Gerold Ummo Becker (* 12. April 1936 in Stettin; † 7. Juli 2010 in Berlin) war ein deutscher Pädagoge und Pädokrimineller. Er war von 1972 bis 1985 Leiter der reformpädagogisch orientierten Odenwaldschule im Heppenheimer Stadtteil Ober-Hambach. Laut unabhängigem Abschlussbericht über die „sexuelle Ausbeutung von Schülern und Schülerinnen an der Odenwaldschule im Zeitraum 1960 bis 2010“ war er einer der vier Haupttäter.Christian Füller: Odenwaldtäter beim Namen genannt. In: taz, 17. Dezember 2010

Leben und Wirken Gerold Becker war das dritte von vier Kindern. Sein Vater war Heinz Becker, Privatdozent an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel im Bereich Landwirtschaftliche Betriebslehre und gebürtig aus Deichhof, Stadland im Wesermarschland. Seine Mutter war Frieda Elisabeth Strack, geboren 1901 in Bonn. Die Ehe der Eltern wurde am 7. Juni 1930 in Kiel geschlossen. Becker bestand 1955 am Domgymnasium in Verden sein Abitur mit „glänzenden Noten“. Ab Minute 5:46

Er studierte zunächst einige Semester Architektur und wechselte zum Wintersemester 1957/58 zum Fach Evangelische Theologie an der Universität Göttingen. Als Theologiestudent engagierte er sich zeitweilig als Leiter einer kirchlichen Jugendgruppe und fiel dadurch auf, dass er ausgewählte Jungen aus anderen Gruppen der Kirchengemeinde in seine Gruppe holte, was bei einzelnen Eltern erstmals den Verdacht auf Missbrauchsvorgänge aufkommen ließ, aber ohne Konsequenzen für Becker blieb.Petra Ladenburger et al.: Schlussbericht der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen im Gebiet der ehemaligen Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, heute Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland. Hamburg 2014, zu Becker hier das Kapitel Pädosexuelle und pädosexuellenfreundliche Wissenschaftler in der EKD, S. 158 f. (PDF, www.uni-hamburg.de). Nach Aufenthalten in Berlin und Mainz kehrte Becker 1962 nach Göttingen zurück, wo er im selben Jahr das Erste Theologische Examen mit der Note befriedigend ablegte.

Becker, der damals noch die Laufbahn eines evangelischen Pfarrers anstrebte, begann nach dem Examen 1962 ein Vikariat in Linz. Während seines Vikariats war er in der Krankenhausseelsorge tätig, spezialisierte sich aber auf die Kinderarbeit und gab bereits Religionsunterricht an einer Schule. In seinen öffentlichen Lebensläufen verschwieg Becker später seine Vikarzeit und die 1963 in Österreich erfolgte und nur in seiner dortigen Kirchenprovinz gültige Ordination.Zum Theologen Gerold Becker vgl. das Kapitel Der Theologe und sein Vikariat, in: Jürgen Oelkers: Pädagogik, Elite, Missbrauch. Die »Karriere« des Gerold Becker. Beltz, Weinheim 2016, ISBN 978-3-7799-3345-8, S. 74–92. Nach Beendigung des Vikariats ohne Zweites Theologisches ExamenPädagogik, Elite, Missbrauch. Die „Karriere“ des Gerold Becker. Beltz Juventa, Weinheim 2016, ISBN 978-3-779-93345-8, S. 80. kehrte Becker nicht in den Dienst der hannoverschen Landeskirche zurück, sondern nahm zum Sommersemester 1964 in Göttingen ein Zweitstudium der Pädagogik und Psychologie auf. Bis zum 28. Februar 1965 war er wissenschaftliche Hilfskraft und vom 1. März 1965 bis zum 28. Februar 1967 Assistent von Heinrich Roth am Pädagogischen Seminar der Universität, dessen geschäftsführender Direktor der Erziehungswissenschaftler Hartmut von Hentig war.Christiana Bers, Klaus-Peter Horn: Das Göttinger Pädagogische Seminar im Fokus aktueller Studien zu sexualisierter Gewalt in pädagogischen Kontexten. Göttingen 2023, S. 23 f. (PDF, www.uni-goettingen.de). Becker schloss das Pädagogikstudium und ein ambitioniertes Dissertationsvorhaben bei Heinrich Roth nicht ab. 1969 nahm er eine Anstellung als Lehrkraft an der Odenwaldschule an.Jeannette Otto: Wer war dieser Mann? Interview mit Jürgen Oelkers. In: Die Zeit, 18. Februar 2016, S. 64.

