mini|William Shakespeare, Dramatiker (1564–1616) Als Elisabethanisches Theater bezeichnet man gemeinhin das Theater der englischen Renaissance unter Königin Elisabeth I. (reg. 1558–1603) und ihrem Nachfolger Jakob I. (reg. 1603–1625).
Eine allgemeine kulturelle Blüte Englands führte im 16. Jahrhundert zur Entstehung eines Theaterwesens, das in seinen Ausmaßen wohl nur mit antiken Vorbildern zu vergleichen ist: Erstmals seit über tausend Jahren existierten wieder professionelle Schauspieltruppen. Das Theater avancierte – bis zum Verbot aller Theateraufführungen unter puritanischer Herrschaft im Jahr 1642 – zum Raum für die Begegnung der gesellschaftlichen Schichten. Schlagartig wuchs die Produktion dramatischer Werke an, es entstanden vielfältige (und neue) theatrale Formen. Die Werke, die in diesen wenigen Jahrzehnten zwischen dem 16. und dem 17. Jahrhundert für die Londoner Bühnen verfasst wurden, gehören seit langem zu den faszinierendsten literarischen Produktionen in dem gesamten europäischen Theaterwesen. Auch William Shakespeares Schaffen fällt in diese Zeit.Wolfgang Weiß: Das Drama der Shakespeare-Zeit. Versuch einer Beschreibung. Kohlhammer Verlag, Stuttgart u. a. 1979, ISBN 3-17-004697-7, S. 11. (Online als PDF-Datei abrufbar unter epub.ub.uni-muenchen.de).
Historische und soziale Voraussetzungen Gesellschaftlicher Wandel im 16. Jahrhundert mini|Porträt Königin Elisabeths I. von Nicholas Hilliard, ca. 1585 Die Herrschaft Elisabeths I. war geprägt durch einen Interessenausgleich zwischen Bürgertum und Adel: Feudale Strukturen verloren nach und nach an Bedeutung, die Verwaltung des Landes wurde reformiert und das Parlament in seiner Bedeutung aufgewertet. Durch den Weltmachtstatus Englands und den damit verbundenen wirtschaftlichen Aufstieg war bereits Mitte des Jahrhunderts eine breite bürgerliche Schicht entstanden, die schon aufgrund ihres materiellen Wohlstands Mitsprache beanspruchen konnte; zudem führten humanistische Bildungsbestrebungen zu einem einheitlich hohen Bildungsniveau. Damit eröffnete sich die Möglichkeit sozialen Aufstiegs – eine entscheidende Veränderung dem Mittelalter gegenüber. Die lateinische Bildung vieler Bürger stellte den Nährboden für eine Dramatik dar, die sich auf klassische Autoren wie z. B. Seneca, Plautus oder Terenz berufen konnte. Deren Texte wurden in Schulaufführungen verbreitet.
Jakobs I. Regierungszeit wurde zwar durch zahlreiche innenpolitische Krisen (infolge religiöser Konflikte) erschüttert, doch brachte sie auch die Vision nationaler Einheit Britanniens hervor: Die Beschäftigung mit englischer Geschichte und englischer Sprache schuf wichtige Voraussetzungen für das Theater eines William Shakespeare.
Die elisabethanische Theaterpraxis entspricht exakt den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen: Das Publikum der großen Londoner Theater rekrutierte sich gleichermaßen aus Handwerkern und Händlern, Gelehrten und Angehörigen des Adels – dank niedriger Eintrittspreise. Ohne die enorme Bevölkerungsexpansion in der Großstadt London wäre die Existenz vieler Theater undenkbar gewesen. Auf der so genannten Bankside entstand dort ein regelrechtes Vergnügungsviertel.
Säkularisierung Nachdem Heinrich VIII. 1534 die englische Nationalkirche geschaffen hatte, brachte die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts vor allem die Abwendung von römisch-katholischen Glaubensgrundsätzen mit sich. Die englische Sprache hielt verstärkt Einzug in Gottesdienst und Bibelübersetzungen, ersetzte das Lateinische – diese Entwicklung bildete den Nährboden für eine volkssprachliche Literatur, die zudem durch den Buchdruck weite Verbreitung fand. So konnte ein literarischer Markt entstehen, an dem auch Theaterautoren wie Christopher Marlowe oder William Shakespeare partizipierten, deren Stücke im 17. Jahrhundert in Gesamtausgaben erschienen.
