistischen Bewegung für das ganze Reichsgebiet beauftragt. Bevollmächtigt durch Heß, gründete er im August 1933 den Reichsbund Volkstum und Heimat (RVH) als Unterorganisation von Robert Leys Deutscher Arbeitsfront und fungierte fortan als Leiter der Reichsmittelstelle für Volkstumsarbeit der NSDAP, dem auch das Reichsamt Volkstum und Heimat in der NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude untergeordnet war.„(…) Haverbeck propagierte eine verquaste Mixtur aus Naturschutz und völkischer Rassenlehre, die etwa das ‚naturferne‘ Judentum dem ‚erdverbundenen‘ Wesen des deutschen Volkes gegenüberstellte. (…) der seine Aktivitäten und Kontakte am äußersten rechten Rand auch während seiner Lehrtätigkeit hegte und pflegte, unter anderem als Vorsitzender des grün-braunen ‚Weltbundes für den Schutz des Lebens‘ und Gründer des unlängst wegen nationalsozialistischen Bestrebungen verbotenen Collegium Humanum in Vlotho. (…)“; aus: Frank Lachmann: „Verschwiegen“, in: Jüdische Allgemeine, 63. Jg., Nr. 36 vom 4. September 2008, S. 2. Ziel des RVHs war es, die Kontrolle über die Naturschutzbewegung zu gewinnen.Frank Uekötter: Naturschutz und Nationalsozialismus, Campus Verlag 2003, S. 153. Im Auftrag von Rudolf Heß war Haverbeck an der kulturellen Gestaltung des Reichsparteitags 1934 in Nürnberg beteiligt.Arfst Wagner: Anthroposophen und Nationalsozialismus. Probleme der Vergangenheit und der Gegenwart. In: Flensburger Hefte, 3/91, Heft 32, Flensburg 1991, S. 42.

1934 zog Haverbeck das Misstrauen von Robert Ley auf sich. Ley zweifelte an der Gesinnung Haverbecks, weil er als „arbeiterfreundlich“ galt und sich in der Kulturpolitik für nationalsozialistische Verhältnisse recht gemäßigt gebärdete. Ley bezeichnete Haverbeck im Juli 1934 als „nicht mehr tragbar“ und setzte ihn im Oktober 1934 ab. Haverbecks Reichsbund löste Ley im Januar 1935 auf.Harm-Peer Zimmermann: „Völkischer Aufbruch“ der Heimatvereine. Die „Gleichschaltung“ der volkskundlichen Laienbewegung in Schleswig-Holstein nach dem 30. Januar 1933. In: TOP 6, Berichte der Gesellschaft für Volkskunde in Schleswig-Holstein 6, 1992, S. 13. Nachdem Haverbeck in diesem Richtungskampf den Reichsbund verlassen musste, versuchte er vergeblich in der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe unter Herman Wirth Fuß zu fassen. Von Heinrich Himmler erhielt er ab Oktober 1935 ein Promotionsstipendium. Himmler nahm ihn am 20. November 1936 auch in die SS auf und beförderte ihn zum SS-Untersturmführer (SS-Nummer 277.529).

Haverbeck beschäftigte sich seit 1930 mit Herman Wirths „Sinnbildforschung“. Er war mit dem Gründer des Ahnenerbes Wirth befreundet und sein Privatschüler und wollte bei ihm promovieren.Bernard Thomas Mees: The science of the swastika, Central European University Press, 2008, S. 231f. 1935 stand Wirth jedoch als Doktorvater nicht mehr zur Verfügung, so dass Haverbeck sein Studium der Geschichte, Volkskunde und Staatswissenschaften in Berlin wieder aufnahm und zunächst bei Adolf Spamer promovieren wollte. 1936 wechselte Haverbeck an die Universität Heidelberg und wurde Assistent von Eugen Fehrle. Er wurde bei ihm am 6. August 1937 mit seiner Arbeit Lebensbaum und Sonnensinnbild zum Dr. phil. promoviert.Franz Mandl: Das Erbe der Ahnen, Ernst Burgstaller/Herman Wirth und die österreichische Felsbildforschung. In: Mitteilung der ANISA, 19./20. Jg. H. 1/2, 1999. S. 47. Er arbeitete in Heidelberg als Assistent weiter und habilitierte sich dort 1938 mit seiner Arbeit Deutscher Volksglaube im Sinnbild. Parallel zu seinen Aktivitäten in Heidelberg war Haverbeck 1937 auch Referent im Stab Rudolf Heß.Jörg Melzer: Vollwerternährung: Diätetik, Naturheilkunde, Nationalsozialismus, sozialer Anspruch. Franz Steiner Verlag, 2003, S. 369.