Becker war langjährig eng mit Hentig befreundet. Über die Art und Nähe ihres Verhältnisses wurde spekuliert, ohne dass es wirklich überprüfbare Aussagen gab. Der Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers vermutet „eine lebenslange Abhängigkeit“, über die sich mehr kaum sagen lasse. Zu Beckers Lebzeiten sei einfach eine Paarbeziehung zwischen den Männern sichtbar geworden, da beide als homosexuell galten.Jürgen Oelkers: Pädagogik, Elite, Missbrauch. Die „Karriere“ des Gerold Becker. Beltz Verlag, Weinheim 2016, S. 14. Hentig widmete Becker sein Buch Die Schule neu denken (1993).Hartmut von Hentig im Interview: „Voll Neid habe ich auf diesen Mann gesehen“. Spiegel Online (schulspiegel), 14. März 2010: „Hentig: Gerold Becker ist mein Freund und seit 1994 mein Nachbar im selben Haus.“ Im dritten Band seiner Memoiren berichtet Hentig 2016, Becker sei die Liebesbeziehung mit ihm zwecks Überwindung seiner Pädosexualität eingegangen:

Ohne eine Lehramtsausbildung absolviert zu haben und ohne ein Examen als Lehrer unterrichtete Becker von 1969 bis 1985 an der Odenwaldschule, hauptsächlich in den Fächern Religion und Psychologie; zunächst als Oberstufenkoordinator, seit 1972 als Schulleiter.Jeannette Otto: Wer war dieser Mann? Interview mit Jürgen Oelkers. In: Die Zeit, 18. Februar 2016, S. 64.

1978 war Becker bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels einer der beiden Laudatoren für die Preisträgerin Astrid Lindgren. Becker sagte in seiner Rede, es sei „lebensentscheidend“ für einen „aufwachsenden“ Menschen, „sich mit seiner Triebwelt geradezu [zu] befreunden“, „wenn sein Ich nicht durch die Angriffe aus dem Hinterhalt des Verdrängten ständig gefährdet sein soll“. Astrid Lindgren plädierte in ihrer Dankesrede Niemals Gewalt! für eine gewaltfreie Erziehung des Kindes.Gerold Ummo Becker: (PDF), Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1978 in der Frankfurter Paulskirche. Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1978 Astrid Lindgren, Börsenverein des Deutschen Buchhandels, S. 9 ff.; vgl. Astrid Lindgren: Dankesrede. «Niemals Gewalt!», S. 6 ff., abgerufen am 8. Januar 2020.

Becker arbeitete im erziehungswissenschaftlichen Bereich u. a. im Arbeitskreis Praktisches Lernen, pl-jena.de, abgerufen am 26. April 2010. einem Kooperationsprojekt der Universität Jena und der Robert Bosch Stiftung. Er war langjähriger Berater der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden unter Leitung von Enja RiegelG. Becker: (PDF) In: Winterhuder Gespräche 2005; Gerold Becker, Arnulf Kunze, Enja Riegel, Hajo Weber: Die Helene-Lange-Schule Wiesbaden. Das andere Lernen – Entwurf und Wirklichkeit. Bergmann + Helbig, Rotherbaum-Hamburg 1997, ISBN 3-925836-37-3. und Referent für Vorträge und Workshops für reformpädagogische Schulen.

Nach der unter ungeklärten Umständen erfolgten Beendigung seiner Tätigkeit als Schulleiter der Odenwaldschule 1985 war er nach einer Phase der Arbeitslosigkeit ab September 1986 für ein Jahr an der privaten Universität Witten/Herdecke tätig. Dort sollte er die Lehrerbildung aufbauen und Drittmittel einwerben. Am 1. November 1987 wurde er Vorstandsvorsitzender der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime. 1999 trat er nach den ersten Vorwürfen sexuellen Missbrauchs von diesem Amt zurück. Von 1986 bis 1999 war er geschäftsführender Redakteur, seit 2002 Mitherausgeber der Vierteljahreszeitschrift für Erziehung und Gesellschaft Neue Sammlung.

Seit 1992 arbeitete Becker als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hessischen Institut für Bildungsplanung und Schulentwicklung (HIBS) in Wiesbaden, begleitete einzelne Schulen, hielt Vorträge und organisierte Konferenzen und Tagungen.

In dieser Zeit war er auch wieder verstärkt für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) tätig. So gehörte er von 1993 bis 1997 zum Präsidium des Evangelischen Kirchentages. Von 1991 bis 1997 war er Teil der Kammer für Bildung und Erziehung der EKD„Mitglieder der Kammer der EKD für Bildung und Erziehung und ihrer Arbeitsgruppe Konfirmandenarbeit“, www.ekd.de, abgerufen am 12. Dezember 2024. und 1994 Mitglied des Vorbereitungsausschusses der EKD-Synode „Aufwachsen in schwieriger Zeit – Kinder in Gemeinde und Gesellschaft“.Jonas Seufert: Der protestantische Eros. Zeit online, 20. Juni 2019.

Einer 2024 veröffentlichten Studie des Historikers Uwe Kaminsky zufolgeUwe Kaminsky: Pädophilie im Fokus. Zur Rolle von Hartmut von Hentig, Gerold Becker und Helmut Kentler beim Deutschen Evangelischen Kirchentag. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2024, ISBN 978-3-374-07742-7. gehörten Gerold Becker und Hartmut von Hentig, der seit 1988 dem Präsidium des Evangelischen Kirchentags angehörte, sowie der pädosexuellenfreundliche Helmut Kentler mit ihrer „betont liberalen und reformfreudigen Pädagogik zu jenem elitären Netzwerk aus Protestanten“, die in der EKD eine Plattform gefunden hatten und sich als Bildungsexperten etablieren konnten. Ralf Dahrendorf bezeichnete die Gruppe als protestantische Mafia.Reinhard Bingener: Pädophilie auf dem Kirchentag. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. November 2024.

Seit 1994 lebte Becker in Berlin und war Lehrbeauftragter an der dortigen Freien Universität.Pädagogik, Elite, Missbrauch. Die „Karriere“ des Gerold Becker. Beltz Juventa, Weinheim 2016, ISBN 978-3-779-93345-8, S. 431. Er starb am 7. Juli 2010 im Alter von 74 Jahren an einem Lungenleiden.Christian Füller: Gerold Becker ist tot. In: die tageszeitung online, 9. Juli 2010; Traueranzeige, Süddeutsche Zeitung, 10. Juli 2010.

Positionen Besonders die Reformpädagogik von Hermann Lietz prägte Gerold Beckers pädagogische Haltung. Becker warb für ein neues Verständnis von Schule. Bei seinen Vorstellungen einer „idealen Schule“ wurde er maßgeblich von den Ideen Hartmut von Hentigs beeinflusst.Hartmut von Hentig im Interview: „Voll Neid habe ich auf diesen Mann gesehen“. Spiegel Online (schulspiegel), 14. März 2010 Nach außen vertrat er ein Konzept des selbstverantwortlichen Lernens und weitgehend herrschaftsfreier Strukturen an Schulen. Dazu gehörte seiner Meinung nach ein anderes Verständnis der Lehrer-Schüler-Beziehung, als es an staatlichen Schulen praktiziert wird. In einem Vortrag auf der 10. internationalen Wagenschein-Tagung 1996 an der Universität Göttingen unter der Überschrift Die andere Rolle des Lehrers ging Becker darauf ein:archiv.ub.uni-marburg.de

Sexueller Missbrauch

Laut Presseberichten erhielt der damalige Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Hellmut Becker, bereits 1970 von seinem Patensohn die Mitteilung, dass Gerold Becker ihn missbraucht habe. Hellmut Becker, der die Anstellung des – nicht mit ihm verwandten – Gerold Becker an der Odenwaldschule empfohlen und in die Wege geleitet hatte, habe daraufhin Gerold Becker in einem Gespräch vorgeschlagen, sich einer Therapie zu unterziehen, was dieser aber abgelehnt habe.Viel mehr Missbrauchsopfer? FAZ Online, 21. März 2010Die Tagespost, 12. April 2010 Anlässlich des 80. Geburtstags von Hellmut Becker gab Gerold Becker 1993 ein Buch mit dem Titel Lust und Last der Aufklärung zu Ehren Hellmut Beckers heraus.