mini|Francis Bacon (1561–1626) Mit Francis Bacons Empirismus setzte sich zudem ein Weltbild durch, welches nicht mehr auf (kirchlichen) Dogmen, sondern auf Empirie basierte. Enorme wissenschaftliche Fortschritte auf fast allen Gebieten prägten die Epoche, begleitet von der Erforschung der Neuen Welt, deren Entdeckung allein eine große kulturgeschichtliche Umwälzung bedeutete. Nichtsdestoweniger glaubte ein Großteil der Bevölkerung Englands weiter an übersinnliche Ereignisse, an Magier und Hexen; auch Königin Elisabeth ließ sich regelmäßig Horoskope erstellen. In Shakespeares Stücken findet sich dementsprechend häufig ein Nebeneinander von Wissenschaft und Aberglaube, bevölkern Hexen (Macbeth) und Feen (Ein Sommernachtstraum) die Bühne.
Anthropozentrisches Weltbild Ausgehend von Italien griff die Renaissance Mitte des 16. Jahrhunderts auch auf England über: Der Humanismus wandte sich antiken Traditionen zu und betonte die Freiheit des einzelnen Menschen, den die Vernunft über das Tierreich erhebt. Die Entstehung eines modernen Subjektbegriffs begünstigte Stücke, die sich aus dem Typhaften emanzipierten und statt des Schicksals das menschliche Handeln und dessen Folgen in den Vordergrund rückten. An die Stelle allegorischer Darstellung traten nun Prototypen individueller Psychologie. Dabei kann die Freiheit stets auch ins Negative umschlagen: Dass der Zerfall sozialer Hierarchien und das Wegbrechen eindeutiger metaphysischer Erklärungsmuster auch als Bedrohung erfahren werden konnte, belegt die Figur Hamlets eindrucksvoll – die Last der Verantwortung für das eigene Tun führt hier zu einer Lähmung, zum resignativen Nichtstun.
Der Melancholiker ist eine paradigmatische Figur des Zeitalters, die in vielen Texten auftritt, stets auf Basis der Humoralpathologie, der wichtigsten anthropologischen Theorie der Zeit (so auch in Hamlet). Ihm gegenüber steht der rücksichtslose Aufsteiger, der sich selbst zu inszenieren weiß – Niccolò Machiavellis Il Prinicipe wurde (obgleich offiziell verboten) auch in England rezipiert. Christopher Marlowes Doctor Faustus (ca. 1589) zeigt die Folgen großer Machtbesessenheit, ebenso wie sein Tamburlaine the Great (1587), welches den Aufstieg und Tod eines mongolischen Fürsten (Timur) vorführt.
Quellenlage mini|hochkant=1.5|Detail einer Stadtansicht Londons aus dem Jahr 1616, im Bild u. a. das Globe Theatre Während zahlreiche Dokumente zu den sozialen Auswirkungen der Blüte der englischen Theaterlandschaft im 16. und 17. Jahrhundert existieren (inklusive puritanischer Kampfschriften und städtischer Erlasse), sind Hinweise auf die zeitgenössische Aufführungspraxis weitaus seltener – sieht man von den Theaterstücken selbst einmal ab. Insbesondere Bildmaterial ist kaum überliefert. Eine wichtige Basis für die Rekonstruktion der Theatersituation sind deshalb die Berichte ausländischer Handelsreisender und fürstlicher Diplomaten, die London besuchten: Die Observationes Londinienses des holländischen Kaufmanns Johannes de Witt enthalten z. B. eine Zeichnung des Swan Theatre um 1596, während der Basler Arzt Thomas Platter seinen Landsleuten detailliert den Besuch einer Theateraufführung schildert.