1938 überwarf sich schließlich Haverbeck auch noch mit seinem bisherigen Förderer Heinrich Himmler, der ihn am 23. Mai 1938 mit folgenden Worten aus der SS ausschloss: „Ich entlasse Sie mit sofortiger Wirksamkeit aus der SS, da Sie nicht die primitivsten Eigenschaften von Disziplin und menschlicher Anständigkeit besitzen, die von einem SS-Führer verlangt werden müssen.“Arfst Wagner: Anthroposophen und Nationalsozialismus. Probleme der Vergangenheit und der Gegenwart. In: Flensburger Hefte, 3/91, Heft 32, Flensburg 1991, S. 44. Ab 1940 arbeitete Haverbeck für das Auswärtige Amt. Er wurde zunächst nach Dänemark an die deutsche Botschaft in Kopenhagen gesandt (Dienstantritt am 13. April 1940), wo er ab dem 1. Mai 1940 zunächst als Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter tätig und ab dem 9. Juli 1940 als Rundfunkattaché für die deutsche Rundfunkpropaganda zuständig war. Am 21. Dezember 1940 heiratete Haverbeck seine erste Frau Ilse.

Im März 1941 wurde Haverbeck zusammen mit Gustav Bannach nach Buenos Aires gesandt, wo er am 28. März 1941 seinen Dienst als Rundfunkattaché antrat. Das Ziel seiner siebenmonatigen Mission war der Kauf beziehungsweise die Subventionierung neuer Sender oder Redakteure.Heinz Sanke: Der deutsche Faschismus in Lateinamerika, 1933–1943. Humboldt-Universität 1966, S. 97. Ab dem 29. November 1941 arbeitete Haverbeck wieder im Auswärtigen Amt in Berlin, wo er zusammen mit dem späteren Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger deutsch-faschistische Propagandasender der „Deutschen Auslands-Rundfunk-Gesellschaft Interradio AG“ zur Beeinflussung südamerikanischer Regierungen aufbaute. Am 1. März 1942 übernahm Haverbeck die Leitung des Referates III/Spanien, Portugal, später die Leitung des Referates IVb/Südost. Am 1. Oktober 1942 wurde Haverbeck nach Preßburg gesandt, wo er vom 12. Oktober bis zum 6. Dezember 1942 Rundfunkreferent war. Ab dem 10. Dezember 1942 nahm Haverbeck aktiv am Zweiten Weltkrieg teil. Laut Peter Bierl kämpfte er als Leutnant in der Panzergrenadier-Division Feldherrenhalle, unter anderem an der Ostfront.Peter Bierl: Lebensschutz und Rassenhygiene: Zu den ideologischen Grundlagen des Weltbundes zum Schutz des Lebens (WSL). Datiert vom 1. August 2011, S. 9 f.

Nach 1945 Nach dem verlorenen Krieg stand der Rückkehrer Haverbeck „auf der Seite des Ostens“, so sein Freund Ulrich Schmiedel. „Hier seien die Gläubigeren, die biologisch Stärkeren. Wir haben die Aufgabe, das Abendland und die östliche sozialistische Kraft zu verbinden“, zitierte ihn Schmiedel 1946.Arfst Wagner: Anthroposophen und Nationalsozialismus. Probleme der Vergangenheit und der Gegenwart. In: Flensburger Hefte, 3/91, Heft 32, Flensburg 1991, S. 45.

Haverbeck wurde Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft,Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884–1945, 2 Bände. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, S. 250. studierte ab 1948 am Priesterseminar der anthroposophisch inspirierten Christengemeinschaft in Stuttgart und wurde 1950 zum Priester geweiht. In einer Presseerklärung aus dem Jahr 2008 erwähnte die Christengemeinschaft, dass er in seinem damaligen Lebenslauf bei der Bewerbung seine NS-Vergangenheit verschwiegen habe.Haverbeck für Christengemeinschaft nicht repräsentativ, veröffentlicht von Frank Hörtreiter, Öffentlichkeitsbeauftragter der Christengemeinschaft, Hannover am 3. Juni 2008 Haverbeck war bis 1960 als Pfarrer der Christengemeinschaft in Marburg tätig.Walter Habel: Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. Schmidt-Römhild Verlag 1993, Band 32, S. 513. 1951 betreute Haverbeck den im Einsatzgruppen-Prozess verurteilten NS-Verbrecher Otto Ohlendorf vor seiner Hinrichtung im Kriegsverbrechergefängnis Landsberg seelsorgerlich. 1959 wurde er von seiner Priestertätigkeit wegen „linker Tendenzen“ beurlaubt. Anlass war eine Reise Haverbecks durch Russland, China und Taiwan 1958, wo er unter anderem ein Gespräch mit Chiang Kai-shek führte. Er durfte das Priesteramt nicht mehr ausüben und nicht mehr an den Synoden teilnehmen.