Eine weitere Quelle sind einschlägige schriftliche Dokumente wie überlieferte Aufzeichnungen in Tagebüchern oder Briefen sowie juristischen Texten wie Akten von Rechtsstreitigkeiten und Kontrakten zur Errichtung von Theatergebäuden: So sind zwei Bauverträge für das Hope und vor allem für das Fortune Theatre aus der Zeit kurz nach 1600 erhalten, die detailliertere Anweisungen an Handwerker zum Bau eines Theaters geben. Insbesondere der Kontrakt zwischen dem wohlhabenden Schauspieler und Bühnenentrepreneur Edward Alleyn und dem kapitalkräftigen Schauspielunternehmer Philip Henslowe aus dem Jahre 1600 über die Errichtung des Fortune Theatre liefert genauere Aufschlüsse über das Aussehen, die Außen- und Innendimensionen des Theaters sowie die Größe, Anordnung oder Form der Bühne und Galerien. Dieser Vertragswerk enthält jedoch zahlreiche Verweise auf die Bauverhältnisse des ein Jahr zuvor errichteten Globe Theatre, die nicht weiter ausgeführt werden, so dass zahlreiche Unklarheiten oder widersprüchliche Interpretationsmöglichkeiten für eine Rekonstruktion des Aussehens des ehemaligen Gebäudes bestehen bleiben. Henslowe hat außerdem in der Zeit von 1592 bis 1603 ausführlich seine Transaktionen in Tagebüchern festgehalten. Aus historischen Stadtansichten kann man die Lage und Anzahl der Aufführungsstätten rekonstruieren und gewinnt so einen zeitlichen Überblick.Siehe dazu Wolfgang Weiß: Das Drama der Shakespeare-Zeit. Versuch einer Beschreibung. Kohlhammer Verlag, Stuttgart u. a. 1979, ISBN 3-17-004697-7, hier Kapitel 1.2: Die Londoner Bühnen, hier vor allem S. 30ff. und Helmut Castrop: Das elisabethanische Theater. In: Ina Schabert (Hrsg.): Shakespeare-Handbuch. Die Zeit, der Mensch, das Werk, die Nachwelt. 5., durchgesehene und ergänzte Auflage. Kröner, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-520-38605-2, S. 71–116, hier vor allem S. 77ff. Siehe ebenso die Angaben in der Encyclopædia Britannica. auf britannica.com. Abgerufen am 21. Januar 2019.
1989 wurden Überreste eines Theaters südlich der Themse entdeckt; es handelt sich dabei um das Rose Theatre, ebenfalls von Philip Henslowe, eine der ersten großen Spielstätten auf der Bankside. Mit den Mitteln der Archäologie konnten seither zahlreiche Theorien zum elisabethanischen Theaterbau im Grundsatz verifiziert werden, obgleich die Bühne des Rose Theatre mit (mindestens) zwei gleichwertigen Spielebenen eher atypisch für das Theater der Zeit sein dürfte. Die Fundamente können heute besichtigt werden.
Ursprünge mini|Jedermann kämpft mit Tod, Holzschnitt Mittelalterliche Formen Insbesondere die mittelalterlichen Moralitäten, allegorische Darstellung des ewigen Kampfes zwischen Gut und Böse, sowie die – seit dem 14. Jahrhundert belegten – Mystery Plays, dramatische Fassungen biblischer Ereignisse, häufig in liturgische Zusammenhänge integriert, scheinen großen Einfluss auf das Elisabethanische Theater ausgeübt zu haben – dort vermischten sich verschiedene Stilebenen, wurden Anspielungen auf den Alltag in die religiöse Handlungen integriert. Die Publikumsnähe vieler Shakespearescher Figuren kann als ein Überbleibsel der so genannten Vice-Figur gedeutet werden: In den Moralitäten kämpfte dieses personifizierte Laster mit rhetorischem Geschick um die Seele des Menschen.
Fahrende Schauspieltruppen Bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts entstanden die so genannten innyard-plays: Fahrende Schauspielertruppen bespielten die Innhöfe von Pubs, wo sie hölzerne Gerüste errichteten. Eine (mittlerweile eher unpopuläre) Theorie macht hier den Ursprung der Theaterarchitektur der Zeit (Shakespearebühne) aus: Offensichtlich standen die Zuschauer auf Galerien um den Hof. Die ersten spezifischen Theaterbauten (errichtet in den 1570er Jahren) trugen tatsächlich noch Merkmale der Wanderbühnen, hatten eher provisorischen Charakter.
Auch die Tierkampf-Arenen, die sich seit mindestens 1546 auf der Londoner Bankside befanden, hatten ihren Einfluss – zumindest insofern, als sie die Infrastruktur für den späteren Boom des Theaters bereitstellten; das Londoner Publikum war es gewohnt, sich außerhalb der City of London zu amüsieren.
Lateinische Dramatik Antike Stücke waren durch den Humanismus einem großen Publikum bekannt; oft wurden diese in der Volkssprache imitiert. Handlungsmuster der Komödien von Plautus und Terenz finden sich noch bei Shakespeare, z. B. das Motiv der Brautentführung aus dem Haus des bösartigen Vaters (Der Kaufmann von Venedig). Die römische Tragödie Senecas kann hingegen als Vorbild gelten für zahlreiche Texte Christopher Marlowes und Thomas Kyds, den wichtigsten Autoren der 1580er Jahre.
Situation der Schauspielertruppen Geschichte mini|Richard Burbage, einer der Teilhaber der Lord Chamberlain’s